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Mittwoch, 13. Juli 2022

Time and Hands and Summers of Childhood

How time never goes by, but always right through

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Traces. There are years in our hands, not all of them anymore, some have flown away, but others way heavily, even the slight ones, they stay, dug in deep

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Do you remember?

We waded through the snow-soaked meadows, shivering, rejoicing, carrying spring within us, ready to burst out, grabbing everything, clenching our little fists around the bright day, throwing it high in the air ...

Then summer. The trout in the little stream, us on the boardwalk above, the doll dangling in one hand while the other threw pebbles into the water ... the sparkle around us and within us ... we ... our rosy skin ... our little sweaty summer hands ...

Do you remember? It's been a long time.

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Always and everywhere hands. Why are they so anchored in my memory? ...
Big hands, old hands, paper-thin wrinkled skin with brown spots, young hands, strong, dexterous, busy hands, sad hands, yes, those too, the tear-sad hands, and the comforting ones too ...

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We collected mushrooms and blueberries, mixed the dough, baked pancakes, squeezed lemons into the jug of spring water, secretly poured in double the portion of sugar, dipped our fingers into sweet life, licked them with our eyes closed ...

The heavy bedspreads, the creaking floorboards, the spiders in the corners, the scent of ... everything ... a lush bouquet of meadow flowers ... sun and night ...crickets chirping through the open window, dancing shadows on the walls, sleepily whispered plans for the next day ... vacation ... self-overlapping time ...

The buried treasure, the secret meetings in the treetops, the strong muscles, the young skin, the jumps, the hops, the races, the throws, the games, the adventures, the danger, the dreams, the deep sleep ...

Why that ... so long ago ... do you still remember?

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The cold hands, waxen, pale, with the nevermore in every fiber, silent on the white sheet, the cool room, the severed air, the no and the not and the cut off you 

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The repetitions, the grids, the sharp edges, the boxes, the perpetual clock, the processes

the beautiful

the good

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My hands on the keyboard, my dancing fingers and the knowledge that lives in them, the lines in my palms and what they are talking about: that this is by no means everything

The never ending that creates the connection to the very first unconscious all-encompassing
The grip, the comprehension, the groping, the grasping, the letting again

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Übersetzung eines Textes aus 2015: Zeit und Hände und Kindheitssommer


Dienstag, 2. Mai 2017

Es gab eine Zeit vor den Schulhöfen ...

Es gibt sie noch, die scheinbar sich selbst schreibenden Texte. Habe den folgenden gerade in meinem Entwurfordner gefunden und wollte ihn nicht löschen. Das tat ich mit den meisten anderen. Aber dieser hier bringt etwas in mir zum Klingen:

Es gab eine Zeit vor den Schulhöfen, da waren wir uralt. Uralt und weise. Weise genug eine Welt zu regieren. Eine Welt aus Blüten, Muscheln und Stein, aus Holz und aus Glas. Unsere Fähigkeiten waren immens, alles gehorchte uns. Alles bis weit hinauf ins All. Die Sterne verneigten sich vor uns und den komplexen Mustern, die wir aus den Steinen und den welken Blüten und den leeren Muschelschalen legten. Wir setzten Preise fest für Rindenstückchen und grünschimmerndes Glas. Wir hauchten jedwedem Ding Leben ein, indem wir ihm einen neuen Namen gaben, diesen zum Beweis in den Sand schrieben. Wir schufen Bleibendes, waren ungewaschen von allen Wassern. Wenn wir die Augen schlossen, wurden wir zu Geschwistern der Nacht und flogen mit ihr hinauf zum höchsten aller Gipfel, weit über den Wolken. Von dort zurück ins Tal war es ein Katzensprung. Und immer, immer landeten wir auf den Füßen. Wir waren unverwundbar. Heute sind wir sterblicher als jeder Wurm. Eines Tages werden wir uns ein letztes Mal in die Flut werfen [wahlweise in die Glut], in der Nase den Duft von Sonne und Schnee, von Asphalt und Brot und frisch geschnittenem Gras. Ein letzter Hauch von Kindheit. Dann endlich das Meer. Der salzige Leib. Der ewige Grund. [Wahlweise Feuer. Asche. Und Wind.]

Sonntag, 18. September 2016

Time flies

Time flies. Allerdings verfliegt sie kaum spürbar an diesem Sonntag ohne Verpflichtungen, bei einem ausgedehnten Frühstück mit Blick hinaus in eine frühherbstliche Regenlandschaft und der Gewissheit, dass der Tag reichlich Raum bietet für die (gemütlichen!) Vorhaben. Erstmal ein altes Mixtape rauskramen, das mir vor ich glaube fünfzehn Jahren eine Kollegin schenkte, den Anlass weiß ich nicht mehr. Vaya Con Dios: „Time Flies“ läuft irgendwann und hüllt mich in eine längst abgestreifte Haut, sodass ich minutenlang wieder eine bin, die ich mal war, wieder genau weiß und spüre, wie es, wie ich war. Damals. Time flies. Dann kommt der nächste Song und die Haut ist wieder verschwunden, hinterlässt nur einen winzigen unsichtbaren Abdruck und den Wunsch, diesen Moment festzuhalten. Was ich hiermit getan habe.


Vaya Con Dios: Time Flies



Einen schönen Sonntag, liebe LeserInnen!

Freitag, 16. September 2016

Mutterstück

Dass mir die Zeit fehlt ...

Deine Mutter. Erst gebärt sie dich, dann stirbt sie. Dazwischen liegen Jahrzehnte, in denen euer Verhältnis sich auswirkt: in die Vergangenheit, in die Zukunft, in die Struktur deines Körpers, deines Wesens. Zum Glück gibt‘s fähige Therapeutinnen. Und die Zeit. Und die wunderbare Möglichkeit sich zu entwickeln. Dem Kokon, den klebrigen Fäden zu entschlüpfen. Du zu sein, wie frisch gewaschen. Wenn auch nicht mehr die Jüngste. Was dann aber so unwichtig ist, wie du es dir nie hättest träumen lassen. Wenn du die Straße entlang gehst, senkst du deinen Blick nicht. Das fällt dir auf, es ist eine Veränderung. Es fällt dir auf und es macht dich froh. Und es macht dich stolz. Du hast es bis hierher geschafft. Du hast es weit gebracht. Und da kommt noch mehr. Manchmal vermisst du sie. Deine Mutter. Wenn sie dich heute sehen könnte. Du ahnst, dass sie froh wäre. Dass sie Frieden schließen könnte. Nicht zuletzt mit sich. Vielleicht hat sie es längst getan. In ihren letzten Stunden, Tagen, Jahren. Und hat es für sich behalten, weil sie dich nicht schon wieder hineinziehen wollte, weil auch sie die klebrigen Fäden abstreifen wollte, weil sie wusste, dass es für bestimmte Wege keine Abkürzungen gibt und dass jede ihren Weg selbst und allein gehen muss, darf ... Deine Mutter. Erzähl deiner Tochter von ihr. Und von dir.


Zu diesen Gedanken, die ich in wenigen Minuten aufgeschrieben habe, wie sie mir kamen, und die ich unbearbeitet so stehen lasse, hat mich das Lesen in Elkes Blog Tausend Mutterbilder angeregt. Schnell aufgeschrieben, zu mehr fehlt mir – immer noch – die Zeit.

Samstag, 25. Juni 2016

Einen Briten umarmen (Brexit I)

Ich erinnere mich an Liverpool vor gut zwei Jahren. Im Cavern Club trat eine Beatles Cover Band auf. Alle sangen lauthals mit. Wir alle. Ein bunt gemischtes Wir. Tranken Bier und Cider. Waren ausgelassen. Ein Liverpooler spendierte mir einen Strawberry Cider. Wir unterhielten uns, so gut es eben ging im Lärm der aufgedrehten Boxen und der „All you need is love“ schmetternden Menge. Wir sprachen uns direkt ins Ohr, um etwas zu verstehen, rückten dicht zusammen, er legte seinen Arm um meine Taille. Wohlige Nähe. Menschliche Nähe. Verbundenheit durch Musik und Rausch und Lust. Alles in Maßen. Friedlich. Frei. Kein Gedanke an Nationalität, EU, politische Anschauungen. „Imagine there‘s no countries ...“ Ob das heute anders wäre? Ich glaube nicht. Ich hoffe nicht. Ich werd‘s ausprobieren. Baldmöglichst. Wieder einmal mit Menschen verschiedenster Nationalität Beatles Songs singen. Laut und ausgelassen. Strawberry Cider trinken. Einen Briten umarmen. „All you need is love“ glauben. Wenigstens einen Abend, eine Nacht lang.




Mittwoch, 4. März 2015

Zeit und Hände und Kindheitssommer

Wie die Zeit nie vorüber geht, sondern immer mitten hindurch.



Spuren. In deinen Händen liegen Jahre, nicht mehr alle, manche sind davongeflogen, andere aber wiegen schwer, auch die leichten, sie bleiben, graben sich tief ein ...



Weißt du noch?

Wir wateten durch die schneeschmelznassen Wiesen, fröstelnd, jauchzend, trugen den Frühling in uns, ausbruchbereit, fassten alles an, ballten unsere kleinen Fäuste um den hellen Tag, warfen ihn hoch in die Luft

Dann Sommer. Die Forellen in dem kleinen Bach, wir auf dem Holzsteg darüber, die Puppe baumelte vergessen in der einen Hand, während die andere Kiesel ins Wasser warf ... das Funkeln um uns und in uns ... wir ... unsere rosige Sonnenhaut ... unsere kleinen verschwitzten Sommerhände ...

Weißt du noch? Ist schon lange her.



Immer und überall Hände. Warum mir die so im Gedächtnis verankert sind? ...
Große Hände, alte Hände, papierdünne knittrige Haut mit braunen Flecken, junge Hände, kräftige, geschickte, emsige Hände, sanfte Hände, traurige Hände, ja, auch die, die tränentraurigen Hände, und die tröstenden auch ...



Wir sammelten Pilze und Heidelbeeren, rührten Teig an, buken Pfannkuchen, pressten Zitronen in den Krug mit Quellwasser, schütteten heimlich die doppelte Portion Zucker dazu, stippten den Finger tief ins süße Leben, leckten ihn ab mit geschlossenen Augen ...

Die schweren Bettdecken, die knarzenden Dielen, die Spinnen in den Winkeln, der Duft nach ... allem ... üppiger Wiesenblumenstrauß ... Sonne und Nacht ... Grillenzirpen durchs offene Fenster, tanzende Schatten an der Wand, schläfrig gewisperte Pläne für den nächsten Tag ... Ferien ... sich selbst überlagernde Zeit ... 

Der vergrabene Schatz, die geheimen Zusammenkünfte in den Wipfeln der Bäume, die kräftigen Muskeln, die junge Haut, die Sprünge, die Hüpfer, die Wettrennen, die Würfe, die Spiele, die Abenteuer, die Gefahr, die Träume, der tiefe Schlaf ...

Warum ausgerechnet das ... so lange her ... Weißt du noch?



die kalten Hände, wächsern, bleich, mit dem Nimmermehr in allen Fasern, stumm auf dem weißen Laken, der kühle Raum, die durchtrennte Luft, das Nein und das Nicht und das abgeschnittene Du



die Wiederholungen, die Raster, die scharfen Kanten, die Kästchen, die ewige Uhr, die Abläufe

das Schöne

das Gute



meine Hände auf der Tastatur, meine tanzenden Finger und das in ihnen wohnende Wissen, die Linien in meinen Handflächen und wovon sie sprechen: dass dies alles längst nicht alles ist

das nicht Endende, das die Verbindung herstellt zu dem allerersten unbewussten alles Umfassenden
der Griff, das Begreifen, das Tasten, das Fassen, das wieder Lassen




Dienstag, 16. Dezember 2014

Weihnachten

Der Vater verbringt viele Stunden in seiner Werkstatt. Er tut dort geheime Dinge, sägt und hämmert und leimt. Bald ist Weihnachten. Wir wünschen und erhoffen uns einen Kaufladen.
Trotzdem: So viele Stunden?
Aber das fragen wir Kinder uns nicht. Spüren nur die wachsende Unruhe der Mutter, jeden Abend. Ihren Unmut, der sich schließlich in gereizter Ungeduld uns gegenüber äußert. Wir spüren es, werden es aber erst viele Jahre später formulieren und in einen Zusammenhang bringen können. Zunächst einmal sind wir noch so klein, dass wir auf Stühle klettern müssen, um an die Dinge im höchsten Fach des Küchenschranks zu gelangen. So klein, dass wir noch eine Gutenachtgeschichte brauchen, um ruhig schlafen zu können. So klein, dass wir noch ans Christkind glauben.

Neben dem Weihnachtsbaum steht ein Gebirge, größer als wir. Ein rotsamtenes Tuch ist darüber drapiert. Das wird von der Mutter weggezogen, nachdem wir alle zusammen "Ihr Kinderlein, kommet" gesungen haben, mit kerzenfunkelnden Augen. Unter dem Tuch kommt ein Kaufladen zum Vorschein, ein wunderschöner, vom Vater gezimmerter, vom Christkind gebrachter. Ein Kaufladen mit aufklappbaren Seitenteilen, einer Verkaufstheke und Fächern und Laden in den verschiedensten Größen. Darin kleine Schächtelchen und Döschen und Gläschen, Netze, Körbe, Obst, Gemüse und Eier. Auf der Theke eine Klasse, die klingelt, wenn die Geldlade herausfährt.
Wir spielen "Ich wäre die Verkäuferin und du die Kundin", wechseln uns dabei ab, werden nicht müde der immer neuen Varianten.
Zwischendurch müssen wir Schnittchen und roten Heringssalat essen, müssen noch ein paar weniger wichtige Geschenke auspacken, müssen den Eltern beim Auspacken ihrer Geschenke zusehen, müssen mit ihnen anstoßen, in ihren Gläsern perlender Sekt, in unseren prickelnde Limonade, müssen verstohlen kichern über Mutters "Aber nur eins, versprochen?" zum Vater und dessen darauf folgendes Augenrollen.
Wir spielen den ganzen Abend mit unserem Kaufladen. Irgendwann muss der Vater noch einmal in seine Werkstatt, um etwas zu holen, das er vergessen hat. Dafür braucht er sehr lange, in der Zwischenzeit wird die Mutter wieder ganz unruhig, das bemerken wir wohl, aber da ist doch unser Kaufladen ...! Schließlich sind wir so müde, dass wir unter die Bettdecken schlüpfen, bevor der Vater zum Gutenachtsagen zurück ist.
Später schrecken wir kurz aus unseren Kaufladenträumen hoch, weil der Vater durch den Flur stolpert und irgendetwas klirrt. Das unterdrückte Schimpfen der Mutter und das Lallen des Vaters hören wir schon nicht mehr. Oder doch?

Sonntag, 23. November 2014

Weißt du noch?

Wir wollten immer wesentlich sein, weißt du noch? Keine Oberflächlichkeiten, keine Banalitäten. Alles musste Tiefe und Bedeutung haben. Eigentlich liefen wir immer hochschwanger herum, trugen mächtige Fragen und wahnsinnig komplexe Gedanken aus. Erinnerst du dich, wie unsere Köpfe rauchten und wie uns das erfüllte? Wir schürften tief und suhlten uns im Konglomerat des Rätselhaften. Schön war das, irgendwie befriedigend, auch wenn oder gerade weil die Antworten ausblieben. Und anstrengend war es auch.

Weißt du auch noch, wie wir zum Ausgleich herumalberten? Blödsinn erzählten, abstruse Assoziationsketten fertigten, irrsinnige Unternehmungen starteten, bis wir nicht mehr konnten vor Lachen. Überhaupt: Dieses Lachen. Wieso kam das damals so unmittelbar und prickelnd? So unstillbar. Wir kugelten uns, hielten uns die Bäuche, das Wasser spritzte uns aus den Augen. Diese unbezähmbare Fröhlichkeit, das Leichte daran. Der Ausgleich für das Schwere, das es unbestreitbar auch gab. 

Weißt du das noch? Nicht nur vom Kopf her, sondern auch so ganz tief in dir drin? Es fiel mir nur eben so ein. Manchmal würde ich gerne noch einmal dahin zurück.

Sonntag, 9. November 2014

Die Straßen meiner Kindheit 4 (und darüber hinaus)

Bruchstücke, unvollständig, unsortiert


Hierseinsberechtigung
Stadt meiner Mütter
die Luft, die ich atme, kennt mich noch
der Dom begrüßt mich mit HandSteinschlag
Wo warst du solange? fragen alle Straßen
und frage ich mich selbst
der alte Fluss fließt durch mich hindurch
überwältigendes Zuhausegefühl: das hatte ich so nicht erwartet



*


Da fanden sich zwei, geschlagen vom Krieg und konnten nicht miteinander und blieben dennoch zusammen. Der Rettungsversuch misslang. Was wusste man schon über das persönliche Leid des anderen? Was konnte man schon über das eigene sagen? Dieses fast gewalttätige aneinander Festhalten. Aus lauter Angst vorm Fallen. Das unerträgliche Geräusch der Stummheit. Die Unmöglichkeit einer echten Annäherung. Dieser Generationen währende Krieg, weit über sein Ende hinaus.



*


Ich habe Glück mit dem Wetter. Den einzigen komplett verregneten Tag verbringe ich im Museum. Kunst essen. Satt werden. Ansonsten durch die Straßen laufen, schlendern, bummeln, spazieren, das Laub hochwirbeln. Das Straßenpflaster und meine Fußsohlen: alte Vertraute, die ihre eigenen Wiedersehensgespräche führen: Weißt du noch, damals? Immer wieder Einkehr in Kunst- und Kinoräume, in Restaurants, Cafés und Imbisse, Eintauchen in den kölschen Singsang (wie ich den liebe). Hin und wieder verlaufe ich mich oder schlage absichtlich andere Wege ein als geplant, weil mich der Anblick einer Häuserreihe reizt oder Stimmengeräusch oder irgendein Duft, der irgendwoher weht. Baden in einer Mischung aus Wehmut und fröhlichem Selbstverständnis. 


*


Nachsinnen über Heimat, über Prägung, über Zugehörigkeitsgefühl, über Alleinsein und Einsamkeit. Nachdenken über Wahlmöglichkeiten, über Weichenstellung, über Entscheidungen, die nicht richtig oder falsch sind, sondern gut allein dadurch, dass sie getroffen werden. Die verschiedenen möglichen Leben und das eine gelebte. Der riesige Berg und die vielen kleinen Schritte. Das Dunkel und der Ausblick. Die Ideen und der fehlende Mut. Die leeren Hände. Der unformulierbare Wunsch. Das große Ach.


*


Gedankenbruch, unsortiert.
Warum gelingt es mir schon seit einiger Zeit so gar nicht mehr, von mir abzusehen?
Schreib mal wieder ein Gedicht, denke ich mir. Oder schreib endlich an der Vogelfrau weiter. Nein? 
Wie das Schreiben und das Leben einander in die Quere kommen können und wie doch das eine das andere nährt.
Ich falle so ganz und gar in einen tiefen Herbst hinein. (und will das nicht bewerten, sondern einfach mal so annehmen)


Samstag, 8. November 2014

Die Straßen meiner Kindheit 3

Eine Woche Köln in Stichworten:

- Montag hin mit dem Zug

- Zweimal Museum: Museum Ludwig und Käthe-Kollwitz-Museum

- Zweimal Kino: Like Father, Like Son und Mr. Turner

- Ein ganzer Tag in meiner nächsten Kindheitsumgebung einschließlich alter Arbeitsstelle meines Vaters, wir hatten eine Dienstwohnung auf dem Gelände; Sturm von Erinnerungen

- Man lebt ja nicht allein von Luft und Erinnerungen: Klasse asiatischer Imbiss im Belgischen Viertel, lekker belgische Fritten auf der Hohe Straße, Kännchen Kaffee und Törtchen im überaus gemütlichen Café Wahlen, gut bürgerlicher Mittagstisch im Alten Brauhaus auf der Severinstraße et cetera pp.

- Unzählige Straßen und Stunden gelaufen, nur einmal 4 Stationen mit der Tram, weil ich echt nicht mehr konnte, und die dann schwarz, weil der Ticketautomat mein 2,-€-Stück immer wieder ausspuckte

- In einige sehr unterschiedliche Buchläden reingestöbert, Kolleg_innengespräche geführt, Anregungen getauscht

- Viel gesehen, viel nachgedacht, ein paar nette Begegnungen genossen; Notizbüchlein bis zur letzten Seite vollgeschrieben, einiges davon wird hier sicher noch einfließen

- DB-Rückfahrticket storniert, Busticket gekauft, in drei Stunden geht's los


Ach, und die Ahornblätter, die ich im ersten Kindheitsstraßentext erwähnte, sind in Wirklichkeit natürlich Platanenblätter!

Donnerstag, 6. November 2014

Die Straßen meiner Kindheit 2

Als ich gestern Abend zurück ins Hotel kam, taten mir die Füße weh. Macht aber nix und ist heute früh schon wieder vergessen. Meine Stadt ist schön. Und sie will im Gehen erfahren werden. (Man beachte das Wortspiel!) Stundenlang bin ich durch die Straßen spaziert, habe gierig alles aufgesogen, konnte gar nicht mehr aufhören, bis mir, wie gesagt, irgendwann die Füße wehtaten.


Keine andere Stadt kann ich so selbstverständlich als "meine Stadt" bezeichnen wie Köln. Vielleicht annähernd noch Berlin, mir auch von klein auf vertraut, weil mein Vater dort her kam, ein Teil seiner Familie bis heute dort lebt, wir mindestens einmal im Jahr ein bis zwei Wochen dort verbrachten und ich seit Jahren wieder regelmäßig Zeit da verbringe, liebgewonnene Menschen treffe, Freunde, alle durchs Internet kennengelernt. Thank you technischer Fortschritt! 
Aber in Köln bin ich geboren, im Krankenhaus in Köln-Kalk. Als ich zwei war, zogen wir an den Karthäuserwall. Die Südstadt, das Severinsviertel - diese Ecke vor allem prägte mein Bild der Stadt. Natürlich auch der Dom, der Rhein, Heinzelmännchenbrunnen, Brauhaus, 4711 ...
Wir zogen um nach Hagen, da war ich acht und kam in die dritte Klasse. Ein Jahr später nach Saarbrücken, vierte Klasse. Nicht schön, diese vielen Umzüge, aber das ist ein anderes Thema, oder nein, natürlich auch Bestandteil des Themas Heimat, aber aktuell nicht der Aspekt, der mich hier in meinem Urlaub beschäftigt. Dass die gesamte Familie meiner Mutter in Köln blieb, ließ uns die Verbindung zur Stadt halten, in den Sommerferien waren meine Schwester und ich regelmäßig bei einer Tante zu Besuch, die selbst kinderlos geblieben war und uns restlos verwöhnte. Erst mit der Gründung meiner eigenen kleinen Familie wurden die Heimatbesuche spärlicher, brachen irgendwann ab. Wir leben tief im Süden, auch schön da, Nähe zur Schweiz und zu Frankreich. Nur das Meer ist so weit weg! Alle Meere. 
Jedenfalls ist es schon ein paar Jahre her, seit ich das letzte Mal in Köln, in meiner Stadt war.

Gestern alles wie geplant: Kaffee, Käthe Kollwitz, Kurrywurst, kurze Pause, Konditorei-Café, Kino, Kommunikation, kein Kölsch (ich vertrage leider kein Obergäriges)
Später mehr, ich habe viele Notizen gemacht unterwegs, zahlreiche Erinnerungen stellten sich ein, nicht nur eigene, interessanterweise, sondern auch Erinnerungen meiner Eltern, meiner Mutter vor allem, mein Vater erzählte nie viel, eigentlich so gut wie nichts, leider. Erinnerungen an die letzten Kriegsjahre. Bestimmt ausgelöst durch den Besuch des Käthe-Kollwitz-Museums. Und durchs Gehen. Das setzt viel in Bewegung.
Aber wie gesagt: Später. Jetzt will ich wieder los.

Dienstag, 4. November 2014

Die Straßen meiner Kindheit

durch die Straßen meiner Kindheit weht ein jahrzehntealter Wind, ich quere den Platz mit dem raschelnden Ahornlaub, werde grundschulkindklein im vertrauten Duftgemisch aus U-Bahnschacht und Streuselstreifen von Merzenich, schmiege mich in den vertrauten Singsang des heimatlichen Dialekts und in die warme Kontur meiner alten Stadt ... wo ist mein Zuhause?


*


Die Straßen meiner Kindheit. Bin seit Jahren erstmals wieder hier. Gestern, am Tag meiner Ankunft, noch ein wenig umhergeirrt. Schon heute kannten sich meine Füße wieder aus. Auch meine Augen und Ohren. Und die Nase erst!
Wegen Dauerregens sechseinhalb Stunden Museum Ludwig. Guuute Entscheidung. Kunst kucken sortiert mich immer aufs wunderbarste.
Für morgen plane ich einen K-Tag. Muss so in der Stadt mit K.: Auf jeden Fall wieder Kunst kucken: diesmal Käthe Kollwitz; später Kaffee, aber nicht bei Kamps, sondern in einer schönen Konditorei, ich habe das Café Eigel in dunkler, aber guter Erinnerung; Kino vielleicht; Kölsch und Kurrywurst (oder Reibekuchen ...); Kommunizieren? Man kann nicht nicht kommunizieren in einer Stadt voller Menschen.

Am Donnerstag soll das Wetter besser sein, dann will ich ausgedehnt spazierengehen, das Haus aufsuchen, in dem ich aufgewachsen bin, durch den Volksgarten schlendern. Von dort ist uns damals ein Entenpaar zugeflogen und geblieben. Mein Vater hat ihnen im Garten einen Miniswimmingpool gebuddelt. Das Weibchen hat Eier gelegt, denen die harte Kalkschale fehlte. Windeier. Da gab's leider keinen Nachwuchs. 
Vielleicht finde ich auch noch den Weg zu meiner alten Grundschule. Frau Weihrauch-Kollenbusch, so hieß meine Lehrerin. Kein anderer Name blieb mir seither so gut im Gedächtnis. "Sich selbst bekämpfen ist der allerschwerste Krieg; sich selbst besiegen ist der allerschönste Sieg. von Friedrich von Logau", hat sie mir in mein in grünen Cordsamt gebundenes Poesiealbum geschrieben. Auch das weiß ich bis heute auswendig. Einmal sollte ich nachsitzen, weswegen, weiß ich nicht mehr. Da behauptete ich glattweg, zum Zahnarzt zu müssen. Ob sie mir glaubte? Jedenfalls ließ sie mich gehen, und ich kam mir ungeheuer verwegen vor mit meinen sechs, sieben Jahren. 
Ach, damals ...

Sonntag, 1. Juni 2014

Der Fünf-Mark-Trick

"Hier haste fünf Mark, kauf dir deine Kindheit zurück", sagt er und verschwindet, bevor ich etwas erwidern kann.
Komischer Traum, denke ich und schüttle mich wach. 
Hallo?!
Ich schüttle mich wahach!!
???
Nichts.
Okay, das kenne ich: Manche Träume sind gar keine. Was hat er gesagt?
Ich öffne meine Hand, die ich um das Fünfmarkstück geschlossen habe und muss grinsen. In mich hinein. Auch aus mir heraus, aber das geht niemanden was an.
Ich beginne über D-Mark und Euro nachzudenken und darüber, wieviel bzw. wie wenig man für diesen Geldbetrag käuflich erweben kann. Bremse mich aber rechtzeitig. Denn so absurd, wie diese Geschichte angefangen hat, soll sie auch weitergehen. Heißt: Alles ist möglich!

Was hätte ich denn gerne zurück?


... die warme weiche Bettdecke, die Kuscheltiere, das Fenster zu sämtlichen Jahreszeiten, die Leckmuschel, das kleine Vanilleeis am Stiel, die Wiese mit dem hüfthohen Gras, den klaren Bach und den hölzernen Steg darüber, die Schaukel, die so weit schwingt, weil sie an einem hohen Ast aufgehängt ist, den Grießbrei mit der Butterpfütze, das Sofa mit dem goldenen Cordbezug, Bonanza, Lassie, Flipper, mein erstes Fahrrad, meine ersten Schlittschuhe, das Tarzanspielen einen ganzen Sommer lang, das Lesezelt aus Tisch und Bettlaken ...

Das ist schon einiges, und das Fünfmarkstück ist noch längst nicht aufgebraucht. Um korrekt zu sein: Es ist nicht mal angebrochen. Weiter im Text:

... meine kleine Hand in einer großen Hand, den ersten Schultag, das buntgestreifte Sommerkleid, den Kletterapfelbaum, das zugeflogene Entenpaar, die roten Kniestrümpfe, die neuen Sandalen, das aufgeschürfte Knie und "Heile, heile Gänschen", die Freundinnen, die Lachanfälle, den Schwimmbadgeruch, das Sommergeräusch, den Glauben ans Christkind, das unbedingte unbewusste Vertrauen, die Karussell- und Achterbahnfahrten, die Zuckerwatte, alles ... alles bis zum Alter von zwölf Jahren, danach nichts mehr, erstmal ...

Die fünf Mark sind noch da. Ist ja klar, alles spielt sich in meinem Kopf ab. Oder? Immerhin ist es abrufbar. Es ist geblieben, weil nichts, das einmal war, je verschwindet. Auch nicht die doofen Sachen, leider. Aber für die taste ich das Fünfmarkstück nicht an.

Freitag, 10. Januar 2014

Wir hatten ja nichts

Wir hatten ja nichts außer einem ewig jungen Himmel.
Und einem Scheffel, randvoll mit Licht.
Und einer Bewegung, langsam genug, um darin zu wurzeln.
Wir hatten ja nichts, und davon noch nicht mal den Funken einer Ahnung.

Wir waren so reich in diesen Tagen mit den winzigen Zimmern und den klapprigen Autos, dem Gitarrengeklimper, den zerschlissenen Schlafsäcken und dem billigen Rotwein.
Wir waren so selig in unseren frei fließenden Assoziationen, in den Improvisationen, in den Erden und Himmeln, die wir erschufen, ohne nach Sinn oder Zweck oder gar Erlaubnis zu fragen.
Wir waren manchmal so fertig mit der Welt, so niedergeschlagen, so zerschmettert, aber nie allein und deshalb auch darin so reich.

Wir hatten echt nichts außer dem Nötigsten und uns und unserem geteilten Weltschmerz und einem unverstellten Blick ins Offene.
Für eine Zeitspanne von ein paar Jahren (vier, fünf?), in die ich heute noch manchmal meinen Löffel tauche, um davon zu essen und mich zu erinnern, was wirklich satt macht.


Und was wir damals so hörten ...

... u.a.