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Donnerstag, 26. Januar 2017

Stein und Rose reloaded

Vor sieben Jahren habe ich ein kleines pazifistisches Gedicht geschrieben, mit dem ich hin und wieder neu konfrontiert werde, wenn meine Statistik mir anzeigt, dass es jemand aufgerufen hat.

Stein und Rose

Du hebst den Stein
Ich pflücke die Rose
Du holst weit aus
Ich strecke den Arm
Du wirfst den Stein
Ich reiche die Rose
Du triffst mich nicht
Aber ich treffe dich

(Man könnte auch sagen I had a dream)

Was dieses Gedicht für mich bedeutet und wie ich zu seiner Aussage stehe, unterliegt über die Jahre einem Wandel.
Ganz am Anfang stand es in meinem Blog an prominenter Stelle, war immer gleich zu sehen und zu lesen. Irgendwann nahm ich es heraus, die Gründe sind komplex und beschämend simpel zugleich: Es wurde mir peinlich, da es mir (zu) naiv schien, nahezu kitschig, unterkomplex in einer komplexen Welt (dreimal komplex in einem Satz, uff ...).
Und heute?
Unablässig bin ich mit Nachrichten aus der Welt beschäftigt, reflektiere sie und meine Reaktion darauf, bin manchmal erstaunt über mich selbst, manchmal auch erschrocken, aber es schält sich etwas heraus, das schon damals, vor sieben Jahren (und wahrscheinlich schon in den Jahrzehnten zuvor) Grundlage meiner inneren Haltung war und ist:
Ich bin Pazifistin und (nicht aber!) eine radikale Verfechterin von Freiheitsrechten. Das ist nicht bequem, unter anderem deshalb, weil sich mein Platz häufig zwischen den Stühlen befindet. Beispiel: Auf welchen Stuhl soll ich mich setzen, wenn (alternativ: unter welchem Hut lässt sich zusammenfassen, dass) ich folgende Ansichten vertrete (eine kleine Auswahl, die willkürlich ist und keinen Prioritäten folgt):

– Refugees welcome! Ausnahmslos. 

– Dem Islam ist dringend kritisch zu begegnen. Dies hat mit Islamophobie nichts zu tun und leitet sich ab aus einer grundsätzlich kritischen Haltung gegenüber ausnahmslos jeder Religion, da jede in fundamentalistischer Ausprägung zu alleinigem Wahrheitsanspruch, geschlossenem Denk- und Argumentationssystem, Unterdrückung und Unterwerfung neigt.
„Es gab christlichen Terror wie zu Zeiten der Kreuzzüge, und es gab jüdischen Terror wie durch die Untergrundorganisation Irgun zur Zeit der israelischen Staatsgründung. Es gibt – man mag es kaum glauben – buddhistischen Terror in Myanmar gegenüber der islamischen Minderheit, und es gibt hinduistischen Terror, wie etwa in Form des Massenmords an Muslimen 2002 im indischen Gujarat.“
 (aus: Oliver Jeges:  Islamophobie? Wir nennen es Aufklärung, Welt online, 28.10.2014, ein Artikel, der nach wie vor aktuell und wichtig ist)

– Frauenrechte sind Menschenrechte sind universell.

– Sexuelle Übergriffe, verbale ebenso wie tätliche, sind zu verfolgen und zu bestrafen bzw. durch jedes mögliche rechtsstaatliche Mittel zu verhindern. Ausnahmslos.

– Jeder Mensch hat ein Recht auf Asyl und darf auch dann nicht abgeschoben werden, wenn er straffällig wird, so lange sein Herkunftsland nicht wirklich sicher ist, d.h. die Menschenrechte vollumfänglich vertritt.

– Dank an die Polizei in der Kölner Silvesternacht 2016 für das Garantieren der Freiheitsrechte der Frauen. 

– Nein zu verstärkter Abschiebepraxis (s.o.).

– Ja zum Nein des Verfassungsgericht zum NPD-Verbot. In meinen Augen ein Zeichen der Stärke unserer Demokratie. (auch wenn ich zugegebenerweise erstmal schlucken musste)

– Ja zu einer aktiven unablässigen Erinnerungskultur. Nein zur AfD und ihren nationalsozialistischen, zur Geschichtsklitterung neigenden Tendenzen.

– Ja zur geplanten Abschaffung des Paragraphen 103 der „Majestätsbeleidigung“.

– Nein zur Witzfigur Trump.

– Dank an alle, die gegen ihn und seine Politik der Dummheit demonstrieren.

– ...

Diese Liste stellt ein Sammelsurium dar, das unvollständig ist, aber vielleicht deutlich macht, warum ich mich weder auf links noch auf rechts platzierte Stühle setzen möchte. Und ich will mich noch nicht einmal, obwohl ich mich ihnen am nächsten fühle, den Humanisten anschließen. Solidarisch sein – ja, am ehesten noch mit Frauen (aber auch da nicht ausnahmslos), immer mit Einzelnen, Freiheitsliebenden; einer Gruppierung, einem Verein beitreten – nein. 

Ausgangspunkt für diese Gedankensammlung war aber das Gedicht von Stein und Rose.
Ich finde mich wieder darin, nachdem ich es lange als zu einfach, als unterkomplex empfunden habe. Ich möchte wieder Rosen pflücken gegen die Steinewerfer. Keine überzüchteten Rosen ohne Dornen, nein, wildduftende müssen es sein, an denen man sich die Finger blutig sticht. Ich möchte diese Rosen auf die Stühle derer legen, die sich so sicher sind, auf der richtigen Seite zu sitzen. Auf die Rednerpulte derer, die ihre Fäuste niedersausen lassen zur Unterstreichung ihrer populistischen Parolen. Auf die Wege derer, die im Gleichschritt marschieren. 
Man könnte auch sagen I have dream. Yes, I have.


Sonntag, 8. Januar 2017

Wochenrückblick 2. - 8. Januar 2017

Gelesen

1. Luise Maier: Dass wir uns haben



Eindrucksvolles Debüt einer jungen Autorin, erscheint voraussichtlich Ende Februar. Deshalb hier nicht mehr dazu, nur die Links zum Verlag und zur Leseprobe.

















2. Ian McEwan: Nussschale


Wunderbare Hamlet-Variation. Die alte Geschichte von Untreue, Eifersucht und Verrat. Mittendrin ein achtmonatiger Fötus im Leib der Protagonistin. Und aus der Perspektive ebendieses Ungeborenen wird die Geschichte erzählt. Dass dies nicht absurd albern wirkt, verdankt sich der lässig klugen Schreibe McEwans. Er spart nicht mit Reflexionen über aktuelle gesellschaftspolitische Themen, lässt den Ungeborenen philosophieren und psychologisieren, was das Zeug hält und überwindet mühelos und mit Witz die Grenzen des faktisch Möglichen – nicht postfaktisch, sondern gewissermaßen suprafaktisch. Die Kritiken in den Feuilletons fallen gemischt aus. Mir hat das Buch gefallen, für mich war es Ian McEwan at his best. 
Und hier der Link zur Verlagsseite.







Geschaut

Arrival




Wer hier das übliche Science Fiction-Spektakel erwartet, wird womöglich enttäuscht sein (während meines Kinobesuchs verließen zwei Zuschauer nach etwa der Hälfte des Films den Saal). Wer Tiefgang und langsame Entwicklung lieber mag als temporeiche Actionszenen, kommt dagegen auf seine Kosten. 
Es geht um Kommunikation, um Verständigung, darum dass echte Annäherung in erster Linie Geduld und respektvolles Interesse erfordert. Es geht um Zeit und die Möglichkeit, Dinge neu und bewusster zu erleben, wenn sie (die Zeit) nicht linear verläuft. Am Ende erschließt sich der Titel des Films eben durch diesen anderen Zeitbegriff neu bzw. mehrdeutig: Arrival heißt plötzlich nicht mehr einfach nur Ankunft, sondern auch Ausgangspunkt. Der Blickwinkel verändert sich, wir bewegen uns in einem Kreis, das Ziel, das wir erreichen ist zugleich der Ort, von dem wir erneut aufbrechen – ob in die Zukunft, um zu lernen, wie wir die Vergangenheit besser begreifen können, oder in die Vergangenheit, um uns die gesammelten Erfahrungen für die Zukunft greifbar zu machen. Wir sind und bleiben Lernende, und manchmal bedarf es eines Anstoß von außen, der einen neuen Impuls in unser Kreisen bringt.
Viel Interpretation meinerseits. Andere mögen anderes aus dem Film herauslesen. Ich fand ihn sehr passend als Starter ins neue Kinojahr.






Gefunden

den in meinen Augen besten Artikel zur Debatte um die Silvesternacht in Köln:

#Silvester2016: Eine zerstörerische Debatte und ihre Folgen für den Feminismus

auf dem auch sonst sehr lesenswerten Blog der Störenfriedas




*



Das war er, mein kleiner bescheidener erster Wochenrückblick 2017. Der Vorsatz (wieder regelmäßiger bloggen) war schnell gefasst. Der Anfang ist gemacht. Man (und damit schließe ich mich ein) darf gespannt sein, ob und wie es weitergeht.




Samstag, 12. November 2016

Unfassbar

Unfassbar, nicht wahr, dass die Menschenrechte für ausnahmslos jeden gelten, auch für den, der sein Kind schlägt.

Samstag, 16. April 2016

Unpopuläre Meinung zu Böhmermann, Erdogan, Merkel

Ein kurzes Vorwort (, das man getrost überspringen kann, da es sowieso eher peinlich ist):
Wenn ich die Reaktionen auf Merkels Entscheidung, die Justiz zu ermächtigen, im Fall Böhmermann zu ermitteln und zu einem Urteil zu finden, betrachte, wenn ich sie in ihrer Vielzahl und scheinbaren Einigkeit betrachte, dann traue ich mich kaum, meine eigene Meinung kundzutun, denn sie weicht ab vom Gros der Meinungen, mal wieder. Aber wenn ich meiner mir eigenen tiefen Überzeugung folge, dass in einer Demokratie eben nicht die Mehrheit automatisch recht hat und bekommt, sondern jede einzelne Stimme ihren Platz und ihre Bedeutung hat, dann finde ich es wichtig und nötig, auch abweichende Sichtweisen zu äußern und mit in den Raum zu stellen. Dass ich diese Zeilen voranstelle, könnte jetzt bedeuten, dass ich unsere Demokratie für unreif halte und ihr nicht wirklich zutraue, konträre Meinungen friedlich auszuhalten und in einen Dialog einzubinden. Manches am überhitzten Ton der Diskussionen vor allem in Internetforen scheint dies zu bestätigen. Andererseits halte ich unsere Demokratie für so reif wie jedes einzelne ihrer Mitglieder, wenn es denn die verfassungsmäßig garantieren Freiheitsrechte z.B. in Bezug auf Meinungsäußerung nicht nur theoretisch kennt, sondern auch praktisch nutzt. Ich möchte nicht feige sein und die Gründe für diese Feigheit dann auch noch der Gesellschaft zuschreiben. Sie liegen in mir selbst und ich finde es immens wichtig, diese Feigheit zu überwinden. (OMG, dieses Vorwort wird länger und länger, fast geniere ich mich dafür. Ich sollte endlich zur Sache kommen.)


Zur Sache:

Was Böhmermanns Schmähgedicht betrifft, das man ja im Kontext seiner vorangestellten Äußerungen zu Satire sehen muss, finde ich, dass er auf großartige Weise einem Machthaber (Erdogan), der seine Macht nicht nutzt, um dem Volk zu dienen, sondern um es zu unterdrücken, vor die Füße gespuckt hat. Bravo! 
Ich halte Satire, und zwar gerade in solch zugespitzter Form für wichtig und sogar für notwendig als Mittel der Kritik an Inhabern von Führungspositionen, an Regierungen, an ideologischen Gruppierungen, an Kirchen und Instutionen, die – allzu häufig mit Billigung des Volkes, der Bürger, der Mitglieder etc. – ihre Macht missbrauchen, um zu herrschen, zu kontrollieren und zu manipulieren und die Freiheitsrechte der Menschen, denen sie eigentlich dienen sollten, mit Füßen treten. Respektlosen Machthabern muss man mit Respektlosigkeit begegnen.
Deshalb Bravo! und Danke!, Jan Böhmermann.

Was Erdogans beleidigte Reaktion betrifft: War doch klar. Ihn zeichnen, wie jeden Despoten, zwei grundlegende Eigenschaften aus: Anmaßung (oder gar Größenwahn?) und Kleingeistigkeit. Eine gefährliche Mischung. Er musste so reagieren, es ist eine logische Folge seiner (ideologisch bedingten) Persönlichkeitsstruktur. (Behaupte ich einfach mal.)

Was nun Merkels Reaktion betrifft: Davon abgesehen, dass diese besser sofort erfolgt wäre, statt nach dem merkeltypischen Zögern (geschenkt!), halte ich es für richtig, dass sie die Justiz ermächtigt, den Fall zu übernehmen. Denn mit dieser Ermächtigung tritt sie von ihrer eigenen Macht als Regierungsoberhaupt zurück und übergibt sie an die Justiz. Wo sie (die Macht, Recht zu sprechen) auch hingehört. Mit dieser Ermächtigung beugt Merkel sich nur scheinbar und auf den ersten Blick dem Willen Erdogans. In Wirklichkeit aber macht sie mit ihrer Geste deutlich: Dies hier ist Deutschland. Hier stellt sich die Regierung nicht über geltendes Recht. Hier hat in Rechtsfragen die Justiz das Sagen. Herr Erdogan, nehmen Sie sich ein Beispiel!
Ich hoffe sehr und vertraue darauf, dass unsere Justiz mit ihrem Urteil ein Zeichen setzen wird, das Erdogan und seine Vertreter und Beobachter vor Gericht beschämt, weil es nämlich hoffentlich!, hoffentlich! ein Urteil sein wird, das unsere Freiheitsrechte betont und verteidigt und den Despoten Erdogan in seine Schranken weist. Ich hoffe es sehr.

Lieber Jan Böhmermann, ich drücke Ihnen sämtliche mir zur Verfügung stehenden Daumen! Ihnen und unserer Demokratie.



Freitag, 25. März 2016

Einige von uns

Einige von uns fielen vom Himmel
einige von uns zählten die Sterne
einige von uns zähmten einen Tiger
einige von uns flogen wie der Wind
einige von uns zogen in den Krieg
einige von uns warfen Bomben
einige von uns wurden schwer verletzt
einige von uns konnten nicht vergessen
einige von uns wurden verrückt
einige von uns liefen Amok
einige von uns verloren ihr Liebstes
einige von uns waren einsam
einige von uns rächten sich
einige von uns drehten sich im Kreis
einige von uns hatten Albträume
einige von uns glaubten an Gott
einige von uns glaubten an Monster
einige von uns waren Monster
einige von uns säten Getreide
einige von uns bohrten Brunnen
einige von uns bissen ins Gras
einige von uns starben fast vor Scham
einige von uns trauten sich was
einige von uns verirrten sich
einige von uns sahen Wunder
einige von uns saßen im selben Boot
einige von uns zeigten mit dem Finger
einige von uns behaupteten,
einige von uns seien anders
einige von uns verschlossen sich
einige von uns wollten dazugehören
einige von uns wussten Bescheid
einige von uns nahmen das Ruder
einige von uns stießen
einige von uns ins Meer, wo
einige von uns ertranken und
einige von uns gerettet wurden
einige von uns zogen Grenzen, die
einige von uns übertraten, worauf 
einige von uns zu den Waffen griffen, um
einige von uns in Schach zu halten, bis
einige von uns zur Vernunft kamen und 
einige von uns die Zäune einrissen, damit 
einige von uns miteinander in Kontakt treten konnten und
einige von uns erkannten, dass es gar keine anderen gab als immer nur
einige von uns 

Dienstag, 8. März 2016

Unglaublich tapfer (Welttag der Frau 2016)

Feiern wir heute, dass wir Frauen sind?

Aber das feiern wir doch jeden Tag.

Wir sind so unglaublich tapfer.

Ja, das sind wir.

Dann ruhen wir uns heute aus?

Und lassen die Tapferkeit im Schrank.

Stellen wir auch Forderungen?

Nein, dazu lassen wir uns nicht herab.

Aber wie wollen wir dann etwas erreichen?

Wir nehmen es uns.

Weil es uns gehört?

Weil es uns gehört.

Und fragen nicht um Erlaubnis?

Und fragen nicht um Erlaubnis.

Wir sind so unglaublich tapfer.

Ja, das sind wir.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

SCHREIB FÜR FREIHEIT: DER AMNESTY-BRIEFMARATHON 2015

[...] Der Briefmarathon findet jedes Jahr rund um den "Internationalen Tag der Menschenrechte" im Dezember statt und ist mittlerweile die größte internationale Amnesty-Aktion: Im vergangenen Jahr 2014 schrieben Menschen aus fast allen Ländern der Erde mehr als drei Millionen Briefe [...]. *

[...] Das gemeinsame Briefeschreiben zeigt die Kraft der Amnesty-Bewegung: An wenigen Tagen konzentrieren sich Menschen auf der ganzen Welt auf das Schicksal Einzelner. Die unzähligen Briefe zeigen den Betroffenen und ihren Familien, dass sie nicht allein sind. Und sie machen Regierungen Druck: Einen einzelnen Brief können die Behörden ungelesen wegwerfen, aber Tausende von Schreiben, die auf die Einhaltung der Menschenrechte pochen, lassen sich nicht ignorieren! [...] *


Eine der Menschen, für die sich Amnesty in diesem Jahr einsetzt, ist Yecenia Armenta, eine Folterüberlebende aus Mexiko. 
Sie wurde wurde 2012 festgenommen, vergewaltigt und unter Folter gezwungen, eine Straftat zu gestehen, die sie nicht begangen hat. Seitdem sitzt sie in Haft. Am 10. Juli 2015 hat sie einen Brief an Amnesty geschrieben, den man hier nachlesen kann. *

* Quelle: ai

Die Briefaktion zeigt Wirkung. Man kann sich auf verschiedene Weisen beteiligen: durch das Versenden eines vorformulierten Online-Appells, was mit ein paar Klicks und dem Eintragen von Namen und e-mail-Adresse erledigt ist. Oder man druckt die vorformulierten Briefe aus und versendet sie per Post. 
Hier geht‘s zur Aktion.

Donnerstag, 19. November 2015

In erster Linie Mensch – vom humanistischen Eigensinn


Gestern ging durch Facebook wieder einmal Jürgen Todenhöfers „Offener Brief an den Kalifen des [sogenannten] IS Abu Bakr al Baghdadi“ vom 3.Mai 2015, hier nachzulesen. In seinem Brief erklärt Todenhöfer dem Kalifen den Islam und warum die Aktionen des [sog.] IS zutiefst antiislamisch sind.
Warum nervt mich das?
Es gibt derlei Erklärungsansätze zuhauf. Sie stören mich nicht, wenn sie von Muslimen kommen und zu einer innerislamischen Diskussion und weiter zu einem klaren Signal an die Gesellschaft führen, in dem man sich von Gewalt und dem vermeintlichen Aufruf des Koran zu einem Glaubenskrieg distanziert. Das finde ich hilfreich, und ich bin dankbar, wenn eine solche öffentliche Erklärung erfolgt. Einen Anspruch darauf gibt es nicht. Deshalb nochmals: Danke. Zum Beispiel für Aktionen wie diese.

Meiner Ansicht nach lässt sich das in sich geschlossene System, das jede Religion darstellt, aber nicht öffnen, indem man sich von außen hineinbegibt und dann selbst innerhalb der vorgegebenen Grenzen diskutiert. Vielmehr muss von den Religionen, und zwar von allen, verlangt werden, sich ihrerseits einer übergeordneten Argumentation zu öffnen und die Verbindlichkeit zumindest der Regeln des Staates, in dem ihre Mitglieder leben, als primäres Gesetz anzuerkennen. Dass dies ein Spannungsfeld erzeugt, zumindest dann, wenn es sich um eine tiefe religiöse Überzeugung handelt, ist klar. Hier ist das Individuum gefragt. Und die Einsicht, dass wir alle in erster Linie Menschen sind.

Wir können uns, davon bin ich überzeugt, nur auf Augenhöhe begegnen, wenn wir dies als – im übertragenen Sinne – nackte Menschen tun, dem Gesetz von Geburt und Tod unterworfen, für eine begrenzte Zeit auf dem Planeten Erde lebend. Darin sind wir uns gleich. Alle.

Ich möchte von niemandem eine Diskussion über seine/ihre Religion aufgezwungen bekommen, darüber, welche Regeln in dieser Religionsgemeinschaft existieren und welche nicht und ob diese allgemeingültig sind und deshalb missionarische Tätigkeit nach sich ziehen. Dies alles interessiert mich ausschließlich im Zusammenhang mit der ebenbürtigen (freundschaftlichen) Beziehung zu einem Menschen, an dessen Leben und Denken ich aufgrund der freiwillgen Bindung natürlich teilhaben möchte. 

Ich habe keine Lust, den Koran oder sonstige religiöse/„heilige“ Schriften zu studieren, um Argumente für eine Diskussion über Freiheitsrechte zu sammeln. Die Grundlage unseres Zusammenlebens ist eine andere, nämlich unsere Verfassung, sprich das Grundgesetz. Dieses gilt vollumfänglich und nichts darüber hinaus.

Ich wünsche mir sehr eine echte laizistische Gesellschaft.
Und bestehe ansonsten auf meinem humanistischen Eigensinn.


 „Humanistischer Eigensinn ist das Bestehen auf persönlicher Urteilskraft gegenüber weltanschaulichen, wissenschaftlichen oder religiösen Wahrheitsansprüchen.
Wissenschaft und Kultur unterliegen vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Interessen. Ihr humanistischer Sinn aber besteht immer darin, das Leben auf der Erde so gut wie eben möglich zu gestalten.
Dabei gehört es zum humanistischen Eigensinn, sich stets ein persönliches Urteil vorzubehalten: Gegenüber jedweder weltanschaulichen oder religiösen Dogmatik, gegenüber diesem oder jenem modischen Meinungstrend und auch gegenüber den Wahrheitsansprüchen wissenschaftlicher Ergebnisse. Das Engagement für humanistische Überzeugungen und humanistische Praxis ist neben einer rationalen immer auch eine sehr persönliche – emotionale und sinnliche – Haltung zur Welt.
Humanistische Verantwortung bedeutet, eine Entscheidung für oder gegen etwas letztlich selbst verantworten zu müssen. Weltanschauungen, Religionen, naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten, überlieferte Texte oder kulturellen Traditionen können einem diese Verantwortung nicht abnehmen. Auch die Berufung auf eine humanistische Überzeugung entbindet nicht von eigenständiger ethischer Reflexion und eigenverantwortlichen Entscheidungen. Dies ist ein ständiger Prozess, der auch für unser Humanistisches Selbstverständnis gilt.“
 (aus dem Entwurf des Humanistischen Verbandes Deutschlands HVD zum Humanistischen Selbstverständnis)

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Meine Meinung (Brief an Akif Pirinçci)

Herr Pirinçci,

tut mir ja echt leid, dass Sie jetzt so im Regen stehen. Leider kann auch ich Ihnen weder einen Schirm noch ein Dach anbieten, nee, geht wirklich nicht, da müsste ich mich dermaßen verbiegen, das ist anatomisch gar nicht möglich.

Dumm gelaufen, echt, das mit Ihrer Rede und den Reaktionen darauf. Find ich auch überhaupt nicht gut, dass die Ihnen diesen einen Abschnitt, Sie wissen schon, den mit den KZs, dass die Ihnen den so im Mund herumdrehen. Kapieren echt nix, diese ewigen Herumdreher. Weder die, die Sie jetzt am liebsten mundtot machen wollen, noch die, die Ihnen applaudieren. Applaudieren Ihnen doch glatt für etwas, das Sie gar nicht so gesagt haben. Mist. 

Dabei haben Sie sich solche Mühe gegeben mit Ihrem Pamphlet. Das haben Sie wirklich drauf, muss ich Ihnen neidlos zugestehen (hihi, als könnte man auf so ne „Fähigkeit“ neidisch sein);  alle Stilmittel drin: Überspitzung, Polemik, Herabsetzung anderer, null Argumentation, dafür jede Menge Beleidungen und kunstvoll verschachtelte Sätze. Alle Achtung!
Wobei Ihnen genau letztere, nämlich die kunstvoll verschachtelteten Sätze, zum Verhängnis geworden sind. Haben Sie im Ernst geglaubt, die von was auch immer, jedenfalls nicht von hehren Motiven bewegte Masse könne solch einer komplexen Ausdrucksweise folgen? Was für eine Fehleinschätzung. Gejubelt haben die und applaudiert fürs richtig wie fürs falsch Verstandene. So ist sie nunmal, die Masse. Feiert gerne, sich und ihren Herdentrieb, geht voll ab dabei. Yeah!

Und nun? HamSe den Salat. Bzw. den Regen, in dem Sie nun stehen und keiner hält Ihnen den Schirm hin oder bietet Ihnen ein Dach überm Kopf. Ist ja auch keiner zu verpflichtet. Ist nämlich ein freies Land. So frei, dass keiner sich Ihre frei geäußerte Meinung anhören muss, oder ihr gar beipflichten. Nö, so frei geht es hier zu, dass man nicht gezwungen werden kann, Ihnen eine Plattform in welcher Gestalt auch immer zu bieten. So frei, dass niemand einen zwingen kann, stumm zu ertragen, was Sie frei von sich geben, sondern dass man widersprechen darf, ja, stellen Sie sich vor, sogar das! Und zwar nach Belieben in schärfster Form, ja, soweit geht diese Freiheit, in schärfster Form und wie Sie polemisierend. Kaum zu fassen, nicht wahr, wie weit diese Freiheit reicht. Zu gerne hätten Sie allein und allmächtiglich ein paar Grenzen und Zäune um Ihre individuellen Rechte gezogen. Tja, is nich.

Wissen Sie, Herr Pirinçci, ich find‘s, wie gesagt, auch blöd, dass Ihnen manche Ihrer Worte so falsch ausgelegt werden. Ich find‘s blöd und vor allem überflüssig. Bleibt doch auch ohne diese Verdrehung genug in Ihrer Rede und Schreibe und Denke, das einem (mir!) den Magen umdreht und zum schärfsten Widerspruch auffordert. 
Ich mag es nicht, wenn man nicht genau hinhört. Und ich mag es nicht, wenn man hetzt wie Sie. Ich mag es nicht, wenn man Ihnen applaudiert (Magenumdrehgeräusch). Und ich mag es nicht, wenn man gegen Sie hetzt. Ja, das mag Sie nun erstaunen, ist aber so. Getreu dem Prinzip „Freiheit ist immer die Freiheit des ... „ Na, können Sie den Satz vervollständigen?

Aber ich mag es, wenn man Ihnen widerspricht, wenn man sich weigert, Ihnen zuzuhören oder Ihre Texte zu lesen, wenn man sich weigert, Ihnen eine Plattform zu bieten (benutzen Sie doch Ihr eigenes Wohnzimmer dafür oder sprechen Sie von Ihrem Balkon herab, nur so‘n spontaner Vorschlag), wenn man sich weigert, Ihre schriftlichen Ergüsse zu verlegen und zu vertreiben. (Was bestehende Verträge betrifft, wird das sicher juristisch zu klären sein.) 
((Wieso allerdings der Manuscriptum Verlag sich von Ihnen trennt und auch der Kopp Verlag Sie nicht drucken will, ist mir ein Rätsel. Würde doch super passen.)) 
(((Ich bin übrigens Buchhändlerin und werde mich weigern, irgendjemandem eins Ihrer Bücher zu verkaufen. Hat aber auch noch niemand nach gefragt. Vielleicht sind Sie weniger interessant, als Sie glauben?))) 

Ja, das war‘s im Großen und Ganzen. Sollte ich was vergessen habe, kann ich‘s ja nachliefern. Derweil widme ich mich lieber interessanteren, wichtigeren, schöneren, angenehmeren, klügeren, befriedigerenden, inspirierenderen, ansprechenderen, höherwertigen, anspruchsvolleren, relevanteren,  weltbewegenderen, vorwärtsbringenderen, menschenfreundlicheren Dingen.
Machen Sie‘s gut. 


(Meine Reaktion auf Aki Pirinçcis Rede bei der Pegidaversammlung vom 19.10.2015 in Dresden, die Reaktionen darauf und die Reaktionen auf die Reaktionen ... Ich verlinke hier absichtlich nicht, bitte selber googeln oder bei Youtube schauen.)

Sonntag, 9. August 2015

Wochenrückblick 3. - 9. August 2015

Gelesen, gehört, geschaut, gefreut:

Ja, ja, ja, ja
Habe aber gerade keine Lust, darüber zu schreiben. Anderes zieht an mir.


Gestolpert:

– über mich selbst und meine Ansprüche (wie sehr ich Arroganz verabscheue! zugleich aber auch Dummheit absolut unerträglich finde, eigentlich unhinnehmbar)
– über meine Empfindlichkeit
– über meinen Wunsch, gesehen (und akzeptiert) zu werden, ohne mich dafür verbiegen zu müssen (womit ich Anpassung und Selbsterklärung meine); die Übungen, die ich mir deshalb auferlege (auf mein Blog bezogen bedeutet das: schwer verständliche Texte, Unbehauenes, Bruchstückhaftes, krude Assoziationen und dergleichen ungefiltert rauszulassen (noch viel zu wenig! (Ich liebe dieses Üben!))) 
– über eine defekte Fahrradbremse, was zum Nächsten Abschnitt führt:


Gestürzt:

mit dem Fahrrad. Halb so schlimm. Nur eine leichte Prellung und eine große Schürfwunde am linken Knie. Das rechte war wegen einer Zerrung, die ich mir vor kurzem zugezogen habe, noch bandagiert und deshalb vor einer allzu harten Begegnung mit dem Asphalt geschützt.
Weil ich dazu neige, jegliches Malheur auch (wohlgemerkt: auch, nicht nur) in einem ganzheitlichen (und ganz und gar unesoterischen) Zusammenhang zu deuten, dachte ich spontan: Aha, offenbar gehe ich in die Knie. Kapituliere. Gut so. Passt in meine derzeitige Lebenssituation.
Kapitulation ist im Gegensatz zu Resignation ja etwas Positives, ihr geht eine Akzeptanz unausweichlicher Fakten voraus. Sie ist vernunftbewegt und schließt weiteres Handeln nicht aus, sondern ermöglicht es erst neu.
So spreche ich mir Mut zu, pflege meine Knie mit ihren verschiedenen Blessuren und ziehe daraus die Zeit und die Muße, mich auch anderen Anteilen meiner Person pfleglich zuzuwenden.


Gescheitert:

mit der Absicht, zu einem bestimmten Post in einem bestimmten Blog einen Kommentar zu hinterlassen. „Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.“, heißt es da. Nein, muss ich nicht. Ich setze ihn einfach hier bei mir hinein:


... und im Schuppen hinterm Haus steht eine mechanisch betriebene Zeitmaschine, mit der man sich wahlweise ins Pliozän (um auf einem wilden Hipparion zu reiten?) oder ins Internetzeitalter (um einen Blogartikel zu verfassen?) katapultieren kann ...

Wer den zugehörigen Blogartikel findet, gewinnt ....
... einen Einblick in den Zusammenhang. Wofür ich natürlich nicht garantiere.

Derweil beobachte ich einen vor vielen Jahren auf der Straße liegen gebliebenen Schatten eines Mannes dabei, wie er seinen Hut zum Gruß einer Zeit, die er nicht mehr erleben wird, zieht und dann wieder aufsetzt.


Gefunden: 

das Blog geflüchtet.de.


Die AutorInnen sind ...


„... erschrocken und wütend über die Übergriffe auf Flüchtlinge in unserem Land. Das Versagen der EU, auch nur einen Minimalkonsens bezüglich ihrer Versorgung zu erreichen, beschämt uns. Wir sind es leid, wie in Medien, aber auch persönlichen Gesprächen die Schutzbedürftigkeit aus ihrer Heimat fliehender und geflohener Menschen in Frage gestellt und zugleich Rassismus verharmlost wird.“ *

Ihr Blog soll ...


„... Biografien von Flüchtlingen in Gegenwart und Vergangenheit dokumentieren, historische Vorgänge thematisieren, die Zwangsmigration und Flucht hervorgerufen haben und Umgangsweisen von Aufnahmegesellschaften beschreiben. Wir wollen nicht die sich wiederholenden gegenwartspolitischen Argumente aufwärmen, wir wollen aus fachlicher Perspektive erklären, wie Flucht entsteht und entstand, wie Menschen flüchteten und fliehen, wie Aufnahmeländer mit ihnen umgingen und umgehen.“ *

Weiter schreiben sie:


„Gleichzeitig ist eine globale Geschichte von Flucht immer auch eine Verflechtungsgeschichte. Über die Jahrhunderte haben Kriege, Kolonisation und Ausbeutung zu nationalen, ethnischen und religiösen Verwerfungen geführt, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart spürbar sind. Auch diesen Aspekt möchten wir beleuchten.“ *

Das alles können sie nicht allein leisten, deshalb ... 

„... bitten wir Interessierte um ihre Mitarbeit. Schreiben Sie Blogbeiträge, helfen Sie unserem Lektoratsteam oder erzählen Sie anderen von uns.“ *

geflüchtet.de bündelt in für mich beispielloser Weise Fakten, globale und historische Zusammenhänge und Einzelschicksale. Die Blogbeiträge informieren, klären auf und berühren, je nach Thema und immer auf sachlich und verständlich geschriebene Weise. 
Zu eigenen Beiträgen wird eingeladen (s.o.), die BetreiberInnen fungieren dabei als Redakteure.
Ich wünsche dem Blog eine breite Akzeptanz und schließe mich ganz und gar dem folgenden an:
„Wir wünschen uns eine Gesellschaft, die Menschen unabhängig von ihrer Herkunft willkommen heißt und sie als Bereicherung sieht. Denn: Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ *

* alle Zitate: geflüchtet.de 




Mittwoch, 15. Juli 2015

AMNESTY INTERNATIONAL: URGENT ACTION: STUDENTINNEN DROHT PRÜGELSTRAFE

Die Polizei für öffentliche Ordnung hat zehn christliche Studentinnen wegen "anstößiger Kleidung" angeklagt und sie während ihrer Inhaftierung beschimpft und beleidigt. Das "Verbrechen" wird mit der Prügelstrafe geahndet.

„Die Polizei für öffentliche Ordnung (Public Order Police, POP) hat am 25. Juni zwölf christliche Studentinnen festgenommen. Gegen zehn von ihnen wurde gemäß Artikel 152 des sudanesischen Strafgesetzbuchs von 1991 wegen "anstößiger Kleidung" Anklage erhoben, während die anderen beiden freigelassen wurden. Während der Festnahme erniedrigte und beschimpfte die POP die Studentinnen. Artikel 152 des Strafgesetzbuchs von 1991 verleiht der POP weitreichende Befugnisse zur Verhaftung von Personen wegen "anstößiger Kleidung". Im Fall eines Schuldspruchs drohen den Betroffenen 40 Peitschenhiebe und/oder eine Geldstrafe. In der Praxis wird diese Bestimmung ausschließlich gegen Frauen angewandt.
Die POP hielt die zwölf Studentinnen um 22 Uhr vor einer Baptisten-Kirche in Khartoum Bahri an, wo sie einer kirchlichen Zeremonie beigewohnt hatten, und brachte sie zur Polizeistation in Khartoum Bahri.
Amnesty International vorliegenden Informationen zufolge sind die Studentinnen zwischen 17 und 23 Jahren alt. Sie alle sind Christinnen und kommen ursprünglich aus den Nuba-Bergen, einem Kriegsgebiet im Bundesstaat Süd-Kordofan. Bei ihrer Festnahme trugen einige von ihnen Hosen und andere Röcke. Zwei der Studentinnen wurden etwa vier Stunden nach ihrer Festnahme freigelassen und die übrigen zehn kamen am Morgen des 27. Juni gegen 10 Uhr gegen Kaution frei. Die zehn Studentinnen wurden am 28. Juni einem Gericht vorgeführt, wo die Anklagen gegen sie bestätigt und ihre Gerichtstermine festgelegt wurden. Eine Studentin, die 19-jährige Fardos Al Toum, trug am 6. Juni im Gerichtssaal erneut Kleidung, die vom Richter als anstößig eingestuft wurde. Dieser verurteilte sie unter Missachtung geltender Verfahrensregeln umgehend zu einer Geldstrafe von 500 sudanischen Pfund (etwa 80 Euro) oder einer einmonatigen Haftstrafe. Die Geldstrafe wurde von Aktivist_innen und ihren Unterstützer_innen gezahlt. Im Zusammenhang mit der ursprünglichen Anklage wird Fardos Al Toum erneut vor Gericht erscheinen. Der Fall einer anderen Studentin, die sich am 7. Juli vor Gericht einfand, wurde an ein Jugendgericht verwiesen, da sie erst 17 Jahre alt ist. Die anderen neun Studentinnen werden laut ihrem Rechtsbeistand am 9., 13., 16. und 17. Juli vor Gericht erscheinen.“  (Text: ai)

HIER kann man mit zwei Klicks einen E-Mail-Appell versenden und weitere Informationen finden. 

Sonntag, 14. Juni 2015

Wochenrückblick 8. - 14. Juni 2015

Gelesen:

1. Harper Lee: Wer die Nachtigall stört


in der Neuausgabe, die am 10. Juli 2015 bei Rowohlt erscheint, eine Woche vor dem Erstverkaufstag der deutschen Ausgabe von Harper Lees vor über 50 Jahren geschriebenem und erst jetzt verlegtem Roman „Gehe hin, stelle einen Wächter“. Dieser ist Harper Lees Erstlingswerk, das aber inhaltlich betrachtet an ihren 50 Jahre zuvor erschienen Weltbestseller „Wer die Nachtigall stört“ anknüpft.

Für die Neuausgabe hat Nikolaus Stingl die deutsche Übersetzung Claire Malignons aus dem Jahr 1962 überarbeitet und aktualisiert. Ein wenig habe ich mich davor gefürchtet, habe ich doch meine alte Ausgabe so oft gelesen, dass ich glaubte, manche Passagen Wort für Wort auswendig zu kennen. 
Dem war aber nicht so. Die Überarbeitung ist feinfühlig und stimmig. Um zu beurteilen, ob sie tatsächlich (aus Sicht der heutigen Zeit) besser ist, müsste ich beide Ausgaben parallel lesen. Aber so wissenschaftlich will ich gar nicht herangehen an dieses Werk, das bis heute nichts von seinem Zauber und seiner Brisanz eingebüßt hat.

Wer Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt nachholen, bevor er/sie zu „Gehe hin, stelle einen Wächter“ greift. Auf den freue ich mich sehr, wie ich an dieser Stelle schon einmal schrieb.

Und natürlich kann man, ist man des Englischen mächtig genug, auch gleich die Originalausgaben lesen:
To Kill a Mockingbird & Go Set a Watchman


2. zwei Texte über das Traurigsein und das Weinen

das unterdrückte, das unbegründbare, das unstillbare, das notwendige, das unvermittelbare ... 

den einen, „Achtsame Arbeitstage“, bei Melusine

den anderen, „But then, Paeon, dear – we always loved you best“, bei Stattkatze

Beide haben mich beeindruckt und rühren mich an.



Geschaut:

Broadchurch Staffel I




Das Serien-Highlight aus England, spannender Krimi und mehr als das: großartige Studie einer Kleinstadt, in der nach einem Mord nichts mehr ist, wie es einmal war. Zahlreiche Bewohner geraten in Verdacht, zerstörerisches Misstrauen hält Einzug. Einige zerbrechen daran, andere wachsen über sich hinaus. Großartig die schauspielerische Leistung, mehr als erwähnenswert der Soundtrack von Ólafur Arnolds. 
Sehr zu Herzen gehend, deshalb immer ein Päckchen Papiertaschentücher in Reichweite haben!

Mein Fazit: Fünf ✰✰ für Broadchurch I



Geschrieben:



In der Ruhe liegt, was klafft:
Die Wunde unterm Wort.
  Es schwärt dein feiges Unterlassen.
Eroberst du den fernen Ort,
bevor die Träume ganz verblassen?


Jetzt! Aufgerafft!
Verlass die Schwelle:
Das Vorwärts ist dir eingeschrieben.
Noch vor dem Sprunge aus der Quelle
war‘s dir bestimmt, das Meer zu lieben.



Dieses Gedicht liegt mir am Herzen, erscheint mir aber gleichzeitig irgendwie unausgegoren, nicht ganz stimmig und hängt deshalb noch im Entwurfordner herum. Hier im Wochenrückblick erfährt es nun eine Art unkorrigierte Vorabveröffentlichung. Manchmal macht das etwas mit mir, wenn ich einen Text „aussetze“ und ihn gewissermaßen ungeschützt vor mir sehe. Dann kommt es vor, dass ich ihn mit anderen Augen, wie erstmals von außen statt von innen betrachte. Ich sehe besser, was ihm fehlt, möglicherweise. Es ist ein Versuch. 



Gefreut:

darüber, wie es manchmal passt; wie einem scheinbar zufällig die richtigen Menschen über den Weg laufen; wie man sich plötzlich in einem Gespräch wiederfinden kann, das lauter Gemeinsamkeiten offenbart. Schön ist das und mir in der vergangenen Woche gleich mehrmals passiert



Geschockt:

von der Bestätigung von Raif Badawis Verurteilung zu 10 Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben durch den obersten Gerichtshof Saudi-Arabiens am 7.6.2015. Die Ignoranz dieses Unrechtsregimes macht mich so wütend. Genauso die völlig unzureichenden Reaktionen unserer westlichen Regierungen.

Astrid hat in ihrem Blog eine gute Zusammenfassung geschrieben: Raif Badawi – Es geht weiter



Auch Amnesty International bleibt am Ball. Hier kann man sich informieren und sich für Raif Badawi sowie seinen ebenfalls inhaftierten Anwalt einsetzen.



Getwittert (aus Gründen):

„Na klar hinterlässt der Verzicht auf Definitionen eine Lücke. 
Mit dem Elektronenmikroskop ist sie sogar erkennbar.“


In diesem Sinne: Eine gute neue Woche euch allen!

Montag, 8. Juni 2015

Wochenrückblick 1. - 7. Juni 2015

Gelesen:

zwei Manuskripte, ein paar Leseexemplare und die Juniausgabe des Rolling Stone. 



Den kaufe ich mir immer am Bahnhof, wenn ich länger mit dem Zug unterwegs bin. Und das war ich gestern anlässlich einer Geburtstags- und Wohnungseinweihungsfeierfeier in Frankfurt –––>>>


Gefeiert:

den Geburtstag und die neue Wohnung einer lieben Freundin in Frankfurt, dabei viele tolle Menschen kennengelernt und wiedergesehen. Das war schön. Belebend, anregend, lecker, entspannt und fröhlich.


Gewandert:

auf dem Brend, der uns an Fronleichnam, als hier „unten“ lähmende Hitze herrschte, wunderbare Fluchtmöglichkeit war mit angenehmen 25° Celsius. Sonne, Wiesen, Wald, Aussichtsturm und nette Lokale am Weg. 


http://media-cdn.tripadvisor.com/media/photo-s/03/3e/1f/17/berggasthof-hotel-brend.jpg


Geliebt:

was ich tue und die Wege, die sich momentan abzeichnen und von denen ich noch gar nicht weiß, wohin sie führen, aber das ist auch nicht so wichtig (versuche ich, mir zu sagen).


Geklickt:

den Button zum Versenden einer E-Mail, die die sofortige Freilassung von Atena Farghadani fordert.




„Am 1. Juni wurde die Künstlerin und Aktivistin Atena Farghadani zu einer Gefängnisstrafe von zwölf Jahren und neun Monaten verurteilt. Sie wurde aufgrund ihres friedlichen Engagements als Aktivistin wegen "Beteiligung an Versammlungen und Verschwörungen gegen die nationale Sicherheit", "Beleidigung von Parlamentsabgeordneten durch Zeichnungen", "Verbreitung von Propaganda gegen das System", "Beleidigung des Präsidenten" und "Beleidigung des Religionsführers" anklagt. Unter anderem bezogen sich die Anklagen auf ihre Bekanntschaft mit den Familien von politischen Gefangenen, ihre regierungskritischen Einträge auf Facebook und ihre Kunst. Atena Farghadani hatte eine Kunstausstellung veranstaltet, die den Getöteten in der Folge der umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2009 gewidmet war. Sie zeichnete zudem eine Karikatur, in der sie Parlamentsabgeordnete kritisierte, die einen Gesetzentwurf eingebracht hatten, der freiwillig durchgeführte Sterilisationen unter Strafe gestellt hätte. Der Entwurf ist Teil eines groß angelegten Plans, den Zugang zu Verhütungsmitteln und Dienstleistungen bezüglich der Familienplanung zu beschränken.“ (Text: ai)

Hier geht’s zur Urgent Action von Amnesty International.

Sonntag, 26. April 2015

Wochenrückblick 20. - 26. April 2015


Gelesen & geschaut:

vor allem Nachrichten; in Zeitungen, im Internet, im Fernsehen


Gedacht:

Es ist eine Schande.


Geschämt:
für mein Land, für unsere Politiker, für Europa.

Zur Aktion auf amnesty.de/soseuropa



Geschrieben:

Plöhzinn gegen den Irrsinn; was nichts zur Rettung der Welt beiträgt, mir aber Luft verschafft.


Gehört:

Rio Reiser: „Der Traum ist aus (aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird)“





(„Das Merkwürdige an diesem Lied ist, dass das nicht älter wird." Zitat Rio Reiser)


Gefunden:

Schönes, dennoch; Grund; eine zarte Möglichkeit; ein Stückchen Blau ...


Dienstag, 21. April 2015

Schande

Es ist eine Schande – wie oft denke ich diesen Satz in den letzten Tagen angesichts der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer, die so eindeutig wie kaum etwas dem Versagen unserer Politiker zuzuschreiben ist. 
Über diesen in meinem Kopf kreisenden Satz hinaus fehlen mir einfach die Worte, es verschlägt mir regelrecht die Sprache, und dann bin ich froh über Menschen, die in klarer und besonnener Weise auf den Punkt bringen, worum es geht und worauf es jetzt ankommt:

AMNESTY INTERNATIONAL, 20. April 2015 - Am Sonntag ist ein Boot mit vermutlich über 900 Menschen im Mittelmeer gekentert. Gerettet werden konnten vermutlich nur 28. Angesichts dieser neuerlichen Katastrophe im Mittelmeer fordert Selmin Çalışkan, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland:



HIER geht es zur Petition „SOS Europa: Erst Menschen, dann Grenzen schützen!“


*


Und wie geht es eigentlich Raif Badawi?
Er ist weiterhin in Haft und von Folter bedroht, aber längst nicht mehr täglich in den Medien. Die Aufmerksamkeit lässt nach mit der Zeit, wird anderweitig beansprucht.
Wenn man auf dem laufenden bleiben möchte, kann man das ganz gut über den Hashtag #FreeRaif, unter dem seine Frau, Freunde, Unterstützer, Amnesty International täglich Neuigkeiten posten.
Außerdem kann man sich nach wie vor an den Petitionen für Raif Badawi und seinen ebenfalls inhaftierten Anwalt Waleed Abu al-Khair beteiligen:

Freitag, 10. April 2015

Verleihung des "AMBASSADOR OF CONSCIENCE AWARD" an Joan Baez und Ai Weiwei

(Text: ai)


Die US-amerikanische Folkmusikerin Joan Baez und der chinesische Künstler Ai Weiwei - beides weltbekannte Aktivisten - werden mit dem Ambassador of Conscience Award 2015 ausgezeichnet.
Mit dem Preis würdigt Amnesty Aktivisten und Künstler, die sich durch ein herausragendes, langjähriges Engagement für die Menschenrechte auszeichnen. Auf der feierlichen Preisverleihung am 21. Mai 2015 in Berlin wird unter anderem die Sängerin Patti Smith sprechen. Der irische Musiker und Oscar-Gewinner Glen Hansard (The Frames, The Swell Season) und die britische Blues-Sängerin Jo Harman werden den Abend musikalisch unterstützen. Karten sind ab sofort im Vorverkauf erhältlich.
„Joan Baez und Ai Weiwei sind eine Inspiration für tausende Menschenrechtsaktivisten, in Amerika, Asien und darüber hinaus." - Salil Shetty, Internationaler Generalsekretär von Amnesty International.

Karten erhältlich über: www.eventim.de/art-for-amnesty

Mehr Informationen zum Preis und den Preisträgern: www.amnesty.de/ambassador-of-conscience




Wie gerne würde ich dahin. Mal sehn ...



Everlasting:











Never Sorry:





Mittwoch, 1. April 2015

Raif Badawi: 1000 Peitschenhiebe


Ab heute ist im Handel das Buch "1000 Peitschenhiebe" erhältlich. Es versammelt die zentralen, verbotenen Texte Raif Badawis.  Die Veröffentlichung durch den Ullsteinverlag ist ein Non-profit-Projekt zugunsten des Autors. Zusätzlich enthält das Buch einen aktuellen Text, den Badawi über sein Leben im Gefängnis geschrieben hat.

Auszug aus einem Artikel über Raif Badawi, Amnesty Journal April 2015:
[...] "Sobald ein Denker seine Ideen äußert", schrieb Raif Badawi in seinem inzwischen abgeschalteten Blog, "werden sofort Hunderte Fatwas (islamische Rechtsgutachten) ­erlassen, die ihn als Ungläubigen anprangern, nur weil er den Mut besessen hat, heilige Themen zur Diskussion zu stellen. Ich habe die Befürchtung, dass arabische Denker demnächst alle das Land verlassen werden, um wieder frei atmen zu können und dem Schwert der Religionsbehörden zu entkommen."
Er ging sogar noch einen Schritt weiter, als er sagte: "Die Trennung von Staat und Religion ist die beste Lösung, um Länder (wie auch das unsere) aus der Dritten Welt in die Erste, die moderne Welt zu katapultieren." Jeder Mensch sollte das Recht haben, seine Religion frei zu wählen. Badawi sieht Religion als das persönliche spirituelle Verhältnis zwischen dem Individuum und seinem Schöpfer und sagt, dass weltliches Recht, wie zum Beispiel Verkehrsregeln oder das Arbeitsrecht, nicht von der Religion abgeleitet werden könne. [...]
 
 Hier kann man den ganzen Artikel lesen.