Donnerstag, 22. November 2012

Teilen

Da lese ich im Netz verschiedene kleine Artikel zum Thema Zufriedenheit und Glück und freue mich daran, auch an deren wechselseitiger Wirkung, denke in Folge über meine eigene Haltung dazu nach und stelle fest, dass Glück für mich untrennbar mit Dankbarkeit verbunden ist, beide aber nicht als bloßes Empfinden, sondern als etwas Aktives. Setze ich mich also hin und verfasse eine seitenlange Abhandlung über meine Sicht der Dinge, gespickt mit diversen Links, lehne mich Stunden später zufrieden zurück, koche mir dann einen Kaffee und lese nochmal eben Korrektur, um das Ganze anschließend mit einem Klick auf meinem Blog zu veröffentlichen, und stelle mit Erschrecken fest, dass ich eine regelrechte Predigt geschrieben habe. Eine Erkenntnis, die mich würgen lässt. Ich könnte mir in den Hintern treten, was ich nach einem sekundenbruchteilkurzen Moment des Überlegens auch tue. In Form eines Klicks auf den Button "löschen". Puh.

(Dieser christlich-fundamentalistische Einfluss, über den ich bereits in diversen Texten mehr oder weniger verschlüsselt geschrieben habe, lässt sich, auch wenn er mittlerweile 20 Jahre zurückliegt, nicht so leicht abschütteln. Ich hüte mich seither zwar vor allem, was nach Vereinnahmung und Manipulation riecht. Erfolgreich. Eine Sensibilisierung, die mich fast vom einen auf den anderen Moment schützte vor erneuter "feindlicher Übernahme". Trotzdem kommen manchmal noch Dinge aus mir, eine Art, mich auszudrücken, Verinnerlichtes, das sich anscheinend nicht mit einem einzigen Ruck abwerfen lässt, das in die tiefsten Schichten eingedrungen und auch nach der zigsten Häutung noch nicht komplett abgestreift ist. Ich schäme mich dafür, so zu sein. Es verletzt mich, und ich arbeite daran. Aber dieses Arbeiten gleicht tatsächlich einem Prozess des wiederholten Häutens, der sich nicht künstlich beschleunigen lässt, sondern seine Zeit braucht.)

- Einatmen. Ausatmen. -

Eigentlich wollte ich über Glück schreiben und über Dankbarkeit. Auch über das Teilen, das sich bei mir als nächste Assoziation einstellte. Aber jetzt ist die Luft raus. Oder ich traue mich nicht mehr.
Ich schicke meine Gedanken zurück an den Punkt der Freude über die Vernetzung auf verschiedenen Ebenen. Die kleinen feinen Texte der Mützenfalterin über Zufriedenheit und Glückmomente und den zeitlich dazwischenliegenden von Sherry über Glück. Zurück an den Punkt, wo ich merkte, dass Glück für mich nicht in erster Linie ein Ereignis oder ein Empfinden ist, sondern eher mit meiner Haltung zu tun hat, mit der Fähigkeit und Bereitschaft, neben dem, was fehlt, das zu sehen, was ist, dieses nicht als selbstverständlich zu betrachten, sondern als Glück und für dieses Glück zu danken, übrigens ohne einen Adressaten wie Gott, das Leben, oder das Schicksal dafür zu brauchen. Den Dank wiederum nicht als ein Sichabfinden oder Sichzufriedengeben zu betrachten, sondern als Energiequelle für ein Fortschreiten zu nutzen ...

(Ich breche hier ab. Vielleicht ist es nicht so leicht nachzuvollziehen, aber ich kämpfe gerade sehr mit meinem eigenen Ton.)

Zum Schluss noch der Hinweis auf ein Projekt, auf das ich über Ute Schätzmüllers heutigen Blogeintrag gestoßen bin: the light ekphrastic von Jenny O'Grady. 
Utes Beschreibung des Projekts: "Alle drei Monate wird ein Kombinationsprojekt ausgeschrieben, zu dem sich bildende Künstler und Autoren bzw. Dichter bei ihr melden können. Sie wählt aus den Anmeldungen ca. acht Teilnehmer aus und erstellt Paare aus jeweils einem bildenden und einem schreibenden Künstler. Anschließend übermitteln die Partner sich gegenseitig Werkbeispiele und wählen schließlich ein Werk des jeweils anderen als Inspiration für die Erschaffung eines neuen Kunstwerks.  Diese fertigen Werke werden schließlich mitsamt ihrer Inspirationsquelle und einigen Informationen zu den Künstlern und Autoren auf dem Blog: “the light ekphrastik” und bei Facebook präsentiert."
Ein schönes Beispiel dafür, wie bereichernd Teilen sein kann. Im Gegensatz zu Konkurrieren.

Was mich übrigens kürzlich überaus freute: Dass Melusine meine Blütenblätter in ihrem schönen Interview auf Gesine von Prittwitz' Blog SteglitzMind empfahl. Das ehrt mich, denn abgesehen davon, dass ich Melusine persönlich sehr mag und schätze, sind ihre Gleisbauarbeiten für mich eines der inspirierendsten in der weiten Landschaft der Blogs.

Gehört das alles überhaupt zusammen? Ja, natürlich!

Kommentare:

  1. Eine schöne "Predigt", Iris ;-). Entschuldige den schlechten Scherz. Nein, ein wirklich schöner Artikel über das Teilen, über eine der wirklich segensreichen Seiten des Netzes und darüber, wie sich die unterschiedlichsten Themen unter der richtigen Perspektive zusammenfügen können und im besten Fall am Ende auch noch so etwas wie Glück dabei herauskommt.

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    1. Teilen, Teilhaben und Teilhabenlassen, Teilnahme, Anteilnahme, Mitteilen ... Es steckt ziemlich viel darin. Und ja, ich empfinde es auch als eine der schönen Seiten des Netzes, die, wenn man in der Lage und gewillt ist, sie zu sehen, viel Potential zur Bescherung von Glückmomenten in sich birgt. Allein die Schatzsuche der täglichen Bloglese: Nie kehre ich ohne ein schönes Fundstück zurück.

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  2. Danke, liebe Iris. Die Dankbarkeit spielt tatsächlich eine Rolle beim Glücksempfinden, auch für mich. Etwas zu schätzen zu wissen, kann sehr erfüllend sein. Auch die Demut gegenüber der Größe des Lebens kann da sehr vieles in mir bewirken. Andererseits habe ich auch so meine Probleme manchmal, dankbar für Dinge zu sein, die ich habe. Wenn ich z.B. dankbar bin, dass ich etwas zu essen habe, führt der Gedanke unweigerlich zu jenen hin, die nichts zu essen haben. Dann fange ich zu grübeln an, werde traurig und frage mich, warum Gott oder das Universum mir mehr geben als anderen. Damit vermiese ich mir das Glück. Deshalb ist Dankbarkeit für mich zwar wichtig, aber ich darf es nur fühlen und nicht mehr darüber nachdenken. *seufz*

    Ich habe nichts, rein gar nichts gegen moralische Zeigefinger. Weißt du, ich dachte früher auch immer, man sollte nicht urteilend sein, aber heute habe ich für mich eine Haltung gefunden, die es mir sogar "verbietet", kein klares Statement abzugeben. Also sei nicht allzu streng zu dir.

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    1. Liebe Sherry, diese "Skrupel" kann ich nachvollziehen, ich persönlich habe sie so gut wie nie in meinen Glücksmomenten, es ist eher immer der Gedanke im Hintergrund, dass es nicht selbstverständlich ist und dass ich keinen Rechtsanspruch habe auf Glück. Meine Erwartungen sind aber auch nicht sehr hoch bzw. kann ich mich auch an Winzigkeiten freuen. Die schönsten Momente haben sowieso mit anderen Menschen zu tun, wenn aus irgendeinem Grund plötzlich Nähe und Verbundenheit entstehen, das empfinde ich als Geschenk. Vielleicht gehört auch eine gewisse Arglosigkeit dazu. Etwas ohne Skrupel annehmen zu können, und anderen etwas ohne Neid gönnen zu können.

      Und der moralische Zeigefinger - es ist nicht so, dass ich keine Werte vertreten wollte, es hat wirklich mehr mit dem Ton zu tun, ich will nicht dogmatisch sein, aber genau auf diese Schiene gerate ich manchmal, das sitzt sehr tief, und das gefällt mir nicht. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

      Ich danke Dir für Deinen Kommentar und den "Glücksanstoß". :-)

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