Mittwoch, 9. Mai 2012

Elizabeth Strout: Wenn Liebe zu haben ist, greift man zu

  "Was doch die Jungen alles nicht wussten, dachte sie, als sie sich neben diesen Mann legte und er sie an der Schulter berührte, am Arm, oh, was die Jungen alles nicht wussten. Sie wussten nicht, dass unförmige, alte, verschrumpelte Körper so hungrig waren wie ihre eigenen festen Leiber; dass Liebe nicht leichtsinnig abgewiesen werden durfte, als wäre sie ein Törtchen auf einem Teller voller Süßigkeiten, der immer wieder herumgereicht wird. Nein, wenn Liebe zu haben war, dann griff man zu, oder man griff nicht zu. [...]
  Und wenn der Mann neben ihr kein Mann war, den sie sich früher einmal ausgesucht hätte, was machte das schon? Er hätte sie sich ja bestimmt auch nicht ausgesucht. Aber hier waren sie nun, und Olive musste an zwei zusammengeklappte Scheiben Schweizerkäse denken, solche Löcher brachten sie beide zu dieser Vereinigung mit - solche Stücke fraß das Leben aus einem heraus.
   Sie ließ die Augen zu, und durch ihr müdes Hirn rollten Wellen der Dankbarkeit - und der Trauer. Hinter ihren Lidern sah sie das sonnige Zimmer, die sonnenübergossene Mauer draußen, den Lorbeer. Ein Rätsel, diese Welt. Noch war sie nicht fertig mit ihr."

aus: Elizabeth Strout, Mit Blick aufs Meer, btb 2012, letztes Kapitel, letzter Abschnitt

(Wäre ich eine Romanfigur, ich würde mich, ohne zu zögern, in Elizabeth Strouts Hände begeben.)

Kommentare:

  1. Ich würde mich mich auch gleich dazulegen wollen! Aber noch lieber wäre es mir, wenn ich so gut schreiben könnte. Danke dafür!

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  2. Und immer wieder die Liebe - ich bin ihr größter Fan.

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    1. Das kann man gut aus Ihrem Blog herauslesen, liebe Claudia.

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