Dienstag, 21. Januar 2014

Flug(un)fähig?

Sie waren bereits einige Kilometer geflogen, als ihnen bewusst wurde, dass sie nur träumten. Beim Aufwachen erlitten sie diverse Prellungen und Knochenbrüche. 
Sie zogen einander widersprechende Lehren daraus, suchten sich die schönste aus und hoben noch während der Rekonvaleszenz erneut ab.

Sonntag, 19. Januar 2014

Alles bleibt

Alles bleibt. So sehe ich es. Und vermute, dass es sich im vermeintlichen Vergehen lediglich unserer Kontrolle entzieht.
Vielleicht konservieren und verwalten wir nur tote Hüllen. Und irgendwo in der Ferne kichert es, sehr lebendig.
Was einmal war, weiß um sich, für immer. 
Bilder um Bilder.
Tausendmal mehr Abbilder.
Millionenmal mehr das, was war und immer noch mit kreist.
Wie sollte etwas verlorengehen in diesem geschlossenen, möglicherweise unendlichen System?
...

Donnerstag, 16. Januar 2014

dein Potential

Abgesessen
das Polster der Zeit
zerschlissen
Unausgerichtetes, du
Wenn dann mal etwas gelang
verdankte es sich dem Zufall
Hättest du dein Potential
doch genutzt
an sämtlichen Traumen vorbei
wie so ein Übermensch

Mittwoch, 15. Januar 2014

Fragen sammeln I

Die meisten Gründe stehen bereits irgendwo geschrieben. 
Wo findest du die noch fehlenden?

Befragst du dich selbst?
Kennst du die Antworten?
Wenn ja, überzeugen sie dich?

Glaubst du dir?
Immer?

Hast du Hunger?
Wonach?
Ist er existentiell?
Wie stillst du ihn?

Liebst du, was du tust?
Hast du Raum in dir, dich solchen Fragen zu widmen?

Was weißt du über dich, das du noch nicht weißt?

Was macht dich so sicher?
Und was so unsicher?

Wie gut kennt dich dein Spiegelbild?

Wie gut kennt dich dein Weg?
Wie vertraut bist du den Konturen deiner Welt?

Dienstag, 14. Januar 2014

Nichts als erlaubtes Gebiet

Sie spricht etwas aus, ihr selbst neu, obwohl es aus ihr kommt. Sie spricht es aus, wie man eine fremde Speise zum ersten Mal probiert: vorsichtig und neugierig zugleich. Und sie zieht dabei den Kopf ein, wie in Erwartung eines Urteils: "Das bist nicht du." 
Das muss sie noch lernen: Aufgerichtet bleiben im Neuen. Das ihr übel genommen wird, weil es einen Schritt heraus bedeutet aus dem ihr zugemessenen Raum. Aufgerichtet bleiben gegen die Anmaßung der Ordnungshüter. Ihren Fuß wie eine Selbstverständlichkeit über die willkürlich gezogene Grenze hinweg in die Erweiterung setzen. Und dort stur stehen bleiben. Irgendwann wieder gehen. Nicht zurück, sondern weiter. Noch weiter.
Es gibt nichts als erlaubtes Gebiet. Das Wissen darum trägt sie seit je in sich, es war nur steif geworden vor lauter Nichtbenutzung.
Dann wieder lehnt sie sich zurück, so weit, dass es fast wie ein Fallen aussieht. Man möchte hinzuspringen und sie auffangen. Da lacht sie. Es ist ein Spiel, eine Selbsterprobung. Und das Vergnügen, das sie daraus zieht, ist ein derartiger Gewinn, dass er den Preis eines möglichen schmerzlichen Aufpralls wert ist.
Was tut sie da bloß?
Eins ist klar: Sie entwischt jeglichen Benennungsversuchen. Es bleibt nichts, als ihr zuzusehen. Hinzusehen. Oder weg. Ganz nach Belieben. Das ist ihr So. Was. Von. Egal.

Sonntag, 12. Januar 2014

Ein wenig Unsterblichkeit

Da hielten wir nun ihren Brief in den Händen: "Sehr geehrte Kommission!" (Wir schmunzelten großzügig über die unbeholfen formulierte Anrede hinweg.) Sie gebe sich solche Mühe, immerzu und unentwegt. Hatte sie da nicht ein wenig ... Ja, was denn? ... ein wenig ...  Warum schrieb sie an entscheidender Stelle so undeutlich? ... Ah: ein wenig Unsterblichkeit verdient? 
Oh!
Nun ja, man könnte überlegen, wie sich das bewerkstelligen ließe: jemandem ein wenig Unsterblichkeit zukommen zu lassen. (Gelächter. Verhalten zwar, aber: Gelächter.) Ein wenig von etwas, das nur im Ganzen funktioniert, das, portionierte man es, ad absurdum geführt wäre. Oder etwa nicht?

Aber wie sah es denn nun aus mit ihren Taten, woraus bestand ihr Nachlass, worin ihr besonderer Verdienst?

Ich weiß nicht zu sagen, warum mir hier als erstes und eindringlichstes das Kind wieder in den Sinn kam. Das kleine Mädchen, dem sie über den Kopf strich. Einmal nur und ganz sacht. Aber es musste etwas in der Art dieser Berührung gelegen haben, das dieses Kind augenblicklich beruhigte. Es war nämlich außer sich vor Furcht, hatte im Gewühl auf dem Marktplatz die Eltern aus den Augen verloren und lief nun weinend herum, hierhin und dorthin und schließlich um ein Haar über die dicht befahrene Straße. Dort auf dem Gehweg aber, knapp am Bordstein war sie gestanden und hatte das Mädchen auf sich zu rennen sehen, war in die Hocke gegangen und hatte die Arme ausgebreitet, so dass das Kind von einer weichen Körperwand gebremst worden war. Es sah zu ihr auf, mit tränenüberströmtem Gesicht und stammelte völlig außer Atem "Meine Mama, wo ist meine Mama?!" Sie fasste das Kind am Arm und strich ihm sanft über den Kopf, beschwichtigend, während der Nachhall des Hupkonzerts und der quietschenden Autobremsen und des Aufschreis der Passanten verebbte. "Keine Angst, Liebes, wir werden sie schon finden. Ich helfe dir." 
Und dann: eine kleine Hand in einer großen, ein paar Schritte durch die Menge, ein "Da ist sie!", ein Aufeinanderzustürmen, ein Umarmen, ein vielstimmiges "Danke!", ein leises "Aber nicht doch."
Und dann: ein kleines Grüppchen, das sich nach einer kurzen glücklichen Begegnung wieder aufteilte in eine Familie, die sich fest an den Händen hielt und eine einsame, unzugängliche Frau.

Sollte ich noch mehr aufzählen? (Ehrlich gesagt gab es da nicht viel mehr.) Genügte dies nicht schon, um uns in die Schranken zu weisen? Unsterblichkeit zu verleihen als Preis für besondere Leistung! Einer Person, die sich durch nur eine einzige Handlung längst selbst unsterblich gemacht hatte. Sie bedurfte unserer Bewertung, unseres Urteils nicht. Vielleicht sollten wir ("geehrte Kommision") ihr allerdings genau das mitteilen.

Freitag, 10. Januar 2014

Wir hatten ja nichts

Wir hatten ja nichts außer einem ewig jungen Himmel.
Und einem Scheffel, randvoll mit Licht.
Und einer Bewegung, langsam genug, um darin zu wurzeln.
Wir hatten ja nichts, und davon noch nicht mal den Funken einer Ahnung.

Wir waren so reich in diesen Tagen mit den winzigen Zimmern und den klapprigen Autos, dem Gitarrengeklimper, den zerschlissenen Schlafsäcken und dem billigen Rotwein.
Wir waren so selig in unseren frei fließenden Assoziationen, in den Improvisationen, in den Erden und Himmeln, die wir erschufen, ohne nach Sinn oder Zweck oder gar Erlaubnis zu fragen.
Wir waren manchmal so fertig mit der Welt, so niedergeschlagen, so zerschmettert, aber nie allein und deshalb auch darin so reich.

Wir hatten echt nichts außer dem Nötigsten und uns und unserem geteilten Weltschmerz und einem unverstellten Blick ins Offene.
Für eine Zeitspanne von ein paar Jahren (vier, fünf?), in die ich heute noch manchmal meinen Löffel tauche, um davon zu essen und mich zu erinnern, was wirklich satt macht.


Und was wir damals so hörten ...

... u.a.
 

Donnerstag, 9. Januar 2014

so lange bis (Loses Blatt #65)

einen Text so lange betrachten bis er den Blick erwidert