Donnerstag, 1. Mai 2014

Die Hände meines Vaters, ein bretonischer Küstenort und Hauptsache bewegt

Deine Hände waren ein Hafen, den ich viel zu jung und viel zu überstürzt verlassen habe, und in den ich erst kurz vor deinem Tod zurückgekehrt bin. Große schwere Hände. Sensibel genug, um feine Bleistiftlinien zu zeichnen und aus Papierbögen Schiffchen zu falten. Stark genug, um Eisen zu schmieden und um mich hoch in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen. Zärtlich genug, um mein aufgeschürftes Knie zu verarzten und mir das Haar aus der Stirn zu streichen. Brutal genug, um deinem Zorn Ausdruck zu verleihen auf entsetzter Haut. Nicht auf meiner. Trotzdem schmerzte es. Als ich nicht mehr wegsehen konnte, verließ ich den Hafen. Da war ich zwölf. Erst an deinem Sterbebett steuerte ich ihn wieder an, hielt deine Hand, die kaum noch Gewicht hatte, keinen Widerstand mehr bot. Leicht wie ein Vogel ruhte sie in meinen Händen. Nur warm war sie noch.

*

Ich habe immer eine Sehnsucht in mir gehabt. Selten wusste ich sie zu benennen. Ein Gefühl wie Heimweh und Fernweh zugleich. Meistens wünschte ich mich woanders hin. Immer sehnte ich mich nach einem beständigen Ort. Ich bin bisher vierzehn mal in meinem Leben umgezogen, am häufigsten in der Kindheit. Ich habe Grundschulen in drei verschiedenen Städten besucht. Inzwischen sind die Abstände größer geworden, nicht zuletzt meinen eigenen Kindern zuliebe. Vor etwa achtzehn Jahren machte ich mit meiner kleinen Familie Urlaub in der Nordbretagne. Wir fanden einen Campingplatz mit Blick aufs Meer. Dort, in dem Hafenstädtchen Binic, hatte ich erstmals das Empfinden, als wären Heimweh und Fernweh zugleich gestillt. Als schlösse sich ein Kreis. Der Atlantik ist mir in dieser Bucht wie ein Geliebter, sanft tragend und Widerstand leistend zugleich. Wind, Möwen und Sonne sind mir dort vertrauter als anderswo. Dieser Ort ist mir ein inneres und äußeres Zuhause geworden. Schon viel zu lange war ich nicht mehr da. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich in irgendeiner Weise von dieser Küste stamme. Ob ich vielleicht keltische Ursprünge habe. Aber es ist nicht wichtig, das zu erforschen und zu wissen. Wichtig ist, was ich spüre, wenn ich dort bin: Zugehörigkeit. Das Gefühl, angekommen zu sein. Nichts, was man erklären muss.

*

Was ich seit vier, fünf Jahren zunehmend wahrnehme: Ein Gefühl des Zuhauseseins im Schreiben und in der Bewegung. Beides hängt zusammen; und mit Bewegung meine ich sowohl eine körperlich-räumliche als auch eine gedankliche. Reisen, Entwicklung, Lebendigsein. Ein Heimatfinden und -einrichten in mir und im Unterwegssein, in meiner Gangart, in meinem Tempo. Ich selbst als mein allereigenster Ort, egal wo, Hauptsache bewegt. Unterwegs und mit der Ahnung eines Hafens im Kopf.


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Dieser Text entstand nach Anregung durch das Heimat-Projekt der Mützenfalterin. In ihrem Blog gibt es bereits eine Reihe schöner, persönlicher Texte zum Thema.


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08.05.2014

Die Twitterin @dites_donc übersetzt manchmal die Tweets anderer ins Französische. Eine schöne Idee, finde ich. Und nun hat sie den letzten Abschnitt meines Textes übertragen. Hier:

Ce qui grandit en moi depuis quatre ou cinq ans, c’est cette sensation d’être chez moi dans l’écriture et le mouvement - les deux sont liés. Le corps, les idées : en mouvement. Voyager, évoluer, être vivant. Me retrouver en moi, m’y faire ma place. Et bouger, à mon rythme, au pas qui est le mien. Être mon propre repère, itinérant. Avoir un ancrage intérieur, vibrant.

 Gefällt mir gut. Merci beaucoup, chère @dites_donc!

Kommentare:

  1. binic ind der bretagne, da können wir sie absolut verstehen. wir spüren immer noch den meerwind und die gerüche vom meer.

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    1. ... der salzige Geschmack ... Ich muss unbedingt bald mal wieder hin.

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  2. Zartbitter zu Beginn, später eher mit Salzgeschmack und Meer gepfeffert, der Text! Habe ihn SEHR gern gelesen!

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  3. Auch hier noch einmal ganz herzlichen Dank für diesen weitreichenden und im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden Text. Ich freue mich sehr, ihn am Donnerstag auch noch einmal in meinem Blog veröffentlichen zu dürfen.

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    1. Ich danke dir für das Projekt. Es setzt so viel in Bewegung.

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  4. Ein Text der nahegeht, berührt. Ein tExt den ich mit in den Tag nehme. Dieses nicht zu Hause sein, Heimweh und Fernweh zugleich, mein Gatte sagt in solchen Momenten…..da ist er wieder der Nordwind…und dann die Kinder, die bleiben wollen, die einen Ort brauchen um Wurzeln zu schlagen. Auchbei uns sind die Abstände größer geworden.
    Und die Bewegung muss nun innerlich stattfinden. Einen schönen Tag und danke für diesen Text!
    LGxeniana

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Xeniana! "Da ist er wieder der Nordwind" - man hat dann solche Worte oder Sätze, Bilder eigentlich, die genau die Empfindung beschreiben und in denen man sich ohne große Erklärungen wiederfindet.
      Auch Dir noch einen schönen Tag/ Abend!
      Herzlich, Iris

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  5. Ich freue mich darüber, daß Du diesen wundervollen Text geschrieben hast, ich lebe in der Nähe der Berge und bin froh um die Meeresbrise. Die Sehnsucht...das Meer...die Hände des sterbenden Vaters...da klingt was in mir...hab Dank! Margarete / Graugans

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    1. Schön, wenn ein Text etwas zum Klingen bringen kann. Danke fürs Teilen, liebe Margarete, und einen herzlichen Gruß zu den Bergen!

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