Samstag, 15. September 2012

Apfel-Prolog

Du sagst "Apfel" und prompt habe ich fünf Buchstaben vor Augen, einen großen und vier kleine, eckige, schwarze Buchstaben, solange bis ein wenig Farbe dazwischen rutscht, die sich nicht an die Linien hält und ein Rund aus Rot und Grün malt, dem eine Geschmackserinnerung folgt, spürbar auf der Zunge und im reflexartigen Speichelfluss, und ein Kaugeräusch, erinnert im Ohr, so beiße ich also in den imaginierten Apfel, worauf ich erneut Buchstaben vor mir sehe, aufgereiht zu Wörtern zu Sätzen zu Abschnitten im ersten Teil eines schwarzgebundenen Buches, darin ein Garten beschrieben wird und der Übertritt eines Verbots *, das aber gar nichts mit einem Apfel zu tun hat, sondern mit etwas, das als Frucht bezeichnet wird, die möglicherweise eine Feige war, Auslöser für die erste von zahllosen Vertreibungen von Menschen aus ihrer Heimat, und während ich dieser Gedankenkette folge und zulasse, dass sie mich weit zurück führt bis zu diesem schwarzgebundenen Buch, dessen Gewicht ich noch in meinen Händen, dessen Last ich noch auf meinen Schultern spüren kann und dessen Dünndruckpapierknistern beim Umblättern ich noch tief im Ohr habe, während ich dies zulasse, kommt mir der Gedanke, dass ich den alten Erinnerungen neue entgegensetzen könnte, indem ich mich nach so vielen Jahren noch einmal diesen mehrfach von mir markierten, in- und auswendig gelernten Buchstabenreihen aussetze - was inzwischen ohne Furcht und Beklemmung möglich sein dürfte -, um den Staub der engen Deutungen von ihnen abzuwischen, nicht, um sie danach mit neuer Bedeutung anzufüllen, sondern um sie - und mich - zu befreien und zu versöhnen, denn die Buchstaben können nichts dafür, dass sie und ich eingesperrt waren, und soweit kam ich mit meinen Gedanken noch nie, was vielleicht als Anfang einer neu zu schreibenden Geschichte gedeutet werden kann, oder wenigstens als ihr Prolog.

Der Sündenfall

Ich habe seit mehreren Wochen ein Projekt im Kopf, das, wenn ich es in die Tat umsetze, eins von mehreren parallel laufenden sein wird, und ich zweifle ein wenig, ob ich über die nötige Kapazität verfüge, aber am Sinn des Projekts (der möglicherweise nur für mich besteht) zweifle ich nicht. Also betreibe ich mir zum Ansporn ein wenig Selbstverpflichtung durch die Veröffentlichung dieses kleinen, soeben frei assoziierten "Prologs".

Kommentare:

  1. die buchstaben befreien von den zusammenhängen und sie neu anordnen zu einem prolog, dem noch veil folgen sollte, so wünschte ich es mir jedenfalls.

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  2. Von den alten Zusammenhängen, ja, und den Festschreibungen und mich nicht zu neuen Festschreibungen verleiten lassen.
    Inzwischen fiel mir auch auf, wie sehr dieses Projekt mit einem anderen großen, dem Vögelchen-Roman zu tun hat, dass es sogar um ein und dasselbe Thema geht, deshalb vermutlich in meinem Kopf aufgetaucht ist und Sinn macht, es parallel zu verfolgen.

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