Sonntag, 30. September 2012

Leer

Ich kann mich nicht konzentrieren. Durchstöbere meine Blogroll, schaue aus Gewohnheit jeden neuen Beitrag an, überfliege die Zeilen und hängen bleibt - nichts.
Das liegt an diesem seit heute unbewohnten Zimmer, der ganze Tag hängt darin fest; wenn ich ihn hinausscheuchen will, krallt er sich in die Winkel. Ich habe ihm nachgegeben und muss das weiter tun, bis ich schlafen kann.
Oh, wie dramatisch das klingt, das soll es gar nicht. Es ist nur so: Die Wirkung meines Mantras, das sich im Laufe der letzten zwei Monate von "England ist nicht weit" zu "Hamburg ist viel näher als England" gewandelt hatte, ist heute mit dem Schließen der Tür hinter einem großen Kind mit Rollkoffer einfach so verpufft.
Hamburg ist nämlich nicht nah, im Gegenteil, wenn auch tatsächlich näher als England. Aber leider ist mit der geringeren Entfernung nicht gleichzeitig das Zimmer weniger leer. Hätte ich vorher wissen können, weiß ich aber erst seit heute. Und deshalb fängt es jetzt erst richtig an.
Dieser Text ist ein langgezogener Seufzer, der raus musste, vielleicht werden weitere folgen. Wer weiß das schon. Wer kennt sich schon so vorhersagbar genau. Sicher werden ab morgen auch wieder die parallelen Ströme fließen. Vermute ich.
Soviele unbekannte Größen in diesem Abschied.
Gleich kommt "Polizeiruf 110", ein kleiner beruhigender Fixpunkt.

Samstag, 29. September 2012

Blaumachen

Ich war auf dem Spielplatz.

Dieser wurde mal von Karin C. Inderwisch empfohlen, einer von mir sehr geschätzten Bloggerin, die nun neue Wege beschreiten wird. Viel Glück, liebe Karin! Und vielleicht auf ein Wiederlesen.

Freitag, 28. September 2012

Der Tisch wächst

Der Tisch wächst, genau wie das ganze Haus, und macht Platz für ... Nein, nicht für etwas. Im Moment macht er einfach nur Platz. Ich räume die gesamte Fläche frei und betrachte die Spuren im Holz, die von rund 20 Jahren gemeinsamem Essen, Feiern, Arbeiten, Planen und Spielen zeugen. Auch von Streiten und Weinen und Einsamkeit, aber diese Spuren sind weniger sichtbar. Es gibt keine Kuhlen von Faustschlägen oder Ränder von Tränen. Trotzdem haben sich ihm auch solche Ereignisse eingeprägt. 

Zu den sichtbaren Spuren: Dort stand der schneebestäubte Gugelhupf mit der einzelnen roten Kerze, die beim Auspusteversuch mit Ganzkörpereinsatz nicht verlöschte, aber herunterfiel und einen winzigen Brandfleck hinterließ. Hier steckte die - im Anschluss verbogene - Gabel als stolzaufrechtes Zeichen der Gemüseverweigerung. In manchen Ecken finden sich blasse Farbkleckse oder Kugelschreiberspuren, der immer zu kleinen Din-Größe der Papierbögen geschuldet. Über jener Stelle trafen sich einst zwei randvolle Rotweingläser zur klirrenden Versöhnung; es wäre an der Zeit, eine weitere derartige Stelle hinzuzufügen.

Dieser Tisch, an dem ich täglich sitze und esse und schreibe und Gespräche verschiedensten Inhalts führe, über den hinweg ich meine Gedanken aus dem Fenster und wieder zurück schweifen lasse und auf dem neuerdings wiederholt die Karte einer 750 Kilometer entfernten Stadt ausgebreitet liegt, dieser Tisch ist ein Buch. Ich werde mich nicht von ihm trennen können, auch nicht nach weiteren 20 Jahren. Wir teilen ein Stück Geschichte, er teilt sie mir täglich mit.

Mittwoch, 26. September 2012

Ihr eigenes Spiel

Sie war abgeglitten unter eine Hand aus steilen Buchstaben, eine Rasterhand, unter der lag sie nun, bewegungsängstlich und wortscheu, nichts passte. Bis sie paradox intervenierte und den Buchstaben befahl, streng mit ihr ins Gericht zu gehen. Hingegeben erwartete sie den Schlag, der an ihr vorbei von der Hand abfiel, kraftlos, am Boden kreuz-und-querten sich Stäbe zur beliebigen Anordnung. Ein Spiel. Soviel zur Gültigkeit der Buchstaben. Soviel zum über den Menschen geworfenen Gesetz. Sie schüttelte sich. Was sie da geglaubt hatte - am liebsten schwiege sie fortan. Oder erfand ihr eigenes Spiel.

Dienstag, 25. September 2012

Winter's Bone





Ein großartiger Film nach dem Buch von Daniel Woodrell und dieser Vorlage in nichts nachstehend - die gleiche Schönheit der Sprache, die gleichen starken Figuren, die gleiche archaische Wucht.

Buch auf englisch.
Buch auf deutsch.

Samstag, 22. September 2012

Ist alles ihrs

aus weniger ein Meer und tanzt nur noch auf ihrem eigenen Fest
woanders bleibt sie auf den Stühlen, streicht das weiße Leinen glatt, schaut zu
und schaut auch wieder weg
Was sagst du da? Wohin ist deine Neugier?
eingesammelt trag ich sie auf meiner Haut
darüber Kleider aus zwei Schichten, innen glatt und außen rau
darf mich der Spiegel bitten um den nächsten Tanz
ein Reigen um die eigene Relevanz
und pflücke hier und da Ergänzungen
zu meinem Strauß Geschichte
Um dich geht's da?
und mehr verrät sie nicht
ist alles ihrs

Freitag, 21. September 2012

Bist du Gefäß

Da schrieb heute früh einer, dessen Blog ich liebe wegen seiner Einzigartigkeit und das ich Ihnen und Euch deshalb ans Herz lege, schrieb dieser also von den "Vasentieren", und in Kombination mit dem Foto, das er unter seinen Text platzierte, assoziierte ich augenblicklich das Folgende:


Stehst du und weitest dich
stehst still und öffnest dich
machst du dich undurchlässig
hältst du dicht
bist du verlässliches Gefäß
lässt du dich füllen bis zum Rand
dort fließt du über
stehst du still
und bleibst du stumm
spitzt du die Ohren
lässt du ein was kommt
von oben her
lässt du dich füllen bis zum Rand
sinkst du auf deinen Grund
wirst Schlick und Schlamm
was dein ist du bist
sinkt auf deinen dunklen Grund
lässt du nur zu und immerzu
dich füllen
hältst du still
und stumm
bist du gehorsames Gefäß
bist du geschmückt zu Ehren
dessen das dich füllt
bist du solch lauteres Gefäß
kommt über deine Zunge nur
ein Lobpreis dieser Macht 
die dich von oben her
so randvoll füllt
nährst du aus dieser Fülle andere
zum selben Lobpreis
pflanzt du fort und fort
hinaus in alle Welt
du tüchtiges du artiges 
du prächtiges Gefäß


Danke, Andreas Louis Seyerlein, für die Anregung! (Ich glaube auch, dass es eher unglückliche Wesen sein würden, bin mir dabei der Subjektivität meiner Interpretation durchaus bewusst.)

Donnerstag, 20. September 2012

So als mündige Introvertierte

Ein paar freilaufend selbstkritische Gedanken.


Beispiele für Themen, die mich fortlaufend bzw. immer wieder beschäftigen:

Das Gleichsetzen von Introvertiertheit mit Schüchternheit, von Zurückhaltung mit Schwäche und Hilfsbedürftigkeit.
Mein Schweigen.
Das Recht auf Religionsfreiheit interpretiert als Recht einer Religionsgemeinschaft, frei über ihre Mitglieder zu herrschen statt als Recht des Einzelnen auf Freiheit auch von Religion.
Meine Wut.
Bildung als Mittel zum Ausschluss statt ...
Meine Sprachlosigkeit.

Schweigen und Sprachlosigkeit sind nicht dasselbe.

Was ich sehe und bedenke und wofür ich Zeit brauche, die ich mir nehme, bis die Gelegenheit verstrichen scheint, sich zu einem Thema zu äußern, das plötzlich von der Bild(schirmober)fläche verschwunden ist, ohne erledigt zu sein, aber entledigt des allgemeinen Interesses, weil da längst neues Brisantes aufgeblitzt ist.

Ich vermisse Langsamkeit und mache die Schnelligkeit des Netzes dafür verantwortlich, aber dies ist eine vorschnelle Reaktion, muss ich nach einigem Nachdenken zugeben, denn mit Geschwindigkeit und plötzlichem Verschwinden hatte ich schon immer meine Schwierigkeiten, auch vor Zeiten des Internets gab es die Konfrontation mit geringen Aufmerksamkeitsspannen, verpasste ich Zeitpunkte, weil ich (zu) lange mit Nachdenken beschäftigt war, maß ich Themen eine Bedeutung bei, die sie für andere anscheinend nicht hatten.
Es liegt nicht am Netz. Es liegt auch nicht an mir. Oder doch, es liegt an mir, nicht mehr und nicht weniger als an den anderen, und zusammengenommen ist es ja doch ein Wir, nicht ein Ich und die anderen, ist es ein gemeinsam lernendes Wir.

Wenn ich es selbstkritisch betrachte, sind Bedächtigkeit (wie ich die Langsamkeit nun positiv wertend nenne) und Konzentration und in die Tiefe Gehen nur die eine Seite der Medaille, auf deren anderer Seite Trägheit und Unbeweglichkeit liegen. So etwas höre ich zugegebenermaßen nicht gerne, auch dann nicht, wenn es von mir selbst kommt. (Ich will lernen, aber ich will mich auch toll dabei fühlen.)

Letztlich geht es um Agieren und Reagieren, denn wer oder was sollte mich davon abhalten, ein Thema erneut auf den Tisch zu bringen, das bereits gegessen scheint, bzw. überhaupt erst eine Diskussion anzustoßen. 
Ich könnte selbst den Boden bereiten. So als mündige Introvertierte.

Schreibe ich das hier also spontan und undurchdacht auf. Und lasse es gleichzeitig sacken.

Mittwoch, 19. September 2012

Wie es gehen kann

Was sie einander wünschen, ritzen sie in die Unterseiten der Tischplatten, schreiben sie auf den Asphalt, kurz bevor der Regen eintritt, flüstern sie in den Wind.
Sie gehen auf Nummer sicher, verbergen den eigenen Schmerz und winken, als sei es ein Spiel.
Dabei meinten sie es vollkommen ernst, liebten und verletzten sich gleichermaßen.
Nun küssen sie sich zum Abschied und streuen einander Scherben in die Schuhe. Das Blut des anderen sich selbst zum Gruß.
Sie sind unfähig zu bleiben, und glaubten doch aufrichtig, ausschließlich dafür gemacht zu sein. Sie stellen keine Fragen mehr, denn alle bisherigen Antworten entpuppten sich am Ende als Irrtümer.
Um das Band auf immer zu lösen, schlagen sie entgegengesetzte Richtungen ein und werfen erst bei Einbruch der Dunkelheit einen Blick zurück. Dann rennen sie mit ihren Tränen davon.
Sie bleiben einander schuldig und wissen nicht einmal, was, blind für weitere Möglichkeiten.
So kann es gehen. Wer wollte ihnen einen Vorwurf machen.

Dienstag, 18. September 2012

Gutenachtschaf

Lullaby der Indie-Schafband "The Uncountables"
(Lyrics auf Deutsch)


Ich zeig dir ein Schaf,
geboren aus Schaum,
das lässt sich nicht reimen,
nicht mal im Traum
und schon gar nicht auf Schlaf.

Hmhmhmhmhmm, 
es lässt sich nicht reim'n.


Es tanzt und es lacht
und hüpft wie ein Kind,
es lässt sich nicht fangen,
nicht mal vom Wind
und auch nicht von der Nacht.

Hmhmhmhmhmm, 
es lässt sich nicht reim'n,
es lässt sich nicht fang'n. 


Dieses Schaf ist ein Tier,
das unumzäunt wohnt,
es lässt sich nicht zählen,
nicht mal vom Mond
und schon gar nicht von dir.

Hmhmhmhmhmm,
es lässt sich nicht reim'n,
es lässt sich nicht fang'n,
es lässt sich nicht zähl'n.


||: Hmhmhmhmhmm :||

Sonntag, 16. September 2012

Das Haus wächst

Das Haus wächst und breitet sich aus, macht Platz, der nicht nötig, aber willkommen ist, Platz, der auch Zeit in sich birgt, Raum, der sich über die dritte Dimension hinausdehnt.
So fühlt es sich an. 
Abschied genommen habe ich innerlich bereits, bevor es soweit war. Jetzt freue ich mich an der begeisterten Aufbruchstimmung der Gehenden und lasse mich davon anstecken. 
Denn auch ich breche auf, hinein in den neuen Raum im alten Haus und in die neue Zeit für Projekte, die sich gerade jetzt melden, als hätten sie geahnt, dass da eine Lücke ist, die sie füllen können, bevor es die Langeweile tut. Aber der hätte ich sowieso keine Chance gegeben, die hatte sie bei mir noch nie, dafür finde ich selbst den Blick aus dem Fenster zu spannend.
Aus fünf BewohnerInnen - eine davon "nur für eine kurze Übergangszeit", die sich dann zu zehn (schönen!) Monaten auswuchs - werden drei. Wir richten uns neu mit- und zu- und aufeinander ein.
Was mich zwischendurch wehmütig stimmt, ist, dass sich nichts halten, geschweige denn zurückdrehen lässt. Weiß ich ja, weiß ja jeder, nützt dem Gefühl aber nichts. Eine Kette endgültiger Abschiede, wie sie jedem weiteren Neuanfang bereits innewohnen.  
Aber in diese Stimmung will ich mich jetzt nicht tiefer hineinbegeben. Schließlich wollen Koffer gepackt und Umzüge bewältigt, Betten frisch bezogen und neue Bücher aufgeschlagen werden.

Samstag, 15. September 2012

Apfel-Prolog

Du sagst "Apfel" und prompt habe ich fünf Buchstaben vor Augen, einen großen und vier kleine, eckige, schwarze Buchstaben, solange bis ein wenig Farbe dazwischen rutscht, die sich nicht an die Linien hält und ein Rund aus Rot und Grün malt, dem eine Geschmackserinnerung folgt, spürbar auf der Zunge und im reflexartigen Speichelfluss, und ein Kaugeräusch, erinnert im Ohr, so beiße ich also in den imaginierten Apfel, worauf ich erneut Buchstaben vor mir sehe, aufgereiht zu Wörtern zu Sätzen zu Abschnitten im ersten Teil eines schwarzgebundenen Buches, darin ein Garten beschrieben wird und der Übertritt eines Verbots *, das aber gar nichts mit einem Apfel zu tun hat, sondern mit etwas, das als Frucht bezeichnet wird, die möglicherweise eine Feige war, Auslöser für die erste von zahllosen Vertreibungen von Menschen aus ihrer Heimat, und während ich dieser Gedankenkette folge und zulasse, dass sie mich weit zurück führt bis zu diesem schwarzgebundenen Buch, dessen Gewicht ich noch in meinen Händen, dessen Last ich noch auf meinen Schultern spüren kann und dessen Dünndruckpapierknistern beim Umblättern ich noch tief im Ohr habe, während ich dies zulasse, kommt mir der Gedanke, dass ich den alten Erinnerungen neue entgegensetzen könnte, indem ich mich nach so vielen Jahren noch einmal diesen mehrfach von mir markierten, in- und auswendig gelernten Buchstabenreihen aussetze - was inzwischen ohne Furcht und Beklemmung möglich sein dürfte -, um den Staub der engen Deutungen von ihnen abzuwischen, nicht, um sie danach mit neuer Bedeutung anzufüllen, sondern um sie - und mich - zu befreien und zu versöhnen, denn die Buchstaben können nichts dafür, dass sie und ich eingesperrt waren, und soweit kam ich mit meinen Gedanken noch nie, was vielleicht als Anfang einer neu zu schreibenden Geschichte gedeutet werden kann, oder wenigstens als ihr Prolog.

Der Sündenfall

Ich habe seit mehreren Wochen ein Projekt im Kopf, das, wenn ich es in die Tat umsetze, eins von mehreren parallel laufenden sein wird, und ich zweifle ein wenig, ob ich über die nötige Kapazität verfüge, aber am Sinn des Projekts (der möglicherweise nur für mich besteht) zweifle ich nicht. Also betreibe ich mir zum Ansporn ein wenig Selbstverpflichtung durch die Veröffentlichung dieses kleinen, soeben frei assoziierten "Prologs".

Nicht ohne Buick

Heute Nacht habe ich von Igeln geträumt, darunter ein neugeborener Igel, der übers Parkett meines Feriendomizils kullerte. 
Mein Aufenthalt dort diente dem Zweck, einen abgelegenen Hof aufzusuchen, der nur über einen einzigen meilenweiten Weg zu erreichen war. Ich hatte dort etwas zu erledigen. Es musste etwas Unangenehmes sein, denn bis zum letzten Tag meines Aufenthalts traute ich mich nicht hin. Täglich fuhr ich mit dem Bus bis zur letzten Station am Beginn dieses einsamen Wegs, von der aus man mit einem Leihwagen weiterfahren musste. Im Schuppen am Straßenrand gab es aber keinen Buick, und ein solcher musste es sein, hatte ich mir in den Kopf gesetzt, denn während meines Aufenthalts las ich ein Buch im Stil John Steinbecks, in dem zwei Außenseiter in einem alten Buick durch die Gegend kreuzen. Die beiden und ihr Auto und ihr durch dieses Auto erlangtes Unabhängigkeitsgefühl hatten es mir angetan. Ohne Buick konnte ich nicht weiterfahren. Da musste ich den nächsten Bus zurück nehmen, mich einrollen wie ein Igel bei Berührung durch Fremdes, möglicherweise Bedrohliches. 
Aber da beginnt bereits die Interpretation. 
Ich verweile lieber noch etwas beim Anblick der winzigen Igelkugel, bei Beschreibungen von Buickfahrten durch den mittleren Westen Amerikas, beim Blick auf die Landkarte mit dem rotmarkierten einsamen Weg und dem rätselhaften Hof, von dem ich nicht weiß, was ich dort zu erledigen habe, den Busfahrten, die ich übrigens meistens auf einer außen am Bus angebrachten Sitzbank verbrachte, die Hände anschließend steif vom Umklammern des Haltegriffs, meinen Spaziergängen durchs Dorf, der Freundlichkeit seiner Bewohner und ihren zurückhaltend  spärlichen Auskünften über den abgelegenen Hof. 
Immerhin ist es eine gute Geschichte, die mir da heute Nacht erzählt wurde.

Donnerstag, 13. September 2012

Das blaue Tier

Das blaue Tier sitzt dir im Fleisch, es wendet dein Herz und trinkt dein Blut, es schlüpft aus deinem Mund auf den Tisch und speit dir vor die Füße.
Das blaue Tier ist gierig, es frisst die Wörter, bevor sie sich formen, es rülpst eine Wolke aus Fehlfarben und täuscht die Gestalt einer Blume vor, willst du sie pflücken, beißt es dich.
Das blaue Tier ist auf Beutezug, und du flüchtest nur zum Schein vor seinem und deinem Hunger.

Mittwoch, 12. September 2012

Großes Indianerehrenwort

Die Alte sitzt still auf der Bank. Das Kind neben ihr baumelt mit den Beinen und gestikuliert, während es von seinem Tag als Indianer erzählt. Beide werden von der Nachmittagssonne beschienen, die durch kleine Lücken im Blätterdach der Kastanie fällt.
  "Und dann haben sie mir die Kugel mit einem glühenden Messer aus der Schulter geholt. Ohne Betäubung. Ich hab einfach auf ein Stück Holz gebissen. Danach hat der Medizinmann eine Salbe aus Blättern auf der Wunde verrieben. Sie ist schon wieder zugeheilt."
  "Nicht zu fassen!" Die Alte schüttelt den Kopf. "Was du alles aushältst. Ich kann es kaum glauben."
  "Stimmt aber, guck doch!", ruft das Kind und schiebt das T-Shirt von der Schulter.
  Die Alte inspiziert gründlich die Einschussstelle. "Tatsächlich, nichts mehr zu sehen außer einem kleinen Rest Salbe." Sie wischt ein paar grüne Fasern von der völlig verheilten Haut. "Ein wahres Wunder."
  Beide versinken in Gedanken, beide blicken zurück. Die eine auf ein Leben, das andere auf den Tag.
  "Weißt du", beginnt die Alte nach einer Weile, "eine Zeit lang hatte ich ebenfalls die Angewohnheit, auf Holz zu beißen, um den Schmerz auszuhalten."
  "Du?", fragt das Kind. Es kann sich die Großmutter nicht als Indianerin vorstellen.
  "Ja, ich. Erinnerst du dich an den Tag, als dein Großvater starb? Da fing ich damit an. Du kennst doch unseren Küchentisch."
  "Na klar, den Schrumpftisch. Witzig, dass der immer kleiner wird."
  "Als dein Großvater tot war, habe ich damit angefangen, in den Tisch zu beißen. Dann tat es nicht so weh."
  "Was tat dir denn weh? Warst du krank?"
  "Mein Herz tat mir weh vor lauter Vermissen, vor lauter Sehnsucht und Traurigkeit."
  Das Kind schluckt, es erinnert sich. Auch ihm tat damals das Herz weh, aber nicht so sehr, dass es auf Holz hätte beißen müssen. Es rückt näher an die Alte heran.
  "Immer, wenn der Schmerz kam, habe ich zugebissen. Mein Kiefer wurde ganz stark. So stark, dass ich eines Tages ein Stück vom Tisch abgebissen habe. Darüber musste ich lachen. Ich habe damit weiter gemacht, rundherum um den ganzen Tisch. Dadurch ist er nach und nach geschrumpft." Sie lächelt dem Kind zu, das verstehend nickt.
  "Wie gesagt, mein Kiefer wurde immer stärker, aber die Zähne hat es mich letztlich gekostet." Sie ruckelt an ihrem Gebiss. Das Kind schüttelt sich.
  "Beißt du denn immer noch Stücke heraus?"
  "Nein, mit den falschen Zähnen geht das nicht mehr. Und es hat auch nicht wirklich geholfen. Darauf wollte ich hinaus. Weißt du, der Schmerz ließ zwar für den Moment nach. Aber er ist damit nicht verschwunden, er ist nur vom Herz in den Bauch gerutscht und ist dort mit der Zeit zu einem feurigen Klumpen geworden."
  "Brennt es da drin?" Das Kind legt vorsichtig eine Hand auf den Bauch der Alten.
  "Ja, dort brennt es. Deshalb gehe ich bald ins Krankenhaus. Da wird man mir den Klumpen herausholen. Allerdings mit Betäubung." Sie zwinkert dem Kind zu.
  "Aber du musstest doch in den Tisch beißen, du hattest ja keine Betäubung gegen dein Vermissen."
  "Nein, die hatte ich nicht. Aber ich hätte weinen und schreien können, das wäre heilsamer gewesen."
  Das Kind verzieht das Gesicht. Niemals würde ein Indianer weinen und schreien. Andererseits: So ein Feuerklumpen im Bauch ...
  Das Leben als Indianer war gefährlich. Zum Beispiel heute, da wurde er von einer Kugel aus dem Gewehr des Feindes getroffen. Zum Glück nur in die Schulter. Die anderen hatten ihn durchs Dickicht zurück ins Lager gezerrt. Hätten sie ihn nicht sofort operiert, hätte er bestimmt den Arm verloren, vielleicht sogar sein Leben.
  Das Kind liebt die Großmutter. Sie ist so alt, und trotzdem weiß sie nach ihrem langen Leben nicht das, was es bereits nach einem einzigen Tag weiß. 
  Es legt seine kleine Hand auf ihre schrumplige: "Ich werde dich beschützen. Großes Indianerehrenwort!"

Dienstag, 11. September 2012

Schlüssel

Schwerter zu Pflugscharen.
Schlüssel zu ...

Fällt jemandem etwas ein, etwas Sinnvolles, in das man die Schlüssel der Welt nach Einsammeln und Einschmelzen verwandeln könnte?
Welche Schlüssel denn? 
Die Einschließenden wie die Ausschließenden. 

Schlüssel beispielsweise, mittels derer sich Menschen zusammenschließen zu begrenzten Wirs namens "Leute wie wir", welche die "Leute, die nicht sind wie wir" ausschließen und dort draußen wieder einschließen in ein Fass namens "die anderen", welches immer kurz vorm Überlaufen ist, weil es darin brodelt vor Ohnmacht und unterdrückter Wut gegenüber den sich geschlossenen haltenden Kreisen.
Und Schlüssel, die abschließen, indem sie Punkte setzen hinter Diskussionen und Gedankengänge und damit Wege verschließen, die vielleicht (noch) nicht sichtbar, aber dennoch möglich sind. Schlüssel, die aus Unentschiedenem und Frag-würdigem voreilig beschlossene Sachen machen und damit offene Ausgänge vorzeitig zuschließen.

Vielleicht, so kommt mir der Gedanke, sollte man solche Schlüssel gar nicht zu etwas anderem machen als zu Rohmaterial, mit dem sich spielen lässt, das formbar ist und bleibt, das zu weich ist, um in einem Schloss den Schließmechanismus auszulösen.
Vielleicht, denke ich weiter, könnte man diese Schlüssel auch einfach wegwerfen. 
Oder sie, so eine andere Idee, als Mahnmale für künftige Generationen in Vitrinen zur Schau stellen. (Sollten diese Vitrinen dann sicherheitshalber verschlossen sein?)

Kein abschließender Gedanke zum Schluss.

Freitag, 7. September 2012

Auf den Rückseiten der Worte

Sie steht hinter ihren Worten und betrachtet deren Rückseiten. Was sieht sie? Und unterscheidet es sich von der Ansicht der Vorderseiten?
Stellten wir ihr diese Fragen, könnten wir keine überprüfbare Antwort erwarten. Denn erklärte sie uns, was sie sieht, wäre für uns wiederum nur die Vorderseite dieser Erklärung sichtbar, die Ansicht der Rückseite gehörte ausschließlich ihr.
Nähmen wir ihre Position ein - vorausgesetzt, sie erlaubte uns dies -, schauten wir dann auch mit ihren Augen?
Erzählten wir ihr, was wir sehen, stimmte es mit dem überein, was sie zeigt? Oder zeigen will? Zu zeigen glaubt? Und drückten die Worte, die wir finden, tatsächlich aus, was wir sehen und spiegeln wollen?
Kann es eine Übereinstimmung geben?
Ist eine solche überhaupt das Ziel?

Sie stellt ihre Worte auf und sich selbst dahinter. Sie glaubt sich, was sie sagt und nimmt dies als den wesentlichen, wenn nicht einzigen Grund, sich zu äußern. Eine darüber hinausgehende Wahrheit kennt und sucht sie nicht.
Sie lässt die Worte frei und absichtslos. Und gestattet ihnen, dass sie sich von ihr lösen in einen neuen, vielleicht sogar beliebigen Zusammenhang hinein.
Es geschieht, dass sie erkannt wird in ihren Worten. Wenn es so ist, dann ist es so. Dem liegen weder Absicht noch Wunsch zugrunde. Sie will sich weder verstecken noch zeigen. Sie will etwas in den Raum stellen zu all dem anderen, das da schon steht, offen für das, was geschieht.
Betrachten wir die Worte, die sie annähernd erwartungslos vor uns hingestellt hat, dürfen wir sicher sein, dass sie will, dass wir tun, was wir wollen: Hinsehen, wegsehen, aufnehmen, ablehnen, teilen, umformen, weiterverwenden, ergänzen, bedenken, verwerfen ...
Nur sie selbst, sie dürfen wir nicht gewaltsam aus den Worten graben, denn sie will unvereinnahmt sein. So wie sie die Worte nicht vereinnahmen will, und wie sie uns frei betrachten lassen und unser Sehen nicht kontrollieren will.

Aber sie liebt die kleinen Stellen, an denen Berührungen stattfinden, wie zufällig oder von irgendwo großzügig hergeschenkt. Sie hat ein Faible für die Wärme, die an diesen Punkten entsteht und die Tiefen, die sich daraus erschließen können.

Sie glaubt weder an Zufall noch an Schicksal, genauso wenig schließt sie deren Existenz aus. Mit größter Sicherheit aber könnte sie von Wundern und freien Entscheidungen erzählen. 
Ein andermal.

Dienstag, 4. September 2012

Komm!

Komm, komm!
Ist ein leichteres Sein
auf den Spitzen des Grüns
unter Flügeln
aus Gelb und aus Blau
ist ein fedriges Weiß
ist ein knisterndes Braun
in der Brust eines Baums
und ist auch,
ist ein erdiges Schwarz

Komm, komm!
Ist ein schwereres Kleid
für die flatternde Haut
für das bebende Fleisch
ist ein Grau aus Granit
ist ein weichendes Rot
in der Beuge des Tags
ist ein Schleier
ein Fels 
und ein Meer

Komm, komm!
Ist ein niemals Genug
ist ein nahe Daran
ist ein Fast, ein fast Ganz
auf dem Feld
auf der Wiese
dem Pfad
und darüber, darunter 
ein stetiges
Komm!

Montag, 3. September 2012

Babel spielen

- eGntu egMnor!
- Wie bitte?
- EGNTU EGMNOR!!
- Tut mir leid, aber ich verstehe dich nicht.
- abDei abeh chi eeimn eörrtW os cdghilnrü eiorrstt.
- Du gibst mir ein Rätsel auf.
- Nnu eehrssttv du, moruw es eght.
- Könnte es sein, dass es darum geht?
- Du elnrst cehllns.
- Es beginnt mir zu gefallen.
- aDnn alss nsu aBbel eeilnps!
- riW önntken belBa elipsen!
- Du aknnst es!
- Ja! Ich kann es! etriWe!
- Bis in den eHilmm.
- dUn edriwe ruckzü.

Sonntag, 2. September 2012

Schöpfung mit leichtem Tiefgang, Huhn und Ei (spielerisch)

Vorsicht, freilaufende Hühner Gedanken!

***

Die Finger in die Tasten stippen
die klebrig-zähen Zeichen
Fäden ziehen lassen
kreuz und quer durchs
Innen wie durchs Außen
wo sie im Aufeinandertreffen
komplexere Gebilde zeugen
die weder Und noch Oder
sondern trennstrichfreies Eins
das zeitgleich an zwei Stellen
wartet auf Vereinigung 
in einem Leib und einem Schoß 
Geburtsraum für das Amalgam
BezeichnungundBezeichnetes
das Zwitterwesen WortundDing 

***

Was war am Anfang, das Huhn oder das Ei? Oder das Wort? Und wenn es das Wort war, welches war es dann, Huhn oder Ei? Und was war zuerst da, das Wort oder das Wesen, das es sprach? Und woher hatten das Wort oder das Wesen eine Vorstellung vom Huhn? Oder stellte sich das Huhn vor, wie es ausgesprochen wurde und von wem und war dann plötzlich da und legte vor lauter Freude und Erregung ein Ei? Und dem entsprang ein neues Wort, darin das Schöpferwesen und die ganze Welt? In dieser Welt die Worte Anfang, Huhn und Ei? 
Und wer hört überhaupt noch zu? Den Worten und den Dingen? Und wenn sie niemand hört, sind sie dann trotzdem? Vielleicht freier, eigentlicher? Oder sind sie nicht? 
Was war zuerst da, Mund, Wort, Ohr oder Ding?

***

- Gib mir etwas zu spielen.
- Hier hast du ein Wort.
- Was soll ich damit?
- Forme es oder lass dich von ihm formen.
- Vielleicht wirst du uns danach nicht wiedererkennen.
- Das wird mir eine Lehre sein.
- Du wirst es bereuen?
- Nein, ich werde daran wachsen.
- Ich hielt dich bereits für vollkommen.
- Vollkommen ja, aber längst nicht vollendet.
- Dann werde ich jetzt spielen.
- Und ich werde lernen. (Und dir beim nächsten mal erklären, dass beides eins ist.)

*** 

Die Finger in die Tasten stippen
...

Samstag, 1. September 2012

DANKE

Aus der inneren Fülle nach zwei Wochen Urlaub erstmal dies (das Wichtigste):
 
Danken will ich: dem Wasser und der Luft, der deutschen und der Schweizer Eisenbahn, der Sonne (die Übertreibungen verzeih ich ihr), den Bergen, den Tälern und der Ebene, den Bussen, der U-Bahn, meinen Füßen, den Schuhen, dem Asphalt, den Booten, dem Regenschirm, den Tischen und Stühlen, den zwei bequemen Betten, den Küchen und Bädern, den Dächern überm Kopf, den Wegen, die mich trugen.
Ich will den Fenstern danken und den Türen, den Ein- und Ausblicken, dem Drinnen und dem Draußen, den Einladungen und Erlaubnissen, den Ohren und Mündern, den Augen und dem Miteinander, dem Teilen und der Bereitschaft, sich einzulassen, der Nachdenklichkeit, der Beweglichkeit, der Neugier und dem Spaß, den Worten und dem Schweigen, der Möglichkeit, zu lernen.
Und ich will all den wunderbaren Menschen danken: S. und E. und P. und J. und S. und L. und A. und S. und R. Ihr habt meinen Urlaub zu etwas ganz Besonderem gemacht, etwas von großem Wert.
Danke!