Samstag, 24. November 2012

Sonntagsspaziergang 2 (Vater Mutter Kind 4)

Wie zum Beispiel die Hand des Vaters sich um deine schließt und den langweiligen Sonntagsspaziergang zu einem Engelsflug macht. Verschwindet deine kleine Hand vollends in seiner großen. Ist sie ein Vögelchen im Nest. Bist du selbst ein Vögelchen unter weitem Fittich. Fällt dein Blick auf eure Füße, versuchen deine kleinen einen Gleichschritt mit den großen, merken die großen das und verlegen sich aufs Trippeln. Musst du kichern.
Ist es überhaupt immer ein Spaß mit dem Vater, macht der so lustige Dinge, kennt er so viele Witze, kann er so tolle Sachen wie Hütten bauen und Schaukeln an hohen Ästen aufhängen und auf Grashalmen und Eichelhülsen pfeifen und Lagerfeuer machen. Kann er dich am Ende des Spaziergangs auf seinen Schultern tragen, ohne müde zu werden. Sitzt er später geduldig auf dem Sofa und lässt sich von dir die Haare kämmen und zu einer Königsfrisur gestalten.
Sind während alldem die Mutter und die Schwester unzufrieden. Schießen sie euch Blicke in den Rücken, flüstern sie einen Ärger hinaus, den du nicht hören willst. Scheppern sie in der Küche mit dem Geschirr, stören sie euren Frieden. Willst du das nicht und verschließt du deine kleinen Ohren, öffnest du sie nur für die Geschichten und die Lieder des Vaters.
Merkst du gar nicht, wie sie dich schützen, wie sie dich nicht einweihen in ihr Wissen um das Böse, wie sie dich im Glauben lassen, alles sei gut. Halten sie dich für klein und dumm. Aber bist du das nicht. Schützt du dich nämlich selbst. Wählst du die Türen, die du öffnest und die du schließt. Machst du es ganz anders als die Mutter und die Schwester. Wirst du ein ganz und gar stures Kind, lässt du nichts mehr an dich heran. Wird das immer so bleiben.
Sehen die Mutter und die Schwester deine kleine Gestalt und deine weiche Haut. Glauben sie, dass du nichts siehst und nichts weißt. Beneiden sie dich darum, manchmal so sehr, dass sie dir böse sind. Wünschen sie zugleich, dass du so unangetastet bleibst, so kindlich und frei.
Wissen sie nichts über dich.

Kommentare:

  1. liebe iris, es ist so schwer, zu diesen zutiefst berührenden letzten texten etwas zu sagen, zu schreiben, zu ... sie gehen weit unter die haut, jedes wort hakt sich fest in den leib. beunruhigende momente. und doch so wunderbar, so virtuos und mutig Dein aufspüren einer sprache.einer sprache dafür. hab großen dank fürs teilen.

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    1. Ich danke Dir!
      Eine angemessene Sprache zu finden, genau darum ging es mir. Anstrengend war das, bin froh, dass es nun abgeschlossen ist. Die Perspektivwechsel fand ich am schwierigsten, weil selbst im Auswählen und Inzusammenhangbringen von Details schon eine interpretation liegt, selbst wenn man diese zu vermeiden sucht. Interessanterweise war für mich bei dieser Reihe der Akt des Schreibens bedeutender als das Ergebnis.

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