Es ist dir verboten ...
... den Mund aufzumachen, wenn die Erwachsenen sich unterhalten.
... dem Lehrer zu widersprechen.
... in der Kirche laut zu lachen.
... bei Rot über die Straße zu gehen.
... einen kurzen Rock zu tragen.
... deinen Freund mit aufs Zimmer zu nehmen.
... bis weit in den Tag im Bett zu liegen.
... das Tun deiner Eltern in Frage zu stellen.
... am Wort Gottes zu zweifeln.
... zu begehren.
... Geschlechtsverkehr vor der Ehe zu haben.
... deinen Körper zu zeigen.
... dein Haar offen zu tragen.
... den Pfarrer gewisser Dinge zu beschuldigen.
... den Namen des Herrn unnütz zu gebrauchen.
... Andersgläubige oder ihren Gott zu beleidigen.
... deinen Gott zu verleugnen.
... dich vom Glauben abzuwenden.
... deinen Glauben offen zu bekennen.
... deine Kinder nicht impfen zu lassen.
... deine Organe nicht zu spenden.
... in der Öffentlichkeit zu rauchen.
... dein Antlitz zu verhüllen.
... dein Haar zu bedecken.
... dein Kreuz zu tragen.
... ein Geheimnis zu haben.
Es ist dir all dies und noch viel mehr verboten, denn dies ist eine freie und friedliebende Gesellschaft, die mit Vorliebe und voller Weisheit Verbote erlässt, damit niemand durch Abweichungen irritiert wird oder gar provoziert, zum Widerspruch gereizt und einen Streit vom Zaun bricht, der eskalieren könnte, da wir es nicht gewohnt sind, Unbekanntes hinzunehmen und Unliebsames auszuhalten Dies ist eine freie Gesellschaft, deren vielzählige Verbote ebendieser Freiheit und dem inneren Frieden dienen, denn wir sind zu verwöhnt und zu empfindsam, um Störendes auszuhalten, da geraten wir leicht aus der Bahn und sind schnell auf Hundertachtzig, nicht mehr kommunikationsbereit und -fähig, da wird es schnell gefährlich, so empfindlich und harmoniebedürftig sind wir. Da ist es einfach gut und wichtig, dass Papa und Mama Staat uns mit ihrer weisen Verbotgebung schützen, vor allem vor uns selbst und unserer eskalationsbereiten Natur. Deshalb sagen wir auch gerne Ja und Amen zu immer neuen Verboten jeglicher Art, ob es nun um böse, böse Worte geht, um gefährliches Gedankengut vom linken oder rechten Rand, um Zigarette, Impfung, Kopftuch oder Kreuz. Danke, Papa und Mama Staat. Ja, Papa und Mama Staat. Danke, dass alles bis ins kleinste Detail so super geregelt ist und wir uns über nichts mehr Gedanken machen müssen. Und bitte, bitte regelt doch noch viel mehr, noch viele, viele kleine Details unseres alltäglichen Lebens mehr, damit unser Zusammenleben immer einfacher wird, überschaubarer und dadurch freier und friedlicher. Danke, lieber Staat. Und Amen. Und aus.
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Freitag, 19. Mai 2017
Donnerstag, 26. Januar 2017
Stein und Rose reloaded
Vor sieben Jahren habe ich ein kleines pazifistisches Gedicht geschrieben, mit dem ich hin und wieder neu konfrontiert werde, wenn meine Statistik mir anzeigt, dass es jemand aufgerufen hat.
Stein und Rose
Du hebst den Stein
Ich pflücke die Rose
Du holst weit aus
Ich strecke den Arm
Du wirfst den Stein
Ich reiche die Rose
Du triffst mich nicht
Aber ich treffe dich
(Man könnte auch sagen I had a dream)
Was dieses Gedicht für mich bedeutet und wie ich zu seiner Aussage stehe, unterliegt über die Jahre einem Wandel.
Stein und Rose
Du hebst den Stein
Ich pflücke die Rose
Du holst weit aus
Ich strecke den Arm
Du wirfst den Stein
Ich reiche die Rose
Du triffst mich nicht
Aber ich treffe dich
(Man könnte auch sagen I had a dream)
Was dieses Gedicht für mich bedeutet und wie ich zu seiner Aussage stehe, unterliegt über die Jahre einem Wandel.
Ganz am Anfang stand es in meinem Blog an prominenter Stelle, war immer gleich zu sehen und zu lesen. Irgendwann nahm ich es heraus, die Gründe sind komplex und beschämend simpel zugleich: Es wurde mir peinlich, da es mir (zu) naiv schien, nahezu kitschig, unterkomplex in einer komplexen Welt (dreimal komplex in einem Satz, uff ...).
Und heute?
Unablässig bin ich mit Nachrichten aus der Welt beschäftigt, reflektiere sie und meine Reaktion darauf, bin manchmal erstaunt über mich selbst, manchmal auch erschrocken, aber es schält sich etwas heraus, das schon damals, vor sieben Jahren (und wahrscheinlich schon in den Jahrzehnten zuvor) Grundlage meiner inneren Haltung war und ist:
Ich bin Pazifistin und (nicht aber!) eine radikale Verfechterin von Freiheitsrechten. Das ist nicht bequem, unter anderem deshalb, weil sich mein Platz häufig zwischen den Stühlen befindet. Beispiel: Auf welchen Stuhl soll ich mich setzen, wenn (alternativ: unter welchem Hut lässt sich zusammenfassen, dass) ich folgende Ansichten vertrete (eine kleine Auswahl, die willkürlich ist und keinen Prioritäten folgt):
– Refugees welcome! Ausnahmslos.
– Dem Islam ist dringend kritisch zu begegnen. Dies hat mit Islamophobie nichts zu tun und leitet sich ab aus einer grundsätzlich kritischen Haltung gegenüber ausnahmslos jeder Religion, da jede in fundamentalistischer Ausprägung zu alleinigem Wahrheitsanspruch, geschlossenem Denk- und Argumentationssystem, Unterdrückung und Unterwerfung neigt.
– Frauenrechte sind Menschenrechte sind universell.
– Sexuelle Übergriffe, verbale ebenso wie tätliche, sind zu verfolgen und zu bestrafen bzw. durch jedes mögliche rechtsstaatliche Mittel zu verhindern. Ausnahmslos.
– Jeder Mensch hat ein Recht auf Asyl und darf auch dann nicht abgeschoben werden, wenn er straffällig wird, so lange sein Herkunftsland nicht wirklich sicher ist, d.h. die Menschenrechte vollumfänglich vertritt.
– Dank an die Polizei in der Kölner Silvesternacht 2016 für das Garantieren der Freiheitsrechte der Frauen.
– Nein zu verstärkter Abschiebepraxis (s.o.).
– Ja zum Nein des Verfassungsgericht zum NPD-Verbot. In meinen Augen ein Zeichen der Stärke unserer Demokratie. (auch wenn ich zugegebenerweise erstmal schlucken musste)
– Ja zu einer aktiven unablässigen Erinnerungskultur. Nein zur AfD und ihren nationalsozialistischen, zur Geschichtsklitterung neigenden Tendenzen.
– Ja zur geplanten Abschaffung des Paragraphen 103 der „Majestätsbeleidigung“.
– Nein zur Witzfigur Trump.
– Dank an alle, die gegen ihn und seine Politik der Dummheit demonstrieren.
– ...
Diese Liste stellt ein Sammelsurium dar, das unvollständig ist, aber vielleicht deutlich macht, warum ich mich weder auf links noch auf rechts platzierte Stühle setzen möchte. Und ich will mich noch nicht einmal, obwohl ich mich ihnen am nächsten fühle, den Humanisten anschließen. Solidarisch sein – ja, am ehesten noch mit Frauen (aber auch da nicht ausnahmslos), immer mit Einzelnen, Freiheitsliebenden; einer Gruppierung, einem Verein beitreten – nein.
Ausgangspunkt für diese Gedankensammlung war aber das Gedicht von Stein und Rose.
Ich finde mich wieder darin, nachdem ich es lange als zu einfach, als unterkomplex empfunden habe. Ich möchte wieder Rosen pflücken gegen die Steinewerfer. Keine überzüchteten Rosen ohne Dornen, nein, wildduftende müssen es sein, an denen man sich die Finger blutig sticht. Ich möchte diese Rosen auf die Stühle derer legen, die sich so sicher sind, auf der richtigen Seite zu sitzen. Auf die Rednerpulte derer, die ihre Fäuste niedersausen lassen zur Unterstreichung ihrer populistischen Parolen. Auf die Wege derer, die im Gleichschritt marschieren.
Man könnte auch sagen I have dream. Yes, I have.
Und heute?
Unablässig bin ich mit Nachrichten aus der Welt beschäftigt, reflektiere sie und meine Reaktion darauf, bin manchmal erstaunt über mich selbst, manchmal auch erschrocken, aber es schält sich etwas heraus, das schon damals, vor sieben Jahren (und wahrscheinlich schon in den Jahrzehnten zuvor) Grundlage meiner inneren Haltung war und ist:
Ich bin Pazifistin und (nicht aber!) eine radikale Verfechterin von Freiheitsrechten. Das ist nicht bequem, unter anderem deshalb, weil sich mein Platz häufig zwischen den Stühlen befindet. Beispiel: Auf welchen Stuhl soll ich mich setzen, wenn (alternativ: unter welchem Hut lässt sich zusammenfassen, dass) ich folgende Ansichten vertrete (eine kleine Auswahl, die willkürlich ist und keinen Prioritäten folgt):
– Refugees welcome! Ausnahmslos.
– Dem Islam ist dringend kritisch zu begegnen. Dies hat mit Islamophobie nichts zu tun und leitet sich ab aus einer grundsätzlich kritischen Haltung gegenüber ausnahmslos jeder Religion, da jede in fundamentalistischer Ausprägung zu alleinigem Wahrheitsanspruch, geschlossenem Denk- und Argumentationssystem, Unterdrückung und Unterwerfung neigt.
„Es gab christlichen Terror wie zu Zeiten der Kreuzzüge, und es gab jüdischen Terror wie durch die Untergrundorganisation Irgun zur Zeit der israelischen Staatsgründung. Es gibt – man mag es kaum glauben – buddhistischen Terror in Myanmar gegenüber der islamischen Minderheit, und es gibt hinduistischen Terror, wie etwa in Form des Massenmords an Muslimen 2002 im indischen Gujarat.“
(aus: Oliver Jeges: Islamophobie? Wir nennen es Aufklärung, Welt online, 28.10.2014, ein Artikel, der nach wie vor aktuell und wichtig ist)
– Frauenrechte sind Menschenrechte sind universell.
– Sexuelle Übergriffe, verbale ebenso wie tätliche, sind zu verfolgen und zu bestrafen bzw. durch jedes mögliche rechtsstaatliche Mittel zu verhindern. Ausnahmslos.
– Jeder Mensch hat ein Recht auf Asyl und darf auch dann nicht abgeschoben werden, wenn er straffällig wird, so lange sein Herkunftsland nicht wirklich sicher ist, d.h. die Menschenrechte vollumfänglich vertritt.
– Dank an die Polizei in der Kölner Silvesternacht 2016 für das Garantieren der Freiheitsrechte der Frauen.
– Nein zu verstärkter Abschiebepraxis (s.o.).
– Ja zum Nein des Verfassungsgericht zum NPD-Verbot. In meinen Augen ein Zeichen der Stärke unserer Demokratie. (auch wenn ich zugegebenerweise erstmal schlucken musste)
– Ja zu einer aktiven unablässigen Erinnerungskultur. Nein zur AfD und ihren nationalsozialistischen, zur Geschichtsklitterung neigenden Tendenzen.
– Ja zur geplanten Abschaffung des Paragraphen 103 der „Majestätsbeleidigung“.
– Nein zur Witzfigur Trump.
– Dank an alle, die gegen ihn und seine Politik der Dummheit demonstrieren.
– ...
Diese Liste stellt ein Sammelsurium dar, das unvollständig ist, aber vielleicht deutlich macht, warum ich mich weder auf links noch auf rechts platzierte Stühle setzen möchte. Und ich will mich noch nicht einmal, obwohl ich mich ihnen am nächsten fühle, den Humanisten anschließen. Solidarisch sein – ja, am ehesten noch mit Frauen (aber auch da nicht ausnahmslos), immer mit Einzelnen, Freiheitsliebenden; einer Gruppierung, einem Verein beitreten – nein.
Ausgangspunkt für diese Gedankensammlung war aber das Gedicht von Stein und Rose.
Ich finde mich wieder darin, nachdem ich es lange als zu einfach, als unterkomplex empfunden habe. Ich möchte wieder Rosen pflücken gegen die Steinewerfer. Keine überzüchteten Rosen ohne Dornen, nein, wildduftende müssen es sein, an denen man sich die Finger blutig sticht. Ich möchte diese Rosen auf die Stühle derer legen, die sich so sicher sind, auf der richtigen Seite zu sitzen. Auf die Rednerpulte derer, die ihre Fäuste niedersausen lassen zur Unterstreichung ihrer populistischen Parolen. Auf die Wege derer, die im Gleichschritt marschieren.
Man könnte auch sagen I have dream. Yes, I have.
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Freitag, 16. September 2016
Mutterstück
Dass mir die Zeit fehlt ...
Deine Mutter. Erst gebärt sie dich, dann stirbt sie. Dazwischen liegen Jahrzehnte, in denen euer Verhältnis sich auswirkt: in die Vergangenheit, in die Zukunft, in die Struktur deines Körpers, deines Wesens. Zum Glück gibt‘s fähige Therapeutinnen. Und die Zeit. Und die wunderbare Möglichkeit sich zu entwickeln. Dem Kokon, den klebrigen Fäden zu entschlüpfen. Du zu sein, wie frisch gewaschen. Wenn auch nicht mehr die Jüngste. Was dann aber so unwichtig ist, wie du es dir nie hättest träumen lassen. Wenn du die Straße entlang gehst, senkst du deinen Blick nicht. Das fällt dir auf, es ist eine Veränderung. Es fällt dir auf und es macht dich froh. Und es macht dich stolz. Du hast es bis hierher geschafft. Du hast es weit gebracht. Und da kommt noch mehr. Manchmal vermisst du sie. Deine Mutter. Wenn sie dich heute sehen könnte. Du ahnst, dass sie froh wäre. Dass sie Frieden schließen könnte. Nicht zuletzt mit sich. Vielleicht hat sie es längst getan. In ihren letzten Stunden, Tagen, Jahren. Und hat es für sich behalten, weil sie dich nicht schon wieder hineinziehen wollte, weil auch sie die klebrigen Fäden abstreifen wollte, weil sie wusste, dass es für bestimmte Wege keine Abkürzungen gibt und dass jede ihren Weg selbst und allein gehen muss, darf ... Deine Mutter. Erzähl deiner Tochter von ihr. Und von dir.
Zu diesen Gedanken, die ich in wenigen Minuten aufgeschrieben habe, wie sie mir kamen, und die ich unbearbeitet so stehen lasse, hat mich das Lesen in Elkes Blog Tausend Mutterbilder angeregt. Schnell aufgeschrieben, zu mehr fehlt mir – immer noch – die Zeit.
Deine Mutter. Erst gebärt sie dich, dann stirbt sie. Dazwischen liegen Jahrzehnte, in denen euer Verhältnis sich auswirkt: in die Vergangenheit, in die Zukunft, in die Struktur deines Körpers, deines Wesens. Zum Glück gibt‘s fähige Therapeutinnen. Und die Zeit. Und die wunderbare Möglichkeit sich zu entwickeln. Dem Kokon, den klebrigen Fäden zu entschlüpfen. Du zu sein, wie frisch gewaschen. Wenn auch nicht mehr die Jüngste. Was dann aber so unwichtig ist, wie du es dir nie hättest träumen lassen. Wenn du die Straße entlang gehst, senkst du deinen Blick nicht. Das fällt dir auf, es ist eine Veränderung. Es fällt dir auf und es macht dich froh. Und es macht dich stolz. Du hast es bis hierher geschafft. Du hast es weit gebracht. Und da kommt noch mehr. Manchmal vermisst du sie. Deine Mutter. Wenn sie dich heute sehen könnte. Du ahnst, dass sie froh wäre. Dass sie Frieden schließen könnte. Nicht zuletzt mit sich. Vielleicht hat sie es längst getan. In ihren letzten Stunden, Tagen, Jahren. Und hat es für sich behalten, weil sie dich nicht schon wieder hineinziehen wollte, weil auch sie die klebrigen Fäden abstreifen wollte, weil sie wusste, dass es für bestimmte Wege keine Abkürzungen gibt und dass jede ihren Weg selbst und allein gehen muss, darf ... Deine Mutter. Erzähl deiner Tochter von ihr. Und von dir.
Zu diesen Gedanken, die ich in wenigen Minuten aufgeschrieben habe, wie sie mir kamen, und die ich unbearbeitet so stehen lasse, hat mich das Lesen in Elkes Blog Tausend Mutterbilder angeregt. Schnell aufgeschrieben, zu mehr fehlt mir – immer noch – die Zeit.
Samstag, 25. Juni 2016
Einen Briten umarmen (Brexit I)
Ich erinnere mich an Liverpool vor gut zwei Jahren. Im Cavern Club trat eine Beatles Cover Band auf. Alle sangen lauthals mit. Wir alle. Ein bunt gemischtes Wir. Tranken Bier und Cider. Waren ausgelassen. Ein Liverpooler spendierte mir einen Strawberry Cider. Wir unterhielten uns, so gut es eben ging im Lärm der aufgedrehten Boxen und der „All you need is love“ schmetternden Menge. Wir sprachen uns direkt ins Ohr, um etwas zu verstehen, rückten dicht zusammen, er legte seinen Arm um meine Taille. Wohlige Nähe. Menschliche Nähe. Verbundenheit durch Musik und Rausch und Lust. Alles in Maßen. Friedlich. Frei. Kein Gedanke an Nationalität, EU, politische Anschauungen. „Imagine there‘s no countries ...“ Ob das heute anders wäre? Ich glaube nicht. Ich hoffe nicht. Ich werd‘s ausprobieren. Baldmöglichst. Wieder einmal mit Menschen verschiedenster Nationalität Beatles Songs singen. Laut und ausgelassen. Strawberry Cider trinken. Einen Briten umarmen. „All you need is love“ glauben. Wenigstens einen Abend, eine Nacht lang.
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Freitag, 25. März 2016
Einige von uns
Einige von uns fielen vom Himmel
einige von uns zählten die Sterne
einige von uns zähmten einen Tiger
einige von uns flogen wie der Wind
einige von uns zogen in den Krieg
einige von uns warfen Bomben
einige von uns wurden schwer verletzt
einige von uns konnten nicht vergessen
einige von uns wurden verrückt
einige von uns liefen Amok
einige von uns verloren ihr Liebstes
einige von uns waren einsam
einige von uns rächten sich
einige von uns drehten sich im Kreis
einige von uns hatten Albträume
einige von uns glaubten an Gott
einige von uns glaubten an Monster
einige von uns waren Monster
einige von uns säten Getreide
einige von uns bohrten Brunnen
einige von uns bissen ins Gras
einige von uns starben fast vor Scham
einige von uns trauten sich was
einige von uns verirrten sich
einige von uns sahen Wunder
einige von uns saßen im selben Boot
einige von uns zeigten mit dem Finger
einige von uns behaupteten,
einige von uns seien anders
einige von uns verschlossen sich
einige von uns wollten dazugehören
einige von uns wussten Bescheid
einige von uns nahmen das Ruder
einige von uns stießen
einige von uns ins Meer, wo
einige von uns ertranken und
einige von uns gerettet wurden
einige von uns zogen Grenzen, die
einige von uns übertraten, worauf
einige von uns zu den Waffen griffen, um
einige von uns in Schach zu halten, bis
einige von uns zur Vernunft kamen und
einige von uns die Zäune einrissen, damit
einige von uns miteinander in Kontakt treten konnten und
einige von uns erkannten, dass es gar keine anderen gab als immer nur
einige von uns
einige von uns zählten die Sterne
einige von uns zähmten einen Tiger
einige von uns flogen wie der Wind
einige von uns zogen in den Krieg
einige von uns warfen Bomben
einige von uns wurden schwer verletzt
einige von uns konnten nicht vergessen
einige von uns wurden verrückt
einige von uns liefen Amok
einige von uns verloren ihr Liebstes
einige von uns waren einsam
einige von uns rächten sich
einige von uns drehten sich im Kreis
einige von uns hatten Albträume
einige von uns glaubten an Gott
einige von uns glaubten an Monster
einige von uns waren Monster
einige von uns säten Getreide
einige von uns bohrten Brunnen
einige von uns bissen ins Gras
einige von uns starben fast vor Scham
einige von uns trauten sich was
einige von uns verirrten sich
einige von uns sahen Wunder
einige von uns saßen im selben Boot
einige von uns zeigten mit dem Finger
einige von uns behaupteten,
einige von uns seien anders
einige von uns verschlossen sich
einige von uns wollten dazugehören
einige von uns wussten Bescheid
einige von uns nahmen das Ruder
einige von uns stießen
einige von uns ins Meer, wo
einige von uns ertranken und
einige von uns gerettet wurden
einige von uns zogen Grenzen, die
einige von uns übertraten, worauf
einige von uns zu den Waffen griffen, um
einige von uns in Schach zu halten, bis
einige von uns zur Vernunft kamen und
einige von uns die Zäune einrissen, damit
einige von uns miteinander in Kontakt treten konnten und
einige von uns erkannten, dass es gar keine anderen gab als immer nur
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Sonntag, 7. Februar 2016
Auweia oder: Zack, Stempel drauf
Echt extrem, das alles. Was genau? Die ganze Stimmung. Die Lautstärke. Die Positionierungen. Die Gegensätze. Das Be- und Verurteilen. Die Lagerbildung. Die Angst. Das Geschrei. Das Verstummen. Das alles.
Jede Äußerung, scheint mir, wird im Schnellverfahren daraufhin untersucht, in welche Kategorie sie und ihr Absender einzuordnen sind. Und dann: Zack, Stempel drauf und Zack, ab in die Schublade. Von denen gibt es nur zwei: eine linke und eine rechte. Manchmal wird man umsortiert, evtl. sogar mehrmals, sorgt für Verwirrung (Hä? Gestern hat sie noch gesagt, sie will mit dem Islam nichts zu tun haben, heute sagt sie Refugees welcome, und zwar ohne Obergrenze. Gestern ist sie noch für Frauenrechte eingetreten, heute wettert sie gegen #ausnahmslos. Ja was denn nun?)
Leute! Schon mal was von Komplexität gehört? Von Differenzierung? Von Sowohl als auch statt Entweder oder? (Ich weiß, das sagte ich bereits an anderer Stelle, evtl. sogar mehrmals. Das muss so.)
Kann es vielleicht sein, dass sie für einen grundsätzlich scharfen kritischen Umgang mit den Religionen ist, und zwar mit allen? (Achsooooo!)
Kann es vielleicht sein, dass sie sich grundsätzlich einer humanistischen Haltung verpflichtet fühlt, weil sie diese als einzige für geeignet erachtet, ein friedliches und freiheitliches Miteinander zu gewähren? (Achsooooooo!)
Kann es vielleicht sein, dass sie alle Menschenrechte als gleich wichtig erachtet und deshalb beispielsweise die Gleichberechtigung nicht der Meinungsfreiheit unterordnet oder umgekehrt sondern sie nur miteinander verwirklicht sieht? (Ahaaaaaaa!)
Kann es vielleicht sein, dass sie nicht so schnell darin ist, sich eine Meinung festzuzurren, weil sie gerne jedes einzelne Detail anhand der oben genannten Kriterien überprüft? Dass sie Zeit zum Denken braucht, zum Nachdenken, dies gerne auch laut tut, weil es dann klarer wird, es gerne auch öffentlich tut, immer in der Hoffnung auf andere, die nicht gleich mit Zack, Stempel drauf, Zack, Schublade zu reagieren, sondern die ebenso nachdenken, abwägen, gerne in den Dialog treten zwecks eines gemeinsamen Lernprozesses. Und die währenddessen erstmal helfen, wo Hilfe nötig ist, einfach aus dem Grund, weil sie nötig ist ...
Ich bin es so müde, dieses: Zack, Türe zu. Zack, Faust auf den Tisch. Zack, Dagegen demonstriert. Zack, Aktionsbündnis gebildet. Zack, Denkverbot erteilt. Zack, Zäune nach außen errichtet. Zack, Zäune im Inneren errichtet. Zack, Stempel drauf. Zack, Schublade zu.
Erst wird scharf beobachtet, dann wird scharf geschossen, erst mal nur mit Worten und Blicken (Wenn die töten könnten! Auweia.)
Man traut sich kaum noch ...
Dabei müsste man dringend ...
Jede Äußerung, scheint mir, wird im Schnellverfahren daraufhin untersucht, in welche Kategorie sie und ihr Absender einzuordnen sind. Und dann: Zack, Stempel drauf und Zack, ab in die Schublade. Von denen gibt es nur zwei: eine linke und eine rechte. Manchmal wird man umsortiert, evtl. sogar mehrmals, sorgt für Verwirrung (Hä? Gestern hat sie noch gesagt, sie will mit dem Islam nichts zu tun haben, heute sagt sie Refugees welcome, und zwar ohne Obergrenze. Gestern ist sie noch für Frauenrechte eingetreten, heute wettert sie gegen #ausnahmslos. Ja was denn nun?)
Leute! Schon mal was von Komplexität gehört? Von Differenzierung? Von Sowohl als auch statt Entweder oder? (Ich weiß, das sagte ich bereits an anderer Stelle, evtl. sogar mehrmals. Das muss so.)
Kann es vielleicht sein, dass sie für einen grundsätzlich scharfen kritischen Umgang mit den Religionen ist, und zwar mit allen? (Achsooooo!)
Kann es vielleicht sein, dass sie sich grundsätzlich einer humanistischen Haltung verpflichtet fühlt, weil sie diese als einzige für geeignet erachtet, ein friedliches und freiheitliches Miteinander zu gewähren? (Achsooooooo!)
Kann es vielleicht sein, dass sie alle Menschenrechte als gleich wichtig erachtet und deshalb beispielsweise die Gleichberechtigung nicht der Meinungsfreiheit unterordnet oder umgekehrt sondern sie nur miteinander verwirklicht sieht? (Ahaaaaaaa!)
Kann es vielleicht sein, dass sie nicht so schnell darin ist, sich eine Meinung festzuzurren, weil sie gerne jedes einzelne Detail anhand der oben genannten Kriterien überprüft? Dass sie Zeit zum Denken braucht, zum Nachdenken, dies gerne auch laut tut, weil es dann klarer wird, es gerne auch öffentlich tut, immer in der Hoffnung auf andere, die nicht gleich mit Zack, Stempel drauf, Zack, Schublade zu reagieren, sondern die ebenso nachdenken, abwägen, gerne in den Dialog treten zwecks eines gemeinsamen Lernprozesses. Und die währenddessen erstmal helfen, wo Hilfe nötig ist, einfach aus dem Grund, weil sie nötig ist ...
Ich bin es so müde, dieses: Zack, Türe zu. Zack, Faust auf den Tisch. Zack, Dagegen demonstriert. Zack, Aktionsbündnis gebildet. Zack, Denkverbot erteilt. Zack, Zäune nach außen errichtet. Zack, Zäune im Inneren errichtet. Zack, Stempel drauf. Zack, Schublade zu.
Erst wird scharf beobachtet, dann wird scharf geschossen, erst mal nur mit Worten und Blicken (Wenn die töten könnten! Auweia.)
Man traut sich kaum noch ...
Dabei müsste man dringend ...
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Freitag, 5. Februar 2016
Wir schaffen das (Humanität statt Küchenphilosophie)
Vor vielen Jahren, als meine Kinder noch klein waren und meine Mutter noch lebte, hatte ich mit ihr ein Gespräch darüber, ob man Babys schreien lassen darf/soll oder nicht. Ich habe meine Kinder nicht schreien lassen, bin nachts immer aufgestanden, auch wenn ich müde und genervt war. Allerdings haben beide sehr früh durchgeschlafen und mein Sohn hat, nachdem die Koliken der ersten drei Monate überwunden waren, sowieso kaum noch geschrien. Meine Tochter war da anders, fordernder. Ob die grundlegende Zufriedenheit der beiden es mir leicht gemacht hat oder ob Ursache und Wirkung umgekehrt liegen, kann ich nicht mit Sicherheit sagen (obwohl ich klar zu einer Richtung tendiere). Inzwischen sind die beiden 25 und 23 Jahre alt, die Kleinkindphase erscheint mir im Rückblick sehr kurz. Wie überhaupt die ganze Kindheit mit all ihren Entwicklungsschritten.
Worauf ich hinaus will: Meine Mutter legte mir als Schwäche aus, dass ich die Kinder nicht schreien ließ. Nicht schreien lassen konnte, wie sie es ausdrückte. Sie hingegen hatte es gekonnt. Sie ließ mich und später meine Schwester schreien. Wenn wir abends gefüttert und gewickelt waren, ging es ins Bett und dann hieß es schlafen. Schrien wir, behielt sie die Nerven und wartete, bis wir uns von selbst beruhigt hatten. Dass sie ihr Verhalten damals als Stärke betrachtete, ließ sie mein Verhalten als Schwäche auslegen. Ich besaß wohl nicht die gleiche Nervenstärke wie sie. Ihr war mit Sicherheit nicht bewusst, dass ihre Methode ein Abkömmling der sog. schwarzen Pädagogik war.
Ich bin damals mit meiner Mutter auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen. Nicht schlimm. Ich glaube nicht, dass ich einen irreparablen Schaden davongetragen habe, weil meine Eltern mich schreien ließen. Und wenn doch, ist er inzwischen, auch dank diverser Therapien halbwegs behoben. Ich glaube ebensowenig, dass meine Kinder, nur weil wir sie nie schreien ließen, die glücklichsten und zufriedensten Menschen der Welt sind. Dazu gehört mehr.
Ich glaube aber, dass es eine Stärke ist und nichts anderes, wenn man sich dem Schwächeren zuwendet, wenn man sich kümmert und Sorge trägt. Es ist ein Stärke, keine Schwäche, eine Fähigkeit, keine Unfähigkeit, und es bewirkt etwas Gutes.
Es ist hingegen keine Stärke, wenn man sich dem Bedürfnis des Schwächeren verschließt, wenn man dicht macht und darauf wartet, dass der Hilferuf verhallt. Wenn man glaubt, das Problem erledige sich dann von selbst.
Und wo genau liegt eigentlich das Problem? Auf der Seite dessen, der in seiner Ruhe gestört wird, oder auf der Seite dessen, der Hilfe benötigt und sie berechtigt einfordert bzw. erbittet? Und wieso ist diese Konfrontation überhaupt ein Problem? Ist es nicht zunächst einmal einfach eine Begegnung? Etwas, das das Leben an möglichen Ereignissen bereithält? Entsteht das Problem in diesem Fall nicht erst dann, wenn die Hilfe verweigert wird und damit auf der einen Seite ein unmenschliches Verhalten als Stärke propagiert und etabliert wird und auf der anderen Seite ein Hilfesuchender frustriert und in seinem Vertrauen verletzt zurückbleibt, mit unabsehbaren Folgen für sein Leben und seine Persönlichkeit? Was macht das mit uns Menschen, wenn wir in unserem Menschsein herausgefordert sind? Wie verhalten wir uns, um Menschen zu bleiben?
Man sieht vielleicht spätestens jetzt, dass es mir hier um mehr geht als um schreiende Säuglinge und verunsicherte Eltern. Ich wollte hier weder Erziehungstipps verteilen noch einen pädagogischen Appell schreiben. Mir fiel ganz einfach im Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation das Gespräch mit meiner Mutter wieder ein. Unsere entgegengesetzten Definitionen dessen, was Stärke und was Schwäche ist. Ich musste an Angela Merkel und ihren Satz „Wir schaffen das.“ denken. Daran, wie unterschiedlich Politiker und Bürger reagieren. Auf wie gegensätzliche Weise sie Stärke zeigen. Wie eigentlich jeder meint, es sei zu schaffen, damit aber weder dasselbe Ziel noch denselben Weg im Auge hat. Die einen fühlen sich gestört und bedroht, wollen ihre Ruhe und ihren Frieden (definiere Frieden!) sichern und ihre (vermeintliche!) Stärke im Abschotten und sogar Abwehren zeigen, die anderen wollen auch den Frieden und sehen diesen zu erreichen und verwirklichen, indem sie friedlich handeln, sich selbst als Menschen im humanitären Sinne erweisen und dem Gegenüber die Zuwendung und Hilfe gewähren, die er/sie erbittet und benötigt.
Noch einmal zurück zu dem schreienden Säugling: Ich gehe nicht vor ihm in die Knie, ordne mich nicht unter, gebe mich und meine Prinzipien nicht auf, wenn ich auf sein Schreien reagiere (das immer notwendiger Ausdruck eines berechtigten Bedürfnisses ist). Ich folge im Gegenteil meinem Prinzip, nämlich dem der Humanität. Und ich tue dies aus einer menschlichen Stärke heraus, selbstbewusst.
Hier hinkt der Vergleich natürlich, denn wir haben es bei den Flüchtlingen (abgesehen von ihren Kindern) mit erwachsenen Menschen zu tun. Wir sind nicht ihre Erziehungsberechtigten (!!!). Wir können sie nicht wie Kinder behandeln. Aber sie bitten um Hilfe, und diese haben wir zu gewähren, so lange und in dem Maß, wie es nötig ist. Keiner verlangt von uns, dafür unsere Prinzipien zu verraten (welche Prinzipien?), uns klein zu machen. Nichts spricht dagegen, dass wir auch offensiv mit ihnen diskutieren, wenn es um die Art des Umgangs miteinander geht. Solche Diskussionen führe ich schließlich auch mit Nachbarn und Kollegen. Mir muss nicht gefallen, was jemand tut, sagt, glaubt. Ich kann ihn lassen, solange er mich ebenfalls lässt. So einfach ist das. Und so schwer. Mal ehrlich: Dieses Problem beschäftigt uns nicht erst, seit die Flüchtlinge zu uns kommen. Familie, Nachbarn, Kollegen – Herausforderung genug, was das Prinzip „Leben und leben lassen“ betrifft. Jetzt haben wir eine erweiterte Herausforderung.
Wir sind Menschen. Wir sind lernfähig.
* Alle Zitate entstammen dem Artikel „Liebe statt Küchenphilosophie“ aus der Süddeutschen Zeitung vom 4. Juni 2014.
Worauf ich hinaus will: Meine Mutter legte mir als Schwäche aus, dass ich die Kinder nicht schreien ließ. Nicht schreien lassen konnte, wie sie es ausdrückte. Sie hingegen hatte es gekonnt. Sie ließ mich und später meine Schwester schreien. Wenn wir abends gefüttert und gewickelt waren, ging es ins Bett und dann hieß es schlafen. Schrien wir, behielt sie die Nerven und wartete, bis wir uns von selbst beruhigt hatten. Dass sie ihr Verhalten damals als Stärke betrachtete, ließ sie mein Verhalten als Schwäche auslegen. Ich besaß wohl nicht die gleiche Nervenstärke wie sie. Ihr war mit Sicherheit nicht bewusst, dass ihre Methode ein Abkömmling der sog. schwarzen Pädagogik war.
„Kinder würden nur aus Langeweile schreien und hätten durchschaut, dass sie mit dem Schreien erreichen, dass sich Mutter oder Vater sofort um sie kümmern. Zudem hätte es noch niemandem geschadet, wenn er als Kind eine Zeit lang hätte schreien müssen.“ *Karl Heinz Brisch, Chef der Psychosomatik am Haunerschen Kinderspital der Universität München, sagt:
"Nach wie vor haben Eltern in Deutschland Angst, ihr Kind zu verwöhnen. Dabei weiß man, dass Kinder auf lange Sicht länger schreien, wenn sie erst warten müssen, anstatt dass die Eltern prompt auf ihr Schreien reagieren." *Und Florian Heinen, Chef der Abteilung für Neuropädiatrie und kindliche Entwicklung am Haunerschen Kinderspital, ergänzt:
"Schreien Kinder, ist das ein für Eltern deutlich zu lesendes Signal: Hier braucht es Achtsamkeit, Behutsamkeit und natürliches Interesse - schlicht Liebe. Was es nicht braucht, ist Verunsicherung der Eltern und Küchenpsychologie. Das hat nur negative Folgen." *Noch einmal Karl Heinz Brisch:
"[Kinder, die man schreien lässt,] lernen früh, auf ein Notfallprogramm im Gehirn umzuschalten, das analog dem Totstellreflex bei Tieren dem Überleben in absoluter Todesbedrohung dient." *Und Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik:
"Kinder brauchen verlässliche körperliche Nähe, um seelische Grundbedürfnisse zu befriedigen und Stress abzubauen. Nur dann können sie sichere, vertrauensvolle Bindungen zu den Eltern und später zu anderen Menschen aufbauen. Wir würden gerne elterliches Selbstvertrauen verordnen, nicht elterliche Überreflexion." *Ein solches Selbstvertrauen ist dringend nötig im Dschungel der unzähligen Erziehungsratgeber und im Konkurrieren der Pädagogen (und leider auch Eltern) um die besten Methoden. Ein blühendes Geschäft ist das, was zu einem großen Teil weder Kind noch Eltern hilft, sondern im Gegenteil Unsicherheit und Schuldgefühle befördert. Selbstvertrauen ist nötig, Liebe zum Kind, die Einsicht in den Sinn säuglings- und kleinkindhafter Ausdrucksmöglichkeit (Schreien). Einem Kind zu geben, was es braucht, bedeutet nicht, es zu verhätscheln und zu verweichlichen, sondern es im Gegenteil zu einem starken, vertrauenden Menschen zu erziehen. Das hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern mit Stärke und Verantwortungsbewusstsein. Und: Es ist zu schaffen. Am besten (und für manche nur dann), wenn diese Haltung auch von außen gestützt und gefördert wird.
Ich bin damals mit meiner Mutter auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen. Nicht schlimm. Ich glaube nicht, dass ich einen irreparablen Schaden davongetragen habe, weil meine Eltern mich schreien ließen. Und wenn doch, ist er inzwischen, auch dank diverser Therapien halbwegs behoben. Ich glaube ebensowenig, dass meine Kinder, nur weil wir sie nie schreien ließen, die glücklichsten und zufriedensten Menschen der Welt sind. Dazu gehört mehr.
Ich glaube aber, dass es eine Stärke ist und nichts anderes, wenn man sich dem Schwächeren zuwendet, wenn man sich kümmert und Sorge trägt. Es ist ein Stärke, keine Schwäche, eine Fähigkeit, keine Unfähigkeit, und es bewirkt etwas Gutes.
Es ist hingegen keine Stärke, wenn man sich dem Bedürfnis des Schwächeren verschließt, wenn man dicht macht und darauf wartet, dass der Hilferuf verhallt. Wenn man glaubt, das Problem erledige sich dann von selbst.
Und wo genau liegt eigentlich das Problem? Auf der Seite dessen, der in seiner Ruhe gestört wird, oder auf der Seite dessen, der Hilfe benötigt und sie berechtigt einfordert bzw. erbittet? Und wieso ist diese Konfrontation überhaupt ein Problem? Ist es nicht zunächst einmal einfach eine Begegnung? Etwas, das das Leben an möglichen Ereignissen bereithält? Entsteht das Problem in diesem Fall nicht erst dann, wenn die Hilfe verweigert wird und damit auf der einen Seite ein unmenschliches Verhalten als Stärke propagiert und etabliert wird und auf der anderen Seite ein Hilfesuchender frustriert und in seinem Vertrauen verletzt zurückbleibt, mit unabsehbaren Folgen für sein Leben und seine Persönlichkeit? Was macht das mit uns Menschen, wenn wir in unserem Menschsein herausgefordert sind? Wie verhalten wir uns, um Menschen zu bleiben?
Man sieht vielleicht spätestens jetzt, dass es mir hier um mehr geht als um schreiende Säuglinge und verunsicherte Eltern. Ich wollte hier weder Erziehungstipps verteilen noch einen pädagogischen Appell schreiben. Mir fiel ganz einfach im Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation das Gespräch mit meiner Mutter wieder ein. Unsere entgegengesetzten Definitionen dessen, was Stärke und was Schwäche ist. Ich musste an Angela Merkel und ihren Satz „Wir schaffen das.“ denken. Daran, wie unterschiedlich Politiker und Bürger reagieren. Auf wie gegensätzliche Weise sie Stärke zeigen. Wie eigentlich jeder meint, es sei zu schaffen, damit aber weder dasselbe Ziel noch denselben Weg im Auge hat. Die einen fühlen sich gestört und bedroht, wollen ihre Ruhe und ihren Frieden (definiere Frieden!) sichern und ihre (vermeintliche!) Stärke im Abschotten und sogar Abwehren zeigen, die anderen wollen auch den Frieden und sehen diesen zu erreichen und verwirklichen, indem sie friedlich handeln, sich selbst als Menschen im humanitären Sinne erweisen und dem Gegenüber die Zuwendung und Hilfe gewähren, die er/sie erbittet und benötigt.
Noch einmal zurück zu dem schreienden Säugling: Ich gehe nicht vor ihm in die Knie, ordne mich nicht unter, gebe mich und meine Prinzipien nicht auf, wenn ich auf sein Schreien reagiere (das immer notwendiger Ausdruck eines berechtigten Bedürfnisses ist). Ich folge im Gegenteil meinem Prinzip, nämlich dem der Humanität. Und ich tue dies aus einer menschlichen Stärke heraus, selbstbewusst.
Hier hinkt der Vergleich natürlich, denn wir haben es bei den Flüchtlingen (abgesehen von ihren Kindern) mit erwachsenen Menschen zu tun. Wir sind nicht ihre Erziehungsberechtigten (!!!). Wir können sie nicht wie Kinder behandeln. Aber sie bitten um Hilfe, und diese haben wir zu gewähren, so lange und in dem Maß, wie es nötig ist. Keiner verlangt von uns, dafür unsere Prinzipien zu verraten (welche Prinzipien?), uns klein zu machen. Nichts spricht dagegen, dass wir auch offensiv mit ihnen diskutieren, wenn es um die Art des Umgangs miteinander geht. Solche Diskussionen führe ich schließlich auch mit Nachbarn und Kollegen. Mir muss nicht gefallen, was jemand tut, sagt, glaubt. Ich kann ihn lassen, solange er mich ebenfalls lässt. So einfach ist das. Und so schwer. Mal ehrlich: Dieses Problem beschäftigt uns nicht erst, seit die Flüchtlinge zu uns kommen. Familie, Nachbarn, Kollegen – Herausforderung genug, was das Prinzip „Leben und leben lassen“ betrifft. Jetzt haben wir eine erweiterte Herausforderung.
Wir sind Menschen. Wir sind lernfähig.
* Alle Zitate entstammen dem Artikel „Liebe statt Küchenphilosophie“ aus der Süddeutschen Zeitung vom 4. Juni 2014.
Freitag, 27. November 2015
„Stay in bed and grow your hair“ (weiteres Nachdenken über den Frieden)
Sonja kommentierte unter meinem gestrigen Post, ihr erster Gedanke beim Lesen sei der an John und Yoko gewesen. Ja! Darauf war ich gar nicht gekommen. Ein Bed-in!
John Lennons „Give Peace a Chance“ entstand während seines und Yoko Onos zweiten Bed-ins, diesmal im Queen Elizabeth Hotel in Montreal, das vom 26. Mai bis zum 2. Juni 1969 dauerte.
„Die Begründung für ihre Aktion war, dass Demonstrationen die Öffentlichkeit zunehmend gleichgültig ließen und man die Menschen über ein Bed-In auf anderem Wege auf Probleme aufmerksam machen könne. Mit ihrer Botschaft "Sex für den Frieden" wollten Lennon und Ono humorvoll für Frieden werben. Ihr Statement sollte nicht so ernst wirken wie das von Martin Luther King oder Gandhi. Die traurige Ironie bei ihrer Entscheidung bestand jedoch darin, dass sie meinten, nur ernste Friedensaktivisten wie King und Gandhi würden erschossen.“
Der Song bezieht sich an vielen Stellen auf die Besucher während dieser Zeit, auch auf Menschen, die die beiden gerne als Besucher gehabt hätten, und auf Themen, die besprochen wurden. (Quelle: Songlexikon der Unis Freiburg und Düsseldorf)
Ist Frieden das Ziel oder der Weg? Ist er die Haltung, mit der wir den Weg beschreiten?
Welche Antwort kann es beispielsweise auf eine Erschütterung des Vertrauens geben, auf gewalttätige Angriffe von innen wie von außen, die zuerst Gefühle des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht hervorrufen, im Anschluss Wut und den Wunsch nach Rache, später und etwas heruntergekühlt dann das Ziel, (wieder) „Herr der Lage“ zu werden (was bedeutet das eigentlich?).
Die Bundeswehr steht nach ihren Engagements im Kosovo und in Afghanistan vor dem dritten Kampfeinsatz in ihrer Geschichte. Gestern wurde bekanntgegeben, dass Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado zur Unterstützung Frankreichs bei den Luftschlägen gegen die Terrormiliz IS geschickt werden sollen. (Quelle: tagesschau.de)
Ist Gewalt die einzige Option?
In den Tagen nach den Anschlägen in Paris wurde auch wieder Jens Stoltenberg zitiert, der norwegische Ministerpräsident, der in seiner Rede beim Trauergottesdienst für die Opfer der Breivik-Attentate unter anderem folgende Sätze sagte, die zugleich die Essenz seiner Rede darstellen:
Wie lässt sich eine solche Antwort voller Überzeugung formulieren und dann auch leben?
Ich möchte nicht aufhören, darüber nachzudenken.
Was Jens Stoltenberg sagte, erinnert mich auch an einen Song von Oasis:„Don‘Look Back in Anger“. Darin beziehen sie sich unter anderem auf die Bed-ins von John Lennon und Yoko Ono, und zwar mit folgendem Satz, der angeblich ein Zitat Lennons während eines Bed-ins darstellt:
John Lennons „Give Peace a Chance“ entstand während seines und Yoko Onos zweiten Bed-ins, diesmal im Queen Elizabeth Hotel in Montreal, das vom 26. Mai bis zum 2. Juni 1969 dauerte.
„Die Begründung für ihre Aktion war, dass Demonstrationen die Öffentlichkeit zunehmend gleichgültig ließen und man die Menschen über ein Bed-In auf anderem Wege auf Probleme aufmerksam machen könne. Mit ihrer Botschaft "Sex für den Frieden" wollten Lennon und Ono humorvoll für Frieden werben. Ihr Statement sollte nicht so ernst wirken wie das von Martin Luther King oder Gandhi. Die traurige Ironie bei ihrer Entscheidung bestand jedoch darin, dass sie meinten, nur ernste Friedensaktivisten wie King und Gandhi würden erschossen.“
Der Song bezieht sich an vielen Stellen auf die Besucher während dieser Zeit, auch auf Menschen, die die beiden gerne als Besucher gehabt hätten, und auf Themen, die besprochen wurden. (Quelle: Songlexikon der Unis Freiburg und Düsseldorf)
Everybody's talking about
Bagism, Shagism, Dragism, Madism
Ragism, Tagism, this-ism, that-ism
Ism ism ism
All we are saying is give peace a chance
All we are saying is give peace a chance
Everybody's talkin' 'bout ministers, sinisters
Banisters and canisters, bishops and fishops
Rabbis and pop eyes, bye bye, bye byes
All we are saying, is give peace a chance
All we are saying, is give peace a chance
Let me tell you now
Everybody's talking about, revolution
Evolution, masturbation, flagellation
Regulation, integrations, meditations
United Nations, congratulations
All we are saying is give peace a chance
All we are saying is give peace a chance
Everybody's talking about, John and Yoko
Timmy Leary, Rosemary, Tommy smothers
Bobby Dylan, Tommy Cooper, Derek Taylor
Norman Mailer, Alan Ginsberg, Hare Krishna, Hare Hare Krishna
All we are saying is give peace a chance
All we are saying is give peace a chance
All we are saying is give peace a chance
All we are saying is give peace a chance
All we are saying is give peace a chance...
John Lennon wurde erschossen. Von Frieden sind wir weit entfernt. Waren die Bed-ins also umsonst? Was ist mit anderen Pazifisten wie Gandhi und Martin Luther King, waren ihre Aktionen umsonst oder vergeblich, weil sie erschossen wurden?
Ist Frieden das Ziel oder der Weg? Ist er die Haltung, mit der wir den Weg beschreiten?
Welche Antwort kann es beispielsweise auf eine Erschütterung des Vertrauens geben, auf gewalttätige Angriffe von innen wie von außen, die zuerst Gefühle des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht hervorrufen, im Anschluss Wut und den Wunsch nach Rache, später und etwas heruntergekühlt dann das Ziel, (wieder) „Herr der Lage“ zu werden (was bedeutet das eigentlich?).
Die Bundeswehr steht nach ihren Engagements im Kosovo und in Afghanistan vor dem dritten Kampfeinsatz in ihrer Geschichte. Gestern wurde bekanntgegeben, dass Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado zur Unterstützung Frankreichs bei den Luftschlägen gegen die Terrormiliz IS geschickt werden sollen. (Quelle: tagesschau.de)
Ist Gewalt die einzige Option?
In den Tagen nach den Anschlägen in Paris wurde auch wieder Jens Stoltenberg zitiert, der norwegische Ministerpräsident, der in seiner Rede beim Trauergottesdienst für die Opfer der Breivik-Attentate unter anderem folgende Sätze sagte, die zugleich die Essenz seiner Rede darstellen:
"Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit."
Wie lässt sich eine solche Antwort voller Überzeugung formulieren und dann auch leben?
Ich möchte nicht aufhören, darüber nachzudenken.
***
Was Jens Stoltenberg sagte, erinnert mich auch an einen Song von Oasis:„Don‘Look Back in Anger“. Darin beziehen sie sich unter anderem auf die Bed-ins von John Lennon und Yoko Ono, und zwar mit folgendem Satz, der angeblich ein Zitat Lennons während eines Bed-ins darstellt:
„I'm gonna start a revolution from my bed / 'Cause you said the brains I had went to my head "Ich mag dieses Lied, man kann es – wie „Give Peace a Chance“ – wunderbar laut und friedlich mitsingen, deshalb:
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