Freitag, 22. Oktober 2010

Margriet de Moor: Es war eine lange Reise gewesen ...

"Es war eine lange Reise gewesen. [...] Jeder wird mich wiedererkennen, meinen Körper, meine Kleidung, meinen Tonfall ... niemand wird aus meinem Verhalten schließen können, dass meine Augen klarer sehen, dass ich Entfernungen einschätzen und im Dunkeln sehen kann. Und wenn ich gleich dasitze und die Zeitung lese oder Freunde zum Essen kommen: Wen wird es stören, dass ich zwischendurch auf eine Landschaft schaue, die niemand außer mir kennt, und mir Dinge ins Gedächtnis rufe, an die zu denken angenehm ist, stolze, barbarische, persönliche Dinge, die ich nie, mit wem auch immer, teilen können werde ..."

aus: Margriet de Moor, Erst grau dann weiß dann blau, Roman Hanser 1993

Freitag, 15. Oktober 2010

Zu wenig verlangt (Loses Blatt #25)

Ein Tisch, ein Stuhl, ein Fenster, ein Bett.
Scheint, als wäre das zu wenig verlangt.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Platzhalter

Auf der Suche nach Platzhaltern
Erschaffst du dir Erinnerung

Legst Worte auf den Teller
Gießt eine Stimme ins Glas
Setzt eine Geschichte auf den Stuhl
Du hängst ein Bild in den Spiegel, direkt neben deins

Und den Abschiedsbrief verstaust du auf dem höchsten Bord
Hinter den am seltensten gelesenen Büchern

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Verlorene Dinge (Loses Blatt #24)

Warum brauchen die verlorenen Dinge so viel Platz?

Freitag, 24. September 2010

Hoffnung

Einen Regenbogen packen und schütteln, bis er grau ist.
Dem Wind ins Gesicht lachen.
Ein "Ich liebe Dich" in den Himmel schleudern.
Alle Hoffnung auf's Meer setzen.

Freitag, 17. September 2010

Rezept gegen Schlechte Laune

Stell deine schlechte Laune in die Ecke. Lass alles stehn und liegen. Schlüpf in die Stiefel, schnapp dir Jacke, Tasche, Schlüssel. Wirf die Haustür hinter dir ins Schloss.
Setz dich ins Auto, dreh das Radio an, fahr los, zum Park.
Lauf eine Runde um den See. Stampf durch die Pfützen, spring hinein oder darüber. Pfeif den Vögeln ein Lied. Schick ein paar flache Steine übers Wasser. Sieh den Jungs mit ihren ferngesteuerten Booten zu. Beneide sie, die Boote und die Vögel, das Wasser und die Steine um ihren Gleichmut.
Zieh Stiefel und Strümpfe aus, kremple die Hosenbeine hoch, lach über die Blicke der anderen Spaziergänger und wate hinein ins eiskalte Wasser. Spür das Ziehen, den Kick, die Konzentration deines Körpers. Spür dein Blut und das Leben in dir. Die anschließende Wärme.
Nun stelle fest, dass du Lust auf Hühnersuppe hast. Besorge alles, was du dafür brauchst. Fahr voller Tatenlust nach Hause.
Fang den Nachbarn ab, der vor deiner Haustür steht und schon dreimal vergeblich geklingelt hat. Erinnere dich an den Termin, koch ihm einen Kaffee und lass ihn endlich deine Satellitenschüssel richten und den neuen Receiver anschließen. Freu dich, dass du am nächsten Sonntag wieder Tatort schauen kannst.
Währenddessen widme dich der Hühnersuppe: Brate das Hähnchen an, zerkleinere das Gemüse, öffne den Wein. Hol zwei Gläser, stoße mit dem freundlichen Alleskönner an auf die 300 zusätzlichen Programme, die du bald empfangen kannst. Wirf das Gemüse in den Topf; den Ingwer, die Zitronenviertel, die Chilischote. Gieß Sojasoße und Wasser drüber.
Geh wieder ins Wohnzimmer zu deinem Nachbarn und dem Wein. Lass dich in den Sessel fallen und plaudere ein bisschen, lach über die schlechten Witze, freu dich an der Freundlichkeit. Schiele rüber in die Ecke:
Da steht die schlechte Laune und schämt sich. Soll sie auch.

Donnerstag, 2. September 2010

Raymond Carver: Träge

"Die Leute, die besser dran waren, hatten's komfortabel.
Sie lebten in getünchten Häusern mit Wasserklosetten.
Fuhren Autos, deren Baujahr und Typ erkennbar waren.
Jenen, denen's schlechter ging, tat's leid und sie hingen rum.
Ihre seltsamen Wagen standen auf Klötzen in staubigen Höfen.
Die Jahre vergehen und alles und jeder
wird ersetzt. Doch eines bleibt wahr -
ich wollte nie was tun. Mein Ziel war immer,
träge zu sein. Darin sah ich das Verdienst.
Mir gefiel der Gedanke, in einem Stuhl zu sitzen,
vor dem Haus, stundenlang, nichts zu tun,
als einen Hut zu tragen und Cola zu trinken.
Was soll daran falsch sein?
Von Zeit zu Zeit an einer Zigarette ziehen.
Spucken. Mit einem Messer Dinge aus Holz schnitzen.
Was soll daran schlimm sein? Dann und wann die Hunde rufen,
und Hasen zu jagen. Versuch's einmal.
Bisweilen ein fettes, blondes Kind, eins wie ich, grüßen
und sagen: 'Wir kennen uns doch?'
anstatt: 'Was willst Du werden, wenn Du mal groß bist?'"


aus: Raymond Carver, Gorki unterm Aschenbecher, Gedichte
Maroverlag 2002

Montag, 26. Juli 2010

Gott

Jeden Abend nach dem Tischgebet teilten sie Dich in mundgerechte Stücke. Dann wurden wir gefüttert; einer nach dem anderen bekam sein Häppchen, immer reihum bis der Teller leer war. Wenn wir alles ohne zu murren aufaßen, waren wir brav. Dann durften wir meistens noch etwas spielen, bevor es ins Bett ging.
Wir spielten auf dem Boden, schoben geduckt unsere kleinen Autos hin und her, erfanden eine Welt ohne Dich, in der wir allem, allem schutzlos ausgeliefert waren. Bis sie uns aufklaubten und mit harten Bürsten den Geschmack des Verbotenen von unseren Zähnen und Zungen schrubbten.
Weiß und rein kuschelten wir uns dann in unsere Betten, blinzelten ins Kerzenlicht und ließen uns das wichtigste Wort des Tages in die Ohren pflanzen: Dein Wort. Herausgepflückt aus einem großen schwarzen Buch. Jeden Abend aufs Neue. Jeden Abend ein anderes.
Da konnten wir schön träumen! Von Erde und Licht und Blut und Zähnen und Klauen und Tod und Hölle und Gesetz und Strafe … Und sogar von Liebe! Liebe, die es unermesslich reichlich in vollkommener überfließender unvorstellbarer Fülle gab - geschenkt gab! - wenn man nur immer und immer und immer gehorsam und gehorsam und gehorsam war.
Manchmal schrie einer von uns im Traum. Er hatte sich gewehrt gegen Dein Wort und war auf der Straße gelandet, im Staub, allein; Autos fuhren vorbei, und keines brachte Rettung.
Dann kamen der Morgen und mit ihm Dein Glanz und Deine Herrlichkeit, ein ganzer neuer Tag unter Deinem guten Stern. Wir wussten in- und auswendig, wie glücklich wir uns schätzen durften.

So vergingen die Tage, die Wochen, die Monate, die Jahre. Aus uns wurden Helfer. Wir bekamen die scharfen Messer in die Hand. Mit Stolz und Ehrfurcht zerschnitten wir Dich in mundgerechte Stücke, fütterten die Neuen, ließen sie ein wenig spielen, schrubbten den Schmutz von ihren Zähnen und Zungen, brachten sie zu Bett, pflanzten Dein Wort in ihre Ohren. 
Auf alles hatten wir eine Antwort bekommen. Und immer waren die Antworten unseren Fragen vorausgeeilt. Und so wussten wir alles, was wir wissen mussten und konnten den Neuen gute Lehrer sein mit unserem großen Antwortschatz.

Doch einer von uns war verloren gegangen. Wir trafen ihn einmal, er sang seine Fragen in den Wind. Und diese Fragen waren uns fremd. Wir hatten keine Antworten darauf. Da wussten wir, dass er nicht mehr zu retten war. Wir überließen ihn dem Staub der Straße.
Als wir noch einmal über die Schulter zurückblickten, sahen wir, wie er zwischen zwei vorbeifahrenden Autos ein Rad schlug.
Manchen von uns klingen seine Worte noch heute leise in den Ohren:

Fremder
Gestalt gewordene Relevanz
Furchteinflößer
Tröster
Offene Hand
Innerer Zusammenhang
Letzte Instanz

Weinst du manchmal?
Oder immer?
Worüber lachst du?
Verstehst du Ironie?
Was ist dein Lieblingswitz?
Spielst du gerne?
Im Ernst?

Warst du schon mal verliebt?
In wen?
Wen liebst du am meisten?
Liebst du mich?
Wirklich?
Kann ich dir trauen?
Wer bist du?

Wo schaust du hin?
Siehst du mich?
Wenn ja, warum sehe ich dich dann nicht?
Bin ich dein Spiegel?
Siehst du dann dich?
In mir?
Und wenn du wegschaust, wo bin ich dann?

Sieh doch:
Ich denke
Selbstständig
Strample in deinen Armen
Will nichts als Bewegungsfreiheit

Und ich will nicht,
Dass du weißt,
Wie sich das anfühlt!

Schmerzt dich das?