Sonntag, 4. Oktober 2015

Herbstfragment (ohne Punkt und Komma)

gehst dann zwei Monate zurück barfuß durchs Gras der Himmel so nackt und heiß du kennst ihn nicht mehr den du vermisst war ja schon damals mehr Traum als was ist denn wirklich unterbrichst du dich mitten im Satz dann der Bach kühl trotz der Hitze die runden Kiesel die huschenden Fischlein du stehst still und alles um dich her fließt und weht dein Gesicht altert sekündlich in etwas Vergangenes hinein das schließlich weiß aber da ist es zu spät du drückst die Rewindtaste denkst an Nam June Paik und seinen Satz there is no rewind button for life jetzt weißt du‘s merkst es dir für das was noch kommt steckst die Erinnerung tief in die Tasche und blickst auf den Asphaltmeter vor dir das Gras war gestern der heiße Himmel auch und auch der Bach die Kiesel die Fischlein jetzt ist raschelndes Laub unter deinen Schritten ist ein kühler Wind und ein erdiger Duft früher hast du den Herbstanfang gefeiert weißt du noch mit Kuchen und einem Blumenstrauß von der Freundin die wusste weiß noch heute trinkst du noch abends um sechs einen Milchkaffee aber koffeinfrei im Freien wie lange das wohl noch geht im Freien aber das kommt ja alles erst jetzt da sich der Herbst nähert deiner denkst du je weiter fortgeschritten der Tag das Jahr dein Leben desto mehr im Freien und der Wind im Haar und die Sonne das bisschen Regen alles deins da draußen und in dir drinnen sowieso fügst du in Klammern hinzu nimmst die Klammern wieder weg und gehst du allein durch die Stadt den Park den Wald fürchtest dich nicht lächelst und hebst den Kopf hältst ihn die ganze Zeit den ganzen langen Weg gehoben ins Licht und ins Angesicht derer die da auch unterwegs hältst dich überhaupt gut und immer besser jetzt da der Herbst so nah und du weißt der gehört dir dir allein ist ja deiner du der Garten den du gestaltest den du lässt in dem du lebst noch und langsam vorwärts weil rückwärts geht ja nicht siehe oben und hinauf ja hinauf gehts für dich fühlst du spürst du obwohl alles fällt um dich her hältst die Hand hin und fängst die Welt auf die fallende fängst sie auf lässt los und frei und so schreibst du ohne Punkt und Komma und begründest es nicht vor dir nicht und vor niemandem weil

Kommentare:

  1. ...der Wind im Haar und die Sonne...
    Diese Sorte Schreiben hätte ich zu gern nachgemacht. Sehr aufregend anregend!
    Gruß von Sonja

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    1. Probier‘s doch einfach mal aus. :-) Mehr ist es bei mir ja auch nicht. Ich experimentiere gerne mit der Form (noch viel zu wenig!), weil dann auch der Inhalt anders wirkt.
      LG, Iris

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  2. Ich muss meine Antwort noch ergänzen: Der Inhalt wirkt dadurch nicht nur anders, sondern er wird auch anders zutage befördert. Diese Art eines fast atemlosen Schreibens holt Unbewusstes hervor, das bei einem bewussteren Schreiben, das auch Grammatik und Zeichensetzung berücksichtigt, verschüttet bleibt. Wie gesagt: Ich würde das gerne noch mehr und intensiver betreiben. Aber es gehört Mut dazu, das öffentlich zu machen. Auch das Teil der Übung in Freiheit. :-)

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    1. Und WAS für ein Mut dazu gehört, das zu veröffentlichen. Bei mir unmöglich, wäre zu tief, zu derb, zu heftig. Liegt einfach daran, was immer wieder nach Oben drängt, obwohl mir deuchte, es in jahrelangen Therapien losgeworden zu sein. Was realistisch gesehen nicht der Fall sein kann. Hehres Wunschdenken. Als wäre Therapie DAS Rezept gegen Eingefleischtes.
      Das Zudecken mit weißer oder farbiger Bettwäsche hilft manchmal. Einfach Vergessen!
      Gruß in schönsten Leseurlaub Dir!

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  3. Hab´s gestern schon gelesen und eben wieder: das ist ein mitreissender Text, ein Fluss, ecriture automatique, davon wird man regelrecht betrunken, berauscht, will sagen: fantastisch, liebe Iris, herzlichen Dank!

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    1. Schön, dass du dich mitreißen lässt, das freut mich wirklich. Danke. :-)

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  4. so ein herrlicher text.... den man atemlos mitliest und nochmal und nochmal.... und mir fällt dieses herrliche buch ein (nicht der titel), wo sich der erste satz über ganze fünf seiten ergießt. ich liebe bandwurmsätze.... und ihren gar sehr.

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    1. Vielen Dank, Frau meertau. :-)
      Mit dem Buch haben Sie mich jetzt neugierig gemacht, ich liebe solche Bandsätze nämlich auch. (nicht immer) Falls Ihnen also der Titel bei Gelegenheit einfällt ...

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  5. ein wunderbarer Text, der mich aufhebt beim Lesen. Vielen Dank dafür.

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    1. Danke! Ich mag die Mehrdeutigkeit des Aufhebens.

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  6. Bin via tikerscherk hier gelandet und kann meinen Vorredern nur zu stimmen. Besonders das mit dem Mehrfach-Lesen. Immer wieder und immer noch mal.

    Vielen Dank dafür!

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    1. Die Möglichkeit des Teilens – das gefällt mir am Netz. Verbindungen, kreuz und quer, lose Fäden, Anknüpfungen, Knotenpunkte ... :-)
      Herzlichen Dank!

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    2. Nichts zu danken :) (Hab's auch gleich weiter empfohlen, durch Mundpropaganda allerdings), Knotenpunkte sind tatsächlich was feines.

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