Mittwoch, 26. Dezember 2012

Mit Herz und Hand und Mund

Es muss ja nichts, dachte sie, dieses Datum ist ein beliebiges, warum soviel hineinlegen.
Sie glitt zurück in die Kissen, in die schlafwarme Mulde eines fast vergangenen Jahres, in den Frieden ihrer Stummheit. Sie konnte sich darauf verlassen, dass niemand an ihre Tür klopfen würde, dass niemand durchs Fenster spähen oder einen Zettel in den Briefkasten werfen würde. Sie hatte einen gründlichen Schnitt gemacht vor genau einem Jahr. Und wie gut es funktioniert hatte. Bereits nach wenigen Wochen war sie vollkommen unbelästigt geblieben.
Sie schmiegte sich in die Wärme der Kissen, lediglich die Feuchtigkeit störte sie ein wenig, den metallischen Geruch hingegen nahm sie gar nicht mehr wahr. Sie schob die Finger unter den Rücken, dorthin, wo sich eine Lache gebildet hatte. Es irritierte sie ein wenig, dass sie die Blutung nie hatte stoppen können. Und dass der Fluss nicht versiegte. Sie zog eine Hand wieder hervor und griff in ihren Brustkorb. Ihr Herz fühlte sich an wie ein frisch geschlüpftes Vögelchen, wild und hungrig und angewiesen. Ein wenig zaghaft.
Sie seufzte und schloss die Augen. Wenn sie schlafen könnte. Wenn sie sich einem Traum in die Arme werfen könnte, der sie forttrüge. Wenn er mit ihr übers Meer flöge und sie dort fallen ließe. Wenn sie bis auf den Grund sänke, sich dort mit beiden Füßen abstieße und wieder auftauchte. Wenn ein unberührter Strand auf sie wartete. Wenn sie diesen reingewaschen betreten könnte, um einen Anfang zu machen, ein bewusstes erstes Mal.
Sie strich noch einmal mit den Fingern über ihr Herz und führte dann die Hand an ihren Mund. Aus diesen dreien sollte das erste Wort entspringen, das sie an dem weißen Strand sprechen würde. Und aus diesem ersten Wort würde ihr neues Leben entstehen. Es wollte also gut überlegt sein. Dafür bedurfte es mehr als eines bloßen Zeitpunkts, dafür bedurfte es eines weiten Raums.
Sie sank immer tiefer in die Kissen, so tief, dass diese schließlich über ihr zusammenschlugen. Eine Umarmung, dachte sie beglückt und glitt hinüber in ein weiteres unbenanntes Jahr.

Kommentare:

  1. Schön! "Ein wenig zaghaft" (das Herz) würde ich streichen. Lieben Gruß!

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    1. Danke, Eva!
      Und zum "zaghaft": Stimmt, ich könnte es streichen, aber irgendwie wollte es in diesen Text, der genau so, wie er ist, aus mir raus und in die Tastatur rein wollte. Ich kann's nicht anders erklären. Irgendwie bin ich in meinem Blog vom Überarbeiten abgekommen. Manchmal mache ich's noch, auch im Nachhinein, wenn es bereits veröffentlicht ist, aber das sind dann eher Details in der Formulierung als Inhaltliches, da tendiere ich inzwischen eher dazu, meinen ersten Impulsen zu vertrauen. Vielleicht kannst Du das nachvollziehen?
      Anders ist es bei "Vögelchen", da ackere ich ganz schön dran rum.
      (Im übrigen würde ich das Zaghafte auch gerne (aus meinem Leben) streichen, aber es ist nunmal (noch) Teil und gehört deshalb mit rein.)
      Soviel Erklärung für so eine kleine Sache ... Aber mir ist wichtig, dass Du's nachvollziehen kannst. Schließlich kennen wir uns noch aus ganz anderen, überarbeitungswütigen Zeiten. :-)
      Lieben Gruß auch Dir!

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  2. Habe verstanden, wie du es gerne hättest. :) Ich genieße dann demnächst still.

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  3. Danke, Iris. Es zu lesen, tat etwas weh. Es war diese Ambivalenz zwischen Kontaktabbruch und der innigen Sehnsucht, nicht allein zu sein. Für mich zumindest. Für dich kann das natürlich etwas anderes bedeuten. Ich habe für mich vieles gesehen. Mich selbst, denn ich habe es auch einmal gemacht: mich so sehr zurückgezogen und entzogen, dass niemand mehr da war. Und das erfüllte mich mit einer beängstigenden Erleichterung - aber auch mit emotionalen Bauchschmerzen.

    Ich wünsche dir einen guten Rutsch ins neue Jahr ... ❤

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    1. Liebe Sherry,
      dieser Text liest sich für mich selbst etwas schmerzlich.
      Er ist allerdings nicht hundertprozentig autobiografisch, auch wenn er sehr aus mir kommt. (Oder zu mir kam. Das finde ich manchmal schwer zu unterscheiden, wenn man sich für Worte öffnet. Fließen sie herein oder hinaus. Vielleicht sind sie auch Produkt eines Austauschs zwischen innerem und äußerem Erleben ...)
      Was aber autobiografisch ist (auf mein Bloggerinnendasein bezogen): Dass ich aus einer großen Zurückhaltung und Zurückgezogenheit in einen stärkeren Austausch gegangen bin, Schritt für Schritt. Und das gefällt mir. :-)
      Auch Dir alles Liebe und Gute fürs neue Jahr! <3

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  4. <3 mich sprang an: ... angewiesen! Ein angewiesenes Herz. Ja, das ist schön gesagt.

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    1. Es gibt bestimmt keines, das nicht angewiesen ist.

      Liebe Frog, ich wünsche Dir ein glückliches neues Jahr und hoffe, dass es mindestens eine Gelegenheit für ein Treffen bietet, in HH oder sonstwo.
      <3 Iris

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