Sonntag, 20. Januar 2013

Naive kleine Hexe

Die kleine Hexe ist ein wenig naiv. Und daran wird sich auch in weiteren 183 Lebensjahren nichts ändern. Jedenfalls ist dies schwer anzunehmen. Nicht, weil sie nicht lernfähig wäre, nein, sondern weil sie festhält an ihrer Naivität. Deretwegen wurde sie schon mit den verschiedensten Bezeichnungen belegt, als da wären dummes Gör oder Anarchistin oder Guthexin, um nur einige wenige zu nennen. Lauter Begriffe, über die sie sich jeweils ins Fäustchen lacht, beweisen sie doch vor allem die Verlegenheit ihrer Widersacher. Aber nicht aus Bosheit lacht sie, nein, sondern aus diebischer Freude, weil sie es nämlich besser weiß und sich einfach still dem Buchstaben widersetzt und schon lange nicht mehr mit der Welt hadert, wenn sie missverstanden wird.
Atuell ist sie damit beschäftigt, an ihrer 1957 erschienenen Autobiografie ein paar längst überfällige Änderungen vorzunehmen. Es treibt ihr die Schamesröte ins Gesicht, wenn sie daran denkt, über wie viele Jahre sie sich durch ihren besten Freund, den Raben Abraxas davon hat abhalten lassen. Vor den anderen Hexen hat er sie gewarnt, vor allem vor der Wetterhexe Rumpumpel, die sie Tag und Nacht beschattet, um nur ja nichts zu verpassen, das sich bei der Oberhexe petzten ließe. Ob sie nicht schon genug Ärger gehabt hätte, ob sie nicht einfach mal ein gemütlich-beschauliches Leben ohne ständige Auseinandersetzungen führen könnten, hat Abraxas immer wieder insistiert.
Aber schließlich hat sie sich nicht mehr abbringen lassen von ihrem Vorhaben. Seit einigen Wochen sitzt sie nun über dem Buch und wägt ab. Der Inhalt soll ja nicht verfälscht werden. Aber was genau ist der Inhalt? Sind es die Wörter, ist es die Geschichte, ist es deren Botschaft? Sie diskutiert mit Abraxas, der sich endlich ergeben hat und nun zum hilfreichen Mitdenker wird. Sie überlegen, dass die Wörter als Gefäß dienen, das die Geschichte transportiert. Das Gefäß ist das, was zuerst ins Auge fällt, worauf sich der Blick aber nicht konzentrieren soll, schließlich geht es um den Inhalt, also die Geschichte und/ oder deren Botschaft. Nicht wahr? So fragen sie sich.
Aber die Wörter sind so schön, seufzt Abraxas immer wieder. Was die kleine Hexe zu resolutem Widerspruch treibt. Sie sind nicht schön, ruft sie, sie sind nicht einmal wahr, und überhaupt, es sind doch nur so wenige, die wir ersetzen, das tut der Gesamtschönheit doch keinen Abbruch, im Gegenteil. Aber du selbst hast sie doch damals ausgewählt und aufgeschrieben. So leicht lässt Abraxas sich nicht überzeugen. Ja, das habe ich, gibt die kleine Hexe zu, und weißt du, warum? Weil ich schon immer naiv war. Aber naiv zu sein bedeutet nicht, zu keiner Einsicht fähig zu sein. Naiv zu sein heißt nicht, stur zu sein. So wie du es bist, Abraxas, fügt sie mit einem Zwinkern hinzu.
Es ist kein leichtes Unterfangen, und im großen Hexenbuch findet sich kein einziges Rezept, das sich in diesem Fall anwenden ließe. Die kleine Hexe schwitzt, und Abraxas rauft sich die Federn. Tag und Nacht arbeiten sie, bis sie endlich zu einem Ergebnis kommen. Es ist ein Kompromiss, meint die kleine Hexe. Aber ist es auch das Richtige?, fragt Abraxas. Das weiß ich nicht, sagt die kleine Hexe, kommt wohl drauf an, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet. Aber es fühlt sich richtig an, weil es gut ist. Glaube ich.
Du bist so naiv, sagt Abraxas. Ja, sagt die kleine Hexe und lacht sich mal wieder ins Fäustchen.

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Ich habe in der ganzen Sache (noch) keine endgültige Position für mich gefunden. Die kleine Hexe war mein Lieblingskinderbuch, ich konnte mich sehr gut mit ihr identifizieren, kann das eigentlich bis heute. Es hat etwas mit ihrer Naivität zu tun und dem Wunsch, Gutes zu tun, fernab von moralischen Vorstellungen und auch fernab vom Wunsch nach Lohn oder Ruhm. 
Gerade weil dieses Buch zu meinen Lieblingen zählt und ich die Geschichte nach wie vor wunderbar finde, befürworte ich die minimalen Veränderungen, die nichts am Sinn der Geschichte verändern. Ich halte es aber auch für gut und wichtig, die Ursprungsversion zu erhalten sowie den gesamten Vorgang der Umschreibung, diesen vielleicht auch im Deutschunterricht zum Thema zu machen. 
Insgesamt bin ich für eine Prüfung im Einzelfall, wie das ja bisher geschieht. Die Vorgehensweise des Thienemann-Verlags empfinde ich jedenfalls als sehr sensibel und behutsam. Hier seine Stellungnahme.

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Unter den vielen Artikeln zum Thema im Netz gefallen mir vor allem jene, die in einem persönlichen, undogmatischen Ton gehalten sind. Es gibt da ein paar wenige, die sich mir trotz ihrer gegensätzlichen Positionen grundsätzlich erschließen und mein eigenes Weiterdenken so zwar nicht vereinfachen, ihm aber dienen.
Aktuelle Beispiele u.a.
bei Melusine Barby (wo sich weitere interessante Links finden)
bei Alban Nikolai Herbst (wo sich allerdings für meinen Geschmack der Kommentarthread zu weit vom Thema entfernt bzw. dieses zu sehr ausdehnt)

Kommentare:

  1. Liebe Iris,
    eigentlich habe ich mich zu dem ganzen Thema, das in der vergangenen Woche so hochkochte gar nicht äußern wollen. Ich hatte dazu mal eine Meinung und ich konnte sie ändern, als ich zuhörte, wie Menschen, die eine Generation jünger als ich sind und in deren Gruppe sich auch zwei Schwarze befanden, darüber diskutierten. Auch meine Söhne diskutieren (am Beispiel von Rap-Texten) öfter die Verwendung rassistischer Worte. Ich habe zugehört und erstaunt festgestellt, wie viel selbstverständlicher es für diese jungen Leute ist, über den "Tellerrand" der eigenen Kultur zu schauen, sie als eine zu begreifen, die nicht sich nicht in einem homogenen Umfeld tradieren und erhalten lässt und sie von vornherein und ohne jedes Bedauern der Veränderung und dem Austausch auszusetzen. Davon konnte ich viel lernen - und eben auch meine eigene Meinung ändern.
    Dennoch wollte ich zu so einem emotional aufgeheizten Thema eigentlich gerade in diesen Wochen, in denen ich auch beruflich sehr eingespannt bin, nicht meinen "Senf" im Blog dazu geben. Dann sah ich am Kiosk das Titelbild der "Zeit". Das hat mich wirklich getroffen, beinahe wie ein Schlag ins Gesicht. Daraufhin las ich einige der Texte derjenigen, die sich für den Erhalt des "Originaltextes" aussprechen - und stellte fest, dass es vielen weder um den konkreten Fall (das Kinderbuch), noch um andere konkrete Fälle ging, sondern sie sich tatsächlich (und subjektiv wohl sogar ehrlich) als "Opfer" einer "Sprachpolizei" wahrnahmen. Das hat mich sehr verärgert, weil es es ein rechtspopulistische Sprech- und Denkfigur ist (wie auch die ganze Mär von der hegemonialen "Gewalt" der "political correctness" immer schon ein neokonservativer Mythos der amerikanischen Rechten war und ist). Wie heftig dieser Gestus des um sich schlagenden Pseudo-"Opfers" an dieser Stelle ausgelebt wurde, das hat das Zeit-Titelbild für mich auf schockierende Weise gezeigt. Dazu musste ich etwas schreiben - und es konnte nur polemisch sein, weil ich mich zu dieser Haltung anders gar nicht verhalten kann.

    Unabhängig davon kann und muss man über Einzelfälle nachdenken und wird dies sicher auch immer wieder kontrovers tun. Texte, wenn sie "gebraucht" werden, sind Veränderungsprozessen unterworfen. Ich habe nur sehr wenige Texte von Goethe (zum Beispiel) im Original gelesen und - zu meinem Bedauern - keinen einzigen von Bettina von Arnim. Den Ausgaben, die ich kenne, ist ein Lektorat vorausgegangen, das durch die jeweiligen historisch und gesellschaftlich bedingten Kriterien bedingt war. Bei wissenschaftlichen Ausgaben müssen diese offengelegt werden, bei kommerziellen werden sie es in der Regel nicht. (Ich denke, dass fast alle seriösen Verlage die Texte für eine Neuauflage redaktionell überprüfen und wir nur selten erfahren, welche Eingriffe vorgenommen wurden.)
    ANH hat irgendwo die steile These aufgestellt, auch der Autor habe nach der Veröffentlichung nicht das Recht, in seinen Text noch einmal "verfälschend" einzugreifen. Ich fände die Verwirklichung dieses Dogmas auch in seinem eigenen Fall sehr bedauerlich, denn ich hätte mir wahrhaftig eine Neuauflage der "Fenster von Sainte Chapelle" allein deswegen gekauft, weil in dieser hoffentlich der peinliche Übersetzungsfehler von "Der Gräfin" in "LeDuchesse" korrigiert worden wäre.
    Liebe Grüße
    M.

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    1. Upps, da sind jetzt ganz viele Tippfehler drin. Sorry!

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    2. Liebe Melusine,

      e i g e n t l i c h wollte ich mich auch nicht dazu äußern, weder hier bei mir noch in einem der Kommentarthreads. Dann dachte ich aber über die Figur der kleinen Hexe nach, ihren Charakter und wie sie wohl in dieser Situation gehandelt hätte. Vielleicht ist dies ein wenig an den Haaren herbeigezogen, aber ich fand es passend, weil für die kleine Hexe die Menschen wichtiger sind als die Lehre. Sie handelt aus einer Naivität heraus, die ich mir manchmal auch wünsche, manchmal auch besitze und die ich bewusst in den Ton dieses Posts habe einfließen lassen.

      Für mich sind Texte auch nicht heilig und unantastbar, aber ich sehe es wie Du, dass im Einzelfall geprüft werden muss, und an einem Einzelfall hängte sich ja die ganze Diskussion auf, die dann schnell so grundsätzlich und dogmatisch wurde. Auch nicht mehr für jeden, der nicht mindestens studiert hat, nachvollziehbar.

      Ich fand gerade Deinen und ANHs so gegensätzlichen Beitrag sehr interessant, weil Du vom Menschen her argumentierst und Literatur als etwas betrachtest, das dem Menschen dienen soll (und auch WOZU es ihm dient - Unterrichtung, Unterhaltung etc. - soll er selbst bestimmen) und nicht umgekehrt (verkürzt formuliert und vorausgesetzt, dass ich Dich richtig verstehe). ANH hingegen betrachtet Literatur als hohes Gut und Zeitzeugnis, was sie nur sein kann, wenn sie unangetastet bleibt (auch dies verkürzt und wie ich's verstanden habe). Ich kann beiden Argumentationen gut folgen, was auch mit der Art der Darlegung, dem Ton zu tun hat.

      Was die Originalität von Texten angeht, da gab/gibt es ja gerade bei Norbert Schlinkert eine Diskussion, in die ich mich entgegen meines Vorsatzes nur deshalb eingeklinkt habe, weil mir in Deiner Blogroll der Satz "Die deutsche Bibel muß umgeschrieben werden" entgegenblitzte, und Bibel ist wie Kirche oder Religion für mich ein Reizwort, auf das ich ansprang wie Du auf den ZEITartikel.

      Ich bin längst nicht fertig mit Nachdenken über dieses Thema, brauche dafür aber mehr Zeit als ich sie im Verlauf hitziger Diskussionen finde, und bin auch nicht der Meinung, dass man zwingend zu einem Abschluss kommen muss.

      Wie vielleicht auch bereits herausgegebene Texte nicht unbedingt als endgültig abgeschlossen betrachtet werden müssen. Warum sollte man diesen Gedanken nicht denken dürfen? Ist nicht alles Konservierte eigentlich tot? ...

      Ich danke Dir für Deinen Kommentar, auf den ich - entschuldige! - jetzt gar nicht so detailliert eingegangen bin, sondern den ich eher als Anstoß für weitere eigene Gedanken genutzt habe.

      (Tippfehler? Bloß nicht nachträglich verbessern! ;-))

      Liebe Grüße,
      Iris

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  2. Mein Problem ist - und da bin ich denn selbst betroffen - daß jedes Wort, egal wie pc es auch immer ist, sein will, in ein Schimpfwort verwandelt werden kann. Von Krüppel zu Behinderter ist es im Willen ein weiter Weg der Öffnung, im Sprachgebrauch ist "behindert" längst selbst abwertend und beleidigend. Von daher führen die Reinigungsbemühungen in die Irre, denke ich, mehr noch, es werden zudem historische Sachverhalte geglättet, ausgeblendet, wenn man etwa an das us-amerikanische Beispiel von Huckleberry Finn denkt, in dessen Neuauflage das Wort "Nigger" wohl nicht mehr auftaucht. Das läßt dann mal sang- und klanglos den Rassismus verschwinden und historische Vorgänge unberücksichtigt, die Twain ja eben nicht unkritisch schilderte. Ein Drittes ist mir wichtig : ich glaube, das - lektorierte - Wort des autors sollte Bestand haben. Säuberungen lösen keine Probleme, allein Bildung, auseinandersetzung und Begegnungen können das leisten. Von daher ist mir eine andere Herangehensweise sehr viel lieber. Allerdings müßte ein Verlag sich die Mühe machen wollen, die Lektüre pädagogisch zu begleiten - etwa durch Fußnoten und / oder vertiefende Fragen, Diskussionsanregungen im Anhang, wie sie in manchen amerikanischen Büchern zu finden sind. Preußler ist, meines Wissens, Schullektüre, zudem sind die Bücher fast alle einer Altersgruppe zugänglich, die eine elterliche Begleitung nicht vollkommen illusorisch machen. ANH hat insofern recht, als ich mich jedesmal ärgere, wenn ich eine deutsche Übersetzung lese, die vermerkt, die Ausgabe sei - im Einverständnis mit dem Autor - für den deutschen Markt gekürzt worden, so etwa bei André Brink. Und man bedenke, wie schwierig es ist, eine komplette Übersetzung von "Jane Eyre" zu finden. Von etwa 10 und mehr Ausgaben sind es allerhöchstens ein oder zwei. Ich habe begonnen, in englischer Sprache zu lesen, als ich merkte, daß ein ca. 1400 Seiten-Roman von Samuel Richardson in deutscher Übersetzung mit etwa 400 Seiten zu finden war. Und es hat sich gelohnt, auch die fehlenden 1000 Seiten zu lesen, wenngleich ich zugebe, sie hätten das Massenpublikum eher verschreckt. Preußler, Lindgren und Blyton eint zudem eines, sie sind einst heißgeliebte eigene Kindheitslektüre, die man selbstverständlich ungern angetastet sehen will. Etwas trennt aber Lindgren und Blyton von Preußler - die ersten sind Übersetzungen, Preußler schrieb in deutscher Sprache. Mir ist zwar auch das Herumpfuschen in Übersetzungen zuwider, außer eben sie gerieten eher in die Nähe des Originals, aber das Beschneiden der deutschen Sprachvielfalt empfinde ich als weitaus problematischer.

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    1. Lieber Tinius,

      dies ist der erste Beitrag gegenteiliger Meinung, der mich etwas ins Wanken bringt, was nicht unwesentlich mit dem Ton zu tun hat, in dem er geschrieben ist, nämlich so gar nicht belehrend und von oben herab. Dafür danke ich Dir!

      Trotzdem: Ist es so wichtig, an einigen wenigen Wörtern hängenzubleiben, die mit dem Tenor und dem eigentlichen Inhalt des Buches gar nichts zu tun haben? Hier soll ja nicht nachträglich Preußlers Weste geweißt werden (was er sowieso nicht nötig hat), sondern es soll etwas herausgenommen werden, das beleidigend ist, und das - anders als bei Twain - keine Bedeutung für den Kontext der Geschichte hat, denn Die kleine Hexe beschreibt kein Zeitgeschehen, sondern ist ein Märchen.

      Aber, wie gesagt, Du hast mich - ein ganz klein wenig - ins Wanken gebracht. Das mit den Fußnoten könnte ich mir auch vorstellen. Hm ...

      Erstmal weitersammeln und weiterdenken ...

      Lieben Gruß,
      Iris

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    2. Aus meiner Sicht lässt sich durch die Einlassung von Tinius ein wichtiges Missverständnis klären. Es wird immer wieder behauptet, es gehe bei der Streichung oder dem Ersatz des Wortes "Neger" in Otfried Preußlers Text darum, "empfindliche" Betroffene zu schützen. Deren Befindlichkeit werde die historische Wahrheit geopfert. Ich glaube, dass gerade das im Fall des Textes von Otfried Preußler nicht zutrifft.

      W e i l Hemingway ein Rassist war und das Wort "Nigger" in seinen Texten rassistisch verwendet wird, m u s s es nach meiner Auffassung in den Neuauflagen seiner Texte unbedingt weiter gedruckt werden. Es ist unerlässlich, diesen Aspekt des Werkes zu (er-)kennen, um es zu verstehen. Weil Rassismus in den Texten von Mark Twain eine bedeutende Rolle spielt (und nur vor dem Hintergrund einer rassistischen Gesellschaft das Besondere der Freundschaft zwischen Jim und Huckleberry erfahrbar wird), m u s s meiner Meinung nach in Twains Texten das Wort "Nigger" unbedingt weiter stehen.

      Bei Preußler liegt die Sache anders. In einer veränderten Gesellschaft, in der "jedes Kind" weiß, dass "Neger" ein rassistisches Wort ist, erweckt es den Verdacht, die "Kleine Hexe" sei eine Rassistin. Ich denke, dass entspricht weder der Intention des Autors, noch dem Gehalt des Werkes. Und deshalb erscheint es mir richtig, es in diesem Text zu verändern/zu streichen. Bei Astrid Lindgren sehe ich es ähnlich. Anders wiederum in den "Tim und Struppi"-Bänden von Hergé, die in den frühen Ausgaben z.T. geradezu widerwärtig kolonialistisch und rassistisch sind. Hergé selbst wurde sich später dessen bewusst und hat einige Bände massiv überarbeitet. Zugleich "dokumentieren" sie aber auch die Geschichte des belgischen Kolonialismus.

      Ich halte es für bezeichnend und es stimmt mich auch traurig (und gelegentlich wütend), dass die Debatte über die Modernisierung der "Kleinen Hexe" von fast allen Diskutant_innen als eine prinzipielle über die Verwendung/die "Bewahrung" eines oder mehrerer Worte geführt worden ist.

      Unabhängig von historischen Texten und dem Umgang mit ihnen ist es aus meiner Sicht unbegreiflich, dass es einigen so schwer fällt, aktuell darauf zu verzichten, Menschen mit Bezeichnungen zu belegen, mit denen diese n i c h t bezeichnet werden möchten. Wenn meine Freundin mir sagt, dass sie nicht als "Perserin", sondern als "Iranerin" bezeichnet werden möchte, dann akzeptiere ich das selbstverständlich und beharre nicht auf dem Recht, sie so nennen zu können, wie es mir beliebt und wie ich es halt gewohnt bin. Interessant (aufschlussreich und abstoßend) war in dem Zusammenhang zum Beispiel der Hinweis auf den einschlägig bekannten Sprachschützer Wolf Schneider bei Jan Fleischhauer, der es sich selbstverständlich nicht nehmen lasse, einen afrikanischen Staat Obervolta weiterhin zu nennen und eben nicht so, wie dieser sich selbst bezeichne, nämlich Burkina Faso.

      Also: Es geht gar nicht darum, Worte verschwinden zu lassen, geschichtliche Tatsachen zu verschleiern oder um "Empfindlichkeiten". Es geht darum zu schauen, wie und ob sich die Wirkung eines Textes in der Gegenwart durch bestimmte Worte so verändert hat, dass er geradezu unverständlich wird oder sein Gehalt ins Gegenteil verkehrt ist. Es ist ein Übersetzungsprozess, der behutsam geschehen muss und über dessen Einzelheiten nur im Einzelfall entschieden werden kann. Unabhängig davon werden alte Ausgaben nicht "vernichtet" und bedeutende Werke werden in historisch-kritischen Ausgaben erscheinen können, aber auch in "modernisierten" Fassungen.

      All die Hysterie, die sich um den Vorgang verbreitet hat, sagt mehr über diejenigen, die ihr verfallen, als über das was tatsächlich geschieht und geschehen ist.

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    3. Dazu habe ich nichts weiter als ein Ja mit Ausrufezeichen! und zwar zu jedem einzelnen Absatz.

      Eins nur noch: Du argumentierst nun vom Buch her und vom Verständnis der Figur der kleinen Hexe. Da stimme ich Dir zu, so ähnlich hatte ich auch schon bei N.Schlinkert argumentiert, dass mit dem Bewahren einzelner Wörter oder Textstellen unter Umständen der Sinn der Geschichte verlorengehe und dieser aber ebenfalls oder sogar vorrangig bewahrt gehört.
      Trotzdem finde ich, dass es auch darum geht, Betroffene zu schützen. Oder eigentlich ist das falsch ausgedrückt. Jemandem Empfindlichkeit vorzuwerfen, der für sich schlicht ein Menschenrecht einfordert, ist schon ungeheuerlich. Gebietet in diesem Fall nicht sogar das Recht, oder zumindest der Anstand ein Einlenken? Wie gesagt: in diesem speziellen Fall. Da nervt mich wie Dich diese verwaschende Verallgemeinerung.

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    4. Da bin ich völlig Deiner Meinung. Das war missverständlich formuliert; ich hätte das Wort "Empfindlichkeit" in Anführungsstriche setzen müssen. So hatte ich es auch gemeint. Aber eben nicht ganz klar ausgedrückt.

      Liebe Grüße
      (Hast du den Hannah Arendt-Film schon gesehen? Sehenswert. Aber - für mich - auch sehr problematisch. Deine Meinung dazu interessiert mich sehr.)

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    5. Du hast es in Anführungsstriche gesetzt. :-) Der Vorwurf der Ungeheuerlichkeit galt nicht Dir, sondern denen, die eben dieses Einfordern als Empfindlichkeit abtun.

      Den Film habe ich noch nicht gesehn, aber ich erzähle Dir dann sehr gerne, wie ich ihn fand.

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