Donnerstag, 26. Juni 2014

Shelter - zu den Gedichten von Diana Jahr

"Manchmal ist ein Gedicht der einzig sichere Ort der Welt."  

Diesen Satz habe ich mal getwittert und er verliert für mich nicht an Gültigkeit. 

Gedichte (natürlich nicht alle, nicht in jeder Form) haben für mich schon lange die Bedeutung von Rückzugsmöglichkeit. Sie sind Zufluchtsorte. Ich finde Schutz und Obdach bei ihnen, in ihnen.
Selten bilde ich mir ein, sie bis ins Innerste zu verstehen, sehr oft aber verstehen sie mich. Oder ich verstehe mich und/oder die Welt durch sie. Nicht unbedingt, weil ich mich und/oder die Welt eins zu eins in ihnen wiederfinde, sondern weil wir (das jeweilige Gedicht und ich) den Blick in dieselben nur erahnbaren Fernen richten, dieselben unbegreiflichen Dinge zu ertasten suchen, uns denselben Fragen und ihren immer nur fast zu erreichenden Antworten stellen. 
Das muss nicht immer wortgewaltig, bildreich und mit großer Geste geschehen, sondern kann sich ebenso eindrucksvoll in schlichter, kunstvoller Zurückgenommenheit vollziehen.

Zu dieser feinen Art von Gedichten gehören für mich die von Diana Jahr, die das Lyrikblog verssprünge betreibt. Ich habe schon einmal darauf hingewiesen und möchte das heute etwas ausführlicher tun.

Eine Reihe ihrer Gedichte ist mit "shelter" überschrieben; diese Reihe hat es mir besonders angetan.
Shelter - Obdach, Schutz. Dass dieser tatsächlich in Worten zu finden ist, verdeutlicht das im folgenden zitierte Gedicht in meinen Augen auf ganz wunderbare Weise:








shelter, XII










apfelblüte, II

ich führe deine jacke
spazieren unseren weg
durch grüne hügel
vorbei an apfelgedichten
zu den pferden
(die uns aus der hand fressen)

die dampfenden wiesen
wissen um mich
und um dich

hüllt sich
mein stilles wort
 
©dj04/14


Der/die eine führt die Jacke eines/einer anderen spazieren. An vertrauten und, wie sich vermuten lässt, in der Vergangenheit regelmäßig zu zweit besuchten Orten entlang. Grüne Hügel, Apfelgedichte (was für ein schönes Wort!), Pferde und Wiesen lassen mich spontan an "Fernhill" von Dylan Thomas denken, eins meiner Lieblingsgedichte. Sommerliches Land, ländlicher Sommer, sanftes und zugleich pralles Leben. Wehmut kommt auf, weil der sonst gemeinsam beschrittene Weg diesmal allein gegangen wird. Und doch auch wieder nicht allein, denn: Die eine ist eingehüllt in die Jacke der anderen, die andere in das stille Wort der einen. So wird eine Berührung, eine Umarmung daraus. Und um diese legt wiederum die wissende Landschaft ihren Arm; schützend, bewahrend. Dieses Gedicht birgt in mehrfachem Sinne.

Ich will nicht zuviele Worte machen - sie sind sowieso subjektiv - sondern vielmehr zum aufmerksamen Lesen, Hinschauen und Hinhören bewegen; jedes Gedicht spricht für sich, für jeden Leser in Abstufungen anders.

Und auch alles andere in Dianas Blog: Sprachliche Kleinode. Sanftmütig, einfühlsam. Trauriges, das den notwendigen Trost in sich trägt: trost, II

Manches ist staunenswert perfekt in Inhalt und Form, wie zum Beispiel dieses: du meine leise*
Vollkommen in seiner Reduktion. Dem ist nichts hinzufügen. Einfach lesen und wiederlesen!  
(Bei diesem Gedicht lohnt es sich übrigens - wenn man gedanklich tiefer einsteigen will -, in Paul Celans Buch "Die Niemandsrose" zu lesen. Dem darin enthaltenen lyrischen Text "Mit allen Gedanken ging ich ..." entstammt das titelgebende Zitat.) *

Ich bleibe dabei: Manchmal sind Gedichte besser als jeder andere Ort zur Zuflucht geeignet. 

* 29.06.2014, Nachtrag: Diana wies mich darauf hin, dass es ein weiteres Gedicht von Celan gibt, in dem die Titelzeile vorkommt; es heißt: "Die hellen Steine".


***


Danke, liebe Diana, für die Erlaubnis, deine Gedichte in meinem Blog zu zitieren bzw. zu verlinken und sie mir durch meine Beschreibung gewissermaßen anzueignen.

Kommentare:

  1. Ja, sie ist gut. Gefällt mir immer wieder. LG tinus

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  2. oh, liebe iris.
    ich danke dir von herzen hierfür, für die wunderschönen, berührenden worte, die du für meine texte gefunden hast. sie zeigen mir, dass meine texte tragen, und sogar so etwas wie zuflucht bieten können.
    das freut mich zutiefst, denn das ist mein anliegen.
    einfach DANKE!
    mit lieben "shelter"-grüßen
    diana

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    1. Sehr gerne, liebe Diana, ich möchte deine Gedichte schon nicht mehr missen.
      Herzlich, Iris

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    2. *freu*
      es freut mich übrigens auch ganz besonders, dass du dylan thomas erwähnst, seine lyrik mag ich sehr, ist etwas ganz besonderes! und auch dass du paul celan noch mal ansprichst. es gibt übrigens noch ein gedicht, in dem die besagte zeile vorkommt, und zwar „die hellen steine“.

      und ja, mir geht es auch so, schon lange, dass mir lyrik, bestimmte gedichte, eine art heimat sein können. zufluchtsort allemal … :)

      liebe grüße.

      von diana, die ja auch froh ist, deinen blog gefunden zu haben, auf dem sich bemerkenswerte texte finden!

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    3. Liebe Diana, danke für den Hinweis auf das andere Celan-Gedicht! Vielleicht gibt es sogar noch mehr? Denkbar wäre es. Ich werde es als Nachtrag mit in den Post aufnehmen.
      Liebe Grüße, Iris

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  3. Unter meinem Dach gibt es auch eine Art Geborgenheitshaut oder Dämmschicht gegen das Außen aus vielen geliebten Lyrikbänden!
    Anerkennung für Diana und Iris

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    1. Ich freue mich über die Anerkennung einer Gleichgesinnten. :-)

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