Montag, 4. Februar 2013

Ausharren

Sie senken die Köpfe. Er auf der einen, sie auf der anderen Seite der Mauer. 
Ich verstehe dich nicht, ruft er hinüber. 
Darum geht es nicht, erwidert sie, darum ist es nie gegangen. 
Er scharrt mit den Füßen im Erdreich, überlegt, eine Schaufel zu holen. Vielleicht, wenn er sich bis zur Verankerung graben könnte ... 
Bist du noch da?, ruft er. 
Ja, erwidert sie, und das ist mein letzter Hinweis, deutlicher geht es nicht. Wenn du jetzt immer noch nicht drauf kommst ... 
Ein Ja, denkt sie, nichts weiter als ein Ja, einmal, aus seinem Mund.
Sie hat sich niedergelassen, sitzt mit dem Rücken an die Mauer gelehnt, diese ist kalt und heiß. Wie wir, denkt sie. Wie wir in unseren abweisenden und in unseren zornigen Momenten. Sie lässt eine Hand über die Fläche gleiten.
Hier gibt es keine einzige warme Stelle, ruft sie zu ihm hinüber, wie ist es auf deiner Seite?
Er legt seine Hände auf die Mauerfläche, spürt mit der einen die Kälte, mit der anderen die Hitze. Wenn ich ausharre, denkt er, wenn ich ein wenig Geduld habe, dann müsste ein Ausgleich stattfinden. Und so geschieht es. Die Wärme seiner Hände überträgt sich auf die Mauer.
Das ist es, denkt er, ein Ausharren, einmal, von ihrer Hand.
Bist du noch da?, ruft sie.
Ja!, erwidert er, verwirft den Gedanken an die Schaufel, dreht sich um, lehnt sich mit dem Rücken an die Mauer.
Bleibst du?, ruft sie.
Ja!, erwidert er, und blickt in die aufkommende Dämmerung, in die Nacht, in den Morgen, in den neuen Tag ...
Sie erhebt sich und legt die Hände auf die heißkalte Fläche.
Dann bleibe ich auch, ruft sie, und harrt aus, sein Ja im Ohr, die Hände still an der Mauer, die Nacht hindurch, bis in den Morgen, bis in den neuen Tag ...
Wärme dringt an seinen Rücken.

Kommentare:

  1. In einer langen, liebevollen Ehe- immer wieder SO!

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  2. solange die sprache den anderen erreicht, bleibt die mauer warm.

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    1. Und wenn die Sprache einmal fehlt, hält das Ausharren warm bis sie wieder da ist. (Nicht immer und in jedem Fall, aber den Versuch ist es wert, finde ich. Nicht so schnell aufzugeben.)

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