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Donnerstag, 26. Januar 2017

Stein und Rose reloaded

Vor sieben Jahren habe ich ein kleines pazifistisches Gedicht geschrieben, mit dem ich hin und wieder neu konfrontiert werde, wenn meine Statistik mir anzeigt, dass es jemand aufgerufen hat.

Stein und Rose

Du hebst den Stein
Ich pflücke die Rose
Du holst weit aus
Ich strecke den Arm
Du wirfst den Stein
Ich reiche die Rose
Du triffst mich nicht
Aber ich treffe dich

(Man könnte auch sagen I had a dream)

Was dieses Gedicht für mich bedeutet und wie ich zu seiner Aussage stehe, unterliegt über die Jahre einem Wandel.
Ganz am Anfang stand es in meinem Blog an prominenter Stelle, war immer gleich zu sehen und zu lesen. Irgendwann nahm ich es heraus, die Gründe sind komplex und beschämend simpel zugleich: Es wurde mir peinlich, da es mir (zu) naiv schien, nahezu kitschig, unterkomplex in einer komplexen Welt (dreimal komplex in einem Satz, uff ...).
Und heute?
Unablässig bin ich mit Nachrichten aus der Welt beschäftigt, reflektiere sie und meine Reaktion darauf, bin manchmal erstaunt über mich selbst, manchmal auch erschrocken, aber es schält sich etwas heraus, das schon damals, vor sieben Jahren (und wahrscheinlich schon in den Jahrzehnten zuvor) Grundlage meiner inneren Haltung war und ist:
Ich bin Pazifistin und (nicht aber!) eine radikale Verfechterin von Freiheitsrechten. Das ist nicht bequem, unter anderem deshalb, weil sich mein Platz häufig zwischen den Stühlen befindet. Beispiel: Auf welchen Stuhl soll ich mich setzen, wenn (alternativ: unter welchem Hut lässt sich zusammenfassen, dass) ich folgende Ansichten vertrete (eine kleine Auswahl, die willkürlich ist und keinen Prioritäten folgt):

– Refugees welcome! Ausnahmslos. 

– Dem Islam ist dringend kritisch zu begegnen. Dies hat mit Islamophobie nichts zu tun und leitet sich ab aus einer grundsätzlich kritischen Haltung gegenüber ausnahmslos jeder Religion, da jede in fundamentalistischer Ausprägung zu alleinigem Wahrheitsanspruch, geschlossenem Denk- und Argumentationssystem, Unterdrückung und Unterwerfung neigt.
„Es gab christlichen Terror wie zu Zeiten der Kreuzzüge, und es gab jüdischen Terror wie durch die Untergrundorganisation Irgun zur Zeit der israelischen Staatsgründung. Es gibt – man mag es kaum glauben – buddhistischen Terror in Myanmar gegenüber der islamischen Minderheit, und es gibt hinduistischen Terror, wie etwa in Form des Massenmords an Muslimen 2002 im indischen Gujarat.“
 (aus: Oliver Jeges:  Islamophobie? Wir nennen es Aufklärung, Welt online, 28.10.2014, ein Artikel, der nach wie vor aktuell und wichtig ist)

– Frauenrechte sind Menschenrechte sind universell.

– Sexuelle Übergriffe, verbale ebenso wie tätliche, sind zu verfolgen und zu bestrafen bzw. durch jedes mögliche rechtsstaatliche Mittel zu verhindern. Ausnahmslos.

– Jeder Mensch hat ein Recht auf Asyl und darf auch dann nicht abgeschoben werden, wenn er straffällig wird, so lange sein Herkunftsland nicht wirklich sicher ist, d.h. die Menschenrechte vollumfänglich vertritt.

– Dank an die Polizei in der Kölner Silvesternacht 2016 für das Garantieren der Freiheitsrechte der Frauen. 

– Nein zu verstärkter Abschiebepraxis (s.o.).

– Ja zum Nein des Verfassungsgericht zum NPD-Verbot. In meinen Augen ein Zeichen der Stärke unserer Demokratie. (auch wenn ich zugegebenerweise erstmal schlucken musste)

– Ja zu einer aktiven unablässigen Erinnerungskultur. Nein zur AfD und ihren nationalsozialistischen, zur Geschichtsklitterung neigenden Tendenzen.

– Ja zur geplanten Abschaffung des Paragraphen 103 der „Majestätsbeleidigung“.

– Nein zur Witzfigur Trump.

– Dank an alle, die gegen ihn und seine Politik der Dummheit demonstrieren.

– ...

Diese Liste stellt ein Sammelsurium dar, das unvollständig ist, aber vielleicht deutlich macht, warum ich mich weder auf links noch auf rechts platzierte Stühle setzen möchte. Und ich will mich noch nicht einmal, obwohl ich mich ihnen am nächsten fühle, den Humanisten anschließen. Solidarisch sein – ja, am ehesten noch mit Frauen (aber auch da nicht ausnahmslos), immer mit Einzelnen, Freiheitsliebenden; einer Gruppierung, einem Verein beitreten – nein. 

Ausgangspunkt für diese Gedankensammlung war aber das Gedicht von Stein und Rose.
Ich finde mich wieder darin, nachdem ich es lange als zu einfach, als unterkomplex empfunden habe. Ich möchte wieder Rosen pflücken gegen die Steinewerfer. Keine überzüchteten Rosen ohne Dornen, nein, wildduftende müssen es sein, an denen man sich die Finger blutig sticht. Ich möchte diese Rosen auf die Stühle derer legen, die sich so sicher sind, auf der richtigen Seite zu sitzen. Auf die Rednerpulte derer, die ihre Fäuste niedersausen lassen zur Unterstreichung ihrer populistischen Parolen. Auf die Wege derer, die im Gleichschritt marschieren. 
Man könnte auch sagen I have dream. Yes, I have.


Freitag, 25. März 2016

Einige von uns

Einige von uns fielen vom Himmel
einige von uns zählten die Sterne
einige von uns zähmten einen Tiger
einige von uns flogen wie der Wind
einige von uns zogen in den Krieg
einige von uns warfen Bomben
einige von uns wurden schwer verletzt
einige von uns konnten nicht vergessen
einige von uns wurden verrückt
einige von uns liefen Amok
einige von uns verloren ihr Liebstes
einige von uns waren einsam
einige von uns rächten sich
einige von uns drehten sich im Kreis
einige von uns hatten Albträume
einige von uns glaubten an Gott
einige von uns glaubten an Monster
einige von uns waren Monster
einige von uns säten Getreide
einige von uns bohrten Brunnen
einige von uns bissen ins Gras
einige von uns starben fast vor Scham
einige von uns trauten sich was
einige von uns verirrten sich
einige von uns sahen Wunder
einige von uns saßen im selben Boot
einige von uns zeigten mit dem Finger
einige von uns behaupteten,
einige von uns seien anders
einige von uns verschlossen sich
einige von uns wollten dazugehören
einige von uns wussten Bescheid
einige von uns nahmen das Ruder
einige von uns stießen
einige von uns ins Meer, wo
einige von uns ertranken und
einige von uns gerettet wurden
einige von uns zogen Grenzen, die
einige von uns übertraten, worauf 
einige von uns zu den Waffen griffen, um
einige von uns in Schach zu halten, bis
einige von uns zur Vernunft kamen und 
einige von uns die Zäune einrissen, damit 
einige von uns miteinander in Kontakt treten konnten und
einige von uns erkannten, dass es gar keine anderen gab als immer nur
einige von uns 

Sonntag, 7. Februar 2016

Auweia oder: Zack, Stempel drauf

Echt extrem, das alles. Was genau? Die ganze Stimmung. Die Lautstärke. Die Positionierungen. Die Gegensätze. Das Be- und Verurteilen. Die Lagerbildung. Die Angst. Das Geschrei. Das Verstummen. Das alles.
Jede Äußerung, scheint mir, wird im Schnellverfahren daraufhin untersucht, in welche Kategorie sie und ihr Absender einzuordnen sind. Und dann: Zack, Stempel drauf und Zack, ab in die Schublade. Von denen gibt es nur zwei: eine linke und eine rechte. Manchmal wird man umsortiert, evtl. sogar mehrmals, sorgt für Verwirrung (Hä? Gestern hat sie noch gesagt, sie will mit dem Islam nichts zu tun haben, heute sagt sie Refugees welcome, und zwar ohne Obergrenze. Gestern ist sie noch für Frauenrechte eingetreten, heute wettert sie gegen #ausnahmslos. Ja was denn nun?)
Leute! Schon mal was von Komplexität gehört? Von Differenzierung? Von Sowohl als auch statt Entweder oder? (Ich weiß, das sagte ich bereits an anderer Stelle, evtl. sogar mehrmals. Das muss so.) 
Kann es vielleicht sein, dass sie für einen grundsätzlich scharfen kritischen Umgang mit den Religionen ist, und zwar mit allen? (Achsooooo!)
Kann es vielleicht sein, dass sie sich grundsätzlich einer humanistischen Haltung verpflichtet fühlt, weil sie diese als einzige für geeignet erachtet, ein friedliches und freiheitliches Miteinander zu gewähren? (Achsooooooo!)
Kann es vielleicht sein, dass sie alle Menschenrechte als gleich wichtig erachtet und deshalb beispielsweise die Gleichberechtigung nicht der Meinungsfreiheit unterordnet oder umgekehrt sondern sie nur miteinander verwirklicht sieht? (Ahaaaaaaa!)
Kann es vielleicht sein, dass sie nicht so schnell darin ist, sich eine Meinung festzuzurren, weil sie gerne jedes einzelne Detail anhand der oben genannten Kriterien überprüft? Dass sie Zeit zum Denken braucht, zum Nachdenken, dies gerne auch laut tut, weil es dann klarer wird, es gerne auch öffentlich tut, immer in der Hoffnung auf andere, die nicht gleich mit Zack, Stempel drauf, Zack, Schublade zu reagieren, sondern die ebenso nachdenken, abwägen, gerne in den Dialog treten zwecks eines gemeinsamen Lernprozesses. Und die währenddessen erstmal helfen, wo Hilfe nötig ist, einfach aus dem Grund, weil sie nötig ist ...
Ich bin es so müde, dieses: Zack, Türe zu. Zack, Faust auf den Tisch. Zack, Dagegen demonstriert. Zack, Aktionsbündnis gebildet. Zack, Denkverbot erteilt. Zack, Zäune nach außen errichtet. Zack, Zäune im Inneren errichtet. Zack, Stempel drauf. Zack, Schublade zu.
Erst wird scharf beobachtet, dann wird scharf geschossen, erst mal nur mit Worten und Blicken (Wenn die töten könnten! Auweia.)
Man traut sich kaum noch ...
Dabei müsste man dringend ...



Freitag, 5. Februar 2016

Wir schaffen das (Humanität statt Küchenphilosophie)

Vor vielen Jahren, als meine Kinder noch klein waren und meine Mutter noch lebte, hatte ich mit ihr ein Gespräch darüber, ob man Babys schreien lassen darf/soll oder nicht. Ich habe meine Kinder nicht schreien lassen, bin nachts immer aufgestanden, auch wenn ich müde und genervt war. Allerdings haben beide sehr früh durchgeschlafen und mein Sohn hat, nachdem die Koliken der ersten drei Monate überwunden waren, sowieso kaum noch geschrien. Meine Tochter war da anders, fordernder. Ob die grundlegende Zufriedenheit der beiden es mir leicht gemacht hat oder ob Ursache und Wirkung umgekehrt liegen, kann ich nicht mit Sicherheit sagen (obwohl ich klar zu einer Richtung tendiere). Inzwischen sind die beiden 25 und 23 Jahre alt, die Kleinkindphase erscheint mir im Rückblick sehr kurz. Wie überhaupt die ganze Kindheit mit all ihren Entwicklungsschritten.
Worauf ich hinaus will: Meine Mutter legte mir als Schwäche aus, dass ich die Kinder nicht schreien ließ. Nicht schreien lassen konnte, wie sie es ausdrückte. Sie hingegen hatte es gekonnt. Sie ließ mich und später meine Schwester schreien. Wenn wir abends gefüttert und gewickelt waren, ging es ins Bett und dann hieß es schlafen. Schrien wir, behielt sie die Nerven und wartete, bis wir uns von selbst beruhigt hatten. Dass sie ihr Verhalten damals als Stärke betrachtete, ließ sie mein Verhalten als Schwäche auslegen. Ich besaß wohl nicht die gleiche Nervenstärke wie sie. Ihr war mit Sicherheit nicht bewusst, dass ihre Methode ein Abkömmling der sog. schwarzen Pädagogik war. 
„Kinder würden nur aus Langeweile schreien und hätten durchschaut, dass sie mit dem Schreien erreichen, dass sich Mutter oder Vater sofort um sie kümmern. Zudem hätte es noch niemandem geschadet, wenn er als Kind eine Zeit lang hätte schreien müssen.“ *
Karl Heinz Brisch, Chef der Psychosomatik am Haunerschen Kinderspital der Universität München, sagt: 
"Nach wie vor haben Eltern in Deutschland Angst, ihr Kind zu verwöhnen. Dabei weiß man, dass Kinder auf lange Sicht länger schreien, wenn sie erst warten müssen, anstatt dass die Eltern prompt auf ihr Schreien reagieren." *
Und Florian Heinen, Chef der Abteilung für Neuropädiatrie und kindliche Entwicklung am Haunerschen Kinderspital, ergänzt:
"Schreien Kinder, ist das ein für Eltern deutlich zu lesendes Signal: Hier braucht es Achtsamkeit, Behutsamkeit und natürliches Interesse - schlicht Liebe. Was es nicht braucht, ist Verunsicherung der Eltern und Küchenpsychologie. Das hat nur negative Folgen." *
Noch einmal Karl Heinz Brisch:
"[Kinder, die man schreien lässt,] lernen früh, auf ein Notfallprogramm im Gehirn umzuschalten, das analog dem Totstellreflex bei Tieren dem Überleben in absoluter Todesbedrohung dient." *
Und Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik:
"Kinder brauchen verlässliche körperliche Nähe, um seelische Grundbedürfnisse zu befriedigen und Stress abzubauen. Nur dann können sie sichere, vertrauensvolle Bindungen zu den Eltern und später zu anderen Menschen aufbauen. Wir würden gerne elterliches Selbstvertrauen verordnen, nicht elterliche Überreflexion." *
Ein solches Selbstvertrauen ist dringend nötig im Dschungel der unzähligen Erziehungsratgeber und im Konkurrieren der Pädagogen (und leider auch Eltern) um die besten Methoden. Ein blühendes Geschäft ist das, was zu einem großen Teil weder Kind noch Eltern hilft, sondern im Gegenteil Unsicherheit und Schuldgefühle befördert. Selbstvertrauen ist nötig, Liebe zum Kind, die Einsicht in den Sinn säuglings- und kleinkindhafter Ausdrucksmöglichkeit (Schreien). Einem Kind zu geben, was es braucht, bedeutet nicht, es zu verhätscheln und zu verweichlichen, sondern es im Gegenteil zu einem starken, vertrauenden Menschen zu erziehen. Das hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern mit Stärke und Verantwortungsbewusstsein. Und: Es ist zu schaffen. Am besten (und für manche nur dann), wenn diese Haltung auch von außen gestützt und gefördert wird.

Ich bin damals mit meiner Mutter auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen. Nicht schlimm. Ich glaube nicht, dass ich einen irreparablen Schaden davongetragen habe, weil meine Eltern mich schreien ließen. Und wenn doch, ist er inzwischen, auch dank diverser Therapien halbwegs behoben. Ich glaube ebensowenig, dass meine Kinder, nur weil wir sie nie schreien ließen, die glücklichsten und zufriedensten Menschen der Welt sind. Dazu gehört mehr.
Ich glaube aber, dass es eine Stärke ist und nichts anderes, wenn man sich dem Schwächeren zuwendet, wenn man sich kümmert und Sorge trägt. Es ist ein Stärke, keine Schwäche, eine Fähigkeit, keine Unfähigkeit, und es bewirkt etwas Gutes.
Es ist hingegen keine Stärke, wenn man sich dem Bedürfnis des Schwächeren verschließt, wenn man dicht macht und darauf wartet, dass der Hilferuf verhallt. Wenn man glaubt, das Problem erledige sich dann von selbst. 
Und wo genau liegt eigentlich das Problem? Auf der Seite dessen, der in seiner Ruhe gestört wird, oder auf der Seite dessen, der Hilfe benötigt und sie berechtigt einfordert bzw. erbittet? Und wieso ist diese Konfrontation überhaupt ein Problem? Ist es nicht zunächst einmal einfach eine Begegnung? Etwas, das das Leben an möglichen Ereignissen bereithält? Entsteht das Problem in diesem Fall nicht erst dann, wenn die Hilfe verweigert wird und damit auf der einen Seite ein unmenschliches Verhalten als Stärke propagiert und etabliert wird und auf der anderen Seite ein Hilfesuchender frustriert und in seinem Vertrauen verletzt zurückbleibt, mit unabsehbaren Folgen für sein Leben und seine Persönlichkeit? Was macht das mit uns Menschen, wenn wir in unserem Menschsein herausgefordert sind? Wie verhalten wir uns, um Menschen zu bleiben?

Man sieht vielleicht spätestens jetzt, dass es mir hier um mehr geht als um schreiende Säuglinge und verunsicherte Eltern. Ich wollte hier weder Erziehungstipps verteilen noch einen pädagogischen Appell schreiben. Mir fiel ganz einfach im Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation das Gespräch mit meiner Mutter wieder ein. Unsere entgegengesetzten Definitionen dessen, was Stärke und was Schwäche ist. Ich musste an Angela Merkel und ihren Satz „Wir schaffen das.“ denken. Daran, wie unterschiedlich Politiker und Bürger reagieren. Auf wie gegensätzliche Weise sie Stärke zeigen. Wie eigentlich jeder meint, es sei zu schaffen, damit aber weder dasselbe Ziel noch denselben Weg im Auge hat. Die einen fühlen sich gestört und bedroht, wollen ihre Ruhe und ihren Frieden (definiere Frieden!) sichern und ihre (vermeintliche!) Stärke im Abschotten und sogar Abwehren zeigen, die anderen wollen auch den Frieden und sehen diesen zu erreichen und verwirklichen, indem sie friedlich handeln, sich selbst als Menschen im humanitären Sinne erweisen und dem Gegenüber die Zuwendung und Hilfe gewähren, die er/sie erbittet und benötigt.

Noch einmal zurück zu dem schreienden Säugling: Ich gehe nicht vor ihm in die Knie, ordne mich nicht unter, gebe mich und meine Prinzipien nicht auf, wenn ich auf sein Schreien reagiere (das immer notwendiger Ausdruck eines berechtigten Bedürfnisses ist). Ich folge im Gegenteil meinem Prinzip, nämlich dem der Humanität. Und ich tue dies aus einer menschlichen Stärke heraus, selbstbewusst.
Hier hinkt der Vergleich natürlich, denn wir haben es bei den Flüchtlingen (abgesehen von ihren Kindern) mit erwachsenen Menschen zu tun. Wir sind nicht ihre Erziehungsberechtigten (!!!). Wir können sie nicht wie Kinder behandeln. Aber sie bitten um Hilfe, und diese haben wir zu gewähren, so lange und in dem Maß, wie es nötig ist. Keiner verlangt von uns, dafür unsere Prinzipien zu verraten (welche Prinzipien?), uns klein zu machen. Nichts spricht dagegen, dass wir auch offensiv mit ihnen diskutieren, wenn es um die Art des Umgangs miteinander geht. Solche Diskussionen führe ich schließlich auch mit Nachbarn und Kollegen. Mir muss nicht gefallen, was jemand tut, sagt, glaubt. Ich kann ihn lassen, solange er mich ebenfalls lässt. So einfach ist das. Und so schwer. Mal ehrlich: Dieses Problem beschäftigt uns nicht erst, seit die Flüchtlinge zu uns kommen. Familie, Nachbarn, Kollegen – Herausforderung genug, was das Prinzip „Leben und leben lassen“ betrifft. Jetzt haben wir eine erweiterte Herausforderung. 
Wir sind Menschen. Wir sind lernfähig.


* Alle Zitate entstammen dem Artikel „Liebe statt Küchenphilosophie“ aus der Süddeutschen Zeitung vom 4. Juni 2014.

Sonntag, 17. Januar 2016

2Wochenrückblick 4. - 17. Januar 2016

gelesen:

Don Winslow: Missing. New York

Zwei Mädchen sind verschwunden, die eine wird schon bald gefunden, ermordet, der Täter ist schnell gefasst, die Akte wird daraufhin geschlossen. Nur Frank Decker glaubt nicht an ein Ende des Falls und ermittelt auf eigene Faust weiter, ganz das Klischee des guten Detectives und des harten Typs mit dem weichen Kern, ein Mann nicht nur auf der Suche nach einem verschwundenen Kind, sondern auch nach sich selbst. Man(n) kennt das. Trotzdem: Die Geschichte ist in sich glaubwürdig, gut aufgebaut und vor allem so fesselnd geschrieben, dass ich den Alltag um mich herum komplett vergaß. Das ist Entspannung pur, dafür lese ich Krimis. 
Kleines Aber: Winslows bei Suhrkamp verlegte Krimis sind besser, komplexer, nicht wegen Suhrkamp, sondern umgekehrt, vermutlich; außerdem gibt es in Missing. New York patriotische Anklänge (Irakkrieg gut, Todesstrafe gut), weshalb ich ihn stellenweise mit ambivalenten Gefühlen gelesen habe.



Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Der Mann kann schreiben. Und zwar mit einer solchen Leichtigkeit, dass das Lesen der reinste Genuss ist. Schon mit dem Vorgängerroman Der Trafikant ging es mir so, hier nun wieder, wenn auch die Geschichte eine ganz andere und der Erzählstil diesmal karger, damit dem Sujet absolut angemessen ist.
Worum geht‘s: Um nicht mehr und nicht weniger als das ganze Leben eines einfachen Mannes, eines Einzelgängers in einem österreichischen Bergdorf, der im Laufe seines Lebens und in Anpassung an die politischen, gesellschaftlichen, technischen Veränderungen als Hilfsknecht, Seilbahnbauer, Soldat, Touristenführer arbeitet, eine einzige kurze große Liebe erlebt und am Ende, auf die anderen Dorfbewohner leicht verschroben wirkend, in selbstgesuchter Einsamkeit stirbt.
Gut 130 Seiten angefüllt mit Beschreibungen von archaischer Schönheit, taktvoller Charakterzeichnung und Würdigung eines Lebens in Schlichtheit und Selbstbescheidung, ohne Beschönigung oder Glorifizierung, beispielhaft für vermutlich viele Leben, die nunmal so und nicht anders verlaufen sind.



Laline Paull: Die Bienen

Aus den Klappentexten der gebundenen Fassung und des Taschenbuchs: 
„Ihr Name ist Flora. Ihre Nummer 717. Sie ist ziemlich groß. Ihr Pelz ist struppig. Andere finden sie hässlich. Doch sie ist klug und mutig. Und sie muss sich gegen die Regeln des Bienenstocks behaupten, denn Flora 717 ist eine Biene. Genauer: eine Säuberungsbiene aus der untersten Kaste im Bienenkorb. Ausgestattet mit Fähigkeiten, die ihren Rang weit überschreiten, steigt sie schnell auf und darf sogar an der Seite der Königin leben. Alles scheint perfekt. Doch ohne es zu wollen, gebiert Flora eines Tages ein Ei. Ein Umstand, der allein der Königin vorbehalten ist und bei Missachtung schwer bestraft wird. Es beginnt ein Wettlauf um Zeit, Nahrung und Geschicklichkeit, um ihr Leben und das ihres geliebten Kindes zu bewahren. Laline Paull inszeniert gekonnt einen Roman über Aufstieg, Liebe und Gerechtigkeit.“
Dieses Buch ist ein Märchen für Erwachsene, es ist Abenteuerroman und düstere Fabel um das Leben in einem totalitären Staat, allerdings mit gutem Ausgang und einer extrem originellen Heldin.  
„Ein hinreißendes Debüt“ meinte Denis Scheck und ich meine das auch.


geschaut:

The Killing

alle vier Staffeln
als Neuverfilmung der dänischen Serie Kommissarin Lund – Das Verbrechen produziert, aber in vielem abweichend und eigenständig, weshalb man die beiden nicht miteinander vergleichen muss, sie stehen jeweils für sich und ich habe die eine im letztem Jahr und die andere in den ersten zwei Wochen des neuen Jahres mit Begeisterung und fast suchtmäßig geschaut (Ach, und wie sich mein romantisches Herz über den Schluss der vierten Staffel von The Killing gefreut hat! Ich will hier aber nicht spoilern, falls jemand mitliest, der die Serie noch später als ich entdeckt.)
Bin jetzt in Linden & Holder verliebt.




Season 1-3 Trailer


Season 4 Trailer




geschrieben:

wenig
Es gibt ein paar Dinge in meinem Privatleben, die mich momentan sehr einnehmen.
Und es gibt die Reaktionen von verschiedenen Seiten, teilweise ideologiebesetzt, auf die Silvesternacht in Köln, die mich allesamt ebenso fassungslos machen wie die Ereignisse selbst. Und die mich entgegen meiner sonstigen Art im Netz verstummen ließen. Aus Feigheit? Aus dem Gefühl, mit meiner Sicht, meinen Gedanken allein dazustehen? Aus der kleinlichen Sorge, mich vielleicht unbeliebt zu machen?
Natürlich ist es nie leicht, zwischen all den laut und selbstbewusst Auftretenden und sich immer gleich in Aktionsbündnissen Zusammenschließenden als Einzelne eine abweichende Meinung zu vertreten, eine, die sich irgendwie nirgendwo einordnen lässt.
Ich brauche Bedenkzeit, Einkehrzeit, andere einzelne Stimmen (die es zum Glück gibt! s.u.), den Austausch mit ihnen ...
Ich habe mich also bisher darauf beschränkt, wenn überhaupt, dann „um den heißen Brei“ herum zu schreiben und tue das auch hier wieder. Gefällt mir zwar nicht, geht aber einfach (noch) nicht anders. 
Zwischendurch überlegte ich, über andere Dinge zu schreiben, aber das war mir nicht möglich, zu sehr bin ich innerlich von dem einen Thema besetzt. Lediglich das Dilemma Dinge, die mir auf der Seele brennen vs. selbstverordnete Sprachlosigkeit konnte ich ansatzweise formulieren. 
So der derzeitige Stand. Immerhin reichte es für einen Wochenrückblick. Eine im letzten Jahr erwachte und nach wenigen Monaten schon wieder eingeschlafene neue Tradition in meinem Blog. Vielleicht lässt sie sich wachküssen.


gedacht:

1. Freiheit ist eine Menschenpflicht.

2. #Hashtags machen Wörter kaputt.
(Ich wünsche uns allen, dass ausnahmslos jeder Aufschrei frei von Vereinnahmung durch ideologisch begründete #Hashtag Aktionen und Bündnisse gehört wird. Und ich wünsche den Wörtern, dass sie ideologisch unbesetzt bleiben. Ja. nennt mich ruhig naiv.)

3. Das Sprachlos ist wahrlich kein leichtes.


gefreut:

über einzelne Stimmen der Vernunft zwischen den sich gegenseitig übertönenden Gruppen von dumpfem gewaltbereitem Pack, pöbelnden Rassist*innen und ideologiegeschwängerten Besserwisser*innen und Welterklärer*innen 


getrauert:

um David Bowie und Alan Rickman, zwei Wunderbare

Where are you now?

Im Netz gibt's so viele Nachrufe, Videos, Zitate, Links ..., dem muss ich nichts mehr hinzufügen


gehört:

klar, David Bowie
klar, Bob Dylan, The Cutting Edge 1965-1966, mein Weihnachtsgeschenk (und gedacht, bitte stirb du jetzt nicht auch noch)

und, in Dauerschleife, nachdem The Killing endgültig zu Ende war: den Schlusssong der letzten Folge der letzten Staffel (das Video mit Filmsequenzen zeige ich hier natürlich nicht, aus Spoilergründen :-))





The Jezabels: Peace of Mind

Donnerstag, 19. November 2015

In erster Linie Mensch – vom humanistischen Eigensinn


Gestern ging durch Facebook wieder einmal Jürgen Todenhöfers „Offener Brief an den Kalifen des [sogenannten] IS Abu Bakr al Baghdadi“ vom 3.Mai 2015, hier nachzulesen. In seinem Brief erklärt Todenhöfer dem Kalifen den Islam und warum die Aktionen des [sog.] IS zutiefst antiislamisch sind.
Warum nervt mich das?
Es gibt derlei Erklärungsansätze zuhauf. Sie stören mich nicht, wenn sie von Muslimen kommen und zu einer innerislamischen Diskussion und weiter zu einem klaren Signal an die Gesellschaft führen, in dem man sich von Gewalt und dem vermeintlichen Aufruf des Koran zu einem Glaubenskrieg distanziert. Das finde ich hilfreich, und ich bin dankbar, wenn eine solche öffentliche Erklärung erfolgt. Einen Anspruch darauf gibt es nicht. Deshalb nochmals: Danke. Zum Beispiel für Aktionen wie diese.

Meiner Ansicht nach lässt sich das in sich geschlossene System, das jede Religion darstellt, aber nicht öffnen, indem man sich von außen hineinbegibt und dann selbst innerhalb der vorgegebenen Grenzen diskutiert. Vielmehr muss von den Religionen, und zwar von allen, verlangt werden, sich ihrerseits einer übergeordneten Argumentation zu öffnen und die Verbindlichkeit zumindest der Regeln des Staates, in dem ihre Mitglieder leben, als primäres Gesetz anzuerkennen. Dass dies ein Spannungsfeld erzeugt, zumindest dann, wenn es sich um eine tiefe religiöse Überzeugung handelt, ist klar. Hier ist das Individuum gefragt. Und die Einsicht, dass wir alle in erster Linie Menschen sind.

Wir können uns, davon bin ich überzeugt, nur auf Augenhöhe begegnen, wenn wir dies als – im übertragenen Sinne – nackte Menschen tun, dem Gesetz von Geburt und Tod unterworfen, für eine begrenzte Zeit auf dem Planeten Erde lebend. Darin sind wir uns gleich. Alle.

Ich möchte von niemandem eine Diskussion über seine/ihre Religion aufgezwungen bekommen, darüber, welche Regeln in dieser Religionsgemeinschaft existieren und welche nicht und ob diese allgemeingültig sind und deshalb missionarische Tätigkeit nach sich ziehen. Dies alles interessiert mich ausschließlich im Zusammenhang mit der ebenbürtigen (freundschaftlichen) Beziehung zu einem Menschen, an dessen Leben und Denken ich aufgrund der freiwillgen Bindung natürlich teilhaben möchte. 

Ich habe keine Lust, den Koran oder sonstige religiöse/„heilige“ Schriften zu studieren, um Argumente für eine Diskussion über Freiheitsrechte zu sammeln. Die Grundlage unseres Zusammenlebens ist eine andere, nämlich unsere Verfassung, sprich das Grundgesetz. Dieses gilt vollumfänglich und nichts darüber hinaus.

Ich wünsche mir sehr eine echte laizistische Gesellschaft.
Und bestehe ansonsten auf meinem humanistischen Eigensinn.


 „Humanistischer Eigensinn ist das Bestehen auf persönlicher Urteilskraft gegenüber weltanschaulichen, wissenschaftlichen oder religiösen Wahrheitsansprüchen.
Wissenschaft und Kultur unterliegen vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Interessen. Ihr humanistischer Sinn aber besteht immer darin, das Leben auf der Erde so gut wie eben möglich zu gestalten.
Dabei gehört es zum humanistischen Eigensinn, sich stets ein persönliches Urteil vorzubehalten: Gegenüber jedweder weltanschaulichen oder religiösen Dogmatik, gegenüber diesem oder jenem modischen Meinungstrend und auch gegenüber den Wahrheitsansprüchen wissenschaftlicher Ergebnisse. Das Engagement für humanistische Überzeugungen und humanistische Praxis ist neben einer rationalen immer auch eine sehr persönliche – emotionale und sinnliche – Haltung zur Welt.
Humanistische Verantwortung bedeutet, eine Entscheidung für oder gegen etwas letztlich selbst verantworten zu müssen. Weltanschauungen, Religionen, naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten, überlieferte Texte oder kulturellen Traditionen können einem diese Verantwortung nicht abnehmen. Auch die Berufung auf eine humanistische Überzeugung entbindet nicht von eigenständiger ethischer Reflexion und eigenverantwortlichen Entscheidungen. Dies ist ein ständiger Prozess, der auch für unser Humanistisches Selbstverständnis gilt.“
 (aus dem Entwurf des Humanistischen Verbandes Deutschlands HVD zum Humanistischen Selbstverständnis)