Mittwoch, 18. April 2012

Der tätowierte Tag

Du tätowierst den Tag
mit deinem sturen Blick
und deinem Wort
das so ausschließlich ist
du legst dich fest
und stichst dann zu
und schreibst den Stunden ein
was deinem engen Hirn entspringt
gib Acht
das wäscht sich nie mehr raus

Montag, 16. April 2012

Gold

Ich erinnere mich an eine Zeit, die vorüberging wie alle anderen, aber die, als sie war, eine Kugel zu sein schien, eine Kugel aus geschmolzenem Gold, darin eine nicht enden wollende Zahl Samstagnachmittage, Badewannen, gefüllt mit Schaumgebirgen, Tauchwettbewerbe, verschrumpelte Finger und Zehen, ein blauer Frotteebademantel mit tiefen Taschen, die Hände der Mutter, die sanft die Haare aus dem Gesicht streichen, während ein warmer Luftstrom aus dem Föhn die Kopfhaut massiert und in den Ohren kitzelt, der Platz auf der Couch mit dem goldbraunen Cordbezug, auf den ich mich mit angezogenen Füßen kuschelte, in Erwartung des Grießbreis mit der Butterpfütze und der Vorabendserie, deren Titelmelodie ich immer noch auswendig kenne, und ob das alles so war, wie ich es erinnere, so golden, könnte ich nicht beschwören, aber es ist im Laufe der Jahre so geworden, und in dieser Bearbeitungsmöglichkeit im Nachhinein liegt eine Freiheit, die derjenigen der Wahlmöglichkeit im Vorhinein nicht unähnlich ist, eine Freiheit, die lediglich genommen werden will, denke ich mir, und setze auf meine heutige Einkaufsliste ein Päckchen Grieß.

Samstag, 14. April 2012

Wind (Der Betrachter 4)

Er blies in die graue Schicht, die sich über den Tisch gelegt hatte. Buchstaben wirbelten durchs Zimmer. Darunter tauchte ein Laib Brot auf, noch warm, das roch er, ohne die Entfernung zwischen seiner Nase und dem Tisch verringert zu haben. Ein Krug Wasser stand daneben und ein blitzsauberes Glas, des weiteren eine Schale mit Äpfeln. Er zog sein Messer aus dem Gürtel, schnitt einen Kanten vom Brot und biss hinein. Das war sein Garten Eden. Wenn er gegessen hatte, würde er draußen die graue Schicht von der Wiese fegen. Er würde die Windmaschine anwerfen und mit ihrer Hilfe das Dach der Hütte, den Schuppen, die Bäume und Sträucher von ihren Buchstabenschleiern befreien.
Seit wann war er erwachsen? Er erinnerte sich, es gab ein Datum, an dem war großartig gefeiert worden mit Torte und Kerzen, die Mutter hatte zusammen mit den Besuchern gesungen, ihre Augenwinkel waren mit glitzernden Diamanten geschmückt. Sein Gesicht war schwer von Küssen, und mehrmals hatte seine Mutter 'Ach' und 'mein lieber großer Junge' gesagt. Freude war in seine Brust gekehrt, denn er hatte gelernt, dass sie eingesperrt war wie er, nur dass sie keinen Fluss hatte, an den sie sich zurückziehen konnte. Sie meinte, was sie sagte. Er hatte mit seinen Armen einen Wall aus Dankbarkeit um sie gelegt und gehofft, dass sie spüren konnte, wie sehr er meinte, was er tat.
Wirklich erwachsen war er erst jetzt, einen ganzen Zeitraum später, und das Entfernen der grauen Schichten war nur ein erster Schritt, das wusste er.  Aber dass der Fluss nicht versiegte, wusste er auch. Und dass der Wind sein Freund war, ebenso.
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Er hat uns einen Blick in die Zukunft gewährt, angeregt vom Wind, der von einer Insel herüberweht. Warten wir auf weitere Berichte. Es sieht aus, als dürften wir hoffen.

Donnerstag, 12. April 2012

Es gehört ihnen nicht

Streichst wieder herum
im Unerreichbaren du
weißt doch ihre Himmel
schmettern dich zu Boden
dass du dich verkriechst
mitsamt deinem Nest zu
den Wurzeln flüchtest wie
ein Wurm dich vergräbst
die Flügel faltest über
deiner Scham mit grauer
Erde dich bedeckst ach
würdest du ein Klagelied
von deinen Lippen stoßen
würdest du deinen Leib
unters Tor werfen würdest
das Wort nehmen dieses
Wort dir zu eigen das sie
so schlau und so eifrig in
Besitz nahmen für ihre
eroberten Höhen ach
vertrau doch der Kraft 
deines Hungers entreiß 
ihnen das Wort es gehört 
ihnen nicht nimm es in 
deinen Mund unter deine 
Zunge schmecke das Wort
roll es an deinen Zähnen
entlang iss werde satt

Mittwoch, 11. April 2012

Peter und Marion

Warum sie mir gerade jetzt wieder einfallen, weiß ich nicht, oder doch, schließlich war gerade Ostern, überall sind noch Hasenspuren zu finden, direkt neben meinem Laptop hockt ein unversehrtes Exemplar seiner Gattung, eingehüllt in Goldfolie, ein rotes Schleifenband mit Glöckchen um den Hals, also ist es gar nicht so verwunderlich, dass ich in diesem Augenblick an Peter und Marion denken muss, die zwei Hasen (richtiger: Kaninchen), die während meiner Kölner Kindheit ein Jahr lang zur Familie gehörten, genauer: so lange, bis wir in den Winterurlaub fuhren, in ein Ferienhäuschen in der verschneiten Eifel, und niemanden hatten, der sich um Peter und Marion kümmern konnte, mitnehmen ging nicht, aber unsere Eltern hatten eine Lösung gefunden, nämlich einen Bauernhof, der auch Kleintiere hielt und sich ihrer annehmen würde, und zwar, wie uns während der Ferien mitgeteilt wurde, auch über unseren Schneeaufenthalt hinaus, da die lieben Hasen (richtiger: Kaninchen) es draußen auf dem Land doch viel besser hatten als bei uns in der Stadt mit der begrenzten Auslaufmöglichkeit, was meiner Schwester und mir einleuchtete, schließlich liebten wir unsere Tiere und wollten nur ihr Bestes, so dass wir uns bereits während des Ferienaufenthaltes mit dem Verlust abfanden und uns auch nichts dabei dachten, als es bereits am zweiten Tag, nach Schneeballschlacht und Schlittenfahrt, zum Mittagessen ein leckeres Hirschgulasch gab.

Dienstag, 10. April 2012

Dazwischen

Einmal ein Dazwischen
unüberbrückt lassen
hochtiefer Raum
Platz für zwei
Flügelspannbreiten
unter freiem Himmel
berühren sich Ränder
so nah wie weit

Donnerstag, 5. April 2012

À bientôt!

Über Ostern ins Elsass. 
Ohne Netz, aber mit doppeltem Boden aus gewechselten Tapeten und bedrucktem Papier.
À bientôt!

Montag, 2. April 2012

Lust auf Abschied

(eine mentale Übung)


Manchmal diese Lust auf Abschied. Ein letzter Blick, kein letztes Wort, Erstaunen zeugend, ein Stammeln: Wirklich? Gehen willst Du? Warum? Wohin? Wieso so plötzlich? 
Mit Frühling in der Kehle und dem Weg schon unter den Füßen antworte ich stumm: Ich werfe euch ab, ihr Bekümmerten, ihr von mir Umsorgten, Gehätschelten. Ich werfe euch ab und lasse euch zurück am Ausgangspunkt eures eigenen Weges. Das ist ein Geschenk, hört ihr?! 
Und ich werfe auch das ab: meine Erwartung einer Geste, die Verstehen, und noch mehr: die Einverständnis signalisiert. Bleibt liegen, oder steht auf und protestiert; tut, was immer euch gefällt, ich werde dem nichts entgegensetzen.
Dieser Verzicht leert meine Hände und schafft Platz unter meiner Haut für neue Abdrücke. Heftet eure Blicke an meinen Rücken und haltet von meinem noch unsicheren Gang, was ihr wollt: Meine Seele streift bereits durch hohes Gras und riecht das Land, das vor ihr liegt.
(Das ist ein Geschenk, hört ihr?)