Mittwoch, 13. März 2013

Tapfer weiter

Still weiterschreiben. Unbeirrt. Weder dagegen noch dafür. Zum Meer hin. In welches nicht nur der Mainstream mündet. (Der aber auch.) Wir sterben einmal, und dann? Anschließend noch einen allerletzten Satz schreiben zu können, der dann endlich ein volkommener wäre ...
Was wissen wir denn schon, solange wir nicht wenigstens einmal gestorben sind?

Ich verliere mich an Himmelsrichtungen, reiße meine Aufmerksamkeit in Schnipsel, verstreue diese hierhin und dorthin und blicke ihnen nur selten länger nach. Wollte ich sie wieder einsammeln, ich wäre über den Rest meines Lebens hinaus beschäftigt.
(Aber stimmt das denn? Beschäftigen mich nicht einige Dinge schon mein Leben lang? Und sind es vielleicht deren überall verteilte Spuren, denen ich mich mäandernd zuwende, dabei aber eins bleibend und mir treu?)

Die bunten Kleider ablegen. Die Nacktheit nach innen stülpen und dort mit ihr Zwiesprache halten, in einem leisen, warmen Ton. Bedächtig. Dabei an kein Ende denken.

Liebe Deinen Kopf! Lerne, solange Du kannst! Wachse hoch hinaus! Nicht über die anderen, nein, über Dich selbst. Wie konntest Du nur jemals (aus freien Stücken (?)) aufs Denken verzichten?!

Wie alles nur ein Tasten ist, eine Annäherung. Wie alles immer nur vorläufig und dilettantisch ist. Wie das aber auch gut so ist, würden wir doch sonst gar nicht mehr loskommen vom Spiegel. Ertrinken würden wir darin.

...

Ich hefte mir einfach mal ein Eigenschaftswort an: tapfer. Wer schreibt, immer weiter schreibt, ist tapfer. Und wer liest auch. *






* Nachdem ich dies in die Tastatur getippt habe, fällt mir ein, dass ich etwas Sinngemäßes gestern früh beim Bücherblogger las. Er zitiert aus "Die Nöte des wahren Polizisten" von Roberto Bolaño. Diese Textstelle hat mich berührt, vor allem das mit der Tapferkeit, welche die wichtigste Lektion der Literatur sei, sowohl für den Schreibenden als auch für den Lesenden. Das schlägt sich hier in meinen Gedanken unbeabsichtigt nieder.

Kommentare:

  1. Seltsamerweise erinnert mich Ihr Tapferesweiterlein an den Beginn von Flann O'Briens 'Der dritte Polizist': "Es ist nicht allgemein bekannt, wie ich den alten Phillip Mathers umgebracht habe; ich zerschmetterte ihm die Kinnlade mit meinem Spaten." Vielleicht komme ich wegen der Verbindung von Polizist und Gartengerät darauf!? Oder auch wegen des Gedankens daran, was man vor seinem Tod noch alles erledigen sollte? Ich glaube, irgendwann muß ich diesen grandiosen Roman noch ein drittes Mal lesen.

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    1. Es gibt doch kaum etwas Interessanteres als die freie Assoziation. Weshalb Sie wohl ausgerechnet an diesen Roman erinnert wurden? Ich kenne ihn nicht, habe ihn gerade gegoogelt und fühlte mich - seltsamerweise? - an die Serie "Lost" erinnert. Vielleicht wegen der Messgeräte im Keller. Flann O'Brian scheint jedenfalls auch ein tapferer Mann/Mensch/Autor gewesen zu sein.

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  2. Ich habe Flann O'Briens Bücher noch zu Zeiten erworben, als man solche Werke in jeder guten Buchhandlung fand. Ich kenne wiederum die Serie "Lost" nur vom Hörensagen, obwohl man sie im Internet bestellen kann. Übrigens spielen Fahrräder eine nicht unerhebliche Rolle im dritten Polizisten, so wie auch in einigen von Samuel Becketts Romanen. Aber ich assoziiere schon wieder wild und wenig tapfer in der Weltgeschichte herum!

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    1. Das klingt pessimistisch. Dabei gibt es die guten Bücher auch heute noch, man muss vielleicht nur tiefer danach graben. (Und es gibt auch gute Serien. Twin Peaks z.B. oder eben Lost, um nur zwei zu nennen. Ich sehe sie mir allerdings immer erst dann an, wenn sie staffelweise als DVD erhältlich sind. Ausnahme: Homeland, das seit ein paar Wochen Sonntag abends läuft.)
      Ich assoziiere nun übrigens spontan den Roman "Mit brennender Geduld" von Antonio Skarméta, der darin die zauberhafte Geschichte von Pablo Neruda und seinem radfahrenden Postboten erzählt.
      Assoziieren kann übrigens durchaus tapferkeitsunterstützend wirken.

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  3. Die guten Bücher gibt es natürlich noch (ich lese zur Zeit Döblins 'Wallenstein'), nur eben nicht mehr selbstverständlich in der Buchhandlung um die Ecke. Früher bin ich leidenschaftlich gerne in Buchhandlungen und Antiquariate gegangen und ins Programmkino, heute tue ich das nicht mehr, was zum Teil am Angebot liegt (und zum Teil sicher auch an mir). Das mit den TV-Serien ist aber sicherlich ein Gewinn, ich habe mit Begeisterung Twin Peaks gesehen und Mad Men und Deadwood und Six Feet Under und The Mentalist und Boardwalk Empire und Game of Thrones und The Sopranos (ich warte noch drauf, daß Shameless endlich billiger wird) – dagegen wirken Spielfilme dann wie Kurzgeschichten. Alles in allem bin ich also nur gemäßigt pessimistisch – notfalls lese ich die guten Bücher auch einfach noch einmal.

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    1. Ich meinte mit den guten Büchern aber nicht nur die alten, sondern auch Neuerscheinungen.
      Was den Vergleich Serien - Spielfilme betrifft, da geht es mir ähnlich. Gerade, wenn ich mal wieder eine Serie verschlungen habe, ist mir jeder Film zu kurz. Obwohl zur Zeit ganz interessante Sachen im Kino laufen. Finde ich.

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    2. Ich lese nur selten ganz neue Bücher und warte lieber, bis sie gut abgehangen und auch billiger sind. Als ich das letzte Mal ein neues Buch gelesen habe, nämlich Krachts 'Imperium', war ich jedenfalls über die Maßen enttäuscht und auch sauer, so viel Geld für ein meiner Meinung nach mäßiges Buch ausgegeben zu haben. Ganz im Gegenteil sehr positiv überrascht war ich hingegen von Nora Bossongs 'Webers Protokoll', weil das ein sehr guter Roman ist – es steht also unentschieden.

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    3. Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich fast nur ganz neue Bücher lese. Ich bekomme sie aber auch günstiger, viele sogar als kostenloses Leseexemplar, das ist natürlich ein Vorteil. Der Nachteil: Mir fehlt die Zeit, meine alten Lieblingsbücher zum dritten, vierten, fünften Mal zu lesen.
      Wenn Sie mal wieder Lust auf etwas Neueres haben: "Wir Ertrunkenen" von Carsten Jensen, "Das Sonnenblumenfeld" von Andrej Longo, "Der Atem der Welt" von Carol Birch, "Katzentisch" von Michael Ondaatje, "Der Maler und das Mädchen" von Margriet de Moor ... Zum Beispiel. Um das Gewicht vielleicht etwas mehr auf die gut-Seite zu verlagern. :-)

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    4. Und mein Beruf bringt es mit sich, daß ich fast nur "alte" Bücher lese, oder neu erschienene alte Bücher wie zuletzt 'In den Finsternissen. Novellen' von Katarina Botsky. Aber was heißt schon alt: von E. T. A. Hoffmann und Jean Paul an ist mir eigentlich alles mehr oder weniger moderne Literatur. Von den oben erwähnten Werken kenne ich allerdings nix, wie Sie sich denken können, und außerdem bin ich auch noch sehr kritisch, weil ich ja selbst schreibe. Ob sich da noch was zum Guten wenden läßt? ;-)

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    5. Warum nicht? Kritischen Geistern begegne ich übrigens ganz unerschrocken, bin schließlich selbst einer. Und vermutlich muss ich bei vielen älteren Werken passen. Leider.

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  4. "Der Katzentisch"- eines der Bücher, wo ich mir beim Lesen wünschte, es möge doch bitte niemals zuende sein....
    Gruß von Sonja - die amüsiert diese "Unterhaltung" gelesen hat. Schön!

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    1. Ging mir auch so beim Katzentisch und geht mir eigentlich bei vielen Büchern so.
      Lieben Gruß zurück! :-)

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  5. Wie sehr ich diesen Text mag, weil er nicht nur von Mut spricht, sondern mutig ist.

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    1. Danke, Sherry!
      Schreiben bedeutet für mich tatsächlich beides: Befreiung und Mutprobe. Das eine ist ohne das andere vielleicht gar nicht zu haben.

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  6. Um noch eine kleine Textprobe Bolaños zu zitieren, die eine Metapher für die Tapferkeit des oder der Schreibenden beinhaltet:

    Als er endlich doch einschläft, träumt er von einem Schneemann, der durch die Wüste läuft. Der Weg des Schneemanns ist eine Gratwanderung, führt womöglich in die Katastrophe. Aber der Schneemann will davon nichts wissen, und seine Schläue verwandelt sich in Willenskraft: er geht bei Nacht, wenn die eisigen Sterne die Wüste überfunkeln.

    Aus der Erzählung "Telefongespräche" des gleichnamigen Erzählbandes von Roberto Bolaño. Vielleicht hat er es in einer kalten Winternacht geschrieben, bei mir sind es auch gerade -8°.

    Diese gepriesene schriftstellerische Tapferkeit gilt, ob männlich oder weiblich selbstverständlich auch für Claus Heck alias Aléa Torik, wie gut oder schlecht die entstandenen Romane auch sein mögen.

    Herzlichen Gruß

    Der Buecherblogger

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    1. Das ist ein interessanter Gedanke. Verstellung als Mittel zum Zweck würde ich eher als das Aufgeben eines tapferen Verhaltens bezeichnen. Zu Tapferkeit gehört für mich auch Geduld, Ausharren, aber aktiv, also weiterschreibend und -versuchend, das allerdings gepaart mit Aufrichtigkeit. Vielleicht habe ich da ein zu eng gefasstes Bild?

      Ganz anders der Schneemann, der sich eben nicht verstellt, sondern einfach vernünftig handelt (Mich irritiert der in der Übersetzung verwendete Begriff "Schläue", entspricht er tatsächlich dem Original?). Sich den Witterungsverhältnissen entsprechend seine Aufenthaltsräume zu suchen und sich angemessen zu kleiden, hat nichts mit VERkleiden zu tun. Ich lese diese Textstelle als Beispiel für einen einsamen Weg, den (notwendigen) Verzicht auf Licht, Wärme und mögliche Weggefährten. Nur so lässt sich manchmal heil durchkommen.

      Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, dass ich mir zu Aléa Torik kein Urteil erlauben kann, weil ich den ganzen Prozess nur am Rande verfolgt und auch die Romane (noch - inzwischen bin ich neugierig geworden -) nicht gelesen habe. Aber selbst wenn ich mehr Einblick hätte, würde ich vielleicht nicht urteilen wollen im Sinne von verurteilen, sondern zu einer subjektiven Wertung kommen, die ein anderes Handeln evtl. nicht versteht und gutheißt, aber respektiert. Ich weiß es nicht, das sind Spekulationen.

      Ich hatte mit meiner Tochter am Wochenende ein interessantes Gespräch darüber, sie sieht das viel weniger streng als ich, führte als Beispiel den von mir so verehrten Bob Dylan auf, der sich in seinen Anfängen hemmungslos eine Fantasie-Biografie zusammenzimmerte, um in den Kreisen aufgenommen zu werden, die ihm Beachtung und Anerkennung verschaffen konnten. Hat funktioniert. Meine Tochter findet so ein Verhalten völlig legitim und ist darüberhinaus der Meinung, dass man sowieso niemand anders sein kann als man selbst, auch innerhalb der ausgefeiltesten Rollen und Masken bleibe man stets die eine selbe Person. Worin ich ihr im Prinzip recht gebe, aber es bleibt für das Gegenüber eben doch der Fakt der Täuschung, und für mich wäre die Grenze da zu ziehen, wo der persönliche Kontakt beginnt.

      Aber diese ganzen Überlegungen führen ja noch viel weiter. Was macht Erfolg aus, woran erkennt man Relevanz? Sind diese beiden gleichzusetzen mit Popularität? Muss etwas erst von vielen beachtet werden, um ein Qualitätssiegel zu bekommen? Was bedeuten (Verkaufs-, Leser-)Zahlen? Wer sich gut verkauft, hat sich allzuoft käuflich gemacht, sich dem Markt angepasst, nicht mehr aus einer inneren Notwendigkeit heraus geschrieben, sondern kalkuliert für den Ruhm. Was nicht heißt, dass solche Autoren nicht ihr Handwerk verstehen, aber kann so etwas berühren und Bestand haben? Nein, in meinen Augen.
      ...

      Oje, ich wollte gar nicht wieder so einen Sermon loslassen, aber dieses Thema beschäftigt mich wirklich sehr.
      Und was Sie drüben bei sich zum autobiografischen Schreiben sagen, beschäftigt mich auch. Aber dazu lieber ein andermal mehr.

      Herzliche Grüße zurück!

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    2. Mir ging es bei meiner Aussage die schriftstellerische Tapferkeit betreffend nicht darum, die Täuschung eines fiktiven Autors in seinem Weblog zu legitimieren, sondern lediglich die schriftstellerische Leistung der beiden Romane als solche zu tolerieren. Niemand schreibt zwei Romane nur, um sich geschickt zu vermarkten. Ich trenne bewusst scharf zwischen Buch und Blog, denn es handelt sich zumindest nach meiner Auffassung um zwei kommunikativ anders gelagerte Ebenen. Selbst ein Alban Nikolai Herbst, der versucht , die Grenzen zwischen Leben, Weblog und Roman durchlässig zu machen, gibt der endgültigen gedruckten Gestalt seiner Prosa oder Lyrik noch einmal einen andersgearteten letzten Stempel. Problematisch wird das Ganze erst, wenn man versucht, die Verstellung, die der Fiktion inhärent ist, auf die Wirklichkeit einer Kommunikation außerhalb des Lesens eines Buches zu übertragen. Die Leistung, einen Roman zu schreiben oder eine innere Notwendigkeit zu spüren, in eine Rolle zu schlüpfen, die diesen Roman überhaupt erst hervorbringt, bleiben davon unberührt. Nur das nun oft gehörte scheinbare Qualitätsurteil, dass ein Roman funktioniert, lasse ich so nicht gelten. Im reinen Funktionieren steckt manchmal eben auch die Gefahr der Überkonstruktion. Was das Funktionieren betrifft, hat einmal Ruth Klüger einen Aufsatz zu gefakten Autobiographien geschrieben mit dem klugen Titel: "Kitsch ist immer plausibel". Aber Ihrem Text entnehme ich auch, dass wir beide einer Generation angehören, die eine gespielte Coolness nicht für das Maß aller Dinge halten, sondern die auf der Suche nach einer Authentizität hinter den Texten sind, die ein fiktiver Autor sicher nicht erfüllen kann. Wie sie richtig mit Ihrer Tochter anschneiden, ein Generationenproblem.
      Jetzt versuche ich mal, Ihre eingestreuten Fragen noch zu beantworten. Der Originalsatz aus "Llamadas telefónicas" lautet:

      Pero el mono prefiere no saberlo y su a s t u c i a se convierte en su voluntad...

      "Astucia" habe ich gerade nachgeschlagen, ich kann kein Spanisch, bedeutet tatsächlich auch Gerissenheit, List, Schläue, Trick usw. Sicher ist damit gemeint, dass jede Fiktion eine Art Verstellung notwendig braucht, ja per se immer ist. Das ist aber eine literarische Funktion und hat nichts damit zu tun, die Lüge oder die Täuschung generell salonfähig zu machen. Ich würde einfach sagen, die Schraube der Selbstsuggestion, die für das Schreiben notwendig ist, wurde bei Claus Heck eine Drehung zu weit und an falscher Stelle vollzogen. Das "Image" ist in einer medial bestimmten Welt anscheinend wichtiger geworden als das Selbst. Meist schreibt eben auch nur noch das Image. Leider merkt man das an vielen Stellen auch in den Texten dann selbst, sie tragen ihren Schein vor sich her wie des Kaisers neue Kleider, sie wollen gefallen, nicht zuletzt auch sich selbst. Popularität indes ist absolut kein Indikator für Relevanz, da haben sie vollkommen recht.

      Bei mir gibt es in einigen Tagen "Die Vergeblichkeit der Erinnerung III" und eine Rezension von "Die Nöte des wahren Polizisten" zu lesen, bei dem ich aber noch nicht bis zum Ende geblättert habe.

      Herzlich

      Der Buecherblogger

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    3. Diese unterschiedliche Bewertung von Roman und Weblog verstehe ich, sehe ich eigentlich auch so. Auch dem Aspekt, dass diese innere Notwendigkeit eben auch dazu führen kann, das man in eine Rolle schlüpft, kann ich zustimmen.
      Aber ich wollte gar nicht mehr über Aléa Torik reden (weil ich mich eben nicht dazu berechtigt fühle), deshalb ist es gut, dass Sie das auf eine allgemeinere Ebene heben.
      Mag sein, dass es da generationenabhängig verschiedene Betrachtungsweisen gibt.
      Mir geht es aber genau so, wie Sie es im letzten Absatz schreiben: "Leider merkt man das an vielen Stellen auch in den Texten dann selbst, sie tragen ihren Schein vor sich her wie des Kaisers neue Kleider, sie wollen gefallen, nicht zuletzt auch sich selbst." Man merkt es tatsächlich. Und so etwas vermag mich nicht zu berühren, höchstens negativ.

      Auf die Fortsetzung der "Erinnerung" freue ich mich!

      Lieben Gruß,
      Iris

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    4. Und danke fürs Nachschlagen von "astucia"! Ich kann auch kein Spanisch und finde es wirklich interessant, dass er an dieser Stelle einen solchen Ausdruck gewählt hat.

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