Dienstag, 4. Dezember 2012

Mein Brot

Das Haus spreizt seine Äste und legt sie schützend um das Nest, in dem ein Lied seine Jungen füttert. Ich sitze im Schatten des Hauses, an seinen Stamm gelehnt und blättere in einem Brot. Ich verzehre es in kleinen Bissen, manchmal verschlinge ich aber auch mehrere Seiten auf einmal. Es sättigt mich auf angenehme Weise, und als die Dämmerung eintritt, habe ich es fast ausgelesen. Ich wickle den Rest des Brotes in Papier und verstaue es in meinem Rucksack. Die jungen Lieder in den Zweigen über mir sind bereits verstummt, die Eltern hüpfen zum höchsten Ast und danken dem Himmel, bevor sie sich zu den Kleinen betten. Das Haus raschelt leise. Ich trete den Heimweg an. Es ist tiefe Nacht, als ich endlich die Segel hisse. Der Mond schüttet ein Meer aus. Ich schließe die Augen und überlasse mich dem Wind und den Wellen. Mein Brot träumt von mir.

Kommentare:

  1. Wie seltsam.
    Du setzt Brot mit Buch gleich.
    Beides Nahrung.
    Gruß von Sonja

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    1. Ja, beides ist Nahrung. :-)
      Es ist ein spielerischer Versuch, die Dinge mit anderen Wörtern zu bezeichnen, Wörtern, die auch passen, aber andere Eigenschaften dieser Dinge hervorheben, um so vielleicht den Rahmen des Bildes, das wir von den Dingen haben, ein wenig zu sprengen.
      Es ist gar nicht so einfach, jedenfalls fühlt es sich für mich nicht so an, als sei ich weit über eine sehr enge Begrifflichkeitsgrenze hinausgekommen.
      Lieben Gruß zurück!

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  2. Beim Lesen kann man das Essen über lange Zeit völlig vergessen. Mir gefällt, dass Buch und Brot schon allein vom Wortbild her sehr ähnlich sind; beide einsilbig und beides könnte sogar eine ähnliche Größe haben. Fast möchte ich sagen: okay, na klar, in einem Brot lesen. Es ist eingängig. Feiner kurzer Text.

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    1. Danke. Ich empfinde ihn ja als etwas ungelenk und unausgegoren, ein Versuch eben. Aber wenn ich es als Spiel betrachte und nicht als Versuch, die Dinge durch Sprache in den Griff zu bekommen und zu beherrschen, ist es gut wie es ist.

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  3. Ich möchte auch mal in einem Brot blättern. Sehr schön..

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