Dienstag, 19. März 2013

Selbstverständnis (aus: "Der Maler und das Mädchen" von Margriet de Moor)

Wir befinden uns in Rembrandts Atelier in Leiden. Er hat keinen Geringeren als den Sekretär des Prinzen zu Besuch. Ein Ankauf oder ein Auftrag liegt in der Luft. Der Sekretär steigert sich bei der Betrachtung eines von Rembrandts Gemälden in eine feurige Begeisterung hinein, in ein überschwengliches Lob. Der Abschnitt endet wie folgt:

Der Sekretär des Prinzen, leicht geniert, weil vor lauter Entzücken seine Lider begonnen haben zu zittern, schlägt den Blick nieder und tritt zur Seite. "Ja, also ... Bravo ...!"
Als sie sich wieder ansehen, sagt der Maler höflich: "Ich danke Ihnen."
Doch auf seinem Gesicht ist zu lesen: "Na bitte."

aus: Der Maler und das Mädchen von Margriet de Moor 

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Margriet de Moor gehört zu meinen Lieblingsautorinnen, seit ich vor vielen Jahren ihren ersten Roman Erst grau dann weiß dann blau gelesen habe. Sämtliche ihrer Romane sind perfekte Kompositionen, durchaus auch im musikalischen Sinn. Ihre Erzählweise ist eine besondere, ganz und gar von sich selbst absehende. Und so, wie sie bei sich selbst auf eine Nabelschau verzichtet, tut sie das auch bei ihren Figuren, wahrt deren Integrität, gibt sie nicht preis. Damit stellt sie sich auf wohltuende Weise gegen eine Gesellschaft, die nach Entblößung und nach Entäußerung des Privaten giert.

Der oben zitierte Ausschnitt illustriert darüberhinaus, dass de Moor die Kunst beherrscht, in feinen, unmissverständlichen Andeutungen zu sprechen. Sie muss kein weiteres Wort verlieren über das Selbstverständnis Rembrandts als das eines großen Künstlers. Tut sie auch nicht. Das auf seinem Gesicht zu lesende "Na bitte." drückt deutlich aus, was sie ihm zuschreibt (und wofür sie bei ihren Recherchen, vielleicht auch schon während des Kunstgeschichtestudiums Belege gefunden hat): Ein genaues Wissen um die eigene Fähigkeit, auch das Herausragende an ihr; und ein Wissen um die Bedeutung des eigenen Werks. Wie schön!
Das hat, so meine ich, nichts mit Eitelkeit zu tun, sowieso ist diese ja nicht das direkte Gegenstück zu falscher Bescheidenheit. Nein, es handelt sich meines Erachtens schlichtweg um eine realistische Selbsteinschätzung aufgrund der Beherrschung der Materie, der objektiven Betrachtung des Ergebnisses und - aber nicht zwingend - des Vergleichs. Ob dann aus diesem Selbstverständnis heraus vielleicht Stolz, Eitelkeit, pure Freude, Dankbarkeit oder was auch immer erwachsen, steht erst auf dem nächsten oder übernächsten Blatt.

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Nachtrag vom 21.03.2013: Es lohnt sich, den Kommentarthread zu diesem in meinen eigenen Augen eher mäßigen Artikel zu lesen!

Kommentare:

  1. Oje, liebe Iris, es ist immer "gefährlich", Ausschnitte zu präsentieren, das führt unweigerlich zu Mißverständnissen. Ich kann dem Ausschnitt oben nun nichts von dem abgewinnen, was sie ihm abgewinnen, er wirft Fragen auf, von denen ich nicht wissen kann, ob sie wichtig sind – zum Beispiel die, ob der Sekretär des Prinzen als einziger der Beteiligten (Autorin, Maler, Leser) nicht weiß, daß auf des Malers Gesicht "Na bitte" zu lesen ist, etwa weil er des Ausdruckslesens nicht kundig ist. Wenn er es aber sieht und erkennt, ist es dann nicht geradezu unhöflich, woraus ja ein durchaus negatives Gefühl entstehen könnte, was wiederum dem Maler schadete, wenn der Sekretär dem Prinzen deswegen Negatives berichtete? Es handelt sich also aus meiner Sicht keineswegs um eine unmißverständliche Andeutung, ganz im Gegenteil, denn dazu fehlt – jedenfalls mir – etwas Weiteres.

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    1. Diese Kritik kann ich sogar gut nachvollziehen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich, nachdem der Beitrag veröffentlicht war, selbst nicht ganz zufrieden war, nicht nur weil mir plötzlich der zitierte Ausschnitt recht dürftig erschien, sondern auch aus anderen Gründen. Aber da ich mir nunmal vorgenommen habe, auch weniger gelungene Artikel stehenzulassen ...

      Zu Ihrer Kritik: Die zitierte Szene spukte mir so isoliert im Kopf herum, seit ich das Buch vor ein paar Wochen gelesen hatte. Direkt beim ersten Lesen bedeutete sie für mich das, was ich oben beschreibe. Sie endet in der Tat so und hat keine weiteren Folgen. Auch was vorher passiert, entspricht meiner Zusammenfassung: Ein sich in immer größeres Staunen und Begeistern hineinsteigernder Sekretär des Prinzen. Wobei, wichtig vielleicht doch zu erwähnen: Zu Beginn seines Besuchs empfiehlt er Rembrandt, doch endlich einmal nach Italien zu reisen, um die Werke des großen Tizian zu betrachten (und davon zu lernen).
      Gut, dennoch steht dieser Abschnitt nicht exemplarisch für die eigentliche Thematik des Buchs, er hat mich nur offensichtlich an einer Stelle berührt, die sich sowieso mit der Thematik Selbstverständnis/ Wissen um das eigene Können und dazu stehen usw. beschäftigt.
      Und natürlich kann es sein, dass de Moor etwas anderes ausdrücken wollte, dass andere Leser es anders deuten, dass es des Gesamtzusammenhangs bedarf um ein Detail (richtig) zu verstehen, vielleicht sogar der Kenntnis der Autorin und ihres Stils über mehrere Bücher hinweg.
      Achja ...

      Aber danke! Letztlich bin ich froh, mit meiner leichten Unzufriedenheit über diesen Blogbeitrag nicht allein dazustehen. :-)

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  2. Ich vermute - und Du sagst es ja in Deiner Antwort - die eigene Berührung mit dem Thema, einem möglichen Grundkonflikt künstlerischer Existenz, hat Dich dazu hinreißen lassen, diesen Abschnitt dermaßen herauszuheben. Wie Norbert empfinde ich das allerdings nicht als gerechtfertigt, und er dürfte allenfalls als ein Motor für eigene, weitaus ausführlichere Betrachtungen aus der persönlichen Sicht dienen. Literarisch ist er nicht wirklich subtil, nicht wirklich ein Zeichen ihrer schreiberischen Fähigkeiten. Er ist handlungs - und charakterbedingt vermutlich nötig, um Rembrandt auszuleuchten, aber eben dieses "Na bitte" ist schlicht überdeutlich, unübersehbar und damit relativ platt. Weitaus interessanter wären die persönlichen Fragestellungen gewesen, die aber ausbleiben : Wie schätze ich mich selbst ein ? Woher weiß ich, ob ich gut bin ? Es sind dies natürlich Dinge, die mich umtreiben, seitdem ich schreibe bzw. veröffentliche. Ich halte mich nicht für wirklich gut, meine Leser dagegen schon. Im moment bestimme ich meinen Stellenwert aus unterschiedlichen Faktoren : zum einen aus der Reaktion der Leserschaft, zum anderen aus Vergleichen mit etwa schreibenden Facebookies einerseits (hier gehöre ich wohl eher zu den Besseren) und den von mir geschätzten Lyrikern von Rilke über Ausländer, Bachmann, Celan hin zu Hilde Domin, mit denen ich schlicht nicht mithalten kann. Ein drittes Element ist die zeitliche Entwicklung : ich weiß, wo ich vor knapp 3 Jahren begann und wo ich nun stehe, und weiß, ich bin besser geworden. Der vierte Punkt wären textliche Punkte, Alleinstellungsmerkmale positiver und negativer Art. Meine Bilder, denke ich sind stimmig, originell und fast immer ohne Brüche durchgehalten, Satzbau, Wortwahl sind "natürlich", nicht hingequält, selten übertrieben oder phrasierend. Dann aber kommen Sachen wie Rhythmus, Versmaß und Klang, die ich oft genug als gerade noch hinreichend, zum Teil aber eben auch als ungenügend empfinde. Hier wäre, denke ich, auch von Deiner Seite einiges zu sagen. LG tinius

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    1. Lieber Jost, ja, ich habe da verschiedene Sachen vermischt (de Moors Erzählweise, die Wirkung der zitierten Stelle auf mich, das Nachdenken über künstlerisches Selbstverständnis) und keine davon gründlich ausgeleuchtet. Es wird auch nicht klar, worauf ich "eigentlich" hinauswill. Das habe ich selbst erkannt, nachdem der Artikel veröffentlicht war, und es machte mich unzufrieden, zugleich fehlten mir aber Zeit und Lust (zugegeben: mehr die letztere), um nachzubessern. Wieder rausnehmen wollte ich ihn aber auch nicht, aus den in meiner Antwort an Norbert genannten Gründen. Gut, dass ich's nicht gemacht habe! Denn die kleine Diskussion, die sich dadurch entspinnt, gefällt mir. Auch Kritik empfinde ich als Wertschätzung.

      Also schiebe ich de Moor, ihren Roman und Rembrandt mal beiseite, denen werde ich hier sowieso nicht gerecht, sie bedürften eines extra Artikels, und komme zum Thema Selbsteinschätzung.
      Was ja nicht neu ist in meinem Blog. Ich schreibe immer mal wieder über meine Zweifel und aus ihnen heraus.
      Du schreibst: "Wie schätze ich mich selbst ein ? Woher weiß ich, ob ich gut bin ? Es sind dies natürlich Dinge, die mich umtreiben, seitdem ich schreibe bzw. veröffentliche."
      Diese Dinge treiben mich auch um, bestimmt jeden, der schreibt. Ich wage zu behaupten: Wer sich dies nie fragt, kann gar nicht gut sein.

      Woher weiß ich, ob ich gut bin?
      Fürs Schreiben unerlässlich ist das Lesen. Durchs Lesen bildet sich das Gefühl für Sprache und Inhalte, findet man seine Vorlieben, entwickelt sich der persönliche Geschmack. Was nicht heißt, dass man dann die Vorbilder nachahmt, oder höchstens in dem Punkt, dass man wie sie den eigenen Ton zu finden versucht.
      Genau das versuche ich. Mehr noch, als mich aber auf die Suche nach dem eigenen Ton zu konzentrieren, beschäftigt mich, eine angemessene Sprache zu finden, für die verschiedensten Dinge, die mich umtreiben. Diese Sprache suche ich nicht außerhalb an Vorbildern, sondern in mir, und ich glaube, dass es mir in einigen Fällen tatsächlich gelingt, etwas unverwechselbar Eigenes zu schaffen. Der eigene Ton stellt sich dann quasi von selbst ein. Außerdem besitze ich ein ganz gutes Gespür für Rhythmus. Ich finde, dass viele meiner Texte, nicht nur Gedichte, eine Melodie besitzen. diese stellt sich von selbst ein, sie kostet mich keinerlei Anbstrengung, so dass ich sie als echt und in keiner Weise künstlich empfinde.

      Was führt dazu, dass ich mir solch eine Selbstbewertung (inzwischen und zumindest in Ansätzen) zutraue?
      Auch hier wieder das Lesen. Es bildet sich mit den Jahren und Jahrzehnten ein Blick heraus für gute und schlechte Texte, unabhängig von Interesse und Genre, auch unabhängig vom Schwierigkeitsgrad der Sprache und des Inhalts. Das führt noch nicht zum Aspekt des Vergleichs. Man kann die eigenen Texte anhand der eigenen an fremde Texte angelegten Kriterien überprüfen. Theoretisch. Manchmal gelingt es mir. Häufig fehlt mir aber die innere Distanz, manchmal sogar soweit, dass ich einen Text am einen Tag ganz wunderbar und perfekt finde und am nächsten Tag so schlecht, dass ich mich fast dafür schäme.

      Hier kommen dann die Leser und ihre Reaktionen ins Spiel.
      Diese sind so vielfältig und fallen für mich unterschiedlich ins Gewicht. Ich freue mich, wenn ich berühren kann, wenn jemand sich wiederfindet in meinen Texten usw., bei Sachthemen freut es mich, wenn sie zu Diskussionen anregen. Aber am allermeisten freut mich - bei den nichtessayistischen Texten -, wenn jemand meine Sprache - ich meine dies über das Formale hinaus - lobt. Denn um genau diese ringe ich ja (wie oben schon gesagt). Letztlich steckt für mich in allem der Versuch, dem Unaussprechlichen Ausdruck zu verleihen. Und wenn das gelingt, manchmal, dann macht mich das glücklich und zufrieden. Und in der Regel eher dankbar als stolz.

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    2. (Sorry für den Roman, den ich sogar in zwei Kapitel aufteilen muss, weil Blogger ihn anders nicht veröffentlichen kann. ;-))

      Was bedeutet mir Anerkennung von "höherer" Stelle?
      Das ist so eine Sache. Mehreres ereignet sich gerade: Mein Gedicht "Vergossen: ein Meer", das ich für den Jokers Lyrik-Preis eingereichtet habe, wurde bereits am selben Tag in die Gedichte-Datenbank aufgenommen (wie Deines auch :-)), hat damit die erste Hürde genommen. Das Deutsche Literturarchiv Marbach wird meinen Blog in sein Archiv aufnehmen. Der Suhrkamp Verlag bietet Bloggern, u.a. mir, die Teilnahme an einem Wettbewerb an, bei dem man eine Wohnzimmerlesung mit einem von zwei tollen jungen AutorInnen gewinnen kann. Ein Freund, der selbst schreibt und dessen Arbeit ich bewundere, findet, dass meine Texte veröffentlicht gehören. Usw. Ich werde gesehen. Das freut mich und ist mir Bestätigung. Und tatsächlich habe ich inzwischen, ein zwar höchstlabiles, gewisses Selbstbewusstsein entwickelt, das mich nicht mehr nur mit Staunen und Dankbarkeit, sondern auch mit einem inneren "Na bitte." reagieren lässt. (Jaja, und während ich das schreibe, spüre ich schon die Zweifel aufsteigen, die anscheinend zuverlässigste Größe in dieser Gleichung.)

      Zu Dir, lieber Jost: Du weißt ja, dass ich Deine Gedichte sehr mag. Den allermeisten kann ich so einiges abgewinnen, sie hallen nach, auch wenn sie oft wie ein Flüstern sind, was für mich das Anrührende ausmacht. Über Rhythmus, Versmaß und Klang habe ich mir bei Dir noch nie Gedanken gemacht. Das mag an der Natürlichkeit liegen, von der Du schreibst. Nichts holpert, nichts ist künstlich in eine Form um der Form willen gepresst. Es ist Deine Sprache, so empfinde ich es. Und sie entwickelt sich ja dennoch weiter, und was spräche gegen das Versuchen mal anderer Formen.

      Lieben Gruß,
      Iris

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