Dienstag, 12. Juni 2012

Hoppe oder Mein schönstes Ferienerlebnis war, ...

... als wir mit der Reisegruppe in dem total überfüllten Bus nach Hameln gefahren sind. Dort hat uns die Reiseleiterin Frau Hoppe in Empfang genommen, sie war als Ratte verkleidet und hat uns mit ihrem Dirigierstab nach Kanada gelotst auf das dickste Eis der Welt. Wir spielten im Dunkeln Eishockey mit einem leuchtenden Puck, den hat sie erfunden, wie noch einiges andere mehr, sie ist nämlich eine ganz patente Frau. Und eine glückliche dazu, was von ihrem Namen kommt (Felicitas) und davon, dass sie eine Erfindungsgabe besitzt, die ihr erlaubt, alle möglichen Leben zu leben, nicht nur das eine, von dem man immer denkt, es sei vorgeschrieben. Nein, sie schreibt es sich selbst, und zwar weder vor noch nach, sondern im Entstehen. Oder entsteht es im Schreiben? Ach, das ist eigentlich eins. 
So ist sie, die Frau Hoppe, sie sprengt die Grenzen, aber das macht sie ganz leise, ohne lautes Sprenggeräusch mit Knall und Bumm, sie macht es leise, und das heißt, sie geht in ein fremdes Land hinein, als sei da gar keine Grenze, und dann ist da auch keine. Einen Augenblick lang zweifelt man an der eigenen Wahrnehmung, aber dann merkt man auch schon, dass das überhaupt keine Rolle spielt, denn nun befindet man sich ja schon in diesem fremden Land und musste sich gar nicht ausweisen. So einfach! (Es ist nie zu spät, notiere ich mir, denn da gibt es doch noch so einiges Fremde zu bereisen.)
Frau Hoppe hat auch das Glück, dass sie alles darf, und das kommt so: Sie erlaubt es sich einfach. Immer wieder kommen Menschen zu ihr, die wissen möchten, in welches Schubfach sie ihr geschriebenes Leben einordnen sollen, und denen sagt Frau Hoppe: Machen Sie es einfach, wie Sie mögen, ruhig auch komplementär, falls das hilft. Was natürlich keiner versteht, und das sollte doch nun wirklich ein Hinweis sein, wie er deutlicher nicht zu haben ist.
Wir waren dann auch noch mit ihr in Australien, und dort hat sie uns wieder uns selbst überlassen, nicht ohne jedem von uns eine handschriftlich beglaubigte Kopie ihrer Reiseerlebnisse zu überreichen. Und sie hat es zwar nicht ausdrücklich gesagt, aber ich glaube, wir dürfen diesen Bericht lesen, wie wir wollen und einordnen, wie wir wollen, wenn wir es denn wollen, denn Frau Hoppe ist nicht nur eine patente und eine glückliche Frau, sondern auch eine großzügige und eine weitherzige.
Ja, das war schön, und in aller Freude habe ich ganz und gar vergessen, mich bei Frau Hoppe zu bedanken, aber das ist nicht so schlimm, denke ich, denn ich kann es ja nachher aufschreiben in meinem Blog, und vielleicht liest sie es dann und schließt daraus, dass es sich lohnt, diese abenteuerhungrigen Reisegruppen in Empfang zu nehmen und im Rattenkostüm durch Hameln zu führen und weit über Hamelns Grenzen hinaus.

***

Wie vermutlich unschwer zu erraten ist, komme ich gerade von einer Lesung mit Felicitas Hoppe. Von den ca. tausend möglichen Arten, über meine Eindrücke von diesem Abend zu schreiben, hat sich mir obige aufgedrängt, warum weiß ich nicht, frage ich mich aber auch nicht. Vielleicht liegt es einfach an dieser bodenständigen und zugleich innerlich so weiten Frau, die zu erleben für mich ein großes Vergnügen war und ein Anstoß hinsichtlich des Erinnerns und Bewertens meiner eigenen Biographie und meines Schreibens.
(Wer "kluge" Rezensionen lesen möchte, wird sie im Netz zur Genüge finden.)

***

Und hier nun, wärmstens empfohlen: Hoppe

Kommentare:

  1. Ein feiner Text, mit einem Augenzwinkern geschrieben, den ich hier bei Dir wieder sehr gern gelesen habe. Und Felicitas Hoppe auch. "Der beste Platz des Lebens" könnte auch meiner werden...

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    1. Dankeschön!
      Das Wunderbare bei Felicitas Hoppe finde ich, dass sie ganz selbstverständlich und ausufernd tut, was das literarische Schreiben erlaubt, wenn nicht sogar verlangt: Auf der Suche nach Wahrheit erfinden was das Zeug hält.
      Herzliche Grüße, Iris

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  2. Ja, Iris, das fasziniert mich auch sehr an ihr, nur finde ich, dass sie in ihrer Autobiografie ein wenig zu viel mit dem Literaturbetrieb spielt, Johanna, oder Verbrecher und Versager, Pigafetta, die haben mir alle weitaus besser gefallen.

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    1. Liebe Weberin,
      es ist ja ausdrücklich keine Autobiographie, sondern ein Roman. Den sie allerdings ursprünglich als Autobiographie begonnen hatte (nicht konzipiert, denn das tut sie nach eigener Aussage selten bis gar nicht) und dann beim Erinnern und Recherchieren ins Stocken geriet, weil sie eben auch Träume vom Anderssein und Sehnsüchte nach Ferne erinnerte, die ja ebenfalls Teil ihrer Biographie sind, und wie lässt sich so etwas säuberlich voneinander getrennt berichten?
      Ich fand sehr aufschlussreich, was sie über die Entstehung des Buches erzählt hat, das so anders geplant war, wie es dazu kam, dass sie in der dritten Person geschrieben hat, dass sie den Namen beibehalten hat, auch als es sich schließlich von Bericht zu Fiktion wandelte.
      Sie ist sich trotzdem in allem selbst begegnet, hat sich nicht wirklich neu erfinden können, sagt sie, und ist auf diese Weise einer tieferen Wahrheit näher gekommen, als das mit mit einer Auflistung von Fakten (?) der Fall gewesen wäre.
      Ich fand sehr befreiend, was sie da erzählt hat, denn in ähnlicher Weise setze ich mich gerade mit meiner Biographie auseinander, wobei für mich die Versöhnung mit der Vergangenheit ein wesentlicher Punkt ist, diese Notwendigkeit schien bei ihr nicht vorzuliegen, jedenfalls kam das nicht zur Sprache.
      Hinzu kommt, dass ich gerne Abenteuer- und Reisegeschichten (nicht -berichte) lese, und da bietet das Buch, abgesehen von anderen Themen, so einiges an Stoff.
      Aber ich will nicht das Buch verteidigen (höchstens die Berechtigung seines Soseins), und habe es auch noch gar nicht fertig gelesen, kann also eigentlich noch nichts Abschließendes sagen. Mein bisheriger Liebling ist übrigens nach wie vor 'Picknick der Friseure' :-)
      LG, Iris

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  3. Ich habe schon verstanden, dass es sich um einen Roman handelt, hatte nur keine Lust, über einen geeigneten Namen nachzudenken über diese Art einer ausgedachten Biografie, von daher ist Deine Zurechtweisung gerechtfertigt.
    Es spricht ja im Grunde genommen für Frau Hoppe, dass sie mich enttäuscht hat, weil ich mit den "alten" Erwartungen auf ihr neues Buch gewartet habe, ich wollte eben noch einmal so etwas wie Johanna lesen. Das ist nach wie vor, mein absoluter Favorit von ihr. Wer sich ständig neu erfindet, (und das ist ja durchaus ein Anspruch, den Frau Hoppe an sich und ihr Schreiben hat), muss seine Leser von Zeit zu Zeit enttäuschen.

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    1. Hast Du es als Zurechtweisung empfunden? (Ich habe es gegoogelt: Tadel, Abreibung, Standpauke, Strafpredigt, Ablehnung, Rüge) Nein, das sollte es wirklich nicht sein, und ich hoffe sehr, dass Du es nicht in diesem Sinne verstanden und gemeint hast. Das täte mir leid. Ich wollte lediglich den Begriff richtigstellen und ansonsten einfach wiedergeben, was sie an dem Abend erzählt hat.
      Deine Enttäuschung kann ich nachvollziehen, das erlebe ich auch hin und wieder, und gerade bei Autoren, die ich sehr mag, macht es mir Mühe, plötzlich auf etwas Unvertrautes zu stoßen. Nicht immer kann ich es dann auch akzeptieren. In Felicitas Hoppes Fall fiel es mir leicht, weil sie in ihren Büchern seit jeher macht, was sie will, finde ich, und weil sie mit ihrem neuen Buch einfach sehr meinen Nerv trifft.
      Liebe Grüße, Iris

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