Freitag, 4. Oktober 2013

Der Aufbruch 2 (nach dem Traum 23)

Meine Hände so tätig und leer zugleich.

Ich räume unseren Platz, falte Kleidung, rolle Decken und Planen zusammen, sortiere Verzichtbares aus, schaffe Essbares herbei zur Wegzehrung, fange einen Fisch, töte ihn und nehme ihn aus, entzünde ein letztes Feuer, brate den Fisch, stopfe mir das zarte Fleisch mit den Fingern in den Mund, stochere mit einem Ast in der Glut herum, lösche sie schließlich vollends, indem ich einen Topf Wasser hineinschütte.
Ich packe soviele von unseren Sachen in meine Tasche und in deinen Rucksack, dass beide fast aus den Nähten platzen, ziehe meine Decke unter Anstrengung wieder heraus und stopfe stattdessen deine hinein, wegen des daran haftenden Geruchs.
Ich bereite mir zum letzten Mal ein Schlaflager unter der Rotbuche, wasche mich am nächsten Morgen ein letztes Mal im Fluss, hülle mich anschließend in mehrere Lagen Kleidung, schnüre meine Schuhe, bündele meinen Proviant in einem deiner Hemden und verabschiede mich von diesem Ort, indem ich ein letztes Mal mit der Hand übers Gras streiche, sie auf die glatte Rinde des Baumes lege, sie in den Fluss tauche, der mich als einziger begleiten wird, denn ich habe mich entschieden, seinem Lauf zu folgen, zu der Siedlung, die einen Tagesmarsch entfernt in nordwestlicher Richtung liegt.
Ich schnüre mein Nachtlager zu einem Paket und vergrabe dieses mit der benutzten Spritze und dem Pop-up-Bilderbuch in dem Erdloch, das wir für die Fundstücke ausgehoben hatten. Auch den Klappspaten lasse ich zurück, zwischen den Wurzeln der Buche versteckt.

Ich knie ein letztes Mal vor deinem Grab nieder und lege beide Hände auf die Erde. Aus wie unendlich vielen Teilen doch ein einziger Abschied besteht.

Was ich nicht mehr berühren kann:
Dich, weil du zu tief schläfst.
Die Nachtigall, weil sie erwacht ist.

Kommentare:

  1. Beim Lesen fühlte ich mich an das Ende dieses Romans versetzt:
    David Vann. Die Unermesslichkeit.
    Nur ist deine Atmosphäre anders, liebevoller, trotz unguter, wohl vorhergegangener Geschehnisse...
    Deshalb frage ich, ob Du das genannte Buch kennst?

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  2. Nein, das habe ich noch nicht gelesen. Sollte ich aber vielleicht, denn sein Roman "Dreck" hat mir sehr gut gefallen. Wobei "gefallen" eigentlich nicht das richtige Wort ist, weil die Geschichte so voller Schonungslosigkeit ist. Kennst du dieses Buch denn auch?

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  3. Jaja, wer die Nachtigall stört....
    Aber höre nicht auf meine unqualifizerten Kommentare. Besser so.
    Ich könnte auch ganz anders reden über die Abschiedsfrau da oben...
    Nein, den Roman "Dreck" kenne ich nicht, doch mag ich schonungslose Texte!

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    1. Tatsächlich hat mich der Titel des Romans von Harper Lee zu meinem Titel inspiriert. Obwohl es bei ihr ja in Wirklichkeit keine Nightingale, sondern ein Mockingbird ist. Jedenfalls gehört ihr Buch aber zu meinen zehn Lieblingsbüchern. Ich glaube, auch wenn ich nur drei nennen dürfte, würde es noch dazugehören.

      Unqualifizierte Kommentare? Hast Du etwa kommentiert, ohne vorher meinen Text gelesen zu haben? Nein? Na also! Ich mag impulsgeborene, möglicherweise abschweifende Kommentare genauso wie überlegte, reflektierte.
      Alles gut (wie die Hamburger sagen). :-)

      Schonungslos mag ich auch, wenn es nicht um der Schonungslosigkeit, sondern um der Aufrichtigkeit willen passiert. Dann kann es trotzdem gleichzeitig liebevoll sein. Finde ich.

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  4. Man, was gibt es hier viel zu lesen!
    Ich habe in der Rubrik Sie (Gedichte und Kurzprosa) gestöbert.
    Da muss ich wiederkommen.

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    1. Gerne. Herzlich willkommen!
      Habe einen kurzen Blick in Dein/ Ihr Blog geworfen. Schöne feinfühlige Gedichte gibt es da.

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