Donnerstag, 21. Juli 2011

Gottfried Benn: Gebote für Dichter

(An diese Gebote hielt er sich eisern. Mir sind sie willkommene Provokation.)


1. Keine Andichtung unbelebter Gegenstände!
    Ausnahme: Eichendorff.

2. Keine Wie-Vergleiche!
    Ausnahme: Rilke.

3. Keine Farben!
    Ausnahme: Blau.

4. Keine Esoterik!
    Ausnahme: auf realistischer Basis.

aus: Gottfried Benn, Probleme der Lyrik, Vortrag 1951

Kommentare:

  1. Lieber Kollege Gottfried!
    1. Gibt es denn unbelebte Gegenstände?
    2. Auch Du hast gewiehert. Ich zitiere:
    "Du füllst mich an, wie Blut die frische Wunde."
    "Die Wunde blutet, wie aus dreißig Leibern."
    "Die Schwester wäscht sie, wie man Bänke wäscht."
    "Mein Hoffen bleibt wie eine Blume offen."
    3. Unnötig, Farben zu benennen, denn die Metapher färbt die Rede prächtig ein.
    4. "Realistisch" im Sinne von "dinglich" verfehlt die mögliche Basisbreite. Man verwende die "wirkliche", das heißt, die "wirkende" Basis!

    Mit freundlichen kollegialen Grüßen, Dein Ginko.

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  2. Lieber Gottfried, da kannst Du mal sehn, der Ginko, ha!

    Lieber Ginko, danke für's Provozierenlassen und die guten Erwiderungen. Mich reizen diese Gebote auch zum Widerspruch, und gerade das macht sie für mich interessant. Ich werde im Nachdenken darüber nämlich bewusster und tue, was ich tue (egal ob befolgen oder übertreten), dann entschiedener.
    zu 1. Dieses Gebot beschäftigt mich am meisten, denn für mich sind Dinge belebt durch Spuren, die sie tragen, wie gespeicherte Informationen. Sie können Geschichten erzählen. Mein Tisch kann das, Bücher, Kinderspielzeuge oder so manche am Meer gesammelte Stücke können das.
    Zu gern würde ich mit Benn persönlich darüber diskutieren, und auch den Kontext berücksichtigen können, in dem er diese Gebote erdacht hat.

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