Donnerstag, 28. Februar 2013

Das Ohr des Fotografen

Immer wenn ich im Netz über Diskussionsbeiträge zu Aléa Torik und ihren Romanen stolpere, richtet sich mein Fokus fast spiegelreflexartig auf einen kleinen feinen Dokumentarfilm, der 2002 in Litauen gedreht wurde. Leider wurde ihm, so schließe ich aus der geringen Googletrefferzahl, nur mäßig Beachtung geschenkt. Der Film trägt den Titel "Kurmis", lief unter dem Titel "Ein Maulwurf" auf den Nordischen Filmtagen Lübeck 2002 und unter dem Titel "Das Ohr des Fotografen" 2003 auf 3sat. Da habe ich ihn gesehen. 
Die damalige Filmstudentin Dalia Survilaite erzählt in ihrem Film aus dem Leben eines von Geburt an blinden Fotografen und von seinem ganz speziellen "Blick" auf die Welt um ihn herum. Sie begleitet ihn u.a. auf seiner Motivsuche quer durch die Stadt, bei Kinobesuchen und zur Ausstellung seiner Fotos. Wie er sich anhand von Geräuschen zu seinen Fotografien anstoßen und leiten lässt, das ist beeindruckend, den so entstandenen Bildern wohnt das Geräusch inne, man sieht sie nicht nur mit den Augen, sondern nimmt eine doppelte Perspektive ein. Faszinierend fand ich das damals. Als ich jetzt nach dem Film googelte, war ich überrascht, dass seine Laufzeit nur 10 Minuten beträgt, ich hatte ihn viel länger in Erinnerung, vermutlich weil er enorm viel beinhaltet an Ungewohntheit und Blickerweiterung.
Als im vergangenen Jahr Aléa Toriks Roman "Das Geräusch des Werdens" erschien, fiel mir sofort der Film wieder ein. Von Beginn an läuft die Diskussion um das Versteckspiel der inzwischen bekannten Person hinter dem Pseudonym Aléa Torik für mich als drittrangig hinter der Frage, ob der Autorin die Geschichte dieses real existierenden Fotografen bekannt war, einer Frage, die wiederum zweitrangig platziert ist hinter meinem Interesse, das in diesem Fall erstrangig dem Kurzfilm und der in ihm dokumentierten Geschichte eines echten Menschen und seiner besonderen Begabung gehört.
Nichts gegen Fiktion, bei weitem nicht! und nicht einmal etwas gegen das Spiel mit den Identitäten. Es besteht auch eigentlich nicht die Notwendigkeit, das eine (den Film) gegen das andere (das Buch) auszuspielen oder überhaupt einen Vergleich anzustellen oder auch die Frage nach Urheberschaft oder so etwas zu stellen. Nur kriege ich in diesem Fall die Dinge einfach nicht auseinander, ich kann nicht den unter Übersehenwerden leidenden Autor, der deshalb in die Verkleidungskiste greift und so endlich zu Erfolg gelangt, trennen von dem Übersehenwerden eines großartigen Dokumentarkurzfilms. Und ich kann es deshalb nicht trennen, weil beide eine (zufällig?) ähnliche Geschichte erzählen, aber der Film war zuerst da. Deshalb verweigere ich mich dem Hype um den fiktiven Romanprotagonisten und vor allem um seinen Erfinder(?) und widme meine Aufmerksamkeit stattdessen lieber der echten Geschichte eines echten Menschen.

Nachtrag 16:34 Uhr: Gerade habe ich den Film gefunden. Die Qualität ist nicht besonders gut, aber es reicht für einen Eindruck. Und ich musste feststellen, dass mich meine Erinnerung getäuscht hat: Ein Gang durch eine Fotoausstellung kommt im Film nicht vor. Vielleicht war im Vor- oder Nachwort davon die Rede, vielleicht hat mein Unterbewusstsein eine solche Szene hinzugefügt.

Kommentare:

  1. Der beste Beitrag, den ich gelesen habe zu diesem Alea Torik Ding! Eine klare Position, sehr nachvollziehbar bedgründet.
    Mir fällt dazu ein, dass ich vor vielen Jahren (und ich weiß wirklich nicht mehr, wann das gewesen ist) eine ähnliche Geschichte bei den Bachmanntagen gehört habe). Aber jetzt suche ich den Film, von dem Du erzählt hast.

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    1. Wenn Du ihn findest, sag mir Bescheid. Ich konnte bisher nur ganz weniges über den Film finden, aber leider nicht den Film selbst. Zu gerne würde ich ihn mir nochmal ansehen.

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    2. Und jetzt habe ich den Film doch noch gefunden. :-) Link unterm Post.

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  2. Spannender Film, schade, dass die Qualität nicht so gut ist.

    Ich habe eine blinde Freundin. Immer wieder, wenn ich mit ihr unterwegs bin, sogar im Kino, stelle ich fest, dass sie Erfahrungen macht, die ich (und sie!) nicht anders als mit dem Verb "sehen" beschreiben können. Sie ist Sängerin und also auch sehr aufs Hören und Klingen fixiert, dennoch entstehen aus den Geräuschen in ihrem Kopf nicht immer "Musiken", sondern eben auch "Bilder". Wie das geschieht und was diese Bilder von jenen unterscheidet, die sich über die Linse des Auges in meinem Kopf bilden, darüber denke ich/denken wir immer wieder nach.

    Zu den Torik/Heck-Büchern kann ich gar nichts sagen, weil ich sie nicht gelesen habe. Im Blog hat mir das Kokette wenig gefallen. Das schien mir auf einer sonderbaren Mischung aus kindischem Selbstbewusstsein und völliger Unkenntnis bestimmter Situationen zu zu beruhen. Damals dachte ich allerdings, diese Autorinnen-Position werde sich aus der Situation einer jungen Frau erschrieben, die gerade nicht die Beachtung findet, die sie sich ersehnt und sich daher einen unversehrten Körper imaginiert (aber eben keine Ahnung davon hat, wie es sich a l s Frau mit einem solchen lebt). Ich habe kommentierend damals darauf mit so einer Haltung reagiert, die ich als "Welpenschutz" beschreiben würde. Das war offensichtlich ein Irrtum, über den ich mich vielleicht ein bisschen ärgere. Selbst schuld! Tatsächlich war es offenbar die Imagination einer Traumfrau durch einen Intellektuellen: jung, sexy, langbeinig, langhaarig flirty, osteuropäischer Herkunft (weniger verklemmt und durch westlichen Feminismus infiziert), intellektuell, philosophisch und literaturtheoretisch interessiert. Hat ja funktioniert, war also insofern ziemlich gut gemacht.

    Dass jemand ein Pseudonym benutzt oder eine imaginäre Autorschaft entwickelt, finde ich weder besonders neu, noch problematisch. Schwieriger ist es, wenn jemand aus dieser Rolle Gespräche (Kommentare und vor allem private Mails sind für mich solche) mit anderen führt, die sich nicht als Textfunktionen begreifen. Das nehme ich auch dem Autor weiterhin übel, völlig unabhängig von einer Beurteilung der literarischen Werke, die er verfasst hat.

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    1. Ja, im Fernsehen und mit guter Bildqualität wirkte er doch noch anders.

      Den Austausch über diese ganz verschiedenen Sehweisen finde ich sehr interessant. Besonders weil Deine Freundin auch von Bildern spricht, die sie sieht. Ist sie denn auch von Geburt an blind?

      Ich habe die Bücher auch nicht gelesen. Und zwar tatsächlich aus einem, vielleicht nicht leicht nachvollziehbaren, Loyalitätsempfinden dem Film gegenüber, der zuerst "diese" Geschichte erzählt hat und das auf eine stille, bescheidene Weise, nicht mit dem lauten Geräusch des Hypes um das Buch. Dieses Geräusch nahm mir schon vor dem Erscheinungstermin jegliche Lust, es zu lesen. Fand ich aber nicht schlimm, es gibt genug andere Bücher, ich kann sowieso nicht alle lesen und muss auch nicht überall mitreden. So what? :-)

      Zu dem Spiel mit der Identität: Das finde ich wie Du problematisch, wenn es bis in den persönlichen Kontakt hinein fortgesetzt wird. Für mich bedeutet so ein Verhalten einen schweren Vertrauensmissbrauch. Mir ging es mit einem früheren Kommentator meines Blogs so, mit dem ich darüberhinaus freundschaftlich verbunden war. Er tauchte irgendwann als eine andere weitere Person auf und trieb auf diese Weise sein Spiel mit mir. Er verfolgte damit einen bestimmten Zweck (der wie bei Heck mit Erfolgswunsch zu tun hatte). Ich kam ihm auf die Schliche. Pech für ihn, schmerzlich für mich. Das hat mich empfindlich und misstrauisch gegenüber anonymen Kommentatoren gemacht.

      (Übrigens war ich inzwischen in Hannah Arendt. Der Film hat einen regelrechten Gedankensturm bei mir ausgelöst, angefangen bei der Machart, der selektiven Auswahl dieses einen Lebens- und Arbeitsabschnitts und der subjektiven Darstellung (die ich aber nicht problematisch fand), über die Denk- und Betrachtungsweise Arendts bis hin zu einem erneuten Ausbruchs meiner Verzweiflung darüber, dass ich zehn Jahre meines Lebens mit der Vertiefung in Bibeltexte begleitet von evangelikaler Literatur zugebracht habe und mindesten zehn weitere Jahre gebraucht habe, um all dies wieder einigermaßen aus meinem Kopf zu bekommen. Was hätte ich in diesen Jahren alles lesen und lernen können! Nicht alles lässt sich nachholen, leider, aber ich stürze mich hungrig auf jede Anregung, und da bot dieser Film schon sehr viel. Sehr, sehr gerne würde ich mich mit Dir bei Gelegenheit tiefer darüber austauschen. Irgendwann im Frühjahr plane ich einen Besuch in Frankfurt. Vielleicht dann?)

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    2. Gerne! Ich freue mich sehr drauf. Mit Hannah Arendt führe ich ein immer wieder hakendes Gespräch. Sie reizt mich (durchaus im doppelten Sinne des Wortes). Der Film wirft auch die Frage auf (ohne dass er sie verfolgt, ob Arendt Eichmann "richtig" wahrnimmt. Andere haben seine Selbstdarstellung als reiner Bürokrat eher als Inszenierung verstanden, mit der er, der durchaus überzeugte Nazi und Antisemit, sich habe vor der Verantwortung drücken wollen.)

      Weißt Du, ich glaube Du würdest Dich sehr gut mit S., der blinden Freundin verstehen. Sie ist seit sehr früher Kindheit blind. Die Blindheit jedoch definiert sie nicht. Für mich ist sie vor allem eine Frau, die sehr viel Luxus entfalten kann (damit meine ich nicht, was man für Geld kaufen kann, sondern Momente von Entspanntheit, Wohlgefühl, Lust).

      Lass uns einen Termin verbinden! Ich freue mich wirklich sehr drauf!

      Liebe Grüße
      M.

      PS. Was Du über das Misstrauen schreibst, das solche Verhaltensweisen im Netz erzeugen, hat ganz ähnlich neulich Phyllis Kiehl gesagt. Vielleicht ist das das Schlimmste daran: Dass es auch die Möglichkeit der Kommunikation anderer einschränkt.

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    3. Was mich an ihr u.a. reizt (auch im doppelten Sinn) ist die Genauigkeit, der sie sich anscheinend verschrieben hatte, und die ich bewundere, welche sie allerdings nicht vor Täuschungen bewahrte, diese einzugestehen aber schwerer machte. So mein Eindruck aus dem Film. Ach, aber das ist nur ein Aspekt unter vielen ...

      Wenn ich meinen neuen Dienstplan habe, kann ich Dir zwei, drei Termine vorschlagen. Ich freue mich auch sehr auf ein Treffen.

      Liebe Grüße,
      Iris

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  3. Der Blog von Aléa Torik ist tricky und gut gemacht. Ein solches Spiel über eine solch lange Distanz durchzuhalten, erfordert Kraft, Zeit, Mut, Verstand, Disziplin, Arbeit; und das ist zu bewundern – insbesondere, wenn das Ergebnis stimmt. Ein Text-Literatur-Lebens-Verschmelzungsprojekt der feinsten Sorte, weil es nicht bloß das verdoppelt, was sowieso schon ist, sondern der Welt etwas hinzufügt. Insbesondere dann, wenn geneigte Leserin, geneigter Leser im Hinblick auf dieses Projekt den neuen Roman „Aléas Ich“ liest, erhält das ganze einen ausgearbeiteten Zug. Zufall und Konstruktion in einem. Eine Art Kippfigur, wie der Wittgensteinsche Hase-Enten-Kopf.

    Daß es sich beim Blog von Aléa Torik um einen literarischen Blog handelt, wird jede/r, die oder der im Umgang mit Texten geübt ist, schnell sehen. Und daß es einen Namen wie Aléa Torik eher nicht gibt, scheint mir auch nicht so weit entfernt zu liegen. Es spielten sich dort im Blog kluge Debatten ab, Aéa Torik lieferte sich bei mir im Blog einen feinen Streit zu W. Benjamins Trauerspielbuch und fiel mir durch kluge Kommentare auf. Sie erzählte Geschichten, von denen es im Grunde schnurzegal ist, ob sie wahr oder falsch sind. Sie waren gut erzählt. Mit dem Blick einer jungen, klugen Frau, die aus Rumänien stammt. Oder eben nicht. Herkunft ist (auch, aber nicht nur) Trug.

    Wenn dann jemand daherkommt und die Dekonspiration einer literarisch-biographischen Person beginnt, und zwar bis hin zu einer öffentlichen Dekonspiration in einer Rezension bei Amazon, die er dann aber wieder zurückzog, wird die Sache natürlich heikel und es ist überhaupt ein Wunder, daß diese fragile Angelegenheit so lange gut ging. An Stelle von Aléas Ich hätte ich freilich die privaten Schreibkontakte auf ein Minimum beschränkt. Da hat das Ich einen Fehler gemacht. Konstruktion erfordert Distanz.

    Ja, es ist jemand da tief verletzt worden, und zwar zum Teil auch in seiner männlichen Eitelkeit. Das ist bedauerlich, und auch ich sehe das als einen unschönen Nebenaspekt. Aber es ändert am Inhalt der zwischen beiden Parteien hin und her geschriebenen Mails nichts. Käme es wirklich auf diesen Inhalt an, müßte es im Grunde egal sein, ob Mann oder Frau (oder wer auch immer) da schrieben.

    Und um diesen Beitrag ein wenig biographisch werden zu lassen: auch ich schrieb mir mit Aléa Torik. Auch ich hielt sie für eine Frau. Als ich dann jene Frau, die keine Frau ist, traf und dessen gewahr wurde, war ich erst verwundert, dann überrascht und schließlich mußte ich lachen. Auch über mich selbst. (Humor ist leider eine Fähigkeit, die nicht jedem gegeben ist.) Ich habe mich plötzlich in meinem eigenen Blick selbst gesehen und traf einen Autor mit einem unglaublich spannenden Projekt.

    (Nebenbei: das Publikum im Literaturhaus in Berlin nahm dieses Spiel mehr als gelassen auf. Und der Leiter des Literaturhauses schien mir eher angetan als skeptisch; als moralische Instanz muß er freilich, wie kulturpolitisch üblich, diese Frage nach der moralischen Fragwürdigkeit stellen. Es wird ja so gerne, weil kostengünstig, einfach und lenorkuschelig, moralisch argumentiert.)

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  4. Blindheit in der Photographie bzw. Blinde, die Photos machen, ist ein lange währendes Thema innerhalb der Geschichte der Photographie, auf das wohl niemand ein Copyright besitzt. Es gibt bestimmte Themen in der Kunst, die gerne variiert werden. Von der Wahl des Paris über Aufenthalte in Zauberberg-Kliniken bis zu Judith und Holofernes. So ist das in der Kunst.

    Zwischen Film und Buch sehe ich keinerlei Zusammenhang, zumal es sich um zwei ganz verschiedenen Medien handelt, die qua unterschiedlichem Seins-Status ein möglicherweise Identisches nicht identisch darbringen können. Und selbst wenn es Ähnlichkeiten gäbe, ist dies kein Grund, der für oder gegen das Buch spricht. Es soll in der Literatur vorkommen, daß Literatinnen und Literaten von andern Literatinnen und Literaten borgen, stehlen, entwenden. Wenn es gut ist? Was soll‘s? Die Blindheit des Photographen in „Das Geräusch des Werdens“ bleibt zudem bloß eine Metapher oder ein Bild für etwas. Der Text entfaltet diese Linie des Romanes nicht weiter, obwohl er es sicherlich könnte; über die Photographien selbst wird kein Wort verloren, weil sie die Rolle des Unsichtbaren spielen. Ebenso wie jene verschwundene Krizstina.

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    Was, Iris, sind echte Menschen und echte Geschichten? Die gibt es nicht in der Kunst, sondern allenfalls im Dokumentarfilm. Und im Grunde auch da nicht, weil jeder Blick, jede Erzählung selektiert und auf Fiktion angewiesen ist.

    @ Mützenfalterin
    Könntest Du wohl die auf dem Bachmanntagen so ähnlich klingende Geschichte nennen, damit es kein bloßes Gerücht bleibt?

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    1. Ich muss morgen darauf antworten, möchte vorher noch drüben in Ihrem Blog lesen, was Sie dazu schreiben.

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    2. "Der Blog von Aléa Torik ist tricky und gut gemacht [...] und das ist zu bewundern." Mag sein, dass das zu bewundern ist, immerhin beweist es eine bestimmte Kunstfertigkeit, dennoch: ich bewundere es nicht. Ich bewundere auch keinen Werbetexter, der sein Schreibtalent, statt es für Notwendigkeiten einzusetzen, darauf verwendet, Dinge, die niemand braucht, trickreich an den Mann/ die Frau zu bringen.
      Hierhinein passt auch das Beispiel, auf das sich die Mützenfalterin, glaube ich, bezieht: Kathrin Passig, die 2006 den Bachmann-Preis gewann, nachdem sie vorher gut recherchiert und kalkuliert hatte und dann gezielt für den Wettbewerb schrieb. Auch da kann man in der Bewertung geteilter Meinung sein. Das waren die "Experten" ja auch im Anschluss. Meine Meinung: Dieses ganze Wettbewerbssystem, dieser ganze auf Erfolg ausgerichtete Betrieb ist der Literatur nicht förderlich, im Gegenteil. Es wird für ein Publikum, für eine Jury geschrieben und nicht mehr aus einer (inneren) Notwendigkeit heraus. Das ödet mich an, und es ist aus den Texten herauszulesen, ob sie mit Kalkül oder aus eben dieser Notwendigkeit heraus geschrieben wurden. Dabei meine ich mit Notwendigkeit nicht nur existentielle, tiefe Prozesse, Hunger und Schmerz, die sich Ausdruck verschaffen. Es können auch "einfache" Geschichten sein (die dennoch immer komplex sind, wenn sie gut sind), erzählte Leben, fiktiv oder nicht, aber es muss dann um die Geschichte gehen, diese darf nicht Mittel zum Zweck sein, also dem an Zahlen und Popularität gemessenen Erfolg des Autors.

      Nun habe ich mich aber tatsächlich zu wenig mit Aléa Torik beschäftigt, um da auch nur eine subjektive Einschätzung ihrer Motivation und ihres Könnens vornehmen zu dürfen. Warum ich mich nicht näher beschäftigt habe, beschreibe ich in meinem Beitrag. Es ist eine Geringfügigkeit (die Ähnlichkeit der Geschichten, meine von mir selbst in ihrer Veranlassung nicht näher erforschte Loyalität dem unscheinbaren Film gegenüber), die mich davon abhielt, Aléa Torik und ihren Büchern meine Aufmerksamkeit zu widmen. Ich habe mir da nichts aus moralischen Gründen versagt, es nicht als Verzicht empfunden, denn es gibt ja nun wirklich soviel Lesestoff, dass man sowieso eine Auswahl treffen muss, und in dieser Auswahl orientiere ich mich nicht an Trends und Hypes (oder höchstens in der umgekehrten Auswirkung), sondern an ganz persönlichen Vorlieben.

      Darüberhinaus verstehe ich das Spiel mit der Identität und verurteile es nicht, denn wer spielt es nicht? in unterschiedlicher Ausprägung. Aber für mich liegt die Grenze, wie z.B. für Melusine auch, und wie Sie selbst es ebenfalls schreiben ("An Stelle von Aléas Ich hätte ich freilich die privaten Schreibkontakte auf ein Minimum beschränkt. Da hat das Ich einen Fehler gemacht. Konstruktion erfordert Distanz."), da, wo es in den persönlichen Kontakt übergreift. Sicher ist diese Grenze fließend und ist es von daher nicht einfach, den Punkt zu erkennen, von dem aus das Spiel zu weit geht. Auch lässt sich dieser Punkt vielleicht nicht objektiv benennen, sondern hängt vom individuellen Empfinden ab. Sie konnten das Ganze amüsant finden, es sogar bewundern, andere fühlten sich mehr oder weniger tief verletzt. Dem ist nicht mit Formen von Rechtsprechung beizukommen. Höchstens mit gegenseitigem Respekt, aber auch eine solche Leistung unterliegt dem individuellen Vermögen.
      Worauf will ich hinaus? Darauf, dass alle und keiner Recht haben? Nein. Auf eine gewisse Form der Relativierung schon, ein Zurückschrauben der Bedeutsamkeit dieser ganzen Geschichte. Mit meinem Beitrag aber vor allem auf eine, meine ganz persönliche, Aufwertung des Leisen gegenüber dem Lauten.

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    3. "Zwischen Film und Buch sehe ich keinerlei Zusammenhang [...]". Ja. Ich habe oben bereits erklärt, dass meine Inzusammenhangsetzung der beiden (Film und Buch) eine subjektive aus subjektiven Beweggründen ist. Objektiv betrachtet gebe ich Ihnen recht: Es besteht kein Zusammenhang, und selbst wenn: Niemand kann wirklich neu erfinden, jeder greift zurück und gestaltet neu und um und schreibt weiter am großen Text, jenem "unendlichen, der sich webt ...", wie Sie mir mal in einem Kommentar schrieben, den ich jetzt nachlas und dabei auch feststellte, dass wir eigentlich beim Du waren. :-)

      Jetzt auch noch auf die Frage nach dem echten Menschen, der echten Geschichte einzugehen, dazu fehlt mir - puh! - gerade die Lust/ Luft. Es ging mir in meinem Beitrag lediglich um diesen einen konkreten Fall. Denn generell lese ich beispielsweise lieber Romane als Biografien.

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    4. Lieber Bersarin, das kann ich leider nicht. Ich habe tatsächlich, für so nett hätte ich mich gar nicht gehalten, einige der Bachmanntexte im Archiv durchgesehen, aber derjenige, an den ich mich zu erinnern glaube, war nicht dabei, so dass ich weder ausschliessen kann noch will, dass ich ein bloßes Gerücht in die Welt gesetzt habe, weil ich u.U. verschiedene Texte miteinander in der Erinnerung gemischt habe.

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    5. @muetzenfalterin: Ich glaube, Du meinst Kathrin Passig. Das habe ich Bersarin auch schon im obigen Kommentar geschrieben.
      Lieben Gruß und schönen Sonntag noch!

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  5. Im Prinzip stimmt es ja: es geht um das Buch, den reinen Text, und wenn der gut ist, dann ist es völlig egal von wem oder unter welchem Pseudonym der geschrieben ist. Aber wenn der Text stimmt, warum müsste man sich dann überhaupt noch einen fiktiven Autorenkörper hinzudichten, weiblich, jung und super sexy natürlich? Ich bin noch am Nachdenken, mit meiner Meinung noch nicht fertig, und um eine ganz fertige Meinung mir zu bilden, müsste ich vermutlich die Torik-Bücher lesen, aber dazu fehlt mir ganz die Lust, weil mir das alles zu gemacht, gewollt, inszeniert und konstruiert erscheint. Selbst wenn es gut gemacht ist, gut inszeniert, tricky oder was auch immer - mir geht es da wie Iris: die echten Menschen interessieren mich mehr und die schreiben meiner Meinung nach auch die besseren Texte. Natürlich steckt hinter dem Torik-Pseudonym auch ein echter Mensch, aber ich glaube, wenn man zuviele fiktionale Metaebenen zwischen sich selbst und die Schrift schiebt, dann wird auch das Ergebnis immer artifizieller und für mich damit uninteressant.

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    1. Vielleicht lese ich die Bücher noch, da ich durch die Diskussionen hier und woanders nun doch neugierig geworden bin.
      Bersarin hatte die Frage nach dem "echten" Menschen gestellt. Das wird mir zu theoretisch-philosophisch, wenn es den Identitätsbegriff komplett infrage stellt. Also Identität als körperliche, mit einer nachweisbaren Biografie ausgestattete Person. Ich könnte da eher mit dem Rollenbegriff etwas anfangen. finde es z.B. auch vorstellbar, dass man in gegenseitigem Einverständnis dieses Rollenspiel sehr weit treibt, wie es z.B. in reinen Briefwechseln möglich wäre. Oder auch in realer, also körperlicher Begegnung, wenn sämtliche Beteiligten einverstanden sind.
      Aber ich habe nicht wirklich Lust, darüber nachzudenken. Dabei ist es nicht so, dass ich keinerlei Verständnis oder positives Interesse für von gesellschaftlichen Konventionen abweichendes (man könnte auch sagen: phantasievolles) Verhalten hätte. Ich halte nur Aufrichtigkeit im persönlichen Kontakt für wesentlich. Nicht nur aus ethisch-moralischen Gründen, sondern auch aus pragmatischen. Eine Gesellschaft, die sich verstellt, kommt nicht weiter.
      Und ich glaube auch, dass eine solche Aufrichtigkeit, genau wie Notwendigkeit, aus guten Texten spricht. Ansonsten sind sie irgendwie blutleer, oder artifiziell, also künstlich, wie Sie es formulieren.

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    2. Meiner Meinung nach ist Idee von einem "reinen" Text eine "reine" Fiktion. In anderen Worten: Jedes Verlangen nach "Reinheit" löst in mir Misstrauen aus. Der "Text" als modernes Heiligtum, das Ansprüche an mich stellen kann wie eine göttliche Instanz - ich gebe zu: Der interessiert mich null! In dieser Abwehr gegen die Reinheit fühle ich mich sehr einig mit meinem Schwipp-Schwager im Geiste Georg Christoph Lichtenberg, der sich durch das Wort und die Idee der "Reinheit" schon bei Goethe und Kant gleichermaßen abgeschreckt und irritiert fühlte.

      Ich lese Texte lieber als Teil eines "schmutzigen Ritus", als ein imaginäres Gespräch über die Zeiten und Verhältnisse hinweg mit einem Autor oder einer Autorin, als deren (Selbst-)Ausdruck ich den Text begreife, als eine Flaschenpost, die sie ausgeworfen haben und die ich nun, an einem anderen Ufer stehend zu entschlüsseln versuche. Dabei kommt es zu Verunreinigungen, zweifellos, aber gerade durch diese entfaltet sich das Potential dieser Botschaft, die von sehr weit her kommen mag oder von ganz nah und es entfaltet sich desto eher, so glaube ich, je mehr eine sich die eigenen Beschränkungen ins Bewusstsein ruft, wie aber auch diejenigen der oder die vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten oder gestern diesen Text ausgesandt hat von einem sehr fernen oder sehr nahen Ort.

      Zur "Echtheit" von Personen: Ich denke, das ist im Ernst sehr viel weniger kompliziert als es scheint. Wir stecken ein jedes in seiner ganz eigenen Haut. Aus der können wir - tatsächlich! - nicht heraus. Nun kann man sich inszenieren. Man kann die Masken wechseln. Aber man kann niemals der Andere sein. Die Inszenierung, die Selbstgestaltung, das Rollenspiel verändern nicht irgendwen beliebigen, sondern den- oder diejenige, die sie an ihrem Körper vollzieht. Im Netz ist nun die Illusion entstanden, man könne "aus der Haut fahren", gleichsam ein anderer sein, ganz virtuell, ohne den eigenen Körper einer Veränderung unterziehen zu müssen. Das ist aber eine Illusion. Ein Körper sitzt hinter der Tastatur. Deshalb: Ein literarisches oder philosophisches Konstrukt, das auf die "Körperlosigkeit" setzt - es langweilt mich und ich halte es für falsch. Eine Transexuelle oder ein Transvestit riskieren etwas, wenn sie sich in das andere Geschlecht transformieren. Nämlich : sich. Einer, der sich Netz (ob in einem literarischen Blog oder auf einer Partnersuchplattform) als das andere Geschlecht ausgibt, riskiert nichts, sondern spielt - mit den anderen und deren Vertrauen. Auch das finde ich im Grunde nur langweilig. Ich würde nicht die Opposition zwischen "Echtheit" und "Künstlichkeit" in den Mittelpunkt stellen, sondern die zwischen "Körper" und "Körperlosigkeit". Ein Text, der aus einem Körper "gesprochen" wird, hat einen anderen Widerhall, als einer, der den Körper leugnet. Bevor die Identität von "Alea Torik" mir bekannt wurde, dachte ich immer, die Autorin sei eine körperlich versehrte Person, die sich im Netz einen intakten Körper imaginierte. Das erschien mir legitim und in gewissem Sinne stimmte es ja auch, denn ein Mann, der sich als Frau ausgibt, verfügt ja gerade nicht über den Körper, der er zu sein vorgibt. Vielleicht könnte ich von dieser Überlegung her Verständnis für die Konzeption entwickeln. Indes ist mir der theoretische Überbau einfach "zu hoch".

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    3. Vielleicht ist das, was Du, Melusine, als Körperlosigkeit bezeichnest, das, was ich blutleer nenne. Für mich ist das gleichbedeutend mit künstlich, und zwar künstlich sowohl Sprache als auch Inhalt betreffend. Nicht aus dem Menschen und seinem Bedürfnis nach Ausdruck heraus, und zwar Ausdruck eines ihm innewohnenden Themas, und auch in Form und Sprache nicht sich selbst und dem Thema abgerungen, sondern als Mittel zum Zweck. In der Regel, um zu gefallen, um eine scheinbare Nachfrage zu bedienen, und dies vielleicht sogar gekonnt, denn die Sprache beherrscht man ja, weil studiert oder in Workshops trainiert. Es gibt Autoren, die erzählen gekonnt perfekte Geschichten, aber ich frage mich, wozu und woher und habe, was den Ausdruck betrifft, das Gefühl, den erfolgreichen Teilnehmer eines Creative-Writing-Workshops vor mir zu haben. Ich empfinde solche Geschichten als unehrlich und unnötig. Nicht, weil sie Fiktion sind, sondern weil sie vor allem für den Markt geschrieben sind. DAS sind die Bücher, die mich langweilen.

      Dennoch empfinde ich Lesen nur selten oder jedenfalls nicht immer als Gespräch mit dem Autor/ der Autorin. Klar, es gibt einige vor allem Autorinnen, da lese ich jedes Buch, und das hat dann auch damit zu tun, dass mich die Autorin über den einzelnen Text hinaus anspricht und neugierig macht, ich mich mit ihr verbunden fühle. So ging es mir mit Doris Lessing, Katherine Mansfield, Patricia Highsmith, Antonia S. Byatt und einigen anderen. Da interessieren mich dann auch ihre Biografien, ich will mehr über die Hintergründe wissen und wie sie dazu kamen, solche Bücher zu schreiben, vielleicht auch, ob es Ähnlichkeiten mit mir und meinem Leben gibt, wo ich mich doch so wiederfinde in ihren Texten. (So geht es mir im Übrigen auch mit Dir, wird mir gerade bewusst, denn Deine Texte sprechen mich, seit ich sie entdeckt habe, so stark und oft unmittelbar an, auch wenn ich sie häufig nicht verstehe, dass sie mich neugierig machten auf Dich, und ich bin froh, dass wir uns inzwischen persönlich begegnen konnten. Ein Unding, mir vorzustellen, Du seist dann eine ganz andere gewesen als die, die Du hier im Netz präsentierst. :-))

      Dennoch gibt es für mich auch so etwas wie den "reinen" Text, einen, der losgelassen wurde, der durch seinen Autor hindurch entstand, für diesen aber vielleicht auch etwas Überraschendes darstellt, mit dem er sich auseinandersetzen kann, als wäre er nicht Sender, sondern selbst Empfänger. Solche "losgelassenen" Texte empfinde ich als Teilstücke eines großen Gewebes, derer sich jeder bedienen kann, um mit eigenem und anderem anzuknüpfen. Ich kenne von mir selbst solche Texte, die aus mir herausfließen, die ich nicht "mache", sondern für die ich mich öffne, so dass sie quasi zu mir kommen. Ob von innen oder außen, weiß ich nicht. Und ich meine damit nicht so etwas wie ein Medium im esoterischen Sinne. Ich glaube, in solchen Momenten fließen einem einfach die Worte für unbewusst in Innen- und Außenwelt Wahrgenommenes zu. Kennst Du das nicht auch? Und natürlich kommt es dann trotzdem von mir, ich betrachte es aber in der Regel als Geschenk, nicht als etwas aus eigener Kraft und Anstrengung Produziertes.

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    4. Liebe Iris, ich denke wir sind hierbei gar nicht so weit auseinander, wie es scheint. Meistens interessiere ich mich relativ wenig für Biographien von Autoren und Autorinnen, dennoch nehme ich alles, was ich lese, als eine "Stimme" wahr - und ich halte es auch für das höchste Lob gegenüber einem Autor oder eine Autorin, wenn sie/er als eine solche auf jeder Seite erkennbar wird. Mir kommt es also gar nicht zuerst auf einen Abgleich mit Autobiographischem an. Jedoch fasse ich nicht den Text selbst (das Wort "rein" löst bei mir tatsächlich sofort eine beinahe körperliche Abwehr aus) als die "Überschreitung" auf, sondern sie ergibt sich aus dem, was ich "Gespräch" nenne, aus der Durchlässigkeit zwischen Autor/in, Text, Leser/in.

      Selbstverständlich kenne ich es, dass ein Text sich von mir löst. Ich schreibe nie, was ich mir vornehmen zu schreiben (außer wenn ich Formulare ausfülle; deshalb in ich so schlecht darin). Schreibend wandelt sich, was ich bewusst sagen will, in ein Anderes. Aber ich glaube nicht, das darein etwas einfließt, was nicht aus mir kommt. Es kann desto mehr und desto spannender sein, je mehr es mir gelingt, mich selbst durchlässig zu machen, in meiner Wahrnehmungsfähigkeit. Das ist schwankend und am gelungensten empfinde ich die Texte, die ich selbst nicht "verstehe". Aber gerade das verbinde ich mit "Gespräch": Das Schreiben ist ein Gespräch mit der leeren Fläche. Ich weiß nicht, was kommt, aber es ist nicht "mehr" als ich (der Text), sondern etwas in mir, das ich noch nicht kenne, für das ich mich habe aber zum Medium werden lassen. Ich kann das gar nicht so gut erklären. Erst von daher wird es für mich interessant, wenn ich mich einem Text noch mehr nähern will, Wissen zu sammeln über die Zeit und die Umstände, in denen er entstand, über den Autor/die Autorin. Es kann helfen, dieses Gespräch zu vertiefen und noch mehr "Durchlässigkeit" zu erzeugen. Ich denke, ich könnte noch mehr aus Alice Munros Texten herauslesen, wenn ich mehr wüsste über die protestantischen Kirchen in Kanada und ihre unterschiedlichen Glaubensauslegungen. Ich interessiere mich beim Lesen von Texten immer sehr viel mehr für konkrete Hintergründe (weniger für das Privatleben der Autor_innen) als für Theorien oder Philosophien über Texte, die ich an sie heranführen könnte. Das ist mir stets sehr unfruchtbar erschienen.

      Was ich meine, was mir wichtig bleibt: den Text nicht als etwas "Autonomes" zu begreifen, das jenseits des Geschrieben- und Gelesenwerdens sinnvoll ist, sondern seine Durchlässigkeit für dieses "Gespräch" erproben, das freilich ein imaginäres ist und bleiben wird.

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    5. JETZT ist bei mir der Groschen gefallen, glaube ich. Das mit dem (imaginären) Gespräch hatte ich tatsächlich missverstanden. So wie Du es nun nochmal erklärst (Danke!), kann ich es auch für mich annehmen. Und daran anknüpfend sagen, dass ein solches Gespräch - zumindest für mich - eben nicht möglich ist bzw. unbefriedigend bleiben muss, wenn Autor und/oder Text nicht "echt" sind.
      Auch was Du übers Schreiben als Gespräch mit der leeren Fläche sagst, kann ich nachvollziehen. Du schreibst, Du könnest es nicht so gut erklären. Das kann ich auch nicht, die Versuche sind immer irgendwie holperig. Aber ich empfinde das jetzt doch als Annäherung.

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    6. Das freut mich! (Die Annäherung, meine ich).

      Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass ich mich schon länger frage, ob es eine Fortsetzung von "Vögelchen" geben wird? Vielleicht weißt du es ja selbst noch nicht. Mir geht das öfter so. (Gerade diese beiden Texte haben mich sehr "angesprochen", in eben jenem Sinn von "Gespräch", den ich meinte.)

      Herzliche Grüße

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    7. Vögelchen läuft unter Verschluss weiter, nachdem ich gleich nach dem zweiten Teil gemerkt hatte, dass daraus eine größere Geschichte wird, die mir aber so nahe geht und so wichtig ist, dass ich sie ins Unreine schreiben können will, ohne mich dabei beobachtet oder bewertet zu fühlen. Im Moment bewegt sie sich auf drei verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen, ich schreibe einfach drauflos, mal mehr mal weniger flüssig, zwischendurch stockt es auch mal. Zur Zeit tut mir dieses sehr intime Gespräch nur zwischen mir und den leeren Seiten sehr gut. Nicht nur im Bezug auf diese eine Geschichte, sondern auch als Ausgleich zum öffentlichen Schreiben hier im Blog.
      Aber es freut mich, dass sie Dich anspricht, vielleicht erzähle ich Dir bei Gelegenheit Näheres davon.
      Liebe Grüße und einen guten Wochenanfang!

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  6. @ Melusine Barby
    Reinheit ist im Zusammenhang mit dem Textbegriff kein Begriff aus der Waschmittelwerbung, man kann ihn in vielen Fällen streichen: Es gibt Theorie, es gibt Praxis, es gibt Text. Mehr nicht. Zu Shakespeare und Cervantes haben wir keinerlei Bezug mehr, und wer waren eigentlich Homer und Ovid? Aber es gibt die „Metamorphosen“, es gibt die „Illias“ und die „Odyssee“.

    Ein Text ist mit vielfältigen Dingen, Aspekten, Bezügen gesättigt, und manches verschränkt sich in ihm, z. B. die Konstzruktion/Dekonstruktion von Männlich/Weiblich, Gesellschaft und Individuum und manch anderes. Wer würde das bestreiten? Insofern kann ein Text nicht rein sein. Nicht einmal der Koran als direkter Ausfluß Gottes ist es. Manche Texte sind hermeneutisch rekonstruierbar, andere nicht. Es gibt im Text eine Grenze des Sinns. Und ein Text kann eine Flaschenpost sein, da stimme ich Dir zu. Er birgt ein Rätsel, er verschleiert sich und kann – metaphorisch genommen – Hieroglyphen enthalten. Er wird gelesen, und das läßt sich auf sehr unterschiedliche Weise betreiben: Es gibt, frei nach Roland Barthes eine „Lust am Text“, es gibt ein hermeneutisches Drängen, das den Text selber beredt werden lassen will (oder auch: ihn beherrschen will, was meist fehlschlägt), es gibt den essaiistischen Ansatz und vieles mehr, und im besten Falle spielen in Lektüre und Umschrift des Textes möglichst heterogene Aspekte zusammen. Mit Religion oder Religionsersatzhandlung haben Kritik, Kommentar und Lektüre von Texten nichts zu tun. , weil es sich in diesen Tätigkeiten nicht um wiederholbare Rituale handelt, sondern um eine Angelegenheit, die ihr Maß an einer Sache hat, die jedesmal, qua Erfahrungsgehalt und Ausdrucksqualität, anders ausfällt.

    Umgehen kann jede/r mit einem Text wie sie oder er wollen. Allerdings lassen sich durchaus Kriterien für einen gelungenen und für einen weniger gelungenen Umgang mit Texten bilden. Das hängt dann von der Interpretation des Textes ab, die meist ebenfalls als Text auftritt. Über Gottfried Benns Morgue-Gedichte, über Bachmanns Todesarten-Zyklus oder über Kafkas „Prozess“ kann ich sehr gut etwas schreiben, ohne irgend etwas von der Autorin, vom Autor zu wissen. Das heißt nicht, dabei nun auf sämtlich Referenzrahmen zu verzichten. Was ich als einen vollständig unangemessenen Umgang mit Texten ansehe, ist der Umstand, ihn auf die Biographie von Autorin oder Autor herunterzubrechen. Das läuft dann auf so etwas hinaus: „dachte ich immer, die Autorin sei eine körperlich versehrte Person, die sich im Netz einen intakten Körper imaginierte.“ Ja, das hast Du gedacht, es ist aber nicht so. Und darin zeigt sich eben das Problematische biographistischer Deutungen. Und was nun? Morgen kann auf dem Feld der Personen, der Autorinnen bzw. Autorenschaft und im Bezirk der Identitäten alles ganz anders sein. Vielleicht habe ich, Nikolai E. Bersarin, da am 27.2. im Literaturhaus in Berlin jemanden auf den Stuhl und in die Zeitungsredaktion gesetzt, der sich als Aléas Ich ausgibt und den Namen Claus Heck trägt. Der Mann kann lediglich gut vorlesen, aber er hat nie eine Zeile geschrieben. Vielleicht betreibe ich gar zwei Blogs? Wer weiß es: Nichts ist wie es scheint. Es bleibt also nur der Text übrig, samt der unendlichen Umschrift der Lektüren. Darin ähnelt der Text der Literatur dem des Gesetzes. Mit Reinheit hat all das wenig zu tun. Allerdings macht ein Text Arbeit, und er sollte den Solipsismus und das narzißtisch fixierte Ich in seiner Selbstreferenz aufbrechen. Das wäre, im Sinne einer Erfahrung des Offenen, das rezeptionsästhetische Moment einer Lektüre.

    Georg Christoph Lichtenberg war übrigens zugleich ein großer Verehrer von Kant. Und was die reine Vernunft meint: hier handelt es sich um Denkbestimmungen. Diese waren Lichtenberg als Naturwissenschaftler und insbesondere als Mathematiker nicht ganz fremd. Die Mathematik ist übrigens eine relativ körperfreie Zone. Außer es handelt sich um solche Körper der Geometrie oder der Algebra.

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  7. @ Andreas Wolf
    Ich denke, wenn Aléa Torik Marketing hätte machen wollen und an den Begriff der schönen jungen Frau, die sexy auftritt, hätte anknüpfen wollen, dann wäre es ein Leichtes gewesen, auf die Innenklappe des Buches das Bild einer attraktiven dunkelhaarigen, leicht gelockten Frau zu setzen. Mit Photoshop lassen sich zudem die nötigen Verfremdungen erzeugen. Das hat Aléas Ich jedoch nicht getan.

    @ Iris
    Der Körper des Textes ist seine Schrift. Daß ein Text irgendwannn, irgendwo und unter bestimmten Umständen von einem empirischen Ich geschrieben wurde, das diese oder jene Erfahrung machte und so oder anders im Leben stand, wird wohl keiner der Diskussionsteilnehmer ernsthaft bezweifeln. Und wenn ich den Hamlet lese, dann will ich in der Regel nichts über Shakespeare erfahren, sondern lese eine Text bzw. sehe in einer Theateraufführung die Reaktualisierung eines Textes. Das kann ganz verschiedene Lesarten und Lektüren nach sich ziehen. Ich kann aus der Perspektive der Ophelia mit Heiner Müller gesprochen, das Europa der Frau in eine Lesart bringen oder aber die Strukturen von Handlung und Unterlassung oder von gespenstigem, geisterhaftem Wiedergängertum in den Blick nehmen.

    Das schließt nicht aus, sich auch mit der Biographie einer Autorin oder eines Autors zu beschäftigen. Natürlich habe ich die Biographien Stachs über Kafka gelesen. Aber deshalb würde es mir nicht einmal in meinem Kafkaeskesten Traum nicht einfallen, eine Kafka-Lektüre in der Art des biographischen Positivismus zu führen, wie dies der Kafka-Forscher Hartmut Binder in seinen Kafka-Kommentaren teils machte.

    „Solche ‚losgelassenen‘ Texte empfinde ich als Teilstücke eines großen Gewebes, derer sich jeder bedienen kann, um mit eigenem und anderem anzuknüpfen.“ Das sehe ich ebenso, und genau diesen Umgang pflege ich zuweilen mit Texten. Die beste Weise von Kritik und Kommentar ist es im Grunde, einen Text weiterzuschreiben und dabei zugleich seine blinden Flecken auszumachen, in dem Wissen, daß auch der eigene Text eben diese blinden Flecken, Leerstellen und Zwischenräume enthält.

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    1. Auf Deine und auch Melusines Antwort hin habe ich nochmal näher nachgedacht über mein Interesse an den Biografien von Autoren, weshalb genau und inwieweit sie mich in manchen Fällen interessieren. Ich glaube, ich muss einen Schritt zurücktreten und es differenzierter angehen. Denn wenn ich Eure, zwar verschiedenen, Ausführungen lese, die sich aber beide davon distanzieren, einen Text von der Biografie des Autors her zu lesen, habe ich dafür volle Zustimmung. Auch ich lese nicht, um etwas über den Autor zu erfahren, gar in ihn einzudringen, ich finde ein solches Lesen unlauter.
      Und ich wehre mich auch dagegen, wenn meine Texte so gelesen werden. Selbst in sehr persönlichen Texten (von einigen wenigen unter dem Label Tagebuch abgesehen) geht es mir nicht darum, Anteilnahme an meiner Person und Befindlichkeit zu wecken, sondern um den Text selbst und das Finden einer Sprache für eben diese Befindlichkeiten und Sachverhalte. Wenn ich diese Texte dann freilasse, dürfen Leser und Leserin damit tun, was sie wollen, aber sie dürfen es nicht mit mir tun.
      Also handelt sich dann wohl eher um eine Neugier auf den Menschen, der es schafft, mich Buch für Buch so anzusprechen und anzuregen, dass ich alles verschlinge, was erhältlich ist und dann einfach mehr wissen will. Es geht nicht darum, dass ich glaube oder beabsichtige, einer Autorin über das Lesen ihrer Texte näher zu kommen, oder umgekehrt durch das Lesen ihrer Biografie ihre Texte besser zu verstehen. Es ist vielmehr einfach ein Interesse an der Person und ihrem Leben, ohne Vereinnahmungswunsch!, rein entstanden aus der Begeisterung für die von ihr hervorgebrachten Texte. Also vermutlich eher in die Richtung wie Dein Interesse für z.B. Kafkas Biografie.
      Danke für den Denkanstoß, mit dem ich meiner eigenen Lesart und meinen Beweggründen genauer auf die Spur gekommen bin.

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  8. „Solche ‚losgelassenen‘ Texte empfinde ich als Teilstücke eines großen Gewebes, derer sich jeder bedienen kann, um mit eigenem und anderem anzuknüpfen.“ Das sehe ich ebenso, und genau diesen Umgang pflege ich zuweilen mit Texten. Die beste Weise von Kritik und Kommentar ist es im Grunde, einen Text weiterzuschreiben und dabei zugleich seine blinden Flecken auszumachen, in dem Wissen, daß auch der eigene Text eben diese blinden Flecken, Leerstellen und Zwischenräume enthält."


    Eigentlich sagt er gar nix, außer dass er die Torik lieb hat :-)

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  9. Interessante Diskussion, die ich über Umwege gerade erst entdeckt habe. Ich kann das Unbehagen an den Marketing-Strategien der Kunstfigur Aléa Torik sehr gut nachvollziehen. Es geht hier nicht um die (zulässige) Verwendung eines Pseudonyms, um eine (ebenfalls zulässige) Verschleierung der Identität zu betreiben, die vielleicht sogar einen freien Blick über, durch und mit der Prosa ermöglichen könnte. Stattdessen wird ein Image konstruiert, um - ich deutete es schon an - Marketing zu betreiben und die Lesart des Romans/der Romane bewusst in eine falsche Richtung zu steuern. Dabei ging es NICHT um eine Konzentration auf den Text, also eine Wegführung von einer Autoridentität und deren Deutung in Bezug auf den Roman. Sondern es ging um das Gegenteil: MIT der (erfundenen) Identität erlangt der Text erst die entsprechende Bedeutung, weil die Werbung, das Marketing, das Posieren (in Form eines literarischen Blogs) erst die Aufmerksamkeit und die Deutungsrichtung ergab, die strategisch "gewollt" war. Es ging also gar nicht mehr um den Text, sondern um die Inszenierung des Textes unter der Berücksichtigung der Kunstfigur. Hierfür wurde ein sogenannter literarischer Blog geführt, der dieses Spielchen wunderbar unterstützt. Dabei tritt der womöglich künstlerische Text vollkommen in den Hintergrund. Es geht nur noch um die Inszenierung um den produzierten Text herum. Die Prosa ist sozusagen der Abfall der Kunstfigur. Sie wird gedeutet im Sinne dessen, was vorher in diesem Blog gestanden hat und wie sich die Figur gezeigt hat.

    Möglich ist dies durch die in der Literaturkritik weit verbreitete Fixierung auf Identität und, vor allem, Authentizität (jenseits des Ästhetischen). Das Spielchen um Aléa Torik zeigt sehr schön, wie auch große Teile der Blogger auf diese Vergötzung jenseits text- und literaturrelevanter Kriterien "abgefahren" sind. Das macht die Sache nicht unbedingt besser. Jede Szene braucht ihre Stars, und wenn am Ende aus einem stolzen Schwan ein häßliches Entlein entstanden ist, sollte man nicht krampfhaft versuchen, das eigene Scheitern zu leugnen.

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    1. Vielen Dank für diesen späten Kommentar, der nochmal gut und sachlich zusammenfasst und begründet, was warum als störend an dieser Geschichte empfunden werden kann.

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