Dienstag, 20. Januar 2015

Glättung, Kuss und Traum

Glättung.

Der Wogen. Der Erhöhungen und der Vertiefungen. 
Der Unruhe.

Einebnung.
Ruhende Pole allerorts.

Ist es das, was wir wollen? Bequemlichkeit. Mit den Gedanken schlurfen können, ohne uns an Unebenheiten zu stoßen; ohne zu stolpern. Wollen wir das?
Ungehindert bleiben. Unangestoßen.

Ach, gar nicht erst gehen!

Lieber stehen wir am Rand und schauen. Und stehen. Und schauen.
Schauen nur. Weiter nichts. 
Warum dann das Einebnen? Warum das Glätten der Wogen, wenn wir doch nur schauen und nicht gehen? Machen wir's unseren Blicken bequem!

Wir betten sie. Unsere Blicke. Betten uns, statt uns auszusetzen. Betten uns weich und sanft.
Und eigentlich schauen wir auch nicht, sondern lassen unseren Blick träge auf dem Naheliegenden ruhen. Schauen, wirkliches Schauen wäre Bewegung, wäre Wille und Anstrengung. Wäre auch: Wunsch und Vorstellung. Einer Möglichkeit.

Wir stippen den Finger ins Unbekannte. Aber unmittelbar darauf verlieren wir die Neugier, den Mut und lassen den Arm sinken. Kraftlos. Lustlos. Die Möglichkeit tropft ins Leere und verliert sich auf dem Weg zwischen Zeugung und Geburt im Nichts.

Glättung. Einebnung.
Lakenruhe.

Und irgendwo in uns das Messer.
Und das aufgewühlte Meer.
Um diese beiden und alles Unbenannte unsere zum Zerreißen gespannte Haut. Nicht wahr? Diese zum Zerreißen gespannte Haut. Darüber in zitternder Schwebe ein brüchiger Fingernagel. Dazwischen: du. Wir. Und eine Angst, die Angst hat, sich beim Namen zu nennen.

In all dies hinein biete ich dir: einen Kuss. Biete ihn dar. Schenke ihn hin. Einen ernst gemeinten Kuss, der deinen Namen auf die Zunge nimmt wie eine kostbare Speise. Der ihn schmeckt, deinen Namen. Der dich schmeckt. 
Und der dich trägt. In eine Brandung trägt. In ein Wogen. An einen Fels. In eine Schlucht.

Es beginnt immer mit einem Traum. In dem du nicht schläfst, sondern rennst. Um dein Leben rennst. An Fassaden hoch, über Dächer, durch unwegsames Gelände. Ein Traum, in dem du rennst. Und rennst. Und schließlich fällst. Ab_grund_tief.


Kommentare:

  1. diese äußere glättung ... vielleicht brauchen wir sie, um die inneren wogen zu überspielen.
    immer der versuch im gleichgewicht zu sein.
    mal gelingt es, dann ist der spiegel glatt. dann wieder nicht und die wellen schlagen hoch.
    was für ein schöner gedanke, einen kuss anzubieten.
    ja, er kann halten und tragen, selbst über den traum hinaus.
    ein wunderbarer text, liebe iris!

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    1. Oft ist es (Selbst)Täuschung.
      Aber manchmal gelingt es wirklich, ja. Dann sind auch die inneren Wogen geglättet. Und nicht, weil wir die Augen vor der Realität verschließen, sondern weil es immer auch das Andere gibt, das Gute, Schöne ... und die Anderen, das Gegenüber, das Du ...

      Danke für deinen schönen Kommentar, liebe Diana!

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  2. Mir hätten die Worte gefehlt. Die du gefunden hast für etwas, das auch ich immer wieder erlebe, zum Glück.
    Nur abgrundtief fallen, wer will das schon.
    Menschlich möglich, sogar gezwungenermaßen ist es aber!

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    1. Liebe Sonja, das finde ich ganz wunderbar, dass du dich in meinen Worten wiederfindest.
      Abgrundtief fallen – ich kenne dieses Gefühl, das ja ein richtig körperliches ist, aus vielen früheren Träumen. Das Aufkommen nach dem Fall, das Erwachen aus dem Traum im eigenen Bett. Der Fall, der sich anfühlte, als würde man in sich selbst endlos tief fallen ... Ich habe schon lange nicht mehr so geträumt.
      Aber abseits der Träume knene ich dieses Gefühl noch heute.

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  3. Ein schöner Text. ." ..der deinen Namen auf die Zunge nimmt wie eine kostbare Speise" , das ist große Poesie. Diese Träume kenne ich auch. <3 Eva P.S. Musste wieder mal auf "Anonym" ausweichen...

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    1. Danke, liebe „anonyme" ;-) Eva! (Was du aber auch immer mit Google hast ... )

      Ich würde gerne nochmal so intensiv träumen. Mir scheint, als sei ich damals noch näher an mir dran gewesen, mehr Einheit aus Körper, Seele, Geist, irgendwie so. Jedes Erleben, auch das im Traum, fand auf allen Ebenen zugleich statt. Erwachsenwerden bedeutet in manchen Teilen auch Verlust von Fähigkeiten, die uns angeboren waren und uns dann abzivilisiert wurden.

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    2. dann bin ich wohl in mancher hinsicht noch nicht erwachsen geworden ... ;) auf jeden fall, was das träumen angeht. segen oder fluch?? ich weiß es nicht ....

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    3. Ich habe auch immer noch sehr ausführliche Träume, hin und wieder, aber eben nicht mehr diese Albträume, die man richtig körperlich miterlebt. Es waren allerdings nur selten echte Albträume für mich, das Fallen hat eher so etwas wie einen wohlig-grusligen Schauer ausgelöst. Faszination darüber, dass ein Traum so ein reales körperliches Gefühl auslösen kann.
      Vielleicht treiben mich auch einfach nicht mehr die Ängste um, die solche Träume verursachten. Vieles ist bearbeitet, eingeordnet. Eigentlich ein Gewinn.
      Dennoch empfinde ich es manchmal als Verlust, dass die Unmittelbarkeit und die Ungeteiltheit des kindlichen Erlebens und Wahrnehmens, das instinktive Wissen, dass all dies mit der Zeit so sehr von der Vernunft dominiert wird, dass wir erst wieder mühsam lernen müssen, z.B. auf unseren Körper zu hören. Der ja nicht unsere Hülle ist, sondern der wir auch sind.
      Das führt jetzt ganz schön weit ... :-) Dieser empfundene Verlust, das Gefühl des Abgetrenntseins von mir bzw. von einigen meiner Anteile, ist vielleicht genau das, was mich zum Schreiben drängt. Das Hinabsteigen und Eintauchen, das mich im Schreiben von etwas in mir Verborgenem leiten lassen, um mir wieder näher zu kommen, ganz zu werden ... So in etwa.

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    4. ja, das kann ich gut nachvollziehen, was du hier übers schreiben schreibst, liebe iris. :) ich glaube, das ist auch meine motivation, zumindest zum teil. auf jeden fall: hinter die dinge sehen (auch hinter, also in, mich selbst. ;) )
      diese (alp)träume habe ich schon noch. sehr intensiv zum teil. oft sehr wirre träume.
      was das bedeutet ...? vermutlich habe ich nicht alles bearbeitet und eingeordnet.
      ein weites ... spannendes! ... feld.
      ich danke dir für diesen interessanten austausch!
      herzliche grüße,
      diana

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    5. Dir auch danke, liebe Diana!

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  4. die schönsten momente nimmt die poesie vorweg...

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    1. ... aber nicht weg, hoffentlich. ;-)

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