Freitag, 12. Dezember 2014

Worauf kam's nochmal an? (Eine kleine adventliche Schonungslosigkeit)

Am Morgen hängst du schlampig rum, verschüttest Kaffee im Bett, zeigst dem Tag (oder der Welt?) den Mittelfinger, wachst erst vorm Spiegel auf in alles, was da sonst noch ist, dann liest du Zeitung, weißt dich wieder inmitten der Katastrophe, aber da sind ja auch die Lichtblicke, hey, da spendet wer, da kümmern sich welche, da appelliert man, da könntest, solltest, müsstest auch du, achja, und fast vergessen: Ist ja Advent!, Besinnungszeit, wie wärs mal mit der schonungslosen Variante? ...

Am Vormittag vernachlässigst du deine Pflichten, hast ja frei heute, zumindest einen halben Tag lang, tust aber nichts von dem, was du dir vorgenommen hast, schiebst es auf die lange Bank, an deren anderem Ende alles runterfällt, in ein schwarzes Loch, das spuckt dir manchmal ins Gesicht, dann kommt der Ekel, pfui, die letzte Rettung sind dann lange detaillierte Listen, die sortieren dich fein säuberlich, fehlen nur die Häkchen, oder lieber noch 'ne Liste?, eine für die Innerlichkeit?, du bist sooo gut ...

Am Mittag bist du überdrüssig des vertanen Morgens, des Betrugs der Listen, der Stunden ohne Ziel, auch ohne echte Muße, weißt ja nichtmal, was dir fehlt, da ist so eine leere Stelle, die ist immens, und dennoch dieser Überdruss, als wär da kein Zuwenig, sondern ein Zuviel, dann isst du was Gesundes, Selbstgekochtes, tust deinem Körper etwas Gutes, schon gehts dir besser, zum Nachtisch einen Apfel, an apple a day keeps the doctor away,  so bestimmt dich dein Gewissen, ha ha ha ...

Am Nachmittag dann im Geschäft bist du routinemäßig freundlich, fleißig, froh, dass du die Arbeit hast, die dir liegt, du bist so gut darin und echt, nichts an dir ist verstellt, obwohl auch das nur eine deiner Rollen ist, und weil sie dir so leicht fällt, hältst du sie für deine beste, weit gefehlt, denkt ein Teil in dir, ein hintergründiger, kluger?, das weißt du nicht, gibt es denn überhaupt eine einzige kluge Stelle in dir?, mein Instinkt!, rufst du laut, auf den ist Verlass, wie auf nichts sonst, oh ja ...

Am Abend söhnst du dich dann aus, denn ändern lässt sich sowieso nichts mehr, vorbei der Tag, jetzt bist du rechtschaffen müde, stundenlang aufmerksam und zugewandt gewesen, mit Freude bei der Sache, immerhin, das kann nicht jede_r von sich sagen, jetzt sinkst du in die wohlverdienten Sofakissen, ziehst dir irgendeine Serie rein, aber eine wirklich gute!, immerhin, da könntest du sogar drüber schreiben, öffentlich im Blog, ohne dass es peinlich wäre, und formulieren kannst du ja ...

Worauf kam's nochmal an im Leben und im Schreiben? Ich hab's vergessen.

Kommentare:

  1. wow! - schöner kann man nicht vergessen, worauf es ankommt.

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    1. Danke, mein Lieber! (auch wenn's zuviel des Lobes für zu wenig ist. immer zu wenig ...)

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  2. wir entspannen uns schon am morgen, wissen zwar auch nicht warum

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    1. Man muss ja auch nicht alles hinterfragen. :-)

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  3. Befindlichkeiten. Sinnsuche. Den Sinn hat man doch in den Nachmittagsmomenten in sich drin!
    Gerne lese ich da bei Angelika Wende (in meiner Blogroll), da finde ich immer was mit Sinn-obwohl sie auch eine auf der Suche befindliche ist...
    Gruß von Sonja

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  4. Genau, man hat's in sich drin, findet nur manchmal nicht gleich den Zugang dazu. Oder sucht draußen und findet dort
    nur Konventionen. Wenn man's merkt, geht die Suche vorne los, richtet sich wieder nach innen usw.
    Auf Angelika Wende verweist du ja immer wieder mal, und dann schaue ich hin und wieder rein bei ihr ... :-)
    LG, Iris

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