Dienstag, 9. Juli 2013

Körpersprache oder: "Kommst du?"

"Kommst du?"

"Nein."

"Was soll ...?" 

Er bringt die Frage, die sich im abrupten Stoppen seines Schritts aus ihm herausformuliert, nicht zuende. Bereits seiner Kleider entledigt, befindet er sich auf dem Weg vom Bad ins Schlafzimmer und ist ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie ihm folgen würde. Wie immer. Aus Gewohnheit. Und ohne ein Widerwort. Und wie immer ist er nicht bewusst davon ausgegangen, sondern ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Wie das bei Gewohnheiten, die zu Automatismen geworden sind, eben so ist. 
Und die Frage "Kommst du?" war natürlich keine echte Frage, sondern eher eine lapidare Aufforderung. Oder weniger eine Aufforderung als vielmehr eine verkleidete Erwartung, das Voraussetzen eines zu leistenden Gehorsams, der längst nicht mehr thematisiert wird. 
Nicht mehr? Nie war er doch thematisiert worden! Nicht einmal gedanklich. Ein Gehorsam, dessen Existenz und Erwartung sogar abgestritten würden, brächte jemand die Sprache darauf. Abgestritten zuvörderst von ihm, und zwar ganz entschieden. Bis vor kurzem noch von beiden, auch von ihr, die nie geduldet hätte, dass wer auch immer sie in der Position einer Gehorchenden sähe. Nie. 

Aber dann hatte sich vor wenigen Tagen dieser Schmerz in ihr manifestiert. Über Nacht war aus ihrem Rücken ein Stein geworden, ein unbeweglicher Fels, ein - und da stimmt das Bild der leblosen Materie nicht mehr - grausam zubeißendes Etwas. Pein bereitend in jeglicher Haltung und Bewegung. Zu besänftigen weder durch flaches Liegen noch durch aufrechtes Sitzen oder Gehen. 
Die Autofahrt zur Notfallambulanz war eine Tortur, die Untersuchung durch den - zugegeben: sehr freundlichen und kompetenten - Arzt ebenfalls. Erst die starken Schmerz- und Relaxationsmittel brachten Linderung, zuvor vielleicht schon ein wenig die Versicherung, dass nichts "Schlimmes" dahinterstecke, die Wirbelsäule sei nicht ursächlich beteiligt, es handele sich "lediglich" um eine heftige Verspannung, eine Verkrampfung der Muskulatur, diese allerdings in extremer Ausprägung.

Sie wusste ja, dass sie ihrem Körper trauen konnte. Dass er mit ihr sprach und häufig klüger war als ihre restlichen Bestandteile. Dass sie ihn aber ebenso häufig überhörte und seine Forderungen verwarf, weil sie ihr unbequem schienen, auch wenn sie ihr letztlich dienten. Das alles wusste sie.
Vor einigen Tagen dann die Nacht im Bett neben dem, den sie nicht mehr liebte und dem sie bis zum Einschlafen demonstrativ den Rücken zudrehte. Was ihrem Körper offenbar nicht genügte. Auf dessen, ihres Körpers, Aufforderung sie dann aber nicht reagierte. Als er, ihr Körper, nämlich fragte "Kommst du?" und damit meinte: Komm heraus aus diesem Bett, weg von dem, den du nicht mehr liebst, hinaus aus diesem gemeinsamen Zimmer in ein anderes, hinaus, hinaus, da hatte sie nicht auf ihn hören wollen. Da hatte in der Folge ihr Rücken ein schmerzender Stein werden müssen.

Wie leicht es doch ist, sich zu irren, zum Beispiel im Zuteilen von Bedeutung. Oder darin, wer einem welche Frage stellen oder einen wozu auffordern darf. Wem Folge zu leisten ist und wem nicht. Wem zu trauen ist. Vor allem das: Wem zu trauen ist. Wem eine sich anvertrauen kann.

Ja. Darüber denkt sie neuerdings nach. 
Es gibt einen, den stürzt das in heillose Verwirrung. Aber das hält er aus. Und auch sie hält es aus.
Und es gibt einen anderen, der braucht vorläufig keine Schmerzmittel mehr. In dem wohnt sie.

Kommentare:

  1. Liebe Iris,

    große Intensität spricht aus diesem Text. Gerade, weil ich selbst erst heute über Schmerz schrieb, halte ich mich jetzt zurück, schiebe den "Ich auch" - Impuls zur Seite und sage nur: Gut. Dass Sie zu sich kommen.

    Liebe Grüße
    Phyllis

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gut, dass sie zu sich kommt. Das, liebe Phyllis, finde ich auch.

      Nach Ihrem Text heute morgen fand ich später noch zwei weitere, in denen es ums Liegen und um den Rücken ging. Um den Körper, der nicht nur Teil von uns ist, sondern der wir auch sind. Das ist ein Unterschied, glaube ich.

      Ihnen weiter grand temps à Paris! :-)
      Iris

      Löschen