Sonntag, 9. November 2014

Die Straßen meiner Kindheit 4 (und darüber hinaus)

Bruchstücke, unvollständig, unsortiert


Hierseinsberechtigung
Stadt meiner Mütter
die Luft, die ich atme, kennt mich noch
der Dom begrüßt mich mit HandSteinschlag
Wo warst du solange? fragen alle Straßen
und frage ich mich selbst
der alte Fluss fließt durch mich hindurch
überwältigendes Zuhausegefühl: das hatte ich so nicht erwartet



*


Da fanden sich zwei, geschlagen vom Krieg und konnten nicht miteinander und blieben dennoch zusammen. Der Rettungsversuch misslang. Was wusste man schon über das persönliche Leid des anderen? Was konnte man schon über das eigene sagen? Dieses fast gewalttätige aneinander Festhalten. Aus lauter Angst vorm Fallen. Das unerträgliche Geräusch der Stummheit. Die Unmöglichkeit einer echten Annäherung. Dieser Generationen währende Krieg, weit über sein Ende hinaus.



*


Ich habe Glück mit dem Wetter. Den einzigen komplett verregneten Tag verbringe ich im Museum. Kunst essen. Satt werden. Ansonsten durch die Straßen laufen, schlendern, bummeln, spazieren, das Laub hochwirbeln. Das Straßenpflaster und meine Fußsohlen: alte Vertraute, die ihre eigenen Wiedersehensgespräche führen: Weißt du noch, damals? Immer wieder Einkehr in Kunst- und Kinoräume, in Restaurants, Cafés und Imbisse, Eintauchen in den kölschen Singsang (wie ich den liebe). Hin und wieder verlaufe ich mich oder schlage absichtlich andere Wege ein als geplant, weil mich der Anblick einer Häuserreihe reizt oder Stimmengeräusch oder irgendein Duft, der irgendwoher weht. Baden in einer Mischung aus Wehmut und fröhlichem Selbstverständnis. 


*


Nachsinnen über Heimat, über Prägung, über Zugehörigkeitsgefühl, über Alleinsein und Einsamkeit. Nachdenken über Wahlmöglichkeiten, über Weichenstellung, über Entscheidungen, die nicht richtig oder falsch sind, sondern gut allein dadurch, dass sie getroffen werden. Die verschiedenen möglichen Leben und das eine gelebte. Der riesige Berg und die vielen kleinen Schritte. Das Dunkel und der Ausblick. Die Ideen und der fehlende Mut. Die leeren Hände. Der unformulierbare Wunsch. Das große Ach.


*


Gedankenbruch, unsortiert.
Warum gelingt es mir schon seit einiger Zeit so gar nicht mehr, von mir abzusehen?
Schreib mal wieder ein Gedicht, denke ich mir. Oder schreib endlich an der Vogelfrau weiter. Nein? 
Wie das Schreiben und das Leben einander in die Quere kommen können und wie doch das eine das andere nährt.
Ich falle so ganz und gar in einen tiefen Herbst hinein. (und will das nicht bewerten, sondern einfach mal so annehmen)


Kommentare:

  1. Warum ist es ein Ziel, von Dir abzusehen? (Wenn ich das mal so unverschämt direkt fragen darf!?)

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  2. ach ... was für berührende, authentische, stark formulierte! gedankensplitter.
    ha - und diesen letzten kenne ich nur allzu gut.
    wobei sich die frage stellt, ob das überhaupt sinnvoll oder gewollt ist ... ich meine das "von sich absehen", wie du es sehr fein formulierst.
    bin abermals gerne in deine gedankenwelt eingetaucht!

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  3. Liebe Sonja, liebe Diana, ich antworte euch mal zusammen, weil ihr die gleiche Frage stellt.

    Vielleicht ist "von mir absehen" nicht ganz der richtige Ausdruck, ich bin mir nicht sicher. Was ich damit meine, ist, dass ich das Gefühl habe, seit einiger Zeit sehr um mich zu kreisen in meinem Schreiben, Ich bin zwar auch der Überzeugung, dass alles Schreiben immer auch mit einem selbst zu tun hat, weil es ja die eigenen Gedanken und die eigene Sicht auf die Dinge sind, denen man Ausdruck verleiht, auch wenn man über etwas außerhalb seiner selbst schreibt. Aber wenn ich mich mit etwas anderem beschäftige, dann trete ich mit etwas außerhalb meiner selbst in Beziehung, kreise nicht um mich selbst und mein Spiegelbild. Betrachte dieses andere zwar mit meinen Augen und bewerte es aufgrund meiner Erfahrung usw., sehe aber von mir ab, in dem Sinne, dass ich mich zuwende und interessiere. Es gibt eine Wechselwirkung.
    Meinen Text über Käthe Kollwitz habe ich so empfunden. Auch der ist von meiner persönlichen Sicht geprägt, aber in erster Linie habe ich etwas betrachtet, das ich so noch nicht kannte und das zunächst einmal nichts mit mir zu tun hatte, von mir getrennt ist. Dann gab es eine Wechselwirkung, meine eigenen Gedanken zu Krieg, Tod und Verlust flossen ein und ergänzten meinen Eindruck. Aber zuerst war das von mir Absehen und mich öffnen für etwas außerhalb meiner selbst. (Jetzt fange ich an, mich zu wiederholen. Ich weiß nicht, ob ich es gut genug erklären konnte.)

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    1. absolut, liebe iris.
      macht für mich sehr viel sinn, was du da schreibst!
      (und so hatte ich das "von sich absehen" auch verstanden.)
      kann ich zur gänze nachvollziehen, da das genau so auch mein wunsch für mich ist.
      nur eben "ganz von sich absehen" geht nicht, aber das hattest du ja auch nicht gemeint. es bleibt ja immer die eigene sicht. :)

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