Mittwoch, 29. Januar 2014

Sowas mag ich

Wenn jemand einen meiner Miniaturtexte zerpflückt und ausgiebig kommentiert. Wenn deutlich wird, dass dies dem Text und seiner Aussage dienen soll. Wenn die Kritik fundiert und respektvoll daherkommt. Das mag ich wirklich. Ich empfinde es als Wertschätzung. Auch oder vielleicht sogar vor allem dann, wenn es sich, wie oben schon erwähnt, "nur" um einen Minitext handelt. Ein paar knappe Zeilen, die mir aber ebenso am Herzen liegen und ebenso sorgsam formuliert sind wie umfangreichere, arbeitsintensivere Texte.

So geschehen dieser Tage, als Ludwig vom Springvogel-Blog mich per Mail anschrieb wegen meines "Die kleinen Gärten"- Textes. Ein paar gute Hinweise und Anregungen, durchdacht und einfühlsam, zum Teil habe ich sie übernommen, zum Teil verworfen, ein paar kleine, aber feine Veränderungen, et voilà: ein doppelter Gewinn: bereichernder Austausch und feingeschliffener Text.

Zur Verdeutlichung hier beide, erst die ursprüngliche Version:


Die kleinen Gärten in ihrem Kopf. Mit den eingerissenen Zäunen und den grenzüberwuchernden Pflanzen. Diese sich selbst erobernde Landschaft. Wie gerne sie die durchstreift, dabei über manche alte Markierung stolpert. Gewährt sie einen Einblick, sprechen nicht wenige von Verwilderung und Zerfall. Sie nennt es Leben und findet Zuflucht im Grün vor den Blicken blinder Voyeure.

dann die überarbeitete:

Die kleinen Gärten in ihrem Kopf, mit den eingerissenen Zäunen und wuchernden Pflanzen; diese sich selbst erobernde Landschaft. Wie gerne sie die durchstreift, dabei über manche alte Markierung stolpert. Nicht wenige ihrer Besucher sprechen von Verwilderung und Zerfall. Sie nennt es Leben. Und vor den Blicken blinder Voyeure findet sie Zuflucht im Grün.


Merkt Ihr den Unterschied? Es sind nur Details, dennoch nicht ohne Gewicht. Mehr möchte ich gar nicht dazu sagen, lediglich nochmals  

Vielen Dank, lieber Ludwig!

Kommentare:

  1. Ja, ich merke den Unterschied, Iris. Nun, ich werde die beiden Versionen noch und noch mal lesen. Aber jetzt auf den ersten Blick gefällt mir am liebsten der zuerst geschriebene Text. Ich höre oder verspüre / empfinde beim Lesen einen Hauch einer schönen Melodie, oder anders geäußert, einen zu dem Inhalt wunderbar passenden Klang, der ein lebendiges Bild entstehen lässt.... Die ursprüngliche Version wirkt so lebendig!...

    Und der "feingeschliffene Text", die zweite Version des Textes ist schon korrekt und gut aber mehr irgendwie nicht.

    (PS Nun, :-) ganz groß darüber reden kann ich nicht, denn die schöne Deutsche Sprache ist nicht meine Muttersprache. Von daher: verzeihe mir die Bemerkung, Falls was.)

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    1. Danke für Deine Sicht! :-)
      Für mich drückt der Text nach der Überarbeitung genau das aus, was ich sagen will.
      Aber das bedeutet nicht, dass er nur so sein kann oder darf. Vielleicht haben ja beide Varianten ihre Berechtigung. Eigentlich muss gar keine Entscheidung getroffen werden.
      Lieben Gruß!

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  2. Beachtlich, das Bemühen um Perfektion! Das Zulassen, dass jemand etwas vorschlägt und dem gefolgt wird!
    Mein Ding wäre das nicht. Schuld daran mein früheres Deutschlehrerdasein, aber auch ein gerüttelt Maß an Eigenwilligkeit.
    Es ist wohl wahr, dass gar keine Entscheidung getroffen werden muss!

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    1. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich ein Bemühen um Perfektion ist, hm ... ja, vielleicht. Ich kenne und erlebe bei mir beides: Manchmal hakt ein Text und soll das auch, manchmal holpert etwas, und das möchte ich gerne ausgeglichen haben.
      Zulassen, dass jemand etwas vorschlägt - warum nicht? Dem folgen? Niemals!
      Ich nehme es als Denkanstoß und entscheide dann selbst. Die Art und Weise, wie es geäußert wird, spielt eine große Rolle. Es muss respektvoll sein. Der- oder diejenige muss sich wirklich mit dem Text beschäftigt haben usw.
      Ludwig hatte viel mehr Änderungsvorschläge gemacht, nur zwei habe ich umgesetzt, die anderen verworfen, ihm auch erklärt, warum. Das hat er verstanden. Allein schon diesen Austausch empfand ich als Bereicherung. Dass sich jemand soviel Mühe um so einen kleinen Text macht!
      Die Stellen, die ich verändert habe, waren solche, mit denen ich selbst schon vor der Kritik nicht hundertprozentig zuzfrieden war.

      An Eigenwilligkeit mangelt es mir nicht, das kannst Du mir glauben. ;-) Schuld daran ist u.a. einer meiner früheren Deutschlehrer. Vorher hatte ich immer eine glatte Eins, bei ihm war dann plötzlich alles schlecht. Die Formulierungen zu pathetisch, die Empfindungen nicht altersgemäß usw. Vor ein paar Jahren habe ich ihm mal einen bitterbösen Brief geschrieben (ohne ihn absenden zu können, da war er nämlich schon verstorben), das tat gut.

      Und ja: Es muss keine Entscheidung getroffen werden. :-)

      Was aber nun passiert, ist auch sehr interessant: Ludwigs Textkritik war die einzige, noch dazu eine, die mich nicht angriff und mit der ich viel anfangen konnte. Auf die kleine Änderung meines Textes hin und die Tatsache, dass ich eine Kritik angenommen habe, kommt nun aber gleich von mehreren Seiten Kritik. Erstaunlicherweise empfinde ich diese viel mehr als persönliche Einmischung und viel weniger respektvoll.

      Interessant und bereichernd finde ich solche Prozesse allemal. :-)

      Lieben Gruß!

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