Donnerstag, 21. Februar 2013

Senfdazugeber

Es folgt ein Text, der als spontane Unmutsäußerung begann, der mich am Ende aber selbst ins Nachdenken brachte darüber, warum mich ausgerechnet das im Folgenden Geschilderte so stört; was es mit mir zu tun hat und mit einer Seite an mir, die ich in Wirklichkeit vielleicht als Schwäche oder Mangel betrachte ... Demzufolge ist dieser Beitrag nicht unbedingt als fester Standpunkt sondern als Suche zu lesen, und auch da nicht als Suche nach einer abschließenden Meinung, sondern eher nach etwas Beweglichem, jedenfalls Differenziertem.

*

Manchen fällt zu allem etwas ein. Und zwar so unmittelbar, dass sie gar nicht lange bei dem Gegenstand verweilen müssen, sie können sofort zu ihren eigenen Gedanken springen, mit diesen den Anlass gebenden Gegenstand überlagern, sich an sich selbst und ihren Assoziationen  freuen und vor allem: sie sofort äußern. Dabei meinen sie es unter Umständen sogar gut. Sie wollen das Entdeckte nicht isoliert dastehen lassen. So kommt es ihnen nämlich vor: Als könnte es frieren oder hungern oder traurig sein, wenn sich nicht gleich eine Bemerkung von außen anschmiegt. Und so wird das Entdeckte aus seiner Alleinheit befreit und gewürdigt (glauben sie); wird es klein gemacht und am Entfalten gehindert (meine ich). 
Nein, ich mag sie nicht, die immer zu allem sofort etwas beizutragen haben, und handele es sich nur um die Äußerung, dass das Entdeckte sie sprachlos mache. 
- Rumms, Deckel drauf. Hallo, hier bin ich, seht mich auch an. Steigt alle mit ins (Kommentar)Boot, lasst es auf den künstlich erzeugten Wellen hüpfen, sich von der Quelle entfernen. Jippieh, wir sind toll und wir sind in Fahrt! Worum ging es nochmal? Egal, wir plappern, wir plaudern, wir plätschern dahin, wir sind nicht still, sondern in ständiger Bewegung, das bringt uns weiter, wir sind so klug und gewandt und voller Esprit.  -
Nein, ich mag sie nicht, die nichts, aber auch wirklich rein gar nichts still für sich in ihrem Kopf oder ihrem Herzen oder einem anderen Innenraum bewegen können, still und ausdauernd, so dass es Zeit hat, sich zu entfalten, sich von allen Seiten zu zeigen, auch den zunächst verborgen; zu wirken und am Ende zu mehr zu führen als einer simplen Reaktion von Ah und Oh und wie wunderbar oder mitgeteilter Sprachlosigkeit. Die, denen es nicht darum geht, in das Entdeckte einzutauchen und es wirklich kennenzulernen, sich damit zu beschäftigen, sondern die immer gleich den 180-Grad-Schwenk zurück zu sich vollziehen und schauen, was "es" mit ihnen "macht". Und es kann eine Menge machen, aber es könnte viel viel mehr, wenn es erst einmal ruhig betrachtet würde, in einer von sich selbst absehenden Weise.
Nein, ich mag sie nicht, diese sofort und zu allem ihren Senf Dazugeber, und ich weiß, dass es krass klingt und dass ich besser differenzieren müsste, schließlich gibt es Textbeiträge, die ausgesprochen zur Diskussion einladen, mein Missmut passt bei weitem nicht in allen Fällen; und dass ich vielleicht sogar manche vergraule, weil sie sich zu Unrecht gemeint fühlen (dabei meine ich z.B. keinen einzigen der bei mir Kommentierenden, ehrlich, Ihr seid alle wunderbar!); aber ich möchte auch niemandem diese meine sehr subjektive Sicht vorenthalten.

Letztlich sagt aber diese meine Kritik ebensoviel über die Kritisierende (also mich) aus wie über die Kritisierten.*
Und damit habe ich mich nun quasi selbst überführt und werde also darüber nachzudenken haben, wo meine eigenen Anteile liegen, die dazu führen, dass mich o.g. Sachverhalt immer wieder so aufzubringen vermag. Jaja.
Komma,

* Dieser Satz lautete vorher so:  "Letztlich sagt aber jede Kritik mindestens ebensoviel über die Kritisierende wie über die Kritisierten, wenn nicht sogar mehr." und war damit missverständlich, worauf mich @tatti in einem Kommentar hinwies: "Ich habe den Satz so gedeutet, dass es um kritisierende Kommentare geht:" Deshalb die Korrektur. Danke, @tatti

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Danke für diesen Text.

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    1. Das glaube ich Dir sofort, wenn ich an einige Deiner Blogbeiträge denke. ;-)
      Aber wie gesagt: Mir kamen auch Zweifel ...
      Liebe Grüße!

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  2. PS: Aber ich sehe es so: Man will sich noch entfalten. Und es gibt diese und jene Kritik. Kritik, bei der ein Fremder belehrt oder einen Text auf sich bezieht und angreift (Persönliches Angreifen ist keine Kritik) oder aber auch nur merkt, dass der Schreibende was schreibt, was er nicht selbst schreiben kann oder will. Nicht jede Kritik ist konstruktiv, sondern manchmal auch einfach zu schnell dahin gefetzt.

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    1. Und jetzt war ich zu schnell mit meiner Reaktion, Du hattest noch gar nicht ausgeredet. :-)
      Genau darum geht es: Man will sich noch entfalten. Und Reaktionen sind gut, bremsen manchmal aber auch aus, je nachdem - ach, es ist vielschichtig.

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    2. Ich war doch auch zu schnell.... :-)

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  3. nur ein zitat, dass mir als assoziation dazu einfällt, dann bin ich ruhig ;)

    "alle reden durcheinander, um nicht unterzugehen." (shaban und käpt'n peng: von form zu form)

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    1. DU sollst ganz bestimmt nicht ruhig sein! <3

      Super Zitat! :-)

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    2. Stimmt, den merke ich mir. Wunderbares Zitat. Passt auch auf die sozialen Medien.

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    3. Andererseits – wenn es noch in der Entfaltung ist, dann ist es vielleicht zu früh für Veröffentlichung.

      Wer Sätze in die Öffentlichkeit entlässt, der muss damit rechnen, dass jemand darauf reagiert. Und der andere reagiert eben entsprechend seines Hintergrundes. Im Idealfall ist die Reaktion eine, die weiterbringt; eine Anregung, ein Zweifel. Was wäre Philosophie ohne den Zweifel.

      Jemanden auf eine Lücke hinzuweisen, muss nicht Selbstdarstellung sein, sondern im Gegenteil hilfreich.

      Und wie gesagt, so lange man noch nicht zu Ende gedacht hat, ist es zu früh für Veröffentlichung. (Und damit meine ich nicht Twitter etc., sondern jedweder Transport der Gedanken nach draußen.)

      Ich verstehe nicht, wie man sich nur aufgrund eines Kommentares angegriffen fühlen kann. Oder dass man „Fremde“ als Kommentatoren einfach ausschließt, wie blank meint. Was tut ihr hier im www, wenn nicht Gedanken an „Fremde“ zu richten. Wolltet ihr nur Freunde ansprechen, könntet ihr das per Mail erledigen.

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    4. Kommt wohl auf den Inhalt und die Wortwahl des Kommentars an, oder?

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    5. Dass Beleidigungen nicht gehen, ist ja klar.

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  4. Nur eine kurze Zwischenbemerkung, bevor ich mich - vielleicht - noch ausführlicher äußere:
    In meinem Text geht es in keinem Satz um kritisierende Kommentare. Dass dies aber herausgelesen wird, finde ich sehr interessant.

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    1. Ich habe den Satz so gedeutet, dass es um kritisierende Kommentare geht: „Letztlich sagt aber jede Kritik mindestens ebensoviel über die Kritisierende wie über die Kritisierten, wenn nicht sogar mehr.“

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    2. Der Satz bezieht sich auf MEINE Kritik an den "Senfdazugebern", und diese Kritik sagt also auch einiges über mich als Kritisierende aus, wahrscheinlich auch Unschönes. Das ist es, was mich am Schluss ins Grübeln brachte.
      Das wird aber vielleicht nicht deutlich genug, da werde ich wohl eine kleine Änderung vornehmen.
      Danke für den Hinweis!

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  5. Genau.

    Es gibt so viele verschiedene Kommentare wie Sterne am Himmel. Es gibt leuchtende, schöne, motivierende, bestätigende, irritierende witzige und auch komische oder negative.

    Ich persönlich habe nur einen von vielen als Antwort benannt, da ich erst vor kurzem mit anderen Schreibenden darüber sprach, wollte aber definitiv nicht alle Kommentare in eine Schublade stecken.

    <3

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  6. Wundere mich: Am Ende des Textes steht "Komma"....
    Alle reden durcheinander....das trifft es!

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    1. Komma deshalb, weil ich nicht Punkt sagen wollte. Womit ich meine, dass ich bereit bin, dazuzulernen. :-)

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  7. Das hatte ich mir genau so gedacht.
    Auch Du arbeitest an Deiner Selbstoptimierung...ich überlege mir, ob ich dieses Buch erwerben soll: "Ich bleib so scheiße wie ich bin. Lockerlassen und mehr vom Leben haben"- hier drüber nachzulesen: http://waldviertelleben.blogspot.de/2013/02/selbstoptimierung.html
    Gruß von Sonja

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    1. Liebe Sonja,
      ob Du's glaubst oder nicht, aber ich hatte mir schon gedacht, dass Du Dir das so gedacht hattest. ;-)

      Ich habe mir den Link angesehen und bin auch zum Ursprungslink, hier: http://ingejahn.blogspot.co.at/2013/02/lachen.html Da scheint es mir tatsächlich um Selbstoptimierung durch fragwürdige Psycho- und Eso-Methoden mit dem Ziel, glücklicher, schlanker, erfolgreicher etc. zu werden. Nein, darum geht es mir wirklich nicht!
      Ansonsten ist aber schon ein bisschen was dran. Ja, ich möchte ein "guter" Mensch sein. Nicht im Sinne von brav und lieb und harmonieherstellend, sondern im Sinne von respektvoll. Aber das wird jetzt fast zu allgemein.
      Zum Thema:
      Dass ich den Inhalt meines Beitrags scheinbar relativiere dadurch, dass ich vorher und nachher betone, dass ich noch drüber nachdenken muss, bedeutet nicht, dass ich mein Genervtsein von den Ständigihrensenfdazugebenmüssern infrage stelle. Sondern es bedeutet, dass ich mich frage, warum dieses Verhalten mich so auf die Palme zu bringen vermag. Die Gründe interessieren mich und ich bin ihnen bereits auf der Spur. :-)
      Demnächst vielleicht mehr dazu.

      Im Übrigen macht mir Denken einfach Spaß, ich empfinde es nicht als das Gegenteil von Lockersein.
      LG, Iris

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