Sonntag, 12. Mai 2013

Die Hüter 1 (nach dem Traum 9; und ein wenig Meta)

Am schlimmsten war, dass wir unsere Fragen nie zuende denken konnten, denn immer kamen uns die Antworten der Hüter zuvor. Und immer waren diese Antworten so klug und schlüssig, dass sie dicke fette Punkte mitten hinein in unsere unbeholfenen Frageversuche platzierten, Schlusspunkte, die allem Zweifel bereits im Ansatz den Garaus machten. Wir standen da mit offenen Mündern, die versiegt waren und ließen uns SchwarzaufWeis(s)heiten in die Ohren pflanzen, abgelesen von Dünndruckseiten aus einem meterdicken schwarzen Buch, dessen Titel schlicht "Das Wort" lautete. "Das Wort" versammelte alles in sich, was man wissen musste, um ein gefälliges Leben zu führen. Erklärungsbefugnis hatten allein die Hüter. Sie hüteten uns und unsere Zungen und Ohren (und auch unsere anderen Gefäße) und das Wort und seine strikte Befolgung.

Wenn ich dir das nun erzähle, weiß ich, dass aus meiner Art und Weise des Erzählens der Zwang herausklingt, dem wir unterworfen waren, aber damals empfanden wir es ganz im Gegenteil als Schutz und waren dankbar für alles, was wir lernen durften und hatten kein anderes Ziel, als selbst eines Tages zur Schar der Hüter gehören zu dürfen. Verstehst du? 
Und ich war diesem Ziel bereits ganz nahe, als du mich in meinem Traum aufsuchtest und mit einem einzigen Blick, einer einzigen Handbewegung all die dicken fetten Punkte aufwirbeltest, um sie anschließend  nach und nach hinauszubefördern aus meinem Geist.

Du willst, dass ich von den Hütern erzähle, und ich weiß, dass du Kunde von all dem in meiner tiefsten Tiefe Verankerten erlangen willst, aber das braucht Zeit und eine andere, dem Ganzen angemessene Sprache, die gerade erst in mir heranzureifen beginnt. 

So üben wir uns in Geduld, einer Geduld, die in ihrer Behutsamkeit derjenigen verwandt ist, die wir im Umgang mit unserer schlafenden Nachtigall an den Tag legen. In ihrer Behutsamkeit, aber auch in ihrer Beharrlichkeit und gespannten Neugier.


*


Liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle sei zum einen hingewiesen auf ein paar thematisch verwandte Texte:

- Gott

Es gibt noch viele mehr in meinem Blog, desweiteren eine nie ganz fertiggestellte und auch nicht hier im Blog veröffentlichte Erzählung mit dem Titel "Vogelfrau", in der es um eine gefangen gehaltene Frau geht, die sich schließlich mit einem Sprung vom Balkongeländer in den Tod aus ihrer Gefangenschaft befreit. Riesige umgeschnallte Flügel, eine sich seltsam verhaltende Möwe, rohe Gewalt, die Sehnsucht nach dem Meer und ein Kommissar, der weiß, dass es mehr als nur sichtbare Wahrheiten gibt, spielen darin eine Rolle.
Erst vor kurzem fiel mir übrigens die - eigentlich offensichtliche - Verwandtschaft der Titel "Vogelfrau", "Vögelchen", "To Save a Nightingale" auf. Für mich ein weiterer Hinweis darauf, dass ich mich in konzentrischen Kreisen um ein einziges zentrales Thema zu bewegen scheine.
Und apropos "Vögelchen": Auch dieses muss sich in Geduld üben, denn mein Interesse kreist momentan nunmal hauptsächlich um die Nachtigall-Geschichte.

Ich könnte mich nun fragen, für wen das alles von Interesse sein soll. Manchmal tue ich das auch. Inzwischen weiß ich es von einigen wenigen Menschen; und deren Interesse, weil es offensichtlich echt ist, freut mich sehr. Davon abgesehen ist mir aber klar, dass ich all dies einfach aufschreiben muss. Es gibt dafür weder Erklärung noch Beweis, aber mich nicht verpflichtet zu fühlen, solche zu erbringen, ist Teil einer inneren Freiheit, die ich hüte wie einen Schatz, der unter schwersten Bedingungen gehoben wurde. Das mag pathetisch klingen, aber auch hier wieder: meine Freiheit. Und die der Leserin, des Lesers! Niemand muss es lesen, verstehen, mögen.

Zum anderen will ich an dieser Stelle einfügen, dass sich die Textsplitter zur "Nachtigall" nicht chronologisch aneinanderreihen. Ich stelle sie ein, wie sie sich mir anbieten (und ich empfinde es als ein Angebot, dem ich mich lediglich zu öffnen habe, was es nicht unbedingt einfach macht), nicht alles wird auf Anhieb verständlich sein, das ist es auch mir selbst nicht immer. 
Im Hintergrund arbeite ich an ein paar später einzufügenden Verbindungsstücken, und auch das Ende der Geschichte steht bereits fest. Manchmal juckt es mich in den Fingern, es schon jetzt zu veröffentlichen, aber das würde, da bin ich sicher, den Fluss bremsen, der bis dahin noch strömen will und muss. 
Also übe auch ich mich in Geduld und freue mich über jede einzelne Leserin, jeden einzelnen Leser, die/ der mir mit der gleichen neugierigen Geduld (oder geduldigen Neugier) zu folgen bereit ist

Kommentare:

  1. Ich bin dabei. Und habe langsam das Gefühl, als wenn sich eine ganz eigene Sprache entwickelt.

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    1. Das, liebe Eva, freut mich beides sehr.

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