Dienstag, 31. Mai 2016

Freundinnen

"Wie du das alles bewältigst." Sie staunt über meine Tatkraft.

"Ach, ich weiß nicht. Es bleibt trotzdem so vieles liegen", wiegele ich ab. 
Das ist keine falsche Bescheidenheit meinerseits, ich sehe es wirklich so. Mag sein, dass ich zu hohe Erwartungen an mich habe. Aber es ist nun einmal Fakt, dass die Welt noch nicht gerettet ist.

"Hey!" Sie streicht mir über den Arm. "Du musst die Welt nicht im Alleingang retten."
Sie kann meine Gedanken lesen, konnte es schon immer. Sie durchschaut mich, das nervt manchmal.

Wir sind Freundinnen, ein eingespieltes Team. Eingefahren. Festgefahren, denke ich in Augenblicken wie diesem, aber das ist irgendwie gemein. Oder?
Wir kennen uns gut, das hat etwas Beruhigendes. Und es engt uns ein. Abweichendes Verhalten bewerten wir gerne als nicht authentisch. Aber liegen wir damit richtig? 
Wieviel Entwicklung trauen und gestehen wir einander noch zu? Wieviel Überraschendes sind wir noch bereit anzunehmen, mit offenen Armen?

Manchmal wünschte ich, wir lernten uns gerade erst kennen und machten uns ganz neu miteinander vertraut. Ob wir dann freier wären, offener im Nehmen und im Geben? Ob wir uns sympathisch wären und mehr voneinander erfahren wollten?
Vielleicht entschieden wir uns heute dafür, entfernte Bekannte oder gar Fremde zu bleiben.

"Worüber grübelst du denn jetzt schon wieder nach, hm?" Sie zwickt mich in die Wange und wuschelt mir durchs Haar.

Soll ich’s ihr sagen?
Soll ich sagen, dass ich wünschte, wir kennten uns nicht, um unserer Freundschaft eine neue Chance zu geben? Auch auf die Gefahr hin, dass ...

"Bitte, sag’s nicht", flüstert sie, hält die Luft an und nimmt meine Hand, umschließt sie so fest, dass ich weiß: Sie wird mich nicht mehr loslassen.

Auf immer, denke ich, jede so oder so zu deutende Betonung vermeidend, und erleichtert atmet sie aus.

Kommentare:

  1. Hm, das hat tatsächlich beide Seiten. Ich kenne so etwas nicht, stelle mir aber vor, dass ich es unangenehm finden würde, wenn jemand alles in mir lesen kann.

    Beim Lesen merke ich, dass ich etwas zurückweiche, fühle mich wie ein Kind behandelt, getätschelt...
    manchmal wünschte ich mir, dass mich jemand so unter seinen Flügel nimmt und dann wieder würde es mich einengen...

    Dein Text löst viele Emotionen aus, merkst du?!

    Liebe Grüße,
    Silbia

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    1. Genau, es hat diese beiden Seiten: das Schöne, wenn man so durch und durch gekannt (und akzeptiert!) wird, auf viele Jahre gemeinsamen Erlebens zurückgreifen kann und zugleich das Einengende daran. Man ist irgendwie so festgelegt, es wird schwierig, andere Seiten zu zeigen, sich frei zu verhalten, wenn der/die andere nicht offen dafür ist. Gerade bei sehr lang bestehenden Freundschaften, die die Pubertät und Adoleszenz überstehen, diesen ganzen Werde- und Reifungsprozess ...

      Schön, dass es etwas bei dir auslöst. :-)

      Liebe Grüße an dich,
      Iris

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