Montag, 10. Juni 2013

Beliebigkeit vs. Freiheit in Verbindung mit (Eigen)Verantwortung

Vor einigen Tagen veröffentlichte Antje Schrupp einen Text in ihrem Blog Aus Liebe zur Freiheit, der mich ein wenig zum Nachdenken veranlasst hat. Das tun ihre Texte oft, häufig rufen sie bei mir einen inneren, nicht immer näher identifizierbaren Widerspruch hervor, manchmal ärgern sie mich auch, jedenfalls lassen sie mich selten unberührt, weshalb ich sie als Anregung sehr schätze.
Der Titel des Textes, auf den ich mich hier beziehe, lautet "Keine Ziele haben. Eine Frage zur Grinsekatze im Wunderland.
Antje berichtet über ihre Teilnahme an einer Fortbildung zum Thema "Ideen anderen vermitteln", bei der es wohl mehr um "Werbung, nicht um Vermittlung von Ideen" ging.
Ein  "Thema, das während dieser Fortbildung aufkam, war die Frage der Ziele." Dazu wurde als Beispiel ein Dialog aus Alice im Wunderland gebracht: 
"Grinsekatze", fragte Alice, "könntest du mir bitte sagen, wohin ich von hier aus gehen soll?" "Das hängt vor allen Dingen davon ab, wohin du gehen willst", antwortete die Katze. "Das ist mir ziemlich egal", sagte Alice. "Dann ist es auch egal, wohin du gehst", sagte die Katze.
Dazu macht Antje sich Gedanken und gibt am Ende ihres Blogbeitrags an die Leserinnen weiter:  "Jetzt würde mich interessieren, wie diese Episode in der Geschichte von Alice und der Grinsekatze eigentlich im Kontext gemeint ist, aber ich habe keine Lust, die ganze Alice im Wunderland-Geschichte zu lesen. Vielleicht ist es ja auch zweideutig. Und mich würde mal interessieren, wie Ihr das mit den Zielen handhabt und welche Erfahrungen Ihr damit habt."

Darauf folgt ein interessanter Kommentarstrang, und auch ich habe heute meinen Senf dazugegeben. Ein paar Gedanken, die ich auch hier veröffentlichen möchte, weil sie mir unabhängig von der Diskussion drüben bei Antje wichtig sind.

Hier also:

“Dann ist es egal, welchen Weg Du nimmst.”
Wie diese Antwort gedeutet wird, hängt wohl auch von Verfassung und Einstellung der Fragenden ab. Die Wirkung kann sowohl eine beängstigende als auch eine befreiende sein, je nachdem, ob man eher Halt oder eher Freiheit sucht.
In jedem Fall aber wirft diese Antwort die Fragende auf sich selbst zurück. Denn es bleibt ja trotzdem dabei, dass sie sich für einen Weg entscheiden muss. Bzw. entscheiden darf. Denn eins ist klar: Sie kann nicht alle Wege gleichzeitig beschreiten. Sie muss/darf also selbst entscheiden, und wenn sie kein bestimmtes Ziel anstrebt, sich also offen halten will, dann bedarf es trotzdem irgendeines Anstoßes, der sie einen der vor ihr liegenden Wege einschlagen lässt. Dieser Anstoß kommt aber nun nicht von außen, wie sie es sich vielleicht aus Bequemlichkeit (oder auch weil sie es nicht anders gelernt hat) erhofft.
In diesem auf sich selbst Zurückgeworfensein muss/ darf sie zunächst einmal sich selbst auf die Spur kommen und in sich hineinhorchen. Vielleicht kann sie auch probeweise ein paar Schritte in jede Richtung machen und dadurch herausfinden, ob sie die Sonne lieber im Gesicht oder im Rücken oder auf ihrer linken oder rechten Seite hat, ob sie lieber bergauf oder bergab geht usw. Es bedarf dafür nur ihrer eigenen Erlaubnis.
Sie kann sich auch mit geschlossenen Augen im Kreis drehen und dann den Weg einschlagen, vor dem sie das Drehen beendet. Sie kann, wenn sie sich die erforderliche Zeit lässt, vielleicht spüren, dass einer der Wege sie besonders anzieht, ohne zunächst zu erkennen, warum. Sie kann sich entscheiden, das Los entscheiden zu lassen. Um dann evtl. festzustellen, das sie doch lieber einen anderen Weg gehen möchte, als den, auf den das Los trifft. Usw.
Das ist es, was ich aus diesem Dialog herauslese: Alice kommt nicht um eine eigene Entscheidung herum. Und da spielt es nur eine untergeordnete Rolle, wie sie zu dieser Entscheidung kommt, ob sie sich ein Ziel setzt bzw. dieses vielleicht beim in sich Hineinhorchen entdeckt und dann den zielführenden Weg wählt, oder ob sie zu erspüren versucht, welchen Weg ihreFüße gehen wollen (um es symbolisch auszudrücken).
Das hat nichts mit Beliebigkeit zu tun, sondern ist Freiheit in Verbindung mit Eigenverantwortung. Eine kluge Lehrerin, diese Grinsekatze? Nur so klug wie die Schülerin, die sich irgendwann von ihr löst.

Beliebigkeit vs. Freiheit in Verbindung mit (Eigen)Verantwortung - genau darum geht es mir. Den Unterschied herauszufinden zwischen "total egal", also absoluter Beliebigkeit und wirklicher Freiheit, auch im Denken. Und mit Freiheit meine ich nie nur die eigene, sondern immer mit die des anderen. Was also ein Spannungsfeld bedeutet. Ja, vielleicht lässt sich auch gerade daran der Unterschied ausmachen, messen, spüren: Dass, wo es wirklich um Freiheit geht,  Spannung herrscht, die es auszuhalten gilt, die es aber auch spannend macht. Sei es meine eigene Entscheidungsfreiheit, die ja in der Regel die Notwendigkeit des Entscheidungtreffens beinhaltet oder die Freiheit der vielen verschiedenen Einzelnen innerhalb der Gesellschaft. Will ich Freiheit, muss ich die Spannung aushalten, die sie mit sich bringt. Beliebigkeit hingegen hat nichts Spannendes, sie ist schlaff, langweilig, letztlich unbefriedigend ...

Für mich persönlich läuft es, glaube ich, darauf hinaus, dass ich gerne möglichst weit sein möchte in meinem Denken und Betrachten. Und da immer mal wieder auf die Frage stoße, ob es überhaupt eine Rolle spielt, welche Richtung ich einschlage. Aber das tut es. Es spielt eine Rolle. Selbst dann, wenn ich genausogut eine andere Richtung hätte wählen können. Und auch einem Impuls zu folgen hat nichts mit Beliebigkeit zu tun.

Ich lass das mal so stehen, quasi mit einem Komma am Schluss, um es nicht zu sehr auf einen Punkt zu bringen, was für mich nur ein Bremsen des Flusses bedeuten würde.

Kommentare:

  1. deine entscheidung für einen weg
    naja
    das ist ziemlich relativ
    du kannst diesen und kannst jenen gehen
    wenn du das als "freiheit" bezeichnest
    gut
    es gibt keine freiheit
    "die freiheit" dich so oder so zu entscheiden ist noch keine freiheit
    es kann auch eine zwickmühle sein
    dich zwicken
    warum bin ich diesen und nicht jenen weg gegangen
    es kann aber auch befreiung sein dich so entschieden zu haben
    die innere einstellung kann auch verschieden ausfallen
    mal bist du heilfroh dich so entschieden zu haben
    mal zweifelst du an deinem verstand warum du gerade hier gehst

    antj ach antje
    tja sie ist eine entscheidungswillige frau

    ich gehe gern dort wo ich noch nie gegangen bin
    ich gehe wo keine wege sind
    wo keine anderen menschen mir begegnen
    ich bin eine einzelgängerin
    eine traumtänzerin
    da braucht es freien lauf
    und ich wähle von all den wegen keinen
    ich gehe
    ich gehe
    ich hüpfe

    lieben gruss
    rosadora

    so lange artikel lese ich meistens nicht
    da läuft mir mein eigener plan weg
    heute hast du glück gehabt

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    1. Danke für diesen ausführlichen Kommentar!

      Ist Freiheit nicht immer relativ? Weil sie eben in Relation steht, nicht existiert ohne einen Bezugsrahmen.
      Damit, dass ich frei entscheiden kann, meine ich im obigen Artikel vor allem, dass ich selbst die (notwendige) Entscheidung treffe und sie weder jemand anderem übergebe noch sie mir von jemand anderem nehmen lasse. Deshalb Eigenverantwortung. Mündiges, selbstbestimmtes Handeln statt Fremdbestimmung. Das ist für mich Freiheit. Und es schließt nicht aus, dass ich mir möglicherweise Unterstützung suche.

      Dein "ich gehe ich gehe ich hüpfe" gefällt mir, und es erinnert mich an etwas, das ich mal geschrieben habe: "Hüpfen tänzeln schweben flattern springen gleiten schlendern kreuzen schreiten balancieren stehen bleiben schauen ist der Weg ist das Ziel." Manchmal geht es vielleicht weder um das Ziel noch um den Weg sondern um unsere Gangart.

      Liebe Grüße,
      Iris

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