Donnerstag, 24. März 2011
Verschweigungen
ein Lächeln durch den Tag
vernäht die Zeit
mit Zuckerfäden
streut Himbeersonnenröte
unter jeden Schritt
dann taucht sie ihre Hände
in ein Lied und lauscht
den Grautönen der Nacht
spricht mit dem Wind
der webt ein Kleid für sie
aus Schatten
sie silbert durch die Welt
haucht Lungenschrift
auf Salzpapier
und hinterlässt dem Mond
ins Meer gemeißelte
Verschweigungen
Mittwoch, 23. März 2011
Lieber Knut!
Meine Empathie ist anarchischer Natur und braucht keine Erlaubnisse. Die Welt entsetzt mich, Dein Tod macht mich traurig. Und er legt - wie Japan - den Finger auf eine weitere vom Menschen verursachte Weltwunde. *
Das bedarf einer Betrachtung, die zu selbstkritischer Reflexion und im wünschenswertesten Fall zu einer Verhaltenskorrektur führt. (Wie sehr wir das wissen und doch so träge in der Umsetzung sind. Und schon droht meine Tastatur mit Streik, aus Furcht vor weiteren Gemeinplätzen.)
Bleibt zu hoffen, dass es da, wo Du jetzt bist, noch ein bisschen Glück für Dich gibt.
R.I.P.
*Anmerkung für den Leser: Wenn an dieser Stelle automatisch die Waage im Hirn anspringt, sofort ausschalten! Es handelt sich um einen unangemessenen Reflex.
Montag, 21. März 2011
Azur bis Türkis
Ich träume uns ein Blau
Die Möglichkeit eines Strandes
Wir könnten:
Durch Flügelspuren waten
Sandmusik rieseln
Den Horizont salzen
Und vieles Meer
Ich packe schon mal
Was hältst Du von Aufwachen?
Samstag, 19. Februar 2011
(Aus)bruchstück
Hinter uns her viktorianische Pärchen mit ihren Schmetterlingsnetzen.
Gleich fangen sie uns ein.
Gleich legen sie uns neben der Picknickdecke ab.
Sie prosten sich zu und lachen und baden in der Bucht.
Zu Sammlerstücken gemacht, beobachten und sammeln wir nun ebenfalls.
Wir lernen. Wir spreizen die Flügel. Wir erzählen euch was.
Befreien unsere Gestalt, treten an den Rand der Klippe und lehnen uns gegen den Wind.
Zitieren Tennyson: "There rolls the deep where grew the tree./ O earth, what changes hast thou seen!/ There were the long street roars, hath been/ The stillness of the central sea."
Jahaha!
Vielleicht teilen wir anschließend die Torte mit euch.
Vielleicht fliegen wir bald wieder zurück.
Aber vorher erwähnen wir noch das Buch, das vor vielen Jahren Hand an uns gelegt hat, in dessen Fremdvertrautheit wir unser Wesen gebettet haben. Wie ihr vielleicht schon ahntet, befinden wir uns an der Südküste Englands, genauer in Lyme, lesen Gedichte von Tennyson und anderen, aber auch Schriften von Marx, Darwin und C.G.Carus. Wir sprechen von John Fowles und davon, wie er unsere Flugbahn bestimmt hat durch die Bekanntschaft mit Charles, Ernestina und Sarah. Wie alle weiteren Geschichten danach nur noch anknüpfen konnten an diesen Gesellschaftsroman mit den zwei alternativen Enden. Wie wir lernten, den Atlantik den anderen Ozeanen vorzuziehen, und zerklüftete Küsten und Landschaften - auch die der Seele - mehr zu lieben als sanfte Strände. Wie wir seitdem das Raue mögen, das Verwundete, das Brüchige. Und wie wir seitdem in unserem Leben immer wieder Platz schaffen für Geschichten aus diesem Stoff und uns selbst mit hineinweben als groben Faden, als Fremdling, als Wunsch.
Das müssen wir manchmal sein: Aus dem Leben hinaus in eine Geschichte verwoben, in Lieblingssätzen erzählt.
(Aus)bruchstücke. Wie ihr. Wie sie.
Fehlte auch nur ein Teil, sei es Schmetterlingsnetz oder Klippe oder Tennyson,
wir verlören uns selbst in der Suche nach unserem Platz.
Lieblingsbuch: The French Lieutenant's Woman
Und hier der gleichnamige und ebenfalls empfehlenswerte Film.
Freitag, 11. Februar 2011
Königsblau
dehnt sich das Haus
kämmt der Baum seine Schatten
und das Kind, das du warst, gießt dir Tinte ins Blut
Samstag, 5. Februar 2011
Alin Coen: Wolken
Komm mit mir mit, wir gehn
irgendwohin, und dann
schauen wir hoch und sehn
uns die Wolken an.
Ich nehme dich bei der Hand und ziehe dich
hinter mir her. Ich frage mich,
warum fällt es so schwer?
Ich glaube, du willst nicht mehr.
Ist dein Wesen
für alle so schwer zu lesen?
Wenn ich's nicht verstehen kann,
wie fühlt sich's für dich denn an?
Wenn du dann gehst,
schau ich dir nach,
schau, wie das Ende verdreht,
was der Anfang versprach.
Das Wetter wird wieder
wolkig bis heiter.
Die Wolken ziehn weiter.
Donnerstag, 3. Februar 2011
Hellgrün
Ist meine Haut
Hellgrün
Und innen großes Dunkel
Da finden sich die Wörter schweigend
Und leuchten leise
Immerfrühling unter Schnee
Ich hör ein Läuten
Das macht längst Vergangenes jung
Die Bilder sind
Sie sind
Und das nennt keine Zeit
Der Ort in mir ist Frühling
Abend
Nacht
Hellgrün
Die Innenseite
Meiner Haut
Montag, 20. Dezember 2010
Du da
(Nichts gegen Gott und nichts gegen die Welt, aber viel gegen eine Kirche, die sich beides einverleiben will.)
Du da in deiner Krippe.
Kind im Brennpunkt einer Weichzeichnung.
Zentnerschwer haben sie Dich mir ans Herz gelegt. Das blutet, und weint um Deinen tausendfach wiederholten Tod. Aber um den geht es jetzt gar nicht. Um Deine Geburt geht es, die wir heute feiern. Um Heu und Stroh, in denen Du lagerst in unseren Hirnen. In genormte Liebe gebettet, zurechtgerückt von eifrigen Händen, mit liturgischer Präzision in Form gebracht.
Mit Schwung und sicherem Griff packen sie Dich in die grobzwirnige Windel, als Vorgeschmack auf härtere Bandagen. Lassen Engelszungen an Deinen Ohren lecken, flüstern Dir ein, was Du die nächsten dreißig Jahre zu tun hast. Wir kennen das alles schon. Du wirst es in Windeseile erfahren. Karfreitag weißt Du Bescheid.
Kein Wunder, dass Dem-Da-Oben die Klappe runterfällt in Form eines Sterns. Und der lockt dann auch noch alle Welt in diesen Stall.
Glaub mir: Wäre ich ein Sieb, würde ich das aushalten. Aber so? Ich bin ein geschlossenes Gefäß. Gleich bei meiner Aufnahme wurden mir die Augen verbunden und sämtliche Poren verstopft. Ich bin semipermeabel. Um die Bedeutung dieses Wortes zu verstehen, musst Du erst zweitausend Jahre alt werden. Ich erklär’s Dir jetzt schon: Nichts, was durch meine Ohren in mich hineingeht, kommt jemals wieder aus mir heraus! Ich schwitze Blut und Wasser in meine eigene Seele.
Du da in Deiner Krippe weißt in diesem Moment noch gar nichts, aber morgen schon alles. Und das ist viel zu viel für Dein kurzes Leben. Da geht nur noch Tod. Und der nur qualvoll. Heute noch gepriesen, morgen schon abgekanzelt.
Du bist wie wir, hattest auch keine Wahl. Da könnte ich eigentlich Bruder zu Dir sagen.
He, kleiner Bruder in der Krippe! Dein Weg beginnt genau hier und endet genau dort. Willst Du ihn gehen?
Spielt aber sowieso keine Rolle, diese Frage. Denn gefragt wird hier nicht. Geschluckt wird und gehorcht. Dann gibt’s auch was geschenkt: L-I-E-B-E, [Liebe]. Die standardmäßige Luxusausführung, gefriergetrocknet. Das ist ihre Antwort. Und zwar auf alle Fragen, die alten wie die neuen. Und wenn Du’s nicht glaubst, kriegst Du sie um die Ohren gehauen bis –
Ja, da können sie schon mal aus der Fassung geraten, so im Gefecht des Eiferns.
Aber jetzt liegst Du erst mal da in Deiner Krippe. Noch kitzelt das Stroh, noch duftet das Heu,noch lässt sich leicht glauben, dass Du selbst es seiest, der gerade Dein unbeflecktes Leben empfängt, und nicht eine Meute gieriger, lauernder –
Nein, ich werde Dir jetzt nicht verraten, dass Weihnachten immer genauso schnell vorbei ist wie es gekommen ist. Nicht heute.
Staune noch ein wenig, vertraue noch ein wenig, glaube noch ein wenig.
Sei noch einen Augenblick lang Kind.
Du da in Deiner Krippe.