Samstag, 30. Juni 2012

Tausend Leben

Stell dich ein Stück weit vom Morgen entfernt
und von der Frage 'Was wird sein?'
du bist schön
so schön, das sieht kein Spiegel
in hundert Jahren wirst du schlafen
und was war wird weiterwachsen
wir werden - vielleicht -
beieinander liegen
Schulter an Schulter
in unserer Brust ein Leuchten
das wird uns wecken
und aus der Frage 'Weißt du noch?'
wird ein Strom von Geschichten entspringen
aus mehr als tausend Leben

Freitag, 29. Juni 2012

So what?

Sie sprach mit ihm gerne verblümt, weil er sie dann so liebevoll zerpflückte. Umgekehrt dasselbe.
Ach, und sie konnten ja gar nicht anders! 
Wie sehr hätten sie sich gegen ihre Natur stellen müssen, wären sie immer klar und gemessen gewesen. Diese Fesselung hatten sie sich erspart. Und auch die Bereinigung. Viel Unaufgeräumtes türmte sich um sie herum, Berge, unfassbar bunt, und aus jeder Ritzte sprießten vorwitzige Halme.
So ließ sich leben, dachten sie, und sprachen weiter in Bildern, die auf Rahmungen pfiffen. Ein Puzzle mit ungezähmten Teilen. Kein Ende in Sicht.
So what? Liberty rocks!

Donnerstag, 28. Juni 2012

Rezept für die Aufzucht eines Poeten:

"So viel Neurose, wie das Kind verträgt." (W.H. Auden)

Gefunden in Ken Bruen, Jack Taylor fliegt raus, meiner Lektüre während der Zugfahrt nach Frankfurt und zurück.
Was wollte ich denn in Frankfurt?
Das hier: Besuch der Jeff-Koons-Ausstellung (Must see!), Kaffee mit Melusine von Gleisbauarbeiten und Phyllis von Tainted Talents (Frauen, yeah!) am Mainufer, dann mit Melusine zu Thomas Hartmanns Ausstellung Mountains of Disbelief (beeindruckend (Lieber Thomas, es hallt noch nach.)), die leider heute zum letzten Mal zu sehen ist.
Liebe Melusine, schön war's!

Dienstag, 26. Juni 2012

Seitenumblätterer (Loses Blatt #45)

Mehr oder weniger virtuose Seitenumblätterer, wir alle.

Sonntag, 24. Juni 2012

Zettelkram

Einmal hatte ich draußen im Freien einen Zettel gefunden, auf dem stand in Krakelschrift ein kleines vollkommenes Gedicht. Das heißt, ob es vollkommen war, wagte ich eigentlich nicht zu beurteilen. Es sprach mit mir, so war das, und es griff in mich hinein und drehte etwas in mir herum, sodass mein Interieur anschließend umgeordnet war. 
Aber was für ein Mensch war ich denn, und wie war denn meine Tür beschaffen, musste man klopfen oder klingeln, stand sie möglicherweise offen, und man konnte einfach eintreten ins Innere? War sie aus Glas oder aus Holz? Eine schwere Eisentür? Nein, sicher nicht. 
Vielleicht war es leicht, mich zu beeindrucken, war da etwas Schlichtes, das auf ebenso Schlichtes reagierte. 
Wüsste ich nur den Verfasser dieser Verse. Wüsste ich, ob es ein obenstehender oder ein uneingeordneter war, ob ich hoch zur goldenen Schublade oder unten hinein ins Sonstige greifen sollte.
Ich steckte den Zettel in meine Jackentasche und faltete ihn dort mit blinden Fingern zu einer Blüte. Als ich ihn zuhause in der Diele herausnahm, duftete er, und das Papier schimmerte bläulich. 
Ich bereitete mir Tee und belegte einige Scheiben Brot mit irgendwas, das hatte keine Wichtigkeit. In der Stube am Tisch strich ich den Zettel glatt, seine Farbe changierte ins Grün. Ich las das Gedicht erneut, es sprach von Urteilskraft, ohne dieses Wort zu verwenden. Und es sprach zu mir ohne Absicht, so schien es mir, und das war ja auch plausibel, kannten mich doch weder Verfasser noch Gedicht. 
Diese Absichtslosigkeit machte mich weich und durchlässig. Die Worte leuchteten mir ein. Und sie leuchteten weiter, nachdem das Licht ausgeknipst war, und auch noch, als ich längst die Augen geschlossen hatte. Selbst in meinen Schlaf und in meine Träume hinein leuchteten sie.
Am Morgen saß der Zettel auf dem Fensterbrett. Als ich nach ihm griff, breitete er zwei winzige durchscheinende Flügel aus und entwich durch einen Spalt ins Freie. Und in meinem Kopf flatterte die Erinnerung an etwas, das ich für mich behalten würde wie einen Schatz, denn ich würde sowieso nicht die Worte finden, um es zu beschreiben. Und wer würde mir schon glauben?

Freitag, 22. Juni 2012

Erdung

Sie hatten sich im Licht der langen Tage verfangen, waren in Hitze geraten und gruben sich, um zu entkommen, ein Lager ins kühlere Erdreich. Sie umsteckten es mit verblühenden Rosen, ihnen so ähnlich. Am Rand stellten sie ein Becken auf, um darin den flüssigen Mond zu sammeln, für ein Bad am Morgen. 
Sie waren Sommer, von ihren Gliedern tropfte purpurner Saft, zwischen ihren Zehen wucherte Gras, von den Zungen rieselte Salz. Sie waren übersatt, geschmirgelt vom Sand, verwaschen von Sonne und Wind, ihre Sinne loderten und lechzten nach Dunkelheit. 
Tief unten in ihrem Bett erzitterten sie zwischen Würmern und moderndem Laub, erhielten sie die erhoffte Ahnung von Schnee. Der Abkühlung entsprangen klarere Bilder und Schmerzlinderung. Aus der Restwärme ihrer Körper bereiteten sie sich ein gemeinsames Mahl.
Es war ihr erstes Leben, noch konnten sie nichts aus Erfahrung tun, aber ihre Köpfe machten Notizen für alle folgenden Reisen. Wege kamen auf sie zu.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Zusammensetzung

Ich tummle mich im Netz und wäre viel lieber am Meer.
Ich brauche einen neuen Laptop und träume von einer Reiseschreibmaschine.
Ich lösche per Tastendruck und würde lieber einen Bogen Papier zerreißen.
Ich sammle und streue Äußerungen und sehne mich nach Innerung.
Ich spiele mit einem Gedanken, ich bahne mir einen Weg, ich halte die Schere schon in der Hand.
Ich setze mich auseinander und wieder zusammen.
Ich halte fest, um auf mich wirken zu lassen.
Ich nehme ernst, was in mir spricht.
Ich warte ab und handle zugleich.
Ich schenke meinem Kopf eine Tür.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Nachtwunsch

für T.


Du sollst behütet sein
wie das kleinste
wie das schwächste
sollst du beschützt sein
wie das empfindlichste
blassgelbe Blütenblatt
sollst du gehalten sein
an deinem Platz
unter den Wolken
unter dem Mond
unter dem Sturm
sollst du geborgen sein
in einer Hand aus Güte
sollst du wissen
dass du sicher bist
nicht vor aller Gefahr
aber mitten hindurch
sollst du beruhigt sein
und gesehen 
und geliebt