Samstag, 15. Februar 2014

Der Metaphern so leid

Gebierst nur noch Steine
speist* verstümmelte Wörter
mit blutender Zunge
die schlagen dir die Zähne aus
brüllst aus der Wüstenwunde
in deinem Kopf

Ach, und bist der Metaphern so leid
dass du sie sämtlich
wahr gemacht hast
aufgerissenes Brachland du
lass dich doch endlich lieben
von irgendwem


*


* 24.02.2014
Nach einem Kommentar von Phyllis denke ich:
Das Wort muss weg. Eventuell. Wegen seiner Zweideutigkeit. Aber welches andere kann es ersetzen? Ich eröffne eine Minibaustelle und fange mal an zu sammeln:

schießt, feuerst, schleuderst ...


25.02.2014

sprichst, buchstabierst ...
lieferst, spuckst, würgst ...
erbrichst ... 
knallst, harkst, ratzt (rotzt?), keuchst ...

andere Idee: katapultierst tote Wörter (???)


05.03.2014

zurück aus Berlin und Nachtrag:

schlingst, wiederkäust ...

Phyllis meint, es müsse ein einsilbiges Wort sein, ihr gefällt "harkst" am besten.
Jost meint im Gespräch, "speist" sollte bleiben, der Sinn erschließe sich aus dem Zusammenhang. Genau dazu tendiere ich momentan, bin aber noch nicht endgültig entschlossen, weshalb die Baustelle noch ein wenig vor sich hin wirken darf.

Und eine bisher noch nicht gedachte Idee kommt herein: Das "speist" einfach weglassen und auch nicht ersetzen ... Bedenkenswert, finde ich. 


16.03.2014 

Ein Vorschlag von Ludwig trudelt herein, der mir (in Teilen) ganz gut gefällt. Seine Erläuterungen dazu sind in den Kommentaren nachzulesen.

Gebierst nur noch Steine
mit blutender Zunge
die schlagen dir die Zähne aus
brüllst aus der Wüstenwunde
in deinem Kopf

bist die Metaphern leid
dass du sie sämtlich
wahr gemacht hast
aufgerissenes Brachland du
lass dich endlich lieben
von irgendwem

Kommentare:

  1. Ich mag dieses Gedicht sehr, Iris; es hat mich sofort angebrüllt. (Nur das "speist", weil es doppeldeutig ist, kratzt mich ein bisschen: ist das Absicht?)
    Liebe Grüße
    Phyllis

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    1. Liebe Phyllis, das "speist" kratzt mich auch, wegen der Zweideutigkeit, die ich eigentlich nicht will. Mir wollte nur partout keine gleich starke Alternative einfallen. "spuckst" ist mir zu schwach, "kotzt" zu vulgär, es soll auch nicht aus dem Magen hochkommen, sondern bewusst und mit Gewalt aus dem Mund rausbefördert werden ... Für Ideen bin ich dankbar. :-)
      Lieben Gruß, Iris

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  2. Wie wäre es mit
    schießt verstümmelte Wörter?
    xxxphyllis

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    1. Das wäre eine Möglichkeit. Gefällt mir aber noch nicht hundertprozentig. Ich glaube, ich werde mal wieder eine kleine Baustelle eröffnen. :-)

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  3. ganz schlicht: sprichst? - dann würde das "aus" eine Zeile weiter sogar dazu passen...

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    1. Das würde ihm die Wucht nehmen. (s. auch meine Antwort auf Phyllis' ersten Kommentar)

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  4. ich brauche diese "Wucht" hier aber gar nicht, denn es schleudert doch schon alles genug :).

    "buchstabierst"?

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  5. Ihr seid klasse! Danke! Ich nehme alle in die Sammlung auf und lasse sie ein Weilchen wirken.

    @Marlies Blauth: Für mein Gefühl muss sich die Wucht durchziehen. Vielleicht denke/fühle ich aber auch um, mal abwarten. :-)

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  6. Ich finde ja, es muss ein einsilbiges Wort sein. Schießt. Knallst. Oder mal ganz anders assoziiert:
    harkst
    ratzt
    keuchst

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    1. Mal ganz anders assoziieren, ja. Vielleicht klebe ich zu fest an einer bestimmten Vorstellung. Einsilbig? Hm ...
      ratzt oder rotzt?

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  7. Schlingst, wiederkäust...

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  8. Bin gerade aus Berlin zurück und habe Eure Kommentare jetzt unter den Post mit aufgenommen. Danke!

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  9. Ich würde das speist einfach ganz weglassen und nicht ersetzen. Dann liegt die Betonung ganz wunderbar auf dem ungewöhnlichen gebierst.

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    1. Ganz neue Idee, wird sofort mit aufgenommen. Danke!

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    2. Weglassen geht nicht - außer bei kompletter Überarbeitung des Anfangs, da sonst Bild 1 - gebären - und Bild 2 Mund verschmölzen und dennoch - aufgrund mindestens der Zunge - nicht zusammengeführt werden könnten. LG tinius

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    3. Lieber Jost,
      ich fände das Verschmelzen der Bilder gar nicht so verkehrt. Für mich steht das Gebären der Steine sowieso nicht explizit für eine Geburt durch den herkömmlichen Geburtskanal, sondern ist eher offen. Warum nicht eine Mundgeburt ... Ich will dieses Bild ein Weilchen denken, bevor ich es evtl. verwerfe.
      Ob damit ein Entfernen von der ursprünglichen Fassung, die mir so richtig und unverrückbar erschien, geschieht? Möglicherweise ja. Kann sein, ich lande wieder bei der ersten Fassung, kann sein, es gibt eine umfassende Veränderung, kann sein, es gibt am Ende zwei gültige Varianten ... Ich mag das Lebendige an solchen Prozessen, das ja nichts Beliebiges hat, sondern eine Horizonterweiterung mit sich bringt.
      Liebe Grüße nach Berlin!

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  10. Alles in Allem ein widersprüchliches Gedicht, wirkt auf mich zerrissen.
    Einerseits der Metaphern müde sein, andererseits sich ihrer bedienen,
    reichlich Würzwörter im Text, die unterstreichen sollen (mögen), mir jedoch
    das Gedicht sprachlich ein wenig umständlich erscheinen lassen.

    Außerdem frage ich mich, obs sprachlich korrekt ist, "der Metaphern leid"
    zu schrieben. Der Metaphern müd(e), okay, Leid jedoch "die Metaphern leid" (sein, nicht haben)

    Die Zeile mit speist würde ich soagr ganz weglassen, weil sie dem Bild" zwischen die Zähne geschoben wirkt":

    Der Metaphern so leid



    Gebierst nur noch Steine
    ____________________[speist* verstümmelte Wörter]
    mit blutender Zunge
    die schlagen dir die Zähne aus
    brüllst aus der Wüstenwunde
    in deinem Kopf

    Wenn schon Metapher, dann auch richtig: Steine gebären mit blutender Zunge, die dem lyrischen Du des Textes die Zähne ausschlagen - und nicht erläuterndes "verstümmelte Wörter".

    Und die Würzwörter ... hm, hm, evtl. reduzieren:

    Gebierst nur noch Steine
    mit blutender Zunge
    die schlagen dir die Zähne aus
    brüllst aus der Wüstenwunde
    in deinem Kopf

    bist die Metaphern leid
    dass du sie sämtlich
    wahr gemacht hast
    aufgerissenes Brachland du
    lass dich endlich lieben
    von irgendwem

    Die Wüstenwunde muss etwas Spezielles sein, da lasse ich die Finger von, jedoch ... :)

    :)!

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    1. Danke, Ludwig!
      Deinen Vorschlag nehme ich in die Liste unter dem Post auf. Er gefällt mir ganz gut, jedenfalls teilweise.

      Das Weglassen der kompletten Zeile "speist ..." führt Sonjas Vorschlag, das Wort "speist" wegzulassen, zur letzten Konsequenz. Das Bild des Steine gebärens könnte bsser wirken, ohne gleich abgelöst bzw. erläutert zu werden. Also ja, das werde ich in Betracht ziehen.

      Ein paar Füllwörter rausnehmen - hm, ja, das "Ach, und" kann wirklich weg. Eigentlich stimmt das "und" sowieso nicht, weil in der zweiten Strophe nichts Neues hinzugefügt, sondern die erste weitergeführt wird.

      Aber widersprüchlich ist das Gedicht nicht. Oder jedenfalls nicht unlogisch. Sie ist der Metaphern so leid = der Bilder so müde, dass sie sie von der Bilderebene auf die Realitätsebene befördert hat. Es ist keine Metrapher mehr, dass sie Steine gebiert, dass sie aufgerissenes Brachland ist. Das ist wirklich. (Natürlich nur in der Vorstellung, im Empfinden, aber eben weit über ein bloßes Bild hinaus.) Ich wollte dem "der Metaphern so leid" eine andere Konsequenz folgen lassen, als die des Verzichts, nämlich die gegenteilige, die des Wahrmachens.

      Der Genitiv ist übrigens richtig, ich hatte im Duden nachgesehen, weil mir die Version besser gefällt, ich aber nicht sicher war, ob sie richtig ist. Der Akkusativ ist allerdings gebräuchlicher. Gefällt mir aber nicht. :-)

      Danke nochmal und lieben Gruß!

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  11. Ja, unlogisch meinte ich auch nicht mit Widersprüchlichkeit bzw. Zerrissenheit. Verblüfft nehme ich Grasthmmatiker an, dass es "der Metaphern leid" lauten muss, bei überdrüssig hätte ichs vorausgesetzt. Das lyrische Ich deines Gedichts unterwirfst du einer Metamorphose?

    Hm, zumindest Ana Gramm findet die Metapher darin und lässt: moos :)

    Der Schluss, den das Gedicht nahelegt, stimmt mich noch immer nachdenklich.

    :)!

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    1. [Ich] atme Morphose :-)

      Der Schluss des Gedichts stimmt mich als Leserin ebenfalls nachdenklich. Warum soll in der vorher beschriebenen Situation helfen, sich endlich lieben zu lassen? Liebe als universelles Heilmittel? Das scheint mir doch zu einfach. Als Leserin meines Textes bringt mich das - positiv - ins Grübeln. Als Schreiberin weiß ich, dass es genau so da stehen muss. Und die Leserin in mir hat sich angewöhnt, der Schreiberin in mir zu trauen, sie ernst zu nehmen, auch wenn nicht alles immer gleich versteh- und erklärbar ist. Aber das Erklären ist ja sowieso Sache des Textes selbst.

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