- Lass uns über die Fundstücke sprechen. (sagtest du) - Sie baten mich um Verschwiegenheit.(sagte ich) - Das bildest du dir ein. - Wie kannst du das behaupten? Sie sprachen ganz deutlich zu mir. - Was sprachen sie denn? - Dass ihr Geheimnis gewahrt bleiben muss und dass ich sie vor den Hütern in Sicherheit bringen soll. - Es ist gut, dass du das getan hast. - Siehst du! - Das heißt nicht, dass sie zu dir sprachen. - Aber wie sonst sollte ich ... - Aus einer Eingebung heraus, die du ernst nahmst. - Was macht dich bloß so sicher in deinen Behauptungen? - Dass ich noch nie in einen Spiegel gesehen habe. - Das erzähltest du mir bereits. Ich kann es kaum glauben. - Es ist die Wahrheit. Spiegel vermögen die Sicht zu verstellen. - Aber wie gelingt dir das? Überall hängen Spiegel herum. - Es ist in der Tat eine große Versuchung. Aber nur so bleibe ich in Verbindung. - In Verbindung womit? Mit wem? - Mit den Dingen. - Du meinst, du seist, anders als ich, in der Lage, sie zu hören, mit ihnen zu sprechen? - Das bin ich. Weil wir aneinander interessiert sind. - Mehr als an euren Spiegelbildern. - Ja, viel mehr. - Du verurteilst also das Betrachten des eigenen Spiegelbilds. - Nein, das tue ich nicht. Ich entschied mich lediglich für etwas anderes. - Gibt es denn keinen Mittelweg? - Doch, den gibt es, aber der ist schwer zu beschreiten. Ich weiß nicht, ob ich es könnte. - Dabei scheinst du so stark. - Du siehst mich nicht ganz. - Wegen der Spiegel? - Wegen der Spiegel.
Das musste ich erst einmal sacken lassen. Sprachen wir also über die Fundstücke. Wir waren uns einig, dass sie uns einmal nützlich sein könnten und wir sie deshalb gut verwahren sollten. Die Angelschnur brachten wir gleich zum Einsatz. Ihr eines Ende schlangen wir um ein Füßchen der Nachtigall und schoben zum Schutz ein zartgrünes Blättchen zwischen Schnur und Bein. Das andere Ende befestigten wir an einem Stein. So wollten wir sichergehen, dass der kleine Vogel, sollte er überraschend aufwachen, nicht davonfliegen würde. Überhaupt war dieses schlafende Tier das erstaunlichste unter den Fundstücken. Es hatte in einer Schublade in dem seltsamen Haus gelegen. Zuerst hatte ich es für tot gehalten, obwohl das Federkleid so frisch aussah. Ich hatte den kleinen Körper behutsam in die Hand genommen. Er war ganz schlaff, das Köpfchen baumelte herab. Aber er war warm und das Herz pochte leise. Ein Lebewesen im Tiefschlaf. Mir waren Tränen in die Augen geschossen. So etwas Anrührendes war mir nie zuvor begegnet. Ich zeigte dir den Vogel, du erkanntest ihn sogleich als Nachtigall. Nach meiner Flucht und der Wiederbegegnung mit dir am Fluss bereiteten wir dem kleinen Schläfer ein Lager aus Moos und Blütenblättern. Wir betteten ihn regelmäßig um und gaben ihm mithilfe eines Grashalms Tau zu trinken. Ich war verzaubert von den winzigen Schluckbewegungen, dem zarten Flaum unter dem hellbraunen Gefieder, dem kaum sichtbaren Heben und Senken des kleinen Brustkorbs, dem leisen Herzschlag. Ich begann zu lieben, was wir hier taten.
(Welche du benutztest, um für jedes einzelne Fundstück eine eigene Seite anzulegen, auf der später genauere Beschreibungen festgehalten werden sollten.)
- einige Meter Angelschnur - ein Tütchen Sonnenblumensamen - ein Klappspaten - ein Stück Treibholz - eine schlafende Nachtigall
Am nächsten Morgen wolltest du reiten. Noch bevor ich ein Wort über die Nacht verlieren konnte, die so ... Komm schon!, riefst du ungeduldig, und ich schüttelte den Silberstaub ab, saugte den Tau von meinen Fingern. Du hattest die zwei erstbesten Pferde gesattelt. Wo kamen die her? Und konnte ich überhaupt reiten? Ich konnte. Wir flogen über die erwachenden Wiesen, und zum ersten Mal hörte ich dieses Jauchzen, das tief aus deiner Brust kam und nach dem ich augenblicklich süchtig wurde. Aber nein, dies war gar nicht das erste Mal, ich hatte es schon einmal gehört, in der Nacht, ja, und dabei gedacht, wie unglaublich schön du bist. Ich rief mir unser Gespräch vom Abend ins Gedächtnis. Wir hatten unser Lager am Fluss aufgeschlagen und lagen dicht beieinander, um uns zu wärmen. Du erzähltest, du habest noch nie in einen Spiegel gesehen. Nicht zu fassen. Das sollte ich dir glauben? Du batest mich, die Augen zu schließen, Dein Gesicht mit meinen Händen zu ertasten und Dir zu beschreiben, was ich 'sah'. Es fiel mir zunächst nicht leicht, denn ich hatte Dich ja bereits wirklich vor Augen. Nach einer Weile aber spürte ich, dass meine Finger ganz neue Facetten entdeckten. Ich glitt über sanfte Rundungen und stieß an harte Kanten, es gab weiche Stellen, die mich rührten und geheimnisvolle Winkel, die mich erregten. Das alles versuchte ich für Dich in Worte zu fassen. Ich ertastete auch dein Lächeln, das auf meine unbeholfenen Beschreibungen folgte, strich über deine Lippen und ließ deine Zunge mit meinen Fingern spielen. Du fragtest, ob ich es schaffen würde, die Augen geschlossen zu halten, und ich erwiderte, ich wolle es versuchen. Wir liebten uns blind, aber danach war mir, als hätte ich noch nie irgendjemanden so sehr gesehen wie dich. Darüber hätte ich gerne mit dir gesprochen. Und ebenso gerne hätte ich mit geöffneten Augen wiederholt, was wir mit geschlossenen getan hatten. Doch stattdessen nun dieser Ritt. Die Welt, die auf uns zuflog mit einer Geschwindigkeit, die mich ahnen ließ, dass es von hier kein Zurück mehr gab. Dein Jauchzen, das mich wünschen ließ, wie du zu sein. Hatte ich dich deshalb erträumt? Hatte ich? Dich erträumt?
Rückzug allerorten. Nein, stimmt gar nicht. Weder wirklicher Rückzug, eher (Rück)Besinnung. Und auch nicht allerorten, sondern hier und da. Nur mein erstes Empfinden war so absolut. Als würde etwas wegbrechen, das bisher zuverlässig da war und an das ich mich jederzeit anlehnen konnte. Andreas Wolf drüben bei Sichten und Ordnen empfand es wohl ähnlich, so entnehme ich es seinem heutigen Blogeintrag. Was passiert denn da? Menschen reflektieren ihr Tun und Lassen im Internet, speziell ihre Präsenz in Blogs. Sie stellen fest - nach einem langen grauen Winter -, dass es noch anderes gibt als das Vertiefen in Texte, zu schreibende wie zu lesende. Hebt man nämlich den Blick vom Bildschirm, von der Tastatur, vom Buch, vom weißen Blatt Papier, fällt er vielleicht durchs Fenster hinaus auf Boten aus einer anderen Welt, mit der wir fast gar nicht mehr zu rechnen wagten. Grün! Gold! Sie, wir spüren eine Art Unbefriedigung in unserem Tun, das uns bis vor kurzem noch so unendlich wichtig war, in dem wir sogar rettende Funktionen entdeckt hatten, teils sogar lebensrettende, so das Empfinden, das nicht lügt, nur manchmal Scheuklappen trägt und sich als exklusiv betrachtet. Wir glaubten, angekommen zu sein auf einer beweglichen Plattform und hatten uns gerade eingerichtet, da passierte etwas, das nicht nur aus uns kam, sondern auch von außen auf uns zu. Dass es das gab, hatten wir fast vergessen in unserer geschlossenen Welt, deren Begrenzung wir aufgrund ihrer enormen Ausdehnung gar nicht wahrgenommen hatten. Da flatterten Nachrichten herein aus Fernen, Lüfte und Bücher und Vögel, Wildheiten, Fremdes. Und Bekanntes. Tief von den Wurzeln her. Bekanntes, Vertrautes, das uns gerne mal wieder in die Arme schließen wollte. Und wir ließen es zu, ließen uns herumtragen, ließen uns zeigen, was es sonst noch gab an Möglichkeiten, ließen uns mitnehmen, überließen uns dem Fluss ... Wir würden wiederkommen, mit der Flut. (Diese Gedanken sind sehr meine. Dass ich "wir" schreibe, bedeutet nicht, dass ich anderen die gleichen Motive unterstelle wie mir. Und auch nicht, dass ich meine damit ganz erfasse.) An einigen Stellen gibt es gerade ein Nachdenken übers Blogschreiben (wie es das ja immer mal wieder gibt, überall), ein Nachdenken über das Warum, Was, Wie, Wozu, z.B. bei Melusine (da hat es mich am stärksten berührt, im ersten Moment sogar schmerzlich getroffen), vorher auch bei Norbert W. Schlinkert, z.B. hier (da auch in einem Kommentar von Phyllis Kiehl), und bei Andreas Wolf. Es gibt noch weitere Stellen. Mir kommt es vor wie eine Welle. Oder wie eine den Gezeitenkräften unterworfene Bewegung. Worin dann auch eine begründete Hoffnung läge: Das Meer kommt wieder, absolut zuverlässig, und schwemmt Neues ans Land. Derweil können wir Schätze sammeln im Watt. Ich zitiere an dieser Stelle mal ein älteres Gedicht von mir, weil es grade gut passt. Für mein Empfinden jedenfalls.
Hinaus ins Watt
Verlass nicht diese Stelle die sich erschöpft hat gerade als du tief eintauchen wolltest Ebbe hinaus ins Watt Schätze zu sammeln Muscheln und Herzsteine zum Fädeln auf die goldene Schnur deiner Erinnerung bevor die Flut wiederkehrt und dir das Meer zurückgibt genau an dieser Stelle
Als ich losließ setzte die Schwerkraft aus ich klammerte mich an eine Seifenblase die zerplatzte ich trudelte weiter bis ich von innen an meine Haut stieß so weit draußen war ich noch nie gewesen
(Was als Traum begann, lässt mich nicht mehr los. Nach der ersten Fortsetzung nun eine weitere. Wo das hinführen wird? Wenn ich das wüsste.)
Am Fluss angekommen begann ich umgehend damit, mich meiner schmutzigen Kleider zu entledigen. Erst da, noch atemlos von der Flucht, wurde ich mir der Tasche bewusst, die ich den ganzen Weg mitgeschleppt hatte und die vollgestopft war mit Fundstücken aus dem seltsamen Haus. Ich musste sie mir reflexartig umgehängt haben, vielleicht weil ich die Dinge darin vor einer Entdeckung durch die Hüter bewahren wollte. Aus demselben Grund habe ich sie übrigens bisher in meiner Geschichte unerwähnt gelassen, sprach lediglich von der Spritze und dem Bilderbuch. Die anderen Fundstücke hatten mich unmissverständlich zum Schweigen aufgefordert, zum Wahren ihres Geheimnisses. Ich legte die Tasche nah am Ufer ab, warf meine Kleider auf einen Haufen, die würde ich später waschen und zum Trocknen in die Sonne legen. Dann stieg ich nackt in den Fluss. Er war nur knietief an dieser Stelle, sprang über faustgroße Kiesel und entließ nach und nach kleine Fische aus seinen Schatten. Ich bückte mich, schöpfte vom kühlen Wasser und spritzte es mir ins Gesicht. Da legte sich von hinten eine Hand auf meine Schulter. Ich fuhr herum, schon in dieser blitzartigen Bewegung ahnend, wen ich vor mir sehen würde. Und tatsächlich. Da warst du, unverändert, von mir bis hierher getragen. Ich unterdrückte meine aufkommende Verwirrung, wollte lieber fraglos hinnehmen, was da an scheinbar Unmöglichem geschah. Wollte nicht wissen, ob ich noch träumte oder längst erwacht war. Oder möglicherweise in einer Art Zwischenwelt gefangen war. Spielte das eine Rolle? Ich hatte eine Gänsehaut, mein Herz klopfte laut, dein Blick war wach und mir zugewandt. Und ich vernahm ein Rauschen, das sowohl vom Wasser als auch von meinem eigenen Blut als auch von einer Filmspule herrühren konnte. Wie unwichtig, das zu wissen.