Mittwoch, 8. August 2012

Guten Morgen! (Frühstück ist fertig)

- Hier, iss!
- Aber das lebt ja noch!
- Sonst wäre es sinnlos.
- Es wird mich von innen auffressen.
- Es wird dich kitzeln und lecken.
- Und das werde ich mögen?
- Sehr sogar.
- Aber was ist es denn?
- Erkennst du das nicht?
- Nein, es zappelt doch so.
- Vor freudiger Erregung.
- Bitte sag mir, was es ist!
- Es ist der junge Tag. Nun beiß rein!

Sonntag, 5. August 2012

Heute mal

Heute mal nicht klug sein
sondern zärtlich
keinen Widerspruch dulden
Korrekturwünsche abschütteln
den jungen Vogel
schon nach sieben Zeilen
in die Lüfte entlassen

Freitag, 3. August 2012

Im Strom

Ertappte sie sich dabei, wie sie sich von Hochgeschwindigkeit überrollen ließ. Kam diese von hinten gestürmt, auf sie gestürzt, alles mit sich in den Strudel reißend, dass die Ränder ihrer Poren flatterten und die Haarwurzeln um Halt flehten. Schrie sie auf vor Entzücken! War sie so eine leicht ansteckbare Person, dass sie sich anstacheln ließ von über die Straße huschenden Rufen und um die Ecke flitzenden Lachern. Galt alles ihr, nur ihr, musste alles eingefangen werden und auf der Stelle verzehrt. Da musste sich fallengelassen werden mitten hinein in den brausenden Strom und sich hingegeben werden dem Toben mit einer vollkommen angepassten Beschleunigung von niemals auf sofort. Flog dann ihr Atem nur so und trug er sie nur so davon und sämtliche Vergleichsmöglichkeiten gleich mit. Lag sie dann umgestülpt und entkernt, ein Maschinenwesen, und die Seele war wo? Ja, wo war sie denn, und war denn überhaupt eine gewesen vor dem Orkan und jemals? Wie sollte denn einer inmitten dieser Raserei etwas fassen oder halten oder überhaupt nur erkennen, wie? Fiel sie schließlich rücklings in die klebrige Masse batteriebetriebener Zeit, schlug sie auf im Brei der gequirlten Kontinuität, paddelte sie mit verbliebener Kraft einen letzten Satz aus sich heraus, wenigsten den, für den aufrechten Stein bestimmten, wollte sie selbst erfinden, noch auf die Schnelle, vor der großen Überschluckung durch die selbstherrlich hetzende Materie siegeswütiger Mensch. Erblickte der letzte Rest Neugier ein Fitzelchen Pause am Rand, warf der letzte Rest Selbst einen winzigen Anker und senkte sich letzten Moments hinterher und hinein und drückte eine Kuhle in den Ort, der vorher nur tosende Bahn. Erwachte dort unten ein Keim, so ein winziger, winziger Keim mitten hinein in ihren gewölbten Leib, barg sie diesen vor allem, für sich und zog einen gültigen Halt.

Kunst lebendig (Blatt #49)

Wie lebendig Kunst sein kann, wenn sie sich der ästhetischen Sicherungsverwahrung entzieht.

Loser Gedanke zur diesjährigen Documenta unter der Leitung von Carolyn Christov-Bakargiev.

Donnerstag, 2. August 2012

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Folgendes:
Ich habe mir überlegt, dass ich hier in meinem Garten gerne Bänke aufstellen würde, und zwar am liebsten blaue, aber dann würde ich im Schuppen ein paar Eimer Farbe deponieren, eine Auswahl verschiedener Töne zur freien Verwendung für diejenigen unter Euch, die lieber eine rote oder eine grüne oder eine bunte Bank hätten.
Vielleicht gäbe es auch eine Hollywoodschaukel, die vermutlich zu meinem eigenen Lieblingsplatz würde, wer sich also zu mir gesellen und mich einmal aus der Nähe betrachten und beschnuppern wollte - Wir könnten auch ein leises Zwiegesprächlein führen. Ja, der Gedanke gefällt mir.
Gäbe es auch einen Strandkorb? Hm, dann müsste ich ein kleines Meer einrichten, das scheint mir aufwendig, aber nicht unmöglich, also mal sehen.
Allerdings bräuchte das seine Zeit, und versprochen ist hiermit nichts.
Das Tor zum Garten bliebe unverschlossen, das Willkommen gälte bei Tag und bei Nacht und auch während meiner Abwesenheit. In solchem Falle läge der Schlüssel zum Haus unter der Matte, nur passte er nicht, denn mein Haus, das behielte ich für mich. Da bin ich völlig frei.
Gäbe es eine Gartenbenutzungsordnung? So wie ich meine BesucherInnen bisher erlebe, wäre es nicht nötig, irgendetwas zu regeln, und das Tor ließe sich ja jederzeit wieder verschließen, immerhin handelt es sich um meinen Garten. 
Aber ich bin neugierig, und Neugier wäre etwas, das ich mir über alles von meinen Gästen (oder muss es GästInnen heißen?) wünschte. Neugier auch auf Fremdartiges. 
Abgesehen davon verzichtete ich auf Mitbringsel jeglicher Art sowie Installationen Eurer eigenen Werke. Die sähe ich mir doch lieber bei Euch drüben an, gäbe bei Gefallen aber gerne Hinweise darauf.
Anfassen wäre erlaubt sowie Stille und Äußerungen jeder Art, auch Fragen, Hinterfragungungen und Infragestellungen und ein Diskutieren der Sache. Aber das gilt ja schon längst (wie auch manches aus dem vorigen Abschnitt), auch ohne die Möglichkeit, sich gemütlich niederzulassen. Es sei denn, Ihr lagert hier ab und zu im feuchten Gras. Na?
Soweit meine Überlegungen. Ich muss gestehen, ein wenig mulmig ist mir jetzt doch zumute. Vielleicht warte ich noch ein Weilchen mit der Umsetzung und spiele lieber noch ein wenig mit dem Gedanken, denn er gefällt mir durchaus. Derweil bleibt das Tor weiterhin geöffnet, alle Stellen des Gartens frei zugänglich und meine Neugier ungebrochen.
Ach, und übrigens: Es gibt noch so viel freies Bloggebiet zu erobern und in Besitz zu nehmen, noch so viel unberührtes Land, das urbar zu machen ist und nach Lust und Laune bewirtschaftet, bebaut und bewohnt werden kann. Just for free! Greift zu! Und wenn Ihr Lust habt, stellt Bänke für die Besucher auf.

Montag, 30. Juli 2012

Fensterputz

Über eine lange Zeit hatte sie ihre Fenster nur noch auf der Innenseite geputzt. Sie wollte bei zurückgezogenem Vorhang kleine Blicke nach draußen werfen, aber niemand sollte hereinschauen können. 
Nun stand sie mit Eimer und Fensterleder bewaffnet vorm Haus und machte die Außenseiten der Scheiben durchsichtig. 
Sie wischte kreisförmige Luken in den Schmutz, zierliche Bullaugen, die Einblicke aus verschiedenen Winkeln erlaubten. Versuchshalber lugte sie immer wieder selbst hindurch, warf kritische Blicke in Küche, Wohnzimmer und Bad. 
Da konnte sie sich beobachten bei der Zubereitung winziger Einpersonenmenüs, beim Versuch, den Raum zu füllen, indem sie ständig von Sessel zu Sofa zu Stuhl wechselte, beim Blick in den Spiegel und der stummen Zwiesprache mit dem einzigen ihr zugewandten Gesicht. 
Am Schlafzimmerfenster zögerte sie und wischte dann doch einen Ausschnitt blank. Der Blick auf ihr Bett mit den gesetzten Segeln trieb ihr die Hitze in die Wangen. Auf modernden Füßen stand es in der riesigen Blechwanne. Das Wasser schwappte und schlug gegen den Rahmen, wenn sie sich in ihre Kissen senkte. Und wenn sie wilden Fantasien nachhing und nicht stillhalten konnte, spritzte die Gischt bis zu ihr hinauf, netzte ihre Wangen und sprach von Weite und Ausgesetztheit.
Zurück in der Wohnung nahm sie die riesige gerahmte Fotografie von der Wohnzimmerwand, trug sie ins Schlafzimmer und stellte sie dort aufs Fensterbrett. Von draußen war nun deutlich zu erkennen, wer hier glücklich in einem Boot saß: Die ganze Familie zusammengedrängt auf dem großen Ehebett, dem Fotografen übermütig in die Linse lachend, Jahre bevor ...
Aber zum Kochen trug sie nun jedesmal  ein anderes Kleid, im Wohnzimmer standen Blumen auf dem Tisch, und im Badezimmerspiegel tauchte hin und wieder ein fremdes Gesicht hinter ihrem eigenen auf.
Etwas kitzelte in ihren Adern. Vielleicht war es Neugier. Um vorbereitet zu sein, bezog sie ihr Bett mit neuer Wäsche, besserte die Segel aus und füllte die Wanne mit frischem Wasser. Es konnte jederzeit losgehen.

Samstag, 28. Juli 2012

fliegenfischen

geh doch 
nicht
fort
mit dir
wollte ich
fliegen
(und)
fischen
und töten
spielen
zum besiegen
des feindes
angst
in unseren armen
fangen
wir, ja
die blicklose
rollende 
welt
brandet
fort
und fort
wollen wir
mit
?

Donnerstag, 26. Juli 2012

Entblätterung

Was tue ich hier in meinem Blog? Und warum?
Einschließlich der Umkehrfragen: Was tue ich nicht? Und warum nicht?
Ich habe mir mein eigenes Zimmer geschaffen, will aber keine Wände und nenne es deshalb Garten. Schränke mich dennoch ein. Wirklich?
Nein, es wächst ja und dehnt sich, zieht sich zurück, zerfällt, erblüht neu, anders, variiert, schöpft aus sich selbst sowie aus Angrenzendem und Eindringendem.
Ich stehe auch auf der anderen Seite des Garten(zaun)s und beobachte mein Tun und Lassen, ermahne mich zu größtmöglicher Freiheit. Mach es Dir nicht zu bequem in der Schublade, in die Du (vielleicht?) gesteckt wurdest!

Was ich in den letzten Wochen gefunden habe: 
- Über Sammelmappe bei Journelle: Nachdenken darüber und Definitionsversuche dessen, was ein Blog ist/ sein kann.
Meine Gedanken dazu: Mein Blog ist mein Zimmer, mein Garten. Ganz und gar meins. Es bedarf darüber hinaus keiner Definition. Mein Blog ist weder Literatur noch Tagebuch noch Themenblog und ist zugleich alles davon. Es ist nicht nötig, eine Kategorisierung vorzunehmen. Mein Blog ist MEIN Zimmer und MEIN Garten. Hier wohne, schalte und walte ich. Herzlich willkommen!
- Bei Melusine in verschiedenen Beiträgen, z.B. hier und hier und hier: Nachdenken über den Blick, das Sehen, das Schauen, das Zurschaustellen, das Zeigen und Verbergen, über den (ab)wertenden Blick, den Schlüsse ziehenden, ausschließenden, machtergreifenden Blick, über den sich selbst reduzierenden Blick.
Meine Gedanken/ Fragen dazu (im Anriss): Was schaue ich mir an, was fällt mir ins Auge, wann sehe ich weg? Was von mir zeige, verberge ich? Welchen Einfluss nehme ich aus welchen Gründen auf meinen Blick? An welcher Stelle trifft meine Freiheit des Hinschauens und Betrachtens auf die Freiheit des Angeschauten und Betrachteten? Was geschieht an dieser Stelle, diesem Berührungspunkt und warum, wozu und wie?
- An verschiedenen Stellen (die ich nicht nennen muss, sie sind vielfältig und bekannt): Nachdenken über Beschneidung aus verschiedenen Perspektiven, Prägungen und Haltungen. Fragen, Erfahrungsberichte, Argumente, Polemik, Ratlosigkeit, Wünsche. Hygienisch-medizinische, religiöse und ethisch-moralische Aspekte.
Einige meiner Gedanken (in Ansätzen) dazu: Was bedeutet Religionsfreiheit und für wen gilt sie? 
[Grundgesetz, Artikel 4: "(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet."
Ist hier eine Gruppe/ eine religiöse Gemeinschaft gemeint? Betrifft es nicht vielmehr die einzelne Person, also auch das Kind? Ist nicht auch dessen Religions- und Glaubensfreiheit zu schützen, was zunächst einmal heißen könnte: die Freiheit VON Religion und Glauben? Bedarf es doch eines gewissen Alters und einer gewissen Reife, um diesbezüglich eine freie Entscheidung treffen zu können. Darf dieser Artikel 4 so ausgelegt werden, dass er über Artikel 2 steht?
["(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden."]
Warum muss auf die Schnelle ein Gesetz zur Regelung geschaffen werden? Wäre es nicht sinnvoller, das Gespräch unter Beteiligung von Vertretern ALLER betroffenen Seiten zu suchen, auch über einen längeren, evtl. schlussoffenen Zeitraum (was ja nicht Ziellosigkeit bedeuten muss)? Ist nicht denkbar, dass aus dem Aushalten dieses Spannungsfeldes eine Lösung erwachsen kann, die momentan noch niemand kennt und voraussehen kann?

Warum reiße ich hier so grundverschiedene Themen an? Warum vertiefe ich sie nicht in getrennten Artikeln? Glauben Sie mir: Ich vertiefe sie, nur tue ich dies nicht immer (gleich) öffentlich, da gestatte ich mir eine Verlangsamung gegen den Trend und streue nur hier und da, wo es mir ein Bedürfnis ist oder sinnvoll erscheint, einen Satz, einen Kommentar, einen Beitrag gleich welcher Art.
Was ist diesen Themen denn gemeinsam? Es ist der Wunsch nach/die Liebe zur Freiheit (Hier beneide ich Antje Schrupp, deren von mir geschätztes Blog Aus Liebe zur Freiheit heißt, weshalb dieser Name als Untertitel, wie ich ihn manchmal gerne hätte, nicht mehr zur Verfügung steht, aber was soll's, 'Blütenblätter' pur ist auch schön und passt auch.)
Die Liebe zur Freiheit, dieses Thema zieht sich durch mein Blog und wird wieder und wieder variiert, nicht immer auf den ersten Blick erkennbar (auch für mich nicht), aber dennoch zentral. Darüberhinaus bin ich der tiefen Überzeugung, dass sowieso alles mit allem zusammenhängt und das Nachdenken über einen Gegenstand netzartig andere Gegenstände mit einbezieht, letztlich ist alles miteinander verknüpft.
Dass ich schreibe, geschieht aus einem Bedürfnis nach Befreiung, von und zu. Wer hier regelmäßig liest, erkennt das vielleicht. Dass ich öffentlich schreibe, hat ebenfalls damit zu tun, es kostete mich anfangs große Überwindung, es ist wie eine langsame Entblätterung, ein bedachtsames Überwinden falscher Scham. Ich lasse mir Zeit damit, fordere mich aber auch selbst heraus. Und ich rechtfertige mich nicht. (Wenn Ihr wüsstet, was ich schon alles gelernt habe!)

Mein Blog ist also mein Zimmer und mein Garten. Ein Zuhause. Ein Freiraum, dessen Möglichkeiten ich mir nach und nach erschließe und über deren Unerschöpflichkeit ich mich gar nicht zu Ende freuen kann. Ich wohne unglaublich gerne hier. Und ich freue mich über Besuch.