Mittwoch, 18. April 2012

Wirklich?

Es war nicht alles Gold, was heute glänzt. 
Wirklich nicht? 
Mein Leben ist ein Möbiusband, immer wieder komme ich an denselben Stellen vorbei, manchmal habe ich ein Poliertuch einstecken, dann hauche ich das früher Erlebte an und reibe es ein wenig, bis es glänzt, mit jedem Mal mehr. Warum auch nicht? 
Vielleicht waren die Schaumgebirge gar nicht so gewaltig, war der Bademantel weniger kuschelig, der Grießbrei nicht jedesmal vorhanden, die Lieblingsserie nicht immer erlaubt. 
Vielleicht waren die Hände der Mutter manchmal grob statt sanft, was höchstwahrscheinlich ist, war sie doch damals schon unglücklich und voll von ohnmächtigem Zorn. Vielleicht also. Es bleibt eine Vermutung.
Sicher aber weiß ich, wie es hätte sein sollen, und wie es gemeint und gewollt war, und dass alles nicht so Perfekte bis Misslungene die Gebenden trauriger machen konnte als die Empfangenden. 
Es gibt Gravierendes, da genügt kein Wisch mit dem Poliertuch. Aber die Samstagnachmittage einer gewissen Phase meiner Kindheit und auch andere Stellen auf dem Möbiusband sind inzwischen auf Hochglanz poliert (Vielleicht ist das Poliertuch mit Versöhnlichkeit getränkt?), und ich wünschte, die damals Beteiligten könnten sehen, welch gutes Rohmaterial sie mir hinterlassen haben.

Kommentare:

  1. Das ist ein sehr schönes Bild. In der Versöhnlichkeit liegt genau so viel (oder mehr?) Wahrheit als in der trotzigen Haltung, aber man muss älter werden, um das zu erfahren. (Das versöhnt m i c h zur Nachtstunde mit dem Älterwerden, mit dem ich grade heute so haderte. Danke!)

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    1. Stimmt, um das zu erfahren muss man älter werden, ich erinnere mich gut an Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte, in denen immer wieder Groll in mir hochstieg. Dass das mit der Zeit nachlässt bzw. sich wandelt, hat bestimmt mit dem Arbeiten an der Vergangenheit zu tun, mit dem Willen, eine neue Haltung zu finden, aber ich sehe es vor allem als Geschenk an. (Das mich übrigens wie Dich - und immerhin bin ich noch ca. 3 Jahre älter als Du ;-) - mit dem Älterwerden versöhnt.)
      Das Versöhnliche tut gut, ist nicht weniger lebendig als Trotz und Wut, und schafft Souveränität.
      Der Tod allerdings - über den Du ja auch schreibst in Deinem Text -, der befindet sich nochmal in einer ganz anderen Kategorie. Aber wenn ich betrachte, wie lern- und wandlungsfähig wir sind, lässt mich das hoffen, dass auch in dieser Richtung eines Tages eine versöhnliche Haltung möglich sein wird.
      Liebe Grüße, Iris

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