Samstag, 1. Oktober 2016

Wir haben Zeit

Du hörst den Schrei genau. Natürlich hörst du ihn, schließlich herrscht um dich herum Stille und auch du bist stumm, seit langem. Also hörst du den Schrei, weigerst dich aber, ihn zu orten. Tja ...

Blättern Sie ein wenig zurück, schließen Sie die Augen, tippen Sie mit dem Finger (einem beliebigen, wenn auch vorzugsweise dem rechten Zeigefinger) auf eine Stelle und lesen Sie, was da steht. Erinnert es Sie? Woran? Erkennen Sie es/sich wieder? Wie weit sind Sie inzwischen von dieser Stelle entfernt? Lichtjahre? Einen Katzensprung? Wer sind Sie und seit wann? Möchten Sie darüber sprechen? Mit wem?

Der Schrei verstummt, ihm wachsen Ohren aus dem Bauch heraus, du öffnest den Mund, sehnst dich nach Wahrheit, weißt aber nicht ... Tja ...

Darf ich Ihnen das Du anbieten? (Erinnern Sie sich, dass wir damit begannen? Dass die Fremdheit erst später kam, schleichend, erinnern Sie sich? (Du dich?)) Darf  ich? Ihnen? Das Du? Anbieten?

Die Stille ist erdrückend und fordernd zugleich. Sie ist aber auch eine dargebotene Hand. Bereit zu nehmen, was auch immer da ist. Du zögerst, da ist dein Anspruch (siehe oben), der steht dir im Weg, dennoch willst du nicht von ihm lassen. Darüber sollte kein Urteil von niemandem gefällt werden. Als Dilemma wollen wir die Angelegenheit nicht bezeichnen, dafür ist sie zu ... Zu was? Uneindeutig? Prekär? Diese Neigung zu Definitionen! Schon schwirrt dir der Kopf. Stummes Rauschen. Tja ...

Lassen Sie das sich. Lassen Sie einfach. Lassen Sie. Und lassen Sie auch das. Und lassen Sie sich um Himmels Willen nichts vorschreiben! Wir können auch noch ein wenig warten mit dem Du. Wir haben Zeit.

Mittwoch, 21. September 2016

ich würde so gerne endlich wieder PLÖHZINN MACHEN

Da geht was
da blüht
da tut sich
da rankt
wie verrückt
wie zart
wie wild
(streiche das erste wie)
((und das zweite auch))
(((ist klar, oder?)))
ich würde so gerne
endlich wieder
PLÖHZINN MACHEN
da drüben
irgendwo da 
da da da drüben
da geht was
zum Glück
schwappt
(Achtung, schiefes Bild)
ein Zweiglein rüber

es kann doch nicht sein dass aus mangel an zeit hatten meine tage denn früher fünfzig stunden und mehr nein natürlich nicht aber dieser Alltag dieser volle fast übervolle und auch noch alles selbst gewählt und bin ja zufrieden bis glücklich damit aber dann ist da immer noch dieses eine das fehlt und wie füge ichs ein in dieses mein neues leben wie frage ich in die Luft immerhin die ist mir geblieben keinerlei atemprobleme treppauf treppunter das läuft prima super aber das kann doch nicht alles zeit für die dinge die nur zutage treten wenn sie raum genug haben sprich zeit zeitenraum muße bis beinahelangeweile dann dann ach ich hoffe hoffe sehr es muss nämlich es muss wirklich wieder 

soll ich noch werben für drüben? dieses drüben da da da? irgendwo da? nein; ist gut so


Und raus damit, ist doch mal ein Anfang!

Sonntag, 18. September 2016

Time flies

Time flies. Allerdings verfliegt sie kaum spürbar an diesem Sonntag ohne Verpflichtungen, bei einem ausgedehnten Frühstück mit Blick hinaus in eine frühherbstliche Regenlandschaft und der Gewissheit, dass der Tag reichlich Raum bietet für die (gemütlichen!) Vorhaben. Erstmal ein altes Mixtape rauskramen, das mir vor ich glaube fünfzehn Jahren eine Kollegin schenkte, den Anlass weiß ich nicht mehr. Vaya Con Dios: „Time Flies“ läuft irgendwann und hüllt mich in eine längst abgestreifte Haut, sodass ich minutenlang wieder eine bin, die ich mal war, wieder genau weiß und spüre, wie es, wie ich war. Damals. Time flies. Dann kommt der nächste Song und die Haut ist wieder verschwunden, hinterlässt nur einen winzigen unsichtbaren Abdruck und den Wunsch, diesen Moment festzuhalten. Was ich hiermit getan habe.


Vaya Con Dios: Time Flies



Einen schönen Sonntag, liebe LeserInnen!

Freitag, 16. September 2016

Mutterstück

Dass mir die Zeit fehlt ...

Deine Mutter. Erst gebärt sie dich, dann stirbt sie. Dazwischen liegen Jahrzehnte, in denen euer Verhältnis sich auswirkt: in die Vergangenheit, in die Zukunft, in die Struktur deines Körpers, deines Wesens. Zum Glück gibt‘s fähige Therapeutinnen. Und die Zeit. Und die wunderbare Möglichkeit sich zu entwickeln. Dem Kokon, den klebrigen Fäden zu entschlüpfen. Du zu sein, wie frisch gewaschen. Wenn auch nicht mehr die Jüngste. Was dann aber so unwichtig ist, wie du es dir nie hättest träumen lassen. Wenn du die Straße entlang gehst, senkst du deinen Blick nicht. Das fällt dir auf, es ist eine Veränderung. Es fällt dir auf und es macht dich froh. Und es macht dich stolz. Du hast es bis hierher geschafft. Du hast es weit gebracht. Und da kommt noch mehr. Manchmal vermisst du sie. Deine Mutter. Wenn sie dich heute sehen könnte. Du ahnst, dass sie froh wäre. Dass sie Frieden schließen könnte. Nicht zuletzt mit sich. Vielleicht hat sie es längst getan. In ihren letzten Stunden, Tagen, Jahren. Und hat es für sich behalten, weil sie dich nicht schon wieder hineinziehen wollte, weil auch sie die klebrigen Fäden abstreifen wollte, weil sie wusste, dass es für bestimmte Wege keine Abkürzungen gibt und dass jede ihren Weg selbst und allein gehen muss, darf ... Deine Mutter. Erzähl deiner Tochter von ihr. Und von dir.


Zu diesen Gedanken, die ich in wenigen Minuten aufgeschrieben habe, wie sie mir kamen, und die ich unbearbeitet so stehen lasse, hat mich das Lesen in Elkes Blog Tausend Mutterbilder angeregt. Schnell aufgeschrieben, zu mehr fehlt mir – immer noch – die Zeit.

Sonntag, 21. August 2016

..., sagte das Leben I (Loses Blatt #78)

„Nimm Platz“, sagte das Leben. „Wo So viel du willst.“

Freitag, 19. August 2016

Hello again!

Ab heute habe ich Internet in meiner neuen Wohnung. Meiner eigenen, allein meinigen wunderwunderwunderbaren Wohnung. Mit Dachterrasse und Fernblick und Vogelsang. Alles ist wie es sein soll.
Und jetzt, nach anstrengenden letzten Monaten – anstrengend in vielerlei Hinsicht – komme ich an, bin ich (wieder) da. Für mich. Und – vielleicht auch das – wieder in Kontakt mit der Welt im Netz (neben der es diese andere, haitisch erfahrbare gibt – die Autokorrektur macht aus haptisch haitisch, drollig, aber ich meine haptisch, lern gefälligst dazu, Autokorrektur, ich tu‘s auch, unablässig ...). Die Welt im Netz ist mir fremd geworden in den vergangenen Wochen, in die Ferne gerückt, unvermisst, da war, da ist so viel anderes. Gutes.
Aber das Schreiben. Das Schreiben fehlt(e) mir doch.
Ich muss mich wieder eingewöhnen.
Derweil ein paar Spuren hinterlassen.
Endlich mal wieder einen Fuß in den Garten setzen, den virtuellen, der auch mein eigener ist, allein meiner, was mir immer so viel bedeutet hat. Möglicherweise bekommt er jetzt einen anderen Stellenwert, ist mir dieser allein meinige Raum im Netz nicht mehr so wichtig, da es ja nun diesen realen gibt ... Blödsinn, die virtuelle Welt war mir noch nie das Gegenteil der realen, sondern immer Teil davon. Der Raum, den ich meinen eigenen nennen darf, ist nun einfach größer, weiter, umfassender. Alles bestens.

Tja, wie gesagt, ich bin zurück. Möglicherweise. Weiß noch nicht wie und in welchem Umfang. Das wird sich zeigen.

Sonntag, 26. Juni 2016

Let‘s stay friends (Brexit II)

Gestern schrieb ich „Einen Briten umarmen“. Heute denke ich, um noch eins draufzusetzen, jeder sollte einen Briten umarmen. Jeder Brite, jede Britin sollte einen oder eine haben, der oder die ihn oder sie umarmt und sagt: Bleib doch. Bitte. Please don‘t go. Stay.
Aber es wurde ja gesagt. Tausendfach. In verschiedenen Stellungnahmen und Petitionen. Vergeblich.
Es ist so traurig. Ich bin traurig.
Im Oktober werde ich nach England reisen. Meine Tochter besuchen, die dort studiert. Mal sehen, wie es für sie weitergeht. Ihr gesamter Freundeskreis – Briten und diverse andere – ist betrübt, erschüttert, entsetzt. Alle, die sie kennt, haben für Remain gestimmt. Wie geht es nun weiter?
Das Fitzelchen Hoffnung, die Wahl ließe sich rückgängig machen, könnte wiederholt werden und diesmal ein anderes Ergebnis erzielen. Illusorisch.
Wie geht es weiter?
Ich möchte nicht spekulieren. Kann es auch nicht, zu komplex das Thema.
Aber ich denke mir, dass es neben der politischen Dimension noch eine andere geben muss. Eine menschliche, eine Verbindung, die nicht auf dem Papier steht und die nichts mit Zahlen zu tun hat. Eine Verbindung, die anderer Art ist, emotional und intellektuell begründet, eine, die mit Kultur zu tun hat und gleichen Bedürfnissen, Freude an Austausch, Interesse an Neuem und Anderem, Lust auf Gemeinschaft über Grenzen hinweg ... So etwas.
Ich gebe die Hoffnung auf Verständigung und Freundschaft nicht auf. Auch nicht unter erschwerten Bedingungen.
Let‘s stay friends. Und das meine ich nicht als die abgedroschene Floskel am Ende einer Liebesbeziehung. Nein, ganz ehrlich: Let us stay friends.